«Bring your own house»

Ruhe und Erholung abseits der Massen? Wir haben uns mit dem Wohnmobil auf die Suche nach lauschigen Orten inmitten der Natur gemacht. Anleitung für einen Kurztrip ohne Flugzeug.

Weltweite Reisebeschränkungen, Hotels wie Hochsicherheitszonen, überbuchte Campingplätze: Wie stillt man in solch verrückten Zeiten seine Reiselust? Schon bald taucht ein Gedanke auf: Was man jetzt bräuchte, ist ein eigenes Hotel, am besten auf Rädern! Bunte Bilder aus der Vergangenheit tauchen auf, von abenteuerlichen Reisen mit dem klapprigen «Bulli» quer durch Südfrankreich oder in die Toskana. Man übernachtete irgendwo in der freien Natur, an einem Strand oder bei einer Düne. Gegessen wurde am Lagerfeuer, entspannt zu Gitarrenklängen. Flower-Power statt Social Distancing – alles nur ein Traum?

Nicht unbedingt, den «Bulli» gibt es ja immer noch. Der unermüdliche Reisemobilklassiker heisst mittlerweile VW T6.1 California Ocean. Er ist wesentlich ausgereifter, sprich: sicherer, schneller, komfortabler, umweltfreundlicher. Ein Anruf beim Amag-Händler bringt die Ernüchterung. Sämtliche T6-Camper sind auf Monate hinaus ausverkauft. Ewige Hippies haben offenbar zugeschlagen und in Scharen ihren Traum wahr gemacht – auf und davon wie damals. Und das nicht zum Spottpreis: Einen neuen California Ocean für die «grenzenlose Freiheit auf vier Rädern» gibt es nicht unter 62 000 Franken.

Wer zu spät kommt, muss nicht zu Hause bleiben. Durch Zufall erfahren wir, dass man die Luxuswohnmobile auch mieten kann, und zwar ganz bequem bei der Firma Citypeak. Hier stehen die neusten Modelle mit allem möglichen Schnickschnack bereit: Allradantrieb, Standheizung, Aussendusche, Niveauregulierung und so weiter – wenn das die 68er Blumenkinder geahnt hätten.

 

Geheimtipps inklusive

Im thurgauischen Gebertingen können wir das Fahrzeug abholen. Nach kurzer Einführung sind wir «on the road again». Bei Pannen oder offenen Fragen ist rund um die Uhr jemand erreichbar. Mit der Citypeak-App sind zudem alle Funktionen des Fahrzeugs und des Zubehörs auf dem Handy abrufbar. Nach kurzer Zeit ist man mit dem Wohnmobil vertraut, das sich fast so unkompliziert fährt wie ein Kleinwagen.

Als Wohnmobil-Neulinge, die als Touristen in der Schweiz knapp das Tessin und das Bündnerland kennen, stellt sich die Frage: Wohin soll die Reise gehen? Gibt es einsame Plätze in romantischer Umgebung? Und wo ist es überhaupt erlaubt, zu übernachten? Doch gerade auf Banausen wie uns sind die Camping-Profis von Citypeak vorbereitet. Zum Service gehören nämlich Geheimtipps für weitgehend unbekannte Plätze abseits der Hauptstrassen.

Wir haben uns für drei spots entschieden. Dabei richten wir uns nach dem Wetterbericht und planen so, dass wir immer dort sind, wo gerade die Sonne scheint. Als Erstes geht’s ins Berner Oberland. Über Bern und Thun fahren wir nach Lenk und von dort eine kleine Bergstrasse hinauf auf 1664 Meter über Meer.

 

Pop-up-Camping mit Aussicht

Endstation ist der grosse Parkplatz auf dem Bühlberg, direkt hinter dem gleichnamigen Bergrestaurant. Hier, auf «Lenks schönster Sonnenterrasse», haben sich die Besitzer – die übrigens auch das Fünf-Sterne-Hotel «Lenkerhof» betreiben – etwas einfallen lassen: Der abgesperrte Stellplatz ist offen für Wohnmobile – Stromanschluss, sanitäre Anlagen und WLAN-Zugang inklusive –, und das für zwanzig Franken pro Nacht. «‹Bring your own house› ist unser Motto», sagt «Lenkerhof»-Direktor Jan Andreas Stiller, der mit dem Pop-up-Camping auf dem Bühlberg beweisen will, wie flexibel die Gastronomiebranche auf aussergewöhnliche Situationen reagieren kann.

Unseren Bus platzieren wir vor der spektakulären Kulisse mit Blick auf Wildstrubel, Wildhorn und die Plaine Morte. Ein einmaliges Erlebnis – ganz ohne halluzinogene Drogen. Erst recht dann, wenn man die Aussicht aus dem Panoramafenster im oberen Stockwerk des VW-Busses geniesst, im Aufstelldach, das sich elektrisch per Knopfdruck öffnen und schliessen lässt. Das Essen wird in der Küche mit Gasherd, Spülbecken und 42-Liter-Kühlschrank zubereitet. Im Handumdrehen ist das temporäre Gartenrestaurant eingerichtet. Zwei Campingstühle zaubern wir aus der Heckklappe hervor, der Klapptisch befindet sich in der Schiebetür.

