Keiner sah die Freiheit klarer als er

Die Sehnsucht nach einer heilen Welt bedroht die Freiheit, die uns Frieden und Wohlstand gebracht hat. Umso wichtiger werden die Ideen des liberalen Denkers Friedrich August von Hayek.

Friedrich August von Hayek (1899–1992) zählt zu den bedeutendsten liberalen Denkern des 20. Jahrhunderts. Weltruhm erlangte er als Ökonom wie auch als Sozialphilosoph. Beide Gebiete greifen in seinem Werk ineinander und behandeln die existenzielle Frage, wie Menschen in komplexen Grossgesellschaften sich frei entfalten und produktiv koordinieren können. Die anonyme Grossgesellschaft, in der wir uns bewegen, dehnt und differenziert sich immer weiter aus. Sie wird grösser und diverser und so im Ergebnis noch komplexer. Kein Wunder also, dass das Interesse an seinen Ideen nicht abebbt.

Hayeks Botschaft ist Verheissung und Warnung zugleich. Die Verheissung besagt, dass in Gesellschaften das Zusammenleben am besten gelingt, wenn die Koordination über Wettbewerb und Marktprozesse erfolgt, so dass die Menschen dezentral entscheiden und ihre grösstmöglichen Handlungsspielräume behalten können. In Kurzform: Freiheit und Massenwohlstand gehen Hand in Hand. Darin liegt zugleich die Warnung vor kollektivistischen Gesellschaftsentwürfen. Wenn Sozialingenieure mit ihren Gestaltungsansprüchen das Leben der Menschen am Reissbrett glauben organisieren zu können, geraten sie regelmässig in eine unheilvolle Sackgasse aus Massenelend und Unfreiheit.

 

«Anmassung von Wissen»

Denjenigen Intellektuellen, die sich diese zentralplanerische Kompetenz zutrauen, hat er in seiner Nobelpreisrede eine «Anmassung von Wissen» vorgehalten. Das nehmen sie ihm bis heute übel. Wohl auch deshalb, weil sie von der Kritik an ihren Möglichkeiten irrtümlich auf eine Ablehnung ihrer zumeist hehren Ziele schliessen. Diese hatte Hayek indes nie in Zweifel gezogen – im Gegenteil: Ihm kam es darauf an, das Urteil über Mittel und Motive sauber zu trennen. Mehr Verantwortungs- statt Gesinnungsethik würde auch den derzeit vorherrschenden Moralismus wohltuend eindämmen.

Wegweisende Erkenntnisse über die Funktionsweise von Marktsystemen konnte Hayek (zusammen mit Ludwig von Mises) in der Debatte mit marxistischen Ökonomen über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus zutage fördern. Die marxistischen Vertreter machten geltend, dass Preise durchaus nützlich seien, um ökonomische Systeme zu steuern, dass dies aber keine Marktwirtschaft erfordere. Vielmehr könne man die richtigen Preise, die zum Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage führten, besser an zentraler Stelle ausrechnen, statt sie über Marktprozesse herausfinden zu lassen.

Dem hatten die Neoklassiker, die sich hauptsächlich für Marktgleichgewichte als statische Zustände interessierten, wenig entgegenzusetzen. Ein Übriges tat der Drang vieler Ökonomen nach möglichst durchgängiger Mathematisierung ihrer Disziplin. Ein Zentralverwaltungssystem versprach so eine willkommene Abkürzung gegenüber zeitraubenden Marktprozessen. Das System der freien Marktpreise wäre demnach nur ein Übergangsphänomen, dem alsbald ein Regime folgte, in dem alle Preise wissenschaftlich bestimmt würden. Im Ruf nach Mindestlöhnen, Mietpreisdeckeln und Sozialtarifen lebt diese Haltung bis in unsere Tage fort.

