Zweierlei Mass

Ausschreitungen in Washington: Was der rechte Mob von den linken Mobs gelernt hat, und wie der Rechtsstaat nicht mehr gilt.

Die Kritik an Trump als Anstifter von Gewalt und Aufruhr geht fehl. Auch am Mittwoch forderte er seine Anhänger auf, «friedlich und patriotisch» zu protestieren. Die Medien blenden es aus.

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Ursache (Trump) und Wirkung (Einbruch ins Kapitol). Genauso wenig war Linksaussen-Senator Bernie Sanders schuld, als einer seiner Anhänger 2017 das Feuer auf Kongressleute eröffnete, nachdem Sanders während Monaten scharf behauptet hatte, die republikanische Gesundheitspolitik töte jährlich 36 000 Senioren. Am «Kongress-Baseball-Attentat» wäre ein rechter Parlamentarier fast gestorben.

Trotzdem haben Politiker eine Verantwortung für ihre Worte. Sie können Stimmungen nicht erzeugen, aber manchmal müssen sie sie mässigen. In den neunziger Jahren waren viele Schweizer wütend auf den EU-gläubigen Bundesrat. SVP-Aufsteiger Christoph Blocher hätte mühelos einen Saubannerzug entfesseln können. Blocher tat es nicht. Er hielt sich zurück.

Krawalle sind immer zu verurteilen. Die mantramässigen Verdammungen von Trump allerdings wären glaubwürdiger, hätten sich die jetzt so Empörten im letzten Jahr ebenso entrüstet über die monatelangen Ausschreitungen, Verwüstungen, Brandschatzungen, Körperverletzungen und Polizistentötungen durch linke Mobs in demokratisch regierten Städten.

Führende Demokraten verharmlosten, rechtfertigten und verherrlichten die Ausschreitungen von Antifa und «Black Lives Matter» geradezu. Senatorin Kamala Harris, bald Vizepräsidentin, lobte am 17. Juni in einem Interview mit dem Comedian Stephen Colbert die marodierenden Linken als freiheitliche «Bewegung», die man nicht stoppen dürfe.

Rund 700 Polizisten wurden verletzt, mehrere Polizisten erschossen, darunter auch schwarze. Hat man es in der Schweiz überhaupt zur Kenntnis genommen?

Monatelang gab es Angriffe auf Geschäfte, Plünderungen, Brandanschläge und Besetzungen von Polizei- und Gerichtsgebäuden, die Inbesitznahme von ganzen Stadtvierteln in Seattle durch Aktivisten und bewaffnete Gangs, die Anwohner terrorisierten. Von links kam donnerndes Schweigen.

Noch im TV-Duell mit Präsident Trump bezeichnete Joe Biden die Antifa als «Märchen». Können «Märchen» Gebäude anzünden und Menschen verprügeln?

Die Linke zetert, die dummen Trump-Anhänger würden unbewiesenen Behauptungen von Wahlbetrug hinterherlaufen. Die Linken laufen dafür der genauso unbewiesenen Behauptung nach, in den USA – dem Land der obsessiven Förderung von Minderheiten – gebe es «systemischen Rassismus». Mit diesem Slogan reden sie sich jeden Rechtsbruch schön.

Fast unbehindert durften linke Bilderstürmer während Monaten über Statuen und patriotische Denkmäler herfallen. Oft schaute die Polizei nur zu.

Auch den Sturm aufs Kapitol gab es schon von links. Während das Hearing für den konservativen Bundesrichterkandidaten Brett Kavanaugh lief, stürmten Feministinnen den Senat.

Die US-Linke hat zum Rechtsstaat ein elastisches Verhältnis. Wenn ihre eigenen Leute randalieren, heiligt der Zweck fast jedes Mittel. Als die US-Städte im Zeichen des angeblichen Antirassismus brannten, wollten viele Demokraten der Polizei das Geld streichen. Nach den rechten Krawallen von Washington forderten sie viel mehr Härte von der Polizei.

Vielleicht hat der rechte Mob von den linken Mobs gelernt, dass die Elite in Washington nur dann zuhört, wenn man Krawall macht; wenn man nationale Heiligtümer attackiert.