Am nächsten Tag kurven wir vergnügt über den Jaunpass ins Welschland und via Lausanne bis nach Orges bei Yverdon-les-Bains. Goodbye Berner Oberland – hello Romandie! Hier führt uns das Navi über endlose Felder, man fühlt sich wie in den Weiten Frankreichs. Auf irgend einer Nebenstrasse biegt man plötzlich ab, quer durch Zuckerrübenplantagen geht es bis zu einem grossen Bauernhof.

Endstation für heute ist ein weitläufiger Park mit grossen alten Bäumen und gepflegtem Rasen. Auf der Suche nach einem Plätzchen können wir uns kaum entscheiden: Soll der Blick in die Ferne schweifen oder zum lauschigen Waldrand? Lächelnd begrüsst uns der Besitzer, Christian Stähli. «Wir sind selber begeisterte Camper», sagt der Chef, «aber als Landwirt kann ich nicht einfach auf und davon.» Darum sei er auf die Idee gekommen, hier seinen eigenen Campingplatz zu eröffnen. Seine Philosophie: Es muss nicht immer eine schicke Wellness-Oase mit Luxus-Spa und Fünf-Sterne-Service sein – auch Leute mit kleinerem Budget sollen sich eine Flucht aus dem Alltag leisten können. Auf seinem Hof bietet er zwölf Plätze mit Stromanschluss und sanitären Anlagen für knapp dreissig Franken pro Nacht an.

 

Idylle auf dem Bauernhof

Wer Ruhe braucht, der findet hier seine Oase. Sommerferienstimmung gibt’s wenige Kilometer entfernt am Neuenburgersee – mit Sandstrand und gemütlichen Cafés. Ein hübscher Ort in der Nähe ist Grandson mit seinem schmucken Schlösschen. Mit dem Velo kann man das Vallée de Joux oder die Grotte bei Vallorbe erkunden.

Nach einer erholsamen Nacht unter sternenklarem Himmel tuckern wir weiter. Die letzte Nacht unseres Kurztrips verbringen wir am anderen Ende der Schweiz, im Appenzellerland. Zum Auftakt statten wir dem Städtchen Appenzell einen Besuch ab. Es ist ja nicht so, dass wir zum ersten Mal hier wären, aber wenn man die Schweiz als Tourist bereist, erlebt man eine völlig neue Perspektive. Auf einmal wirken die kleinen Geschäfte mit ihrem lokalen Handwerk und den kulinarischen Spezialitäten aus der Region wunderbar pittoresk. Wie heisst es doch: «Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?»

Gegen Abend wird es Zeit, sich eine Bleibe für die Nacht zu suchen. In knapp einer Viertelstunde sind wir da, informiert das Navi. Die Strasse schlängelt sich ins Hinterland. Weiter geht es über einen kleinen Feldweg, vorbei an einer Weide mit exotisch anmutenden Lamas und über einen kleinen Bach – alles fast zu schön, um wahr zu sein. Der Hof von Reto und Regula Brülisauer ist unser Tagesziel. Hier wird unser Bus wieder zur Wohnung, diesmal auf einem leicht erhöhten Stellplatz hinter der grossen Scheune. Die Szenerie erinnert an eine naive Appenzeller Bauernmalerei: sanfte Hügel und sattes Grün, wohin man blickt.

Bei einem Rundgang stellt uns Regula Brülisauer den glücklichen Kühen, Schweinen und Hühnern vor. Jetzt fühlen wir uns erst recht willkommen. «Viele Schweizer, die bei uns gastieren, staunen über das einfache Leben bei uns», sagt die Bäuerin. Die Gegend ist ein Paradies für Naturfreunde und Geniesser. Ganz in der Nähe befindet sich der Barfussweg bei Jakobsbad – ein ganz besonderes Wellness-Erlebnis für gut anderthalb Stunden. Der persönliche Tipp von Citypeak-Gründer Thomas Jenzer: das Restaurant «Anker» in Appenzell Schlatt, das zu Fuss erreicht werden kann.

Für heute lassen wir es bei einem kurzen Abendspaziergang in den Sonnenuntergang bewenden. Mit dem Eindunkeln befällt uns die Müdigkeit. Nach dem Zähneputzen bemerken wir, dass sich ein Kätzchen ins Dachzelt geschlichen hat – es leistet uns die ganze Nacht Gesellschaft. Es sei nicht das erste Mal, dass es sich bei den Gästen ankuschelt, sagt die Bäuerin, als sie uns am nächsten Morgen das Buurezmorge vorbeibringt.

Ginge es nach uns, könnte die Entdeckungsreise durch die Schweiz noch lange so weitergehen. «Lauschige Plätzchen abseits der Massen gibt es genügend», hat uns Thomas Jenzer von Citypeak versichert. Und mit dem Dreissig-Liter-Frischwassertank und den Hochleistungsakkus im California T6.1 kommt man notfalls sogar mehrere Tage ohne externe Wasser- und Stromversorgung aus. Hippie-Herz, was willst du mehr?

 

 

ANGEBOTE:

Vermieter von neuen VW-Bussen: www.citypeak-campers.com

Stellplatz beim Bergrestaurant «Bühlberg»: Bühlbergstrasse 179, 3775 Lenk, www.buehlberg.ch, Tel. 033 733 15 60

Ferien auf dem Bauernhof in Orges: www.vacances-a-la-ferme.com

Camping auf dem Bauernhof in Appenzell: www.strohgade.ch

Restaurant «Anker» in Appenzell Schlatt: www.anker-unterschlatt.ch

 

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Alex Baur, Redaktor

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