In dieser Kontroverse liefen Mises und Hayek zur Hochform auf. Sie zeigten, dass das für einen solchen Ansatz relevante Wissen niemals an zentraler Stelle vorliegen kann, sondern als lokales, situatives und persönliches Wissen über alle Mitglieder einer Gesellschaft verstreut ist. Der einzigartige Vorteil eines marktwirtschaftlichen Systems liegt gerade darin, dieses Wissen anzuzapfen und über Preissignale in einen sozialen Kommunikationsprozess einzuspeisen. Bereits 1945 hatte Hayek mit «The Use of Knowledge in Society» den Grundstein für das gelegt, was später unter dem Titel «Wettbewerb als Entdeckungsverfahren» ein geflügeltes Wort wurde.

Zugleich wurde klar, dass Eingriffe in das freie Preissystem kostbare Informationen versiegen lassen und so weitere Eingriffe nach sich ziehen und Interventionsspiralen auslösen, bis dieses immer übergriffigere System alle individuellen Entscheidungsspielräume ausgelöscht hat. Ungewollt trägt die Anmassung von Wissen daher totalitäre Tendenzen in sich. Nur ein freies Marktsystem fördert dagegen die für die sozioökonomische Koordination relevanten Preissignale zutage, ein Marktsystem, das – wie Mises gezeigt hat – ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln (Kapitalismus) nicht funktionieren kann.

Diese Erkenntnisse liessen Hayek 1944 voller Sorge auf die westlichen Demokratien blicken, die zwar kurz davorstanden, die Geissel der NS-Diktatur zu bezwingen, mit ihrer im Mainstream vorherrschenden Hoffnung auf eine heile sozialistische Nachkriegswelt aber von einem Totalitarismus in den nächsten zu taumeln drohten. «Der Weg zur Knechtschaft» – gewidmet den Sozialisten in allen Parteien – war sein Alarmruf an die damaligen Zeitgenossen. Gut eine Generation später sah er sich berufen, diese Warnung in «Die verhängnisvolle Anmassung – Die Irrtümer des Sozialismus» (1988) aufzufrischen. Heute würde er wohl erneut zur Feder greifen.

Die Sozialismusdebatte zeigt exemplarisch den Wert eines für die liberale Sozialphilosophie unverzichtbaren Prinzips. Erst die marxistische Kritik hatte die liberalen Ökonomen tiefer über das Wesen der Marktwirtschaft nachdenken lassen und damit einen Erkenntnisgewinn angestossen. Weil alles Wissen immer nur vorläufiges Wissen sein kann, treten Liberale in der Tradition Hayeks konsequent für den freien Diskurs ein. Nur so ist intellektueller Fortschritt möglich. Erkenntnisbezogene Tabus darf es in einer freien Gesellschaft nicht geben, wenn nicht Mythen und Stillstand Vorschub geleistet werden soll. In Zeiten von Cancel-Culture und ideologischen Diskurswächtern ist dieser Aspekt aktueller denn je.

Sozioökonomische Koordination macht nicht an Landesgrenzen halt. In der sich integrierenden Weltwirtschaft kooperieren Menschen zunehmend über Marktbeziehungen, die den gesamten Globus umspannen. Damit wird das Streben nach zentraler Lenkung vollends zur mission impossible. Das Mittel gegen den weiteren Kontrollverlust heisst Abschottung, die in der aktuellen Deglobalisierungsdebatte zu einer menschlicheren, weil lokaleren Welt verklärt wird. Im Gegensatz zu den Liberalen mit ihrer kosmopolitischen Moral erliegen die protektionistischen Weltverbesserer immer wieder den Urinstinkten aus der Zeit der Stammesgesellschaft, in der Fremde als Bedrohung und nicht als interessante Kooperationspartner galten.

Komplexität ist die grösste Hürde für den Interventionismus, deshalb trachten seine Vertreter überall nach Vereinfachung. Abschottung kappt komplexe Aussenbeziehungen, im Inneren hilft der Kollektivismus weiter. Die eigenständigen Menschen verkümmern so zu blossen Trägern ausgewählter Gruppenmerkmale. Gesellschaftliche Vielfalt und Komplexität werden so lange zu wenigen Aggregaten und Durchschnittsgrössen verdichtet, bis die Lage für den zentralen Planer so übersichtlich erscheint, dass er das Ganze für beherrschbar hält.

