Aufruhr im Paradies

Österreichs Regierung hat das Bundesland Tirol wegen Corona militärpolizeilich abgeriegelt. Die Medien applaudieren. In den wunderschönen Berglandschaften regt sich gerechter Zorn.

Am Ende unserer Reise durch Tirol steht ein maskierter Militärpolizist. An seinem Gurt hängt eine Pistole. Es ist acht Uhr abends, eine Taschenlampe leuchtet auf. Ein Hauch von Gazastreifen liegt in der Luft.

«Testergebnis und Ausweis, bitte.»

Wer Tirol verlässt, muss negativ auf Corona getestet sein. Höchstens 48 Stunden dürfen zwischen Ergebnis und Reise liegen. Ohne Nachweis wird einem die Weiterfahrt nach Vorarlberg verweigert. Die Alpenperle Tirol ist heute, auf Befehl aus Wien, eine Art militärisches Sperrgebiet.

750 000 Einwohner leben in dem österreichischen Bundesland. Seit dem 12. Februar ist ihre Heimat abgeriegelt. Bereits hat die Bundesregierung die Massnahme verlängert, vorerst bis zum 3. März. Der Grund ist die südafrikanische Virusmutation, die in Tirol aufgetreten ist.

Auf die Schweiz umgelegt, würde das bedeuten: Die Armee hätte die Ausgänge aus dem Wallis gesperrt, als im Januar in Verbier die britische Corona-Variante grassierte – ohne zu wissen, wie gefährlich diese Virusvariante wirklich ist. Schwerbewaffnete hinter Masken an einer innerschweizerischen Kantonsgrenze: Kann man sich das vorstellen?

 

Kinder auf Sklavenmärkten

 

Eigentlich ist es noch verrückter: Nur Vorarlberg verzeichnet dieser Tage pro Kopf weniger Ansteckungen mit dem Coronavirus als Tirol. Die Auslastung der Spitalbetten liegt im bundesweiten Schnitt. Offenbar ist die Südafrika-Variante weniger gefährlich als angenommen. Trotzdem bleibt Tirol abgeschottet, auf Geheiss der Bundesregierung um Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Als treibende Kraft im Kabinett gilt Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne).

Die Gesamtbilanz bestätigt die Momentaufnahme: Tirol hat relativ zur Bevölkerungszahl weniger Corona-Tote zu beklagen als Österreich. Man steht besser da als fünf von neun Bundesländern. Nie waren die Spitäler überlastet. Warum also greift Wien gerade in Tirol mit solcher Härte durch? Und vor allem: Wie sehen es die Drangsalierten selber?

Wir haben uns einen Tag lang vor Ort umgeschaut, mit Politikern, Unternehmern, Medizinern und Touristikern gesprochen. Das Fazit vorweg: Die Politik schiesst mit Kanonen auf Spatzen. Oder genauer: mit Pistolen auf Viren.

Es ist eine giftige Mischung aus Ablenkung und Vergeltung. Auch Neid auf die erfolgreichen, eigenwilligen und stolzen Tiroler dürfte eine Rolle spielen.

Das Land hat einen beeindruckenden Aufstieg hinter sich. Noch vor drei Generationen waren manche Bergbauern zu arm, um ihre Familien zu ernähren. Viele Kinder mussten sich in Oberschwaben verdingen, feilgeboten an eigentlichen Sklavenmärkten.

Heute gehört Tirol zu den wirtschaftlich stärksten Regionen Österreichs. Seit der Jahrhundertwende ist nur das benachbarte Vorarlberg mehr gewachsen.

Es lebt sich gut in Tirol. Dass man hier Ski fahren darf trotz Lockdown, stört viele Bewohner im flachen Osten der Republik. War es nicht Ischgl, wo es vor einem Jahr losging mit der Pandemie? Und nun lassen die Tiroler die Bahnen einfach wieder laufen, als sei nichts gewesen?

Das Gesundheitsministerium in Wien erlässt eine schikanöse Auflage nach der anderen. Inzwischen haben erste Skistationen kapituliert und den Betrieb eingestellt.

