«Alle Kunden begrüssen den Wechsel»

In den letzten eineinhalb Jahren hat Fabio Pellizzari Swisscanto Invest auf Nachhaltigkeit getrimmt. Die Kritik an ESG-Investitionen findet er unberechtigt.

Swisscanto Invest ist der Vermögensverwaltungsarm der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Hier werden Anlagefonds verwaltet, die bei Kunden der ZKB und anderer Banken im Portfolio landen. Zudem legt Swisscanto Invest zahlreiche Vorsorgegelder an. Neben dem klassischen Vorsorgegeschäft besteht seit letztem Jahr auch eine digitale Säule 3a namens Frankly.

Auch Firmen und Privatpersonen können als Mandatskunden ab fünf Millionen Franken direkt anlegen. In all diesen Bereichen verwaltet Swisscanto ein Vermögen, das fast einem Viertel der Schweizer Wirtschaftsleistung entspricht: 210 Milliarden Franken. Im März letzten Jahres warb das Unternehmen ein Team von Robeco ab, einem auf nachhaltige Finanzanlagen spezialisierten Vermögensverwalter. Der Chef dieses Teams, Fabio Pellizzari, bietet Einblicke in den Maschinenraum der Nachhaltigkeitsrevolution.

 

Weltwoche: Herr Pellizzari, Ihre Aufgabe besteht darin, das Anlageuniversum von Swisscanto auf Nachhaltigkeit zu trimmen . . .

Fabio Pellizzari: Teilweise. Swisscanto Invest setzt seit 25 Jahren ein Research-Team für Nachhaltigkeit ein. Schon 1998 wurde ein Nachhaltigkeitsbeirat bestellt, der nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Das Thema war also schon etabliert.

Weltwoche: Was ist also neu?

Pellizzari: Anfang 2020 hat das Top-Management entschieden, auch die bislang konventionell verwalteten Vermögen auf einen verantwortungsvollen Ansatz umzustellen. Dafür braucht es eine zentrale Koordination und einen einheitlichen Rahmen, damit man nicht beispielsweise bei den Obligationen etwas völlig anderes macht als bei den Aktien. Sonst verliert sich der Kunde im Dschungel. Mein Team ist eine Stabsstelle, die mit diversen Abteilungen und allen Anlageteams zusammenarbeitet.

Weltwoche: Man kann also bei Swisscanto Invest nur noch nachhaltig anlegen?

Pellizzari: Ja, abgesehen von den Indexprodukten. Bei denen findet ja keine aktive Titelauswahl durch unsere Analysten und Portfoliomanager statt. Aber alle von uns aktiv gemanagten Produkte verfolgen heute entweder eine verantwortungsvolle (responsible) oder eine nachhaltige (sustainable) Anlagepolitik.

Weltwoche: Was ist der Unterschied?

Pellizzari: Am konsequentesten auf Nachhaltigkeit setzt die Sustainable-Produktlinie. Diese geht recht weit in der Überzeugung. Hier steht nebst der risikobereinigten Rendite die positive Wirkung auf die Umwelt und auf den sozialen Bereich im Vordergrund der Anlageentscheidung. Zudem werden striktere Ausschlusskriterien angewandt.

Weltwoche: Welcher Anteil Ihrer aktiv gemanagten Produkte ist hier investiert?

Pellizzari: Etwa 10 Prozent der total rund 110 Milliarden Franken an aktiv verwalteten Vermögen. Der Rest wird seit 2020 komplett responsible angelegt. Das bedeutet vier Dinge: erstens eine konsequente Ausübung der Stimmrechte und den Dialog mit den Firmen, in die wir investieren. Zweitens schliessen wir gewisse kontroverse, risikobehaftete Geschäftsfelder wie Waffen oder Kohle aus. Die dritte Komponente ist eine ESG-Integration: Bei jeder Anlageentscheidung werden ökologische, soziale und Governance-Aspekte angeschaut, zusätzlich zu den rein finanziellen. Die letzte Komponente besteht darin, dass wir bei aktiv gemanagten Produkten die Erwärmungsziele des Pariser Klimaabkommens zugrunde legen. Das heisst, die CO2-Emissionen der in den Fonds enthaltenen Anlagen müssen jährlich um mindestens 4 Prozent sinken im Vergleich zum Niveau von 2019.

Weltwoche: Was bedeutet Letzteres konkret?