Bei dieser Scheinlösung bleibt nicht nur das relevante Wissen auf der Strecke, sondern auch die menschliche Würde. Und zwar paradoxerweise gerade deshalb, weil der Versuch, den für Kleingruppen (Familien, Freundeskreise) stabilisierenden sozialen Kitt – Altruismus, Solidarität, Zugehörigkeit – auf die anonyme Grossgesellschaft zu übertragen, dort nicht funktioniert, sondern nur dessen üble Seiten (Aggression gegen Fremde, autoritärer Zwang) übriglässt.

Auch in seiner Kritik an überzogener gesamtwirtschaftlicher Steuerung stellt Hayek in der berühmten Kontroverse mit Keynes darauf ab, dass ein solches Makromanagement die relevanten Strukturen ausblendet und so sozioökonomische Koordinationsprozesse behindert. Die Gewalt über die Notenpresse erweist sich dabei nicht nur als besonders missbrauchsanfällig, sondern – wie Hayeks Kapital- und Konjunkturtheorie zeigt – auch als besonders folgenschwer. Denn Menschen sind bei komplexer Arbeitsteilung in existenzieller Weise auf eine Währung angewiesen, die ihnen die richtigen Signale gibt, die also die Preise nicht verzerrt. Staatliche Rekordverschuldung und ultraexpansive Geldpolitik sind heute mit voller Wucht auf die Bühne zurückgekehrt – Grund genug, Hayeks Beiträge ebenfalls wieder auftreten zu lassen.

Für das Gelingen sozioökonomischer Koordination spielen geeignete Institutionen wie Sitten, Gebräuche, Regeln die Hauptrolle. Wie findet man diese? Nicht durch raffinierte Sozialingenieure, sondern durch Versuch und Irrtum in einem evolutionären Prozess. Auch hier scheitert rationalistischer Konstruktivismus an sozialer Komplexität. Viele Institutionen, die unser Leben bestimmen, sind das Ergebnis menschlichen Zusammenwirkens ohne einen bewussten Plan, so zum Beispiel Privateigentum und Geld, ohne die unsere heutige Zivilisation undenkbar wäre.

 

Arrangements und Spielregeln

Hayek ist wie sein Freund Karl Popper ein Verfechter der offenen Gesellschaft, die sich tastend fortentwickelt, statt mit einem grossen Wurf ihre finale Form zu finden. Der Respekt vor der Komplexität des gesellschaftlichen Gefüges und vor der in Form der bestehenden Regeln und Traditionen geronnenen Erfahrung spricht für Behutsamkeit beim Neudesign und gegen soziale Grossexperimente. Stattdessen braucht es Bedingungen, die für den institutionellen Fortschritt günstig sind. Diese liegen im Wettbewerb um die besten Arrangements und Spielregeln, was wiederum für Subsidiarität und föderale Strukturen spricht.

In der Europäischen Union streben massgebliche Kräfte derzeit in die umgekehrte Richtung. Unter dem Motto «Mehr Europa» wird die Zentralisierung immer neuer Kompetenzen auf Unionsebene vorangetrieben. Abgesehen vom Machtstreben der dort tätigen Akteure sind die damit ins Auge gefassten finalen Ziele meist wenig kontrovers (Frieden, Wohlstand, Gerechtigkeit). Aber sie werden oft mit Instrumenten verfolgt, die sich mit den Ordnungsprinzipien einer freien Gesellschaft nicht vertragen, sondern von oben nach unten wirken und so auf Dauer nur Enttäuschungen produzieren.

Darin liegt kein EU-spezifisches, sondern ein generelles Problem: Statt Bedingungen für eine progressive Ordnung (Herbert Giersch) zu schaffen, verfällt man einem grenzenlosen politischen Machbarkeitsglauben und verordnet ökonomische Wunschergebnisse. Das hat gravierende Folgen: Das Streben nach Einzelfallgerechtigkeit geht auf Kosten der abstrakten Regeln, ohne die ein Rechtsstaat nicht bestehen kann. Das ist das grosse Thema von Hayeks «Verfassung der Freiheit», deren deutsche Ausgabe vor fünfzig Jahren erschienen ist. Kaum ein Buch könnte heute aktueller sein.