In Tirol kursiert dieser Tage eine Handy-Nachricht. Sie fasst die Situation so zusammen: «Resi, die Skifahrerin, darf ohne Test mit der Gondel hoch und trifft oben ihre Freundin Tanja, die mit den Tourenski zur Bergstation aufgestiegen ist. Während Tanja nun mit ihren Tourenski die Piste abfahren darf, darf Resi nur abseits der Piste oder wieder mit der Gondel runter. Würde Resi einen Covid-Schnelltest in der Schule gemacht haben, würde ihr dieser nichts nützen, denn zum Skifahren braucht es einen PCR-Test. Um mit der halben Klasse im Unterricht zu sitzen, reicht der Covid-Schnelltest aber aus.»

 

Gemeingefährliches Ausland

 

Viele Journalisten unterstützen die Regierung, wo sie nur können. Manchmal ist das unfreiwillig komisch. Ein ORF-Moderator sagte kürzlich: «Wer von Tirol nach Österreich ausreisen will, braucht einen negativen Corona-Test.» Tirol gilt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon als gemeingefährliches Ausland.

Der bekannteste ORF-Moderator, Armin Wolf, ein Innsbrucker, also Tiroler, der schon lange in Wien lebt, kennt mit den Tirolern kein Erbarmen. Er hat das Thema seines Lebens gefunden: Ischgl, Ischgl, Ischgl. Und wenn Ischgl einmal zu wenig hergibt, geht es um Tirol im Allgemeinen. Die alte Heimat kann Armin Wolf nichts schlecht genug machen.

Auch Schweizer Medien beteiligen sich an dem unfröhlichen Tirol-Bashing. Die NZZ am Sonntag widmete dem Bundesland vor zehn Tagen ihre ganze Seite drei. Der Titel des Artikels lautete: «Die Selbstgerechten wachen auf». Gemeint waren die bösen Tiroler.

Am Montag legte der Tages-Anzeiger nach. Ebenfalls ganzseitig wird Tirol abgekanzelt. Es heisst dort: «Tirol ist ein katholisches, konservatives Bollwerk, regiert von einem erfahrenen Macher mit Handschlagqualität, dominiert von einer Lobby mächtiger Unternehmer. Die sind organisiert in der Adlerrunde, einer Art Geheimloge.»

Die Tiroler halten dagegen. Einer von ihnen ist ÖVP-Nationalrat Franz Hörl, der die Seilbahnwirtschaft vertritt. Als der Bund mit der Abriegelung auch eine Reisewarnung für Tirol ausgab, sprach er im ORF von einem «Rülpser aus Wien». Hörl gehört zur ÖVP von Kanzler Kurz. Das Beispiel zeigt: Es brodelt in Tirol.

Schon vorher hatte der Tiroler Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser (ÖVP) mitgeteilt, die Tiroler könnten den Transitverkehr durch Tirol auch umleiten. Man durfte das als Drohung verstehen. Allein über den Brenner fahren jährlich 2,4 Millionen Lastwagen.

Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), ein ehemaliger Polizist, der Tirol seit 2008 regiert, spricht auf Anfrage der Weltwoche von einem «ordentlichen Miteinander» zwischen Bund und Land. Und fügt spitz hinzu: «Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung.» Das Virus werde sich «nicht von Grenzschliessungen aufhalten lassen».

 

Geisterstadt in den Alpen

 

Die erste Station unserer Reise führt uns nach Ischgl im Westen des Landes, an der Grenze zur Schweiz. Hinter den Bergen – Flimspitz, Greitspitz – liegt Samnaun. Die beiden Orte bilden das grösste Skigebiet der Ostalpen.

Ischgl gilt als ein Ground Zero der Pandemie in Europa. Rund 10 000 Menschen sollen sich im Frühjahr 2020 hier und in der Umgebung angesteckt haben. Verlässliche Zahlen fehlen.

Eine Expertenkommission hat im Herbst einen 287-seitigen Untersuchungsbericht über die Ereignisse in Ischgl vorgelegt. Was in anderen Skigebieten geschah, wird wohl ungeklärt bleiben. Das ist typisch: Ein Journalist sagte einmal, er müsse «Ischgl» in die Schlagzeile schreiben, sonst lese den Artikel niemand.