Pellizzari: Wenn per Ende 2019 auf jede Million investiertes Kapital ein CO2-Ausstoss von hundert Tonnen entfiel, dann müssen wir Ende 2020 bei 96 Tonnen sein und so weiter. Wenn die Wirtschaft das CO2 jedes Jahr um 4 Prozent senkt, ist im Jahr 2050 das Netto-null-Ziel erreicht, was die globale Erdeerwärmung auf unter 2 Grad beschränken soll.

Weltwoche: Wo steht Swisscanto Invest diesbezüglich gut ein Jahr nach Ihrem Wechsel?

Pellizzari: Absolut gesehen haben wir über alle aktiv verwalteten Vermögen die CO2-Intensität um rund 30 Prozent reduziert. Damit lag die Reduktion deutlich über dem von uns gesetzten Ziel.

Weltwoche: Das tönt anspruchsvoll. Was mussten Sie in der Anlagestrategie umstellen?

Pellizzari: Wenn wir wollen, dass unsere Produkte das Pariser Klimaziel erfüllen, dann müssen wir es messen können. Dafür brauchen die Analysten und Portfoliomanager die entsprechenden Tools. Sie müssen analysieren können: Was passiert, wenn ich Holcim unter- oder übergewichte? Welchen Effekt hat dies auf die CO2-Intensität, und wie nahe bin ich an meinem CO2-Maximum? Das haben wir systematisiert und automatisiert, so dass volle Transparenz besteht. Es ist nicht mehr so, dass dem Portfoliomanager einfach ein Nachhaltigkeitsanalyst zur Seite gestellt wird. Jetzt ist es ein integraler Bestandteil beim Anlageentscheid.

Weltwoche: Was sagen Sie Kunden, denen das zu weit geht, die aber trotzdem aktiv gemanagte Produkte haben wollen?

Pellizzari: Bislang verzeichnen wir ausschliesslich positive Reaktionen. Dies wird auch dadurch untermauert, dass wir laufend neue Kunden anziehen. Letztes Jahr hatten wir zehn Milliarden Neugeld.

Weltwoche: Und bei den Kunden, die direkt über Swisscanto Invest anlegen?

Pellizzari: Bei unseren Mandatskunden ist die Umstellung per 5. Oktober 2020 erfolgt. Dabei hatte jeder eine Opting-out-Option, hätte also sagen können: «Ich will weiterhin konventionell investieren.» Mir ist kein Kunde bekannt, der davon Gebrauch gemacht hat.

Weltwoche: Kein einziger?

Pellizzari: Ja. Alle Kunden haben den Wechsel begrüsst.

Weltwoche: Wie sieht es bei der Vorsorge aus?

Pellizzari: In der Säule 3a, bei Frankly, machen wir gerade bei der Eröffnung die Triage, ob jemand eine traditionelle oder eine responsible Variante bevorzugt.

Weltwoche: Welcher Anteil der Frankly-Kunden investiert traditionell?

Pellizzari: Seit wir die aktiven, nachhaltigen Produkte bei Frankly anbieten, sind die Investitionen auf ein Viertel der angelegten Vermögen angestiegen.

Weltwoche: Und in der Vermögensverwaltung für Pensionskassen?

Pellizzari: Da ist es individuell mit den jeweiligen Kassen abzusprechen. Standardmässig bieten wir responsible an, wenn es aktiv sein soll. Mit unserer Transparenz und Dokumentation sind wir da relativ gut positioniert, da viele Pensionskassen eigene Nachhaltigkeits-Frameworks einhalten müssen.

Weltwoche: Swisscanto Invest verwaltet total etwa 210 Milliarden Franken, davon etwa 110 Milliarden in Indexprodukten, der Rest in aktiv gemanagten Anlagen wie Fonds. Sehen Sie bei den Kunden einen Trend in Richtung Nachhaltigkeit?

Pellizzari: Ja. Es gibt ja auch Indexprodukte in der responsible Ausprägung. Da haben wir fast zehn Milliarden, Tendenz stark steigend. Auch unsere aktiven Anlagen «Responsible» und insbesondere «Sustainable» zeigen ein sehr hohes Wachstum. Die Performance ausgewählter Produkte in den letzten fünf Jahren hilft dabei sicher auch.

Weltwoche: Das Anlegerinteresse nimmt zu?

