Darf man mit Menschen wie mir reden?

Mein Traum von einer besseren Social-Media-Welt entpuppte sich als Illusion. Schnell sperrten mich die Betreiber der neuen Hype-App Clubhouse aus.

Vergangene Woche gab es fast nur ein Thema: Clubhouse. Eine neuartige Social-Media-App, die ihren Usern die Möglichkeit gibt, virtuelle Räume zu erstellen, in denen ausnahmslos live und via Audiofunktion diskutiert wird. Keine Likes, keine schriftliche Kommentarfunktion und keine privaten Messages. Dafür erwartet den Nutzer die Möglichkeit einer unkomplizierten, losen Zusammenkunft zu verschiedensten Themen – von Tinder-Dating über Immobilien-Tipps bis hin zu politischen und journalistischen Diskussionen.

Dass die App in Zeiten von Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen für die meisten Nutzer eine willkommene Ablenkung von der Einsamkeit bietet, liegt auf der Hand. Zweifelsohne wirft das die Frage auf, ob der Hype den Lockdown überdauern wird. Fakt ist aber: Clubhouse mag spontan und unkompliziert für diejenigen sein, die hier und da mal als Zuhörer zu einer laufenden Diskussion stossen. Wer jedoch selbst schon einmal einen «Room» moderierte oder als sogenannter Speaker aktiv an der Diskussion teilnahm, weiss, dass das in der Regel volle Aufmerksamkeit erfordert und daher auch schon einmal zwei, drei oder mehr Stunden in Anspruch nehmen kann.

 

Vor 1800 Zuhörern denunziert

 

Auch und gerade deshalb lässt sich bereits jetzt eine gewisse elitäre Kluft erkennen zwischen jenen, die bequem im Home-Office arbeiten können, und denjenigen, die immer noch jeden Tag zur Arbeit fahren, um dort ihre acht Stunden Dienst oder mehr abzuleisten. Vor allem in Bezug auf politische Diskussionen sorgte dieser Umstand in Deutschland früh dafür, dass jene, die medial den Ton angeben, diese Deutungshoheit alsbald auch auf Clubhouse für sich beanspruchten. Und seitdem wird sie erfolgreich durchgesetzt.

Der rein sprachliche Austausch bietet einige Vorteile: Das Niveau der Diskussionen ist ansprechend. Anders als bei Twitter, Facebook und Co. können sich die User nicht hinter dem geschriebenen Wort verstecken. Die Hemmschwelle für üble Beleidigungen ist höher. Und vor allem: Es besteht die Möglichkeit, sich über politische Grenzen hinweg zu unterhalten – eigentlich.

Denn was die einen als Chance sehen, um auch ausserhalb der eigenen Blase ins Gespräch zu kommen, wird für andere schnell zur lästigen Begleiterscheinung, und sie verfallen ins Sich-gegenseitig-auf-die-Schulter-Klopfen. Dafür eignet sich die App hervorragend.

So fragte Anna-Mareike Krause, eine Journalistin, die früherer Head of Social Media bei Tagesschau.de der ARD war, ihre Follower kürzlich auf Twitter, wie man denn dazu käme, überhaupt mit mir auf Clubhouse zu reden. Für Krause bin ich nämlich eine böse Rechte, weil ich mich an einer Clubhouse-Debatte über den deutschen Journalismus beteiligte. Als freischaffende Journalistin nahm ich an, Inputs in diesem «Club-Room» liefern zu können.

Was darauf geschah, folgte altbekannten Twitter-Mustern: Zweieinhalb Stunden diskutierten deutsche Medienschaffende darüber, ob man mit Menschen wie mir reden dürfe. Zum Clubhouse-Meeting gesellten sich viele öffentlich-rechtliche Journalisten, die kein Problem darin sahen, das virtuelle Podium mit linksradikalen Aktivisten zu teilen. Weil ich mich ebenfalls einschaltete, hörte ich, wie ich vor 1800 Zuhörern als Nazi denunziert wurde.

 

Oft genug gemeldet

 

Personen, die im vorhergehenden Gespräch bestritten hatten, dass es eine Schlagseite im Journalismus gebe, verboten mir in der nächsten Runde, mich zu den Vorwürfen zu äussern. Meine Meinung wurde unterdrückt, während die Diskussion über mich munter weiterlief. Als ich daraufhin meinen eigenen Raum eröffnete, wurde ich von Clubhouse suspendiert. Als ich nach fast 24 Stunden wieder zur App zugelassen wurde, erfuhr ich den Grund für den Verweis: Ich wurde aus dem simplen Grund gesperrt, weil mein Profil oft genug gemeldet worden war, obwohl ich nichts Anstössiges gesagt oder getan hatte.

Nach nur einer Woche entpuppte sicher der Traum einer besseren Social-Media-Welt als Illusion. Und ich war vielleicht naiv, als ich anfänglich dachte, dass eine einzige Applikation die Spaltungen zwischen rechts und links überwinden kann, die über Jahre sorgsam gezüchtet worden war.

Vielleicht muss es aber auch gar nicht darum gehen. Vielleicht reicht es schon, die Wohlfühlblase derer, die die Deutungshoheit für sich beanspruchen, ein wenig mit der eigenen Anwesenheit zu stören. Daher werde ich auch in Zukunft nicht kritiklos aus Diskussionen abtreten und versuchen, respektvoll eine Auseinandersetzung zu erzwingen. Das Potenzial hat Clubhouse – zumindest so lange, bis wir das gute Gespräch in der Bar dem Virtuellen wieder vorziehen können. Aber bis dahin hängt vieles davon ab, wie die Clubhouse-Macher mit der cancel culture verfahren.

 

 

Anabel Schunke

ist Politikwissenschaftlerin und freischaffende Journalistin, unter anderem für die Blogs «Tichys Einblick» und «Die Achse des Guten». Sie lebt in Braunschweig.

 

Kommentare

Bruno Mair

01.02.2021|15:54 Uhr

@Beglinger. Es wird wohl Ihr Geheimnis bleiben. Langer Text, aber das wichtigste hat Sie leider ausgelassen!

Ruedi Beglinger

31.01.2021|11:16 Uhr

Wäre interessant zu erfahren, welche "Inputs" Anabel Schunke denn in den Clubraum hätte tragen wollen. Und wer wie reagiert hat und weshalb. Und womit die "Wohlfühlblase" hätte gestört werden sollen.

Jürg Brechbühl

28.01.2021|03:42 Uhr

Blogs sind das Mittel der Wahl, ungestört zu einer eigenständigen Meinung zu stehen. Blog schreiben ist sehr anspruchsvoll, man muss sich Zeit nehmen und auch verlinken, wie man auf seine Ideen kommt. Dazu kommt, dass man als Blogschreiber nicht so schnell ein Stammpublikum hat. Vermutlich müsste man das besser verlinken mittels einer Blogroll am Rand des eigenen Blogs, Pingbacks und Trackbacks. Ich habe mich nich tum die Technik gekümmert. Item, wer mein Blog lesen will, findet mich. Ich gehe davon aus, dass das in Zukunft der Weg sein wird, sich der Deutungshoheit der Lügenpresse zu entziehen.

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