Das entscheidende Datum im Frühjahr 2020 war der Freitag, 13. März. An diesem Tag stellte Kanzler Kurz die Gemeinde unter Quarantäne. Seither ist Ischgl als Sodom und Gomorrha des 21. Jahrhunderts verschrien. Sammelklagen laufen. Wie jede Krise braucht auch die Corona-Pandemie einen Schuldigen. Viele meinen, ihn mit Ischgl gefunden zu haben.

Ein Jahr später wirkt das Dorf wie eingefroren. Der Parkplatz vor der Talstation ist leer, auf den Strassen niemand zu sehen. Ischgl liegt unberührt im Schnee, eine Geisterstadt in den Alpen.

Wir sind verabredet mit Hannes Parth. Über dreissig Jahre führte er die Seilbahngesellschaft im Ort, bis er 2018 in Pension ging. Parth, 65, ist in Ischgl aufgewachsen, in einfachen Verhältnissen mit fünf Geschwistern. Seine Geschichte ist die Geschichte seiner Heimat.

Lange ein Bergbauerndorf, entwickelte sich Ischgl erst in den vergangenen Jahrzehnten zum Tourismuszentrum. Inzwischen kommt die Gemeinde mit 1500 Einwohnern auf 1,5 Millionen Logiernächte pro Jahr. Zum Vergleich: Davos – 11 000 Einwohner, seit dem 19. Jahrhundert als Kurort bekannt – verzeichnet 900 000 Logiernächte.

Dieser Erfolg war keineswegs vorgegeben. Die erste Seilbahn Ischgls entstand in den frühen sechziger Jahren mit Geldern des Marshallplans. Kurz vor der Eröffnung riss ein Seil. Eigentlich hätten die Schulkinder, darunter Parth, an einer Probefahrt teilnehmen sollen. Die Katastrophe blieb aus. Der Wiederaufbau der Anlage wurde zum finanziellen Kraftakt.

Als Parth in den achtziger Jahren in die Gesellschaft eintrat, waren deren Schulden doppelt so hoch wie der Umsatz. Heute sind die Schulden getilgt, und der Umsatz beläuft sich auf achtzig Millionen Euro im Jahr. Das macht Ischgls Seilbahngesellschaft, früher ein kleiner Player, zur Nummer eins in Österreich.›››

«Ich glaube, wir haben für unseren Erfolg jetzt in der Pandemie einen Preis bezahlt», sagt Parth. «Man hat uns die Rolle des Sündenbocks noch so gern zugeschoben. Corona war im März 2020 auch an anderen Orten verbreitet. Aber bis heute reden alle nur von Ischgl.»

 

Schlagerparty und Spitzengastronomie

 

Das hängt auch mit Ischgls Bild als Après-Ski-Hauptstadt der Alpen zusammen. Wo die Leute dicht beieinander stehen, verbreitet sich ein Virus schneller. Tatsächlich gehört der Party-Tourismus in Ischgl zum Programm, doch das gilt auch für andere Skiorte wie das nahe St. Anton am Arlberg.

Parth stört sich an der pauschalen Verdammung von Après-Ski, wie sie jetzt beliebt ist: «Das Zusammensein nach dem Sport ist doch etwas Schönes. Wo sonst sitzt ein Siebzehnjähriger neben einem Siebzigjährigen, ohne dass sich der eine wie der andere fehl am Platz fühlt?»

Wer Ischgl mit Halligalli gleichsetzt, macht es sich zu einfach. Der «Gault Millau» hat neun Restaurants im Ort ausgezeichnet. Schlagerparty und Spitzengastronomie ergänzen sich hier. Ein langjähriger Gast beschreibt das Ischgl-Feeling so: «Man tanzt bis sieben Uhr abends mit den Skischuhen auf den Tischen, geht zurück ins Hotel, macht sich frisch und ist um halb neun zurück am selben Tisch, auf dem nun ein weisses Tischtuch liegt.»