 

Stefan Kooths ist Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der BSP Business School Berlin und Vorsitzender der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft.

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Claudio Hammer

01.06.2021|20:48 Uhr

Grob: Und ich war damals noch in der Versicherungsbranche auf der Assetseite tätig und wir bekamen keine Preise mehr für unsere gehaltenen verbrieften toxischen Papiere von denen wir Milliarden angehäuft haben. Und wer hat am Ende die "Verantwortung" übernommen? Die Staaten und Zentralbanken, am Ende auch der Steuerzahler für all diese dubiosen Zockereien dieser "systemrelevanten Institute". Das kreide ich von Hayek an, als er 1986 mit Friedman & Thatcher die Finanzmärkte dereguliert hat. Er hat menschliche Abgründe, Verantwortungslosigkeit & Gier der Finanzmenschen massiv unterschätzt!

Hans Grob

01.06.2021|08:22 Uhr

@C.H. Ich Zu der Zeit tourte ich durch Lateinamerika, nicht gerade bei Uruguay, dachte mir: was soll sich der Rest der Welt um diese Immokrise kümmern? Sollten wir uns auch nicht gross um Wallstreet, ich kenne genug Schweizer, Europäische Banken, Privatbanken, die haben genau das gegenteilige Modell. Kapitalismus und Freie Marktwirtschaft bedingen Verantwortung, auch für Verluste, und jene Machenschaften sprechen dagegen.

Claudio Hammer

31.05.2021|15:57 Uhr

Grob: Der Weg in die Subprimekrise wurde nicht durch "sozialistische Ansinnen" bereitet, sondern bei rep. Mehrheiten in beiden Kammern, die zuerst den schon arg durchlöcherten Glass Steagall Act beseitigten (Clinton hat da einfach noch unterschrieben) & noch verheerender der Commodity Futures Act 2000, der es erlaubte Hypotheken mit Derivaten aufzupimpen. Erst 3 Jahre tiefe Zinsen, die dann massiv ansteigen & 2007/08 reihenweise Pleite gingen. Dazu Verbriefungswahn, CDS-Scheinversicherungen -> erzkapitalistisches Machwerk - die Saat hat u. a. von Hayek mit Thatcher 1986 mit dem Big Bang gelegt

Hans Grob

30.05.2021|15:30 Uhr

Der Ursprung der Finanzkrise 2007 ist im US-sozialistischen Ansinnen zu verorten, jedem sein eigenes Häuslein zu verleihen, was natürlich nicht ohne massive Verzerrung der Preisbildung geschehen konnte. Im Bankenwesen gibt eine Entkopplung von Gewinn/Risiko/Entscheid und Verantwortung ausg. Privatbanken mit haftenden Mitgliedern des Direktoriums. - Zwei heute wichtige Gebiete, die ich im Essay oder bei Hayek selber vermisse: 1. Sozialstaat und dessen Missbrauch u. a. durch Immigration 2. externe/ökologische Schäden, die nicht durch Verursacher, aber u. a. durch fernere Nachkommen getragen.

Claudio Hammer

28.05.2021|15:23 Uhr

Diesen ganzen verrotteten Finanzspätkapitalismus mit Negativzinsen mit über 40 Bio $ auf 50 % des Welt-BIP aufgeblähten Zentralbanken, einer globalen Verschuldung von 350+% haben wir mitunter auch Hayek zu verdanken, der 1986 zus. mit Friedman Thatcher beim Big Bang der Finanzmärkte beraten hat, aber vergessen hat wie gierig & rücksichtlos Bankster agieren. Kein Wunder, musste das Finanzsystem 2008/09 in sozialistischer Manier gerettet werden. Beim Klimawandel haben die Hayekianer auch keine Antwort, da wird über das Atlas-Network z. B. Heartland Institute einfach weggelogen, was das Zeugs hält!

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