Am Mittwoch letzter Woche wurde eine unbewaffnete Frau beim Durchsteigen eines Kapitol-Fensters mit einem Schuss in den Nacken von der Polizei getötet. Stellen wir uns vor, was los gewesen wäre, wenn ein unbewaffneter Teilnehmer einer «Black Lives Matter»-Demo auf diese Art gestorben wäre. Man hätte die Polizei verteufelt und das Opfer zum Helden erklärt. Heute ist es genau umgekehrt.

Warum haben so viele Amerikaner das Gefühl, die Linken hätten bei diesen Wahlen massiv betrogen? Vielleicht auch deshalb, weil sie von den gleichen Linken und deren Medien seit Jahren als Nazis, Rassisten und Hinterwäldler diffamiert, herabgesetzt werden.

Als Trump gewählt wurde, nannten ihn führende TV-Kommentatoren «hitlerianisch». Dieser Tage verglich Bald-Präsident Biden, der Versöhner, Trumps Unterstützer im Senat mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels.

Und ist gegen eine neue Hitler-Brut im Weissen Haus nicht jedes Mittel erlaubt, auch Wahlbetrug? Die masslose Verachtung der einen produziert das masslose Misstrauen der andern.

Diese Sicht dringt kaum bis nach Europa durch. Unsere Medien schreiben ab, was die Anti-Trump-Journalisten von New York Times bis CNN prawdamässig vorgeben: Trump kann, darf nichts richtig machen. Man muss ihn verteufeln, um nicht selber verteufelt zu werden.

Amerika geht nicht unter, wenn ein unbewaffneter Mob ins Parlament einbricht. Demokratien verfallen, wenn mit zweierlei Mass gemessen und gerechtet wird. Wenn sich bei der einen Hälfte die Gewissheit verfestigt, wir kommen für alles dran, und die anderen kommen mit allem durch, kann sich eine Demokratie sogar dem Bruchpunkt nähern.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Markus Spycher

15.01.2021|21:27 Uhr

@Bruno Mair. Daumen hoch für Ihren Beitrag vom 15.01.

Bruno Mair

15.01.2021|14:51 Uhr

@Furrer. Als überzeugter und bekennender Christ sollten Sie eigentlich diese Taten der gewalttätigen, rechtsradikalen Trump-Fanatiker verurteilen. Wenn das Ihre Interpretation von christlichen Glauben ist, so bestätigt meine Einschätzung so manches, was ich nicht näher erläutern möchte. Trump hat es nicht wortwörtlich gesagt, "man soll das Kapitol stürmen", schlussendlich hat er es nur so gemeint. Hat das Ihr "Gott" so gewollt?

Beat Furrer

14.01.2021|18:16 Uhr

@Jürg Brechbühl: Hat Trump gesagt, dass seine Anhänger das Kapitol stürmen sollen? Wo genau, mit welchem Wortlaut? Ist Trump, der Amerika nicht nur mit Worten, sondern in Tat und Wahrheit wieder gross gemacht hat (zumindest bis vor Ausbruch der China-Seuche), der Kriege vermieden hat, und der den Zuspruch von mindestens 75 Millionen Amerikanern hat, ein Bubi? Ein miserabler Verlierer? Wir werden am 21. Januar sehen, ob Trump wirklich verloren hat.

Yvonne Flückiger

14.01.2021|10:28 Uhr

Ja, Doppelmoral und Korruption zersetzen jede Gesellschaft und letztlich die Zivilisation. Ausserdem gebiert sie Heuchler und Denunzianten. Und: Der Böse ist sowieso immer der Andere. Im Fall Trump sind sich da alle, oder zu viele einig. Ein typisches Sündenbock- Szenario, wie es fast jedem Krieg voraus geht. Diese Situation und Polarisierung ist gefährlich.

Jürg Brechbühl

13.01.2021|22:13 Uhr

Falsch. Donald Trump stellte sich vor das Kapitol, sagte, die Wahlen wurden gefälscht und dass seine Anhänger das Kapitol stürmen sollen. Das mit dem "friedlich" sagte er dann etwa drei Stunden hinterher. Er ist einfach ein miserabler Verlierer, ein Kindsbubi. Sorry.

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