Parth erzählt es ähnlich, mit einer Einschränkung: Manche Après-Ski-Lokale würden inzwischen zu lange offen bleiben. Man habe es teilweise übertrieben. Trotzdem ist er stolz auf das Erreichte. Noch vor zwei Generationen war Ischgl ein verschlafenes Nest. Heute treten hier Elton John, Rihanna und Bob Dylan auf.

Am meisten ärgert Parth der Vorwurf, die neureichen Ischgler dächten nur an Profit, hätten deshalb alle Warnungen vor dem Virus ignoriert und Bahnen und Bars offen gelassen. Früh schon war davon die Rede. Die Süddeutsche Zeitung überschrieb im März 2020 einen Artikel über Ischgl mit den Worten: «Wo die Gier feiert». Damit war der Ton gesetzt. «Ischgl steht für Gier und Versagen», war noch kürzlich im Standard aus Wien zu lesen.

Parth, eigentlich ein ruhiger Mann, wirkt nun ehrlich empört: «Als ob es für uns eine Rolle gespielt hätte, zwei Tage früher oder später dichtzumachen!» Tatsächlich stützt der umfassende Bericht der Expertenkommission diese Aussage.

So hiess es, die Tourismuswirtschaft habe Druck auf die Entscheidungsträger ausgeübt.Dieser Vorwurf hat sich als haltlos erwiesen. Richtig ist, dass in Ischgl die Saison zu lange weiterging. Die Verantwortung dafür liegt bei den Bundesbehörden. Sie sind im Pandemiefall zuständig für Betriebsschliessungen. Die Bars in Ischgl blieben sogar offen, nachdem dort erste Ansteckungen bekanntgeworden waren. Man hat das Problem in Wien lange unterschätzt.

Die Bundesregierung spielte in der ganzen Sache eine unglückliche Rolle. Die Anordnung der Quarantäne am 13. März 2020 erreichte Ischgl ohne Vorankündigung via Medien. Es gab keine Konzepte. Bevor man die Anordnung umsetzen konnte, waren viele Touristen über alle Berge. Wenn man in Wien nun mit dem Finger auf Ischgl zeigt, lenkt man so von diesen Fehlern ab.

Ein Jahr später spricht Parth von einer «eigenartigen Stimmung zwischen Resignation und Depression». Seine Frau und ein Sohn betreiben eine Pension mit fünfzig Betten. Diese ist geschlossen, wie alle Hotels in Österreich. «Ischgl übersteht einen Winter ohne Touristen», so Parth. «Einen zweiten solchen Winter zu überstehen, wäre ungleich schwieriger.»

Der Lockdown trifft Tirol härter als den Rest der Republik. Das Land kommt auf 50 Millionen Logiernächte im Jahr, mehr als doppelt so viele wie das zweitplatzierte Salzburg. 33 Prozent der Wertschöpfung entfallen direkt oder indirekt auf den Tourismus.

Weil die Wintersaison umsatzstärker ist als die Sommersaison, leidet Tirol zusätzlich. Die Einbrüche sind hier auch relativ höher als in den meisten anderen Ferienregionen Österreichs. Die Wiener Corona-Politik gefährdet das Tiroler Erfolgsmodell.

 

Bilderberger von Tirol

 

Wir verlassen Ischgl und fahren nach Imst. Dort betreibt Alois Schranz eine Klinik, wo vor allem Sportunfälle behandelt werden. Auch hier ist es ruhiger als in normalen Saisons, selbst wenn gegenüber ein Testzentrum eingerichtet ist. Schranz, ein freundlicher, umgänglicher Mann, macht selber bis zu fünfzig Abstriche täglich. «Ich mag den Kontakt mit Menschen.»

In den vergangenen zwanzig Jahren hat Schranz, 61, mit zwei Partnern eine ganze Klinikgruppe aufgebaut, mit Aussenstellen in Sölden und im Zillertal. Zuvor, in den neunziger Jahren, zur Zeit des zweiten Golfkriegs, hatte er das grösste Flüchtlingsspital im Iran geleitet. Er war verantwortlich für die medizinische Versorgung von 50 000 Menschen.