Pellizzari: Die Frage nach mehr Transparenz in Sachen Nachhaltigkeit wurde in den letzten fünfzehn Monaten richtig drängend. Früher hat es die Kunden nicht so interessiert. Gerade jüngere Kunden haben sehr konkrete Vorgaben und ein anderes Wertesystem als ältere Generationen. Wir rechnen damit, dass sich dies beim anstehenden Vermögenstransfer der Babyboomer auf die Generationen X und Y noch akzentuiert.

Weltwoche: Wie zeigt sich das im Alltag?

Pellizzari: Wir haben beispielsweise häufig firmenspezifische Anfragen. Viele Kunden haben eine Meinung zu einem Unternehmen – oftmals nicht aus einer finanziellen Perspektive, sondern aus einer persönlich-ethischen. Nestlé ist ein schönes Beispiel, da hallt der Babypulver-Skandal immer noch nach, obwohl es Jahrzehnte her ist. Viele Leute fragen: «Warum ist Nestlé in einem nachhaltigen Portfolio?» Da müssen wir auf- und erklären.

Weltwoche: Geldanlage war lange ein Optimierungsproblem mit zwei Grössen: Für einen vorgegebenen Risikoappetit suche ich jene Kombination von Wertschriften, die die höchste Rendite verspricht. Wenn man jetzt die Nachhaltigkeit als dritten Faktor hinzufügt, geht es nicht zwangsläufig auf Kosten der beiden anderen?

Pellizzari: Eher im Gegenteil! Wir sind überzeugt, dass man durch die Integration der Nachhaltigkeit sogar eine positive Auswirkung auf die Rendite erreicht.

Weltwoche: Die Auswahl an möglichen Investitionen wird kleiner.

Pellizzari: Jede Einschränkung des Anlageuniversums geht rein theoretisch auf Kosten des optimalen Rendite-/Risikoprofils. Das gilt aber nicht nur für nachhaltige Anlagen, sondern auch für quantitative Strategien, die zum Beispiel eine Value-, Quality- oder Momentum-Ansatz verfolgen. Kein Portfoliomanager der Welt kann ein Portfolio aus 70 000 Wertschriften konstruieren. Irgendwie muss man es immer herunterbrechen.

Weltwoche: Warum ausgerechnet anhand der Nachhaltigkeit?

Pellizzari: Damit können Sie einerseits underperformer und Risiken eliminieren und andererseits Titel wählen, die ein höheres upside haben. Firmen, die in einem Bereich der ESG besonders schlecht sind, bieten in der Tendenz geringere Renditen. Dazu gibt es viele Studien. Es ist ja nicht so, dass man die beste Governance oder Spitzenwerte bei Ökologie und Sozialem haben muss. Aber zu den schlechtesten 20 Prozent sollte man nicht gehören. Oftmals sind die underperformer mit dubiosen Geschäftstätigkeiten oder Strukturen und damit mit höheren Risiken assoziiert. Als Hygienefaktor funktioniert es also.

Weltwoche: In den letzten Jahren waren nachhaltige Anlagen sehr rentabel. Warum soll das auch in Zukunft so sein?

Pellizzari: In manchen Branchen mit hoher Volatilität und starkem Wachstum wird in der Regel auch mehr für potenzielles Wachstum bezahlt. Tesla ist da ein schönes Beispiel: Kann die Firma mehr wert sein als die grössten Autohersteller zusammen? Da steckt viel Wachstums-Erwartung drin. Für mich ist klar, dass die Welt in dreissig oder vierzig Jahren eine andere sein wird. Das kann man an den ganzen staatlich-regulatorischen Massnahmen ablesen. Energieeffizienz und erneuerbare Energien haben eine gute Zukunft. Auf die einzelne Aktie bezogen, braucht es natürlich eine gute Finanzanalyse: Wo ist das Potenzial vielleicht bereits ausgereizt?

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Richard Müller

29.08.2021|12:25 Uhr

«Für mich ist klar, dass die Welt in dreissig oder vierzig Jahren eine andere sein wird. Das kann man an den ganzen staatlich-regulatorischen Massnahmen ablesen.» Auch Fabio Pellizzari sieht der sinnlosen Überregulierung und der allumfassenden Planwirtschaft freudig erregt entgegen. Früher wusste man, dass politische Börsen kurze Beine haben. Heute meinen klimaaktivistische Manager, die Zukunft liege in der globalen antikapitalistischen Diktatur. Klar, zurzeit kann man mit hochsubventionierten Zeitgeistfirmen Geld verdienen. Doch es kann nicht ewig dauern, bis der Wahnsinn alles ruiniert.

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