Am 14. März 2020, einen Tag nachdem Kanzler Kurz die Quarantäne verhängt hatte, erhielt Schranz einen Anruf von Landeshauptmann Platter, mit dem er befreundet ist. Platter bat Schranz zu sich. «Ich dachte, ich sei in vier Stunden wieder hier im Büro», erinnert er sich. «Stattdessen blieb ich sechs Wochen weg.»

Als erfahrener Krisenmanager beriet Schranz die Landesregierung. Weil er gleichzeitig Vizepräsident der sogenannten Adlerrunde ist, hiess es bald, die Wirtschaft habe die Politik gekapert. Manche Medien schildern den Unternehmerklub als Schattenregierung des Landes, als Bilderberger von Tirol. «Das ist völlig abstrus», sagt Schranz.

Er selber beschreibt die Adlerrunde, benannt nach dem Tiroler Wappenvogel, als «transparente Vereinigung von Unternehmern mit dem Ziel, das Land wirtschaftlich zu stärken». Regelmässig lade man Politiker aller Parteien zu Gesprächen ein. Politisch stehe man eher den bürgerlichen als den linken Parteien nahe. «Das liegt in der Natur der Sache.»

 

Erinnerungen an den Lawinenwinter

 

Die strenge Lockdown-Politik sieht die Adlerrunde kritisch. Schon im Mai 2020 forderte man: «Raus aus der Lethargie». Ob die gegenwärtige Abriegelung von Tirol medizinisch geboten sei, lässt Mediziner Schranz offen. «Die Frage ist berechtigt», meint er vielsagend.

Abriegelungen sind ein heikles Thema in Tirol. Im Lawinenwinter 1999 waren Ischgl und das Tal Paznaun von der Umwelt abgeschnitten. Die österreichischen Behörden organisierten mit Hilfe Frankreichs und Deutschlands eine Luftbrücke und evakuierten 13 ooo Touristen. Viele Gäste aus dem Ausland wollten nur noch weg aus dem engen Tal. Wäre es diesmal anders gewesen? «Hätte man im März 2020 das Paznaun gesperrt, wäre die Situation wahrscheinlich eskaliert», sagt Schranz.

Eine andere Erinnerung wiegt noch schwerer. 1919 wurde Tirol entzweit: Der nördliche Teil ging an Österreich, der südliche an Italien. Bis heute ist die Region ein Kulturraum geblieben. Das Andreas-Hofer-Lied, benannt nach dem Tiroler Freiheitshelden, ist im Norden die offizielle, im Süden die inoffizielle Landeshymne. Beliebt ist auch der Marsch «Dem Land Tirol die Treue». Es beklagt die Teilung.

Was zeichnet die Tiroler aus? Schranz sagt: «Die Menschen hier sind tourismusbedingt sehr weltoffen. Sie haben es nach Jahrhunderten kargen Bergbauerndaseins zu Wohlstand gebracht, das Land positiv weiterentwickelt.» Er beschreibt die Tiroler als gelungene Mischung von Bajuwaren und Rätoromanen: «aus beiden Welten das Beste».

 

Ewiger Aufreger

 

Imsts Bürgermeister Stefan Weirather (ÖVP), der zum Gespräch in die Klinik gekommen ist, schildert die Menschen seiner Heimat vor allem als Pragmatiker: «Man passt sich den Gegebenheiten an, macht das Beste daraus.»

Und was ist mit dem Protest gegen die Abriegelung? Weirather sieht darin keinen Widerspruch zu diesem Tiroler Pragmatismus, im Gegenteil: «Die Leute in Wien müssen merken, wenn wir hier ein Problem haben. Dafür braucht es manchmal klare Ansagen.» Er nennt das die «Andreas-Hofer-Mentalität».

Beide, Schranz und Weirather, beurteilen Kanzler Kurz in der Pandemie als «bemüht». Das ist kein echtes Lob, aber auch keine echte Kritik. Kritisch sehen sie Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder. Dieser schloss im Windschatten Wiens die Grenzen zu Tirol, besteht aber auf freier Fahrt für deutsche Lastwagen. Das nehmen ihm viele Tiroler übel. Die schlechte Luft im Tal ist ein ewiger Aufreger.

Schon Andreas Hofer kämpfte gegen die Bayern, als diese mit den Franzosen das Land besetzten. 1809 kam es zum Volksaufstand. Heute unterscheidet sich das Bayern-Bild der Tiroler stark vom Bayern-Bild der Deutschen.

In Deutschland gelten Bayern als konservative, gemütliche, inzwischen reiche Bergler – als Tiroler Deutschlands sozusagen. In Tirol haben Bayern eher den Ruf von Preussen, die sich mit kühler Arroganz über lokale Gepflogenheiten hinwegsetzen. «Piefke» ist hier ein beliebtes Schmähwort für Deutsche. Gemeint sein können damit auch Bayern.

Schranz redet lieber über die westlichen Nachbarn. Zum Abschied sagt er: «Die Tiroler sind die Schweizer Österreichs.»

Wir fahren durch das Inntal nach Osten, an Innsbruck vorbei, in die Nähe des Bezirks Schwaz, wo die südafrikanische Virusvariante umgeht. Einige Gastronomen aus der Umgebung waren zum Golfspielen nach Südafrika gereist und werden nun verdächtigt, das Virus eingeschleppt zu haben. Der Trip passt ins Bild, das viele Journalisten von den Tirolern zeichnen: reich und unbelehrbar.

 

Archetyp des zähen Tirolers

 

Wie schätzen reiche Tiroler die Lage ein? In Reith im Alpbachtal – dem Blumendorf Österreichs – besuchen wir Erika und Gerhard Swarovski.

Die Firma Swarovski ist die grösste Arbeitgeberin in Tirol. Gerhards Urgrossvater Daniel, aus Böhmen stammend, gründete hier 1895 eine Glasschleiferei. Heute beschäftigt Swarovski weltweit über 30 000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro im Jahr. Das Beispiel zeigt, wie man von den Bergen aus den Weltmarkt erobern kann.

Gerhard Swarovski schildert die Tiroler als fleissige, geschickte Menschen. «Ohne die Leute vor Ort wäre der Aufstieg unseres Unternehmens niemals möglich gewesen.» Als besonders tüchtig hebt er die Bewohner des Zillertals hervor. Dort leben seit 1869 wieder Protestanten. Gut dreissig Jahre zuvor waren sie noch vertrieben worden.

Als Archetyp des zähen Tirolers nennt Swarovski den Extrembergsteiger Hermann Buhl. Aufgewachsen in einem Waisenhaus, galt Buhl in seiner Kindheit als schwächlich. Später gelang ihm die Erstbesteigung des Nanga Parbat (8125 Meter über Meer). Zur ersten Alleinbegehung der Piz-Badile-Nordostwand im Bergell soll er mit dem Velo aus Tirol angereist und am selben Abend wieder zurückgefahren sein. Als ihn dabei der Schlaf übermannte, landete er angeblich im Inn.

 

Rundumgemälde für Freiheitskämpfer

 

Erika Swarovski, eine gebürtige Salzburgerin, ergänzt: «Die Tiroler sind freiheitsliebend und heimatverbunden, wahrscheinlich stärker noch als die übrigen Österreicher.» Sie erwähnt den legendären Landeshauptmann Eduard Wallnöfer (ÖVP), einen gebürtigen Südtiroler, der von 1963 bis 1987 regierte. Wenn es wieder einmal Probleme mit Wien gab, soll er gesagt haben: «Zur Not haben wir ja noch unsere Schützen.»

Damit wir ein Gefühl für diesen Lokalpatriotismus bekämen, empfiehlt sie uns einen Besuch des Kaiserjägermuseums. Ein tausend Quadratmeter grosses 360-Grad-Rundumgemälde zeigt dort die Schlacht am Bergisel von 1809, als die Tiroler Freiheitskämpfer, angeführt von Andreas Hofer, die Bayern und Franzosen vertrieben. Wer so etwas aufstellt, muss sein Land lieben.

Was ihnen hier besonders gefalle, sei die Natur, sagen die Swarovskis. Gerade in der Pandemie sei sie ein Segen. Tirol hat die zweittiefste Bevölkerungsdichte Österreichs. Wenn man sich irgendwo aus dem Weg gehen, Social-Distancing-Regeln einhalten kann, dann in einer solchen Gegend. Man trifft sich draussen, wo die Gefahr einer Ansteckung geringer ist als in einer Stadtwohnung.

Unser Eindruck verfestigt sich: Die Tiroler haben in dieser Zauberlandschaft mit Fleiss und Geschick ein Wirtschaftswunder geschaffen, sind gastfreundlich und weltoffen. Doch wenn Auswärtige meinen, sie wüssten besser, was den Einheimischen frommt, wehren sie sich. Kann es ihnen jemand verargen?

Inzwischen ist es Abend geworden. Wir müssen uns auf den Rückweg machen, in Tirol gilt ein Ausgehverbot ab 20 Uhr. An der Grenze zu Vorarlberg erwartet uns ein Militärpolizist. Nach kurzer Prüfung der Papiere lässt er uns weiterfahren. Wir lassen ein Paradies zurück.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Beat Furrer

01.03.2021|15:18 Uhr

Mair: Es geht nicht um Beschönigung, sondern um das Anwenden des gleichen Massstabes. Die Schuld für die schlechte Information liegt bei den Medien (bzw. deren Hintermännern), den links-unterwanderten Behörden und Schulen, die einseitig "rechts" als schlecht darstellen und "links" als gut und eben die Gräuel leugnen. Dadurch lassen sich viele Leute (Mehrheiten) täuschen. Und was Recht und Unrecht ist, wird von der Ewigkeit festgelegt und nicht im schein-demokratischen Prozess. Unrecht ist z. B. auch, wenn die Grundrechte der Bundesverfassung wegen einer Panikmache ausser Kraft gesetzt werden.

Bruno Mair

01.03.2021|12:07 Uhr

@Furrer. Sie vergleichen demnach das Unrecht mit Unrecht, um das andere zu beschönigen. Das „die Leute bis jetzt nicht merken“ unterstellen Sie masslos der Allgemeinheit. Es gibt immer ein Teil der Bevölkerung, die mit der Geschichte des letzten Jahrhunderts nicht klar kommen, oder schlichtweg kein Interesse daran haben. Dies gilt jedoch von links bis rechts. Auch der Herr Furrer ist (dies selbst unter Gottes Segen) nicht unfehlbar.

Beat Furrer

28.02.2021|21:51 Uhr

Spycher, Mair: Was für Kommentare und Vermutungen! Die Nicht-Aufarbeitung der linken Verbrechen durch die Kommunisten (mindestens 10 mal schlimmer als die der Nazis - anhand der Zahlen der Ermordeten und Hirngewaschenen und Internierten leicht nachvollziehbar), führt dazu, dass die Leute bis jetzt nicht merken, dass wir - wegen diesem Mangel an Geschichtskenntnis und Mangel an Kritik an der linken Szene - jetzt von linken Diktatoren und Parteien regiert werden, sowohl in Deutschland, USA, Frankreich als auch der Schweiz. Und diese zerstören Kultur, Wirtschaft und Zusammenleben.

Markus Spycher

28.02.2021|10:23 Uhr

@Claudio Hammer. >>"... die meisten Nazisympathisanten & Täter blieben in der BRD oder eben im Tirol." Absolut richtig. Das Tirol mag heute ein Paradies sein, richtig ist aber auch, dass nach WK II in Ungnade gefallene Wiener im Tirol Unterschlupf fanden. Eben auch solche, die unter Hitler zum Mitmachen gezwungen wurden.

Markus Spycher

28.02.2021|10:11 Uhr

@Bruno Mair vom 27.2.19:35. Ich vermute schon lange, dass Ihr Kontrahent die Bibeltreue bloss als Deckmäntelchen vorhängt, um anderes, düstereres Gedankengut glaubwürdiger abzusondern. Zudem rätsle ich über seine Staatszugehörigkeit(en). Die Rechte gebiert gewiefte Missionare, auch nach der Blüte des Jesuitenordens.

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