Wer flucht, ist ehrlich

Fluchende Menschen bekommen für ihr unkultiviertes Verhalten eine Art wissenschaftlich zertifizierte Carte blanche. Das ist wunderbar. Dabei gilt es aber etwas zu beachten.

Gopferdeggel, du ********* **** *****, ***** *** ******!!!» Ich gehöre zu den Fluch-affinen Menschen. Zu meiner Verteidigung: Kraftausdrücke benütze ich hauptsächlich im Auto. Okay, manchmal noch beim Gamen. Oder beim Weitergereicht-Werden in der telefonischen Warteschlange im Kundendienst. Aber meistens keimt die unkultivierte Kommunikation hinter dem Steuer. Da fluche ich gerne über Fussgänger, die sich auf dem Zebrastreifen hartnäckig ans Schneckentempo halten, Automobilisten, für die Rechtsvortritt ein Fremdwort ist, Velofahrer, die meinen, dass Lichteinschalten bei Dunkelheit sie etwas koste. Da man als wohlerzogene Frau schlecht aussteigen und mit seiner Louis-Vuitton-Tasche auf Menschen einschlagen kann, sende ich mit Hingabe reihenweise dezidierte Ratschläge durch die Windschutzscheibe und füge gelegentlich zwecks besserer Veranschaulichung international anerkannte Fingerzeichen bei. Das Freisetzen dieser angestauten Energien an weitgehend stumm bleibende Empfänger wirkt unglaublich befreiend.

Es gibt gute Nachrichten: Menschen müssen sich für ihre verbalen Ausraster nicht schämen, auch nicht rechtfertigen. Das Herumfluchen steht nämlich weder für mangelnde Selbstbeherrschung noch für schlechte Kinderstube. Im Gegenteil. Gemäss diversen wissenschaftlichen Befunden ist Fluchen eine sehr positive Eigenschaft, sie zeugt von Intelligenz und Ehrlichkeit. Falls eine Person so gar nicht flucht, sei das sogar verdächtig. Das alles findet man bei Google: «Studie beweist: Intelligente Frauen fluchen mehr», «Studie: Intelligente Menschen fluchen», «Wissenschaft beweist: Wer flucht, ist schlau!» und «Studie: Fluchen ist ein Zeichen von Ehrlichkeit». Normalerweise sind Studien ja mit Vorsicht zu geniessen, aber ich finde, hier kann man ruhig eine Ausnahme machen.

Im Rahmen der ersten Studie mussten Probanden so viele Flüche aufzählen, wie ihnen in einem begrenzten Zeitraum mit bestimmten Anfangsbuchstaben einfielen. Menschen, die viele Flüche kannten, zeigten laut den Wissenschaftlern einen sehr guten Wortschatz und ein ausgeprägtes Gefühl für Sprache. Dass dieses Sprachgefühl hauptsächlich aus dem Vokabularium notdürftiger Absonderungen («Scheisse») oder bei englischen Begriffen der sexuellen Beschäftigung («fuck») stammt, spielt ja keine Rolle. Auf jeden Fall schlossen die Wissenschaftler daraus, dass diese Teilnehmer eine hohe Intelligenz haben müssen. Wie das jetzt konkret beweist, dass intelligente Frauen mehr fluchen, darauf geht der Sat1.ch-Artikel nicht ein – was aber einerlei ist, weil die Headline für mich auch so stimmt.

Die Studie mit der Ehrlichkeit ist besonders eindrucksvoll. Sie stammt von 2017 und wurde von einem internationalen Forscherteam durchgeführt. Laut Spiegel.de haben die Wissenschaftler 276 Teilnehmer zu ihren «Fluchgewohnheiten» befragt; sie mussten ihre Lieblings-Schimpfwörter auflisten und angeben, wie oft sie fluchen. Ausserdem wurde analysiert, wie sehr die Teilnehmer zum Lügen neigen. Dabei stellten die Forscher fest: Wer häufig schimpft, der sagt auch tendenziell eher die Wahrheit. «Wir haben einen durchgehend positiven Zusammenhang zwischen Obszönität und Ehrlichkeit festgestellt. Fluchen ging mit weniger Täuschung einher», schreiben die Autoren. «Vermutlich ist es ihnen weniger wichtig, andere gnädig zu stimmen und selbst gut dazustehen.» Es sei deshalb plausibel, dass die Fluch-Affinen authentischer auftreten.

Dass Fluchen ein Urtrieb ist und Menschen guttut, ist längst erwiesen. Eine britische Studie hat sogar ergeben, dass Fluchen auch körperliche Schmerzen lindern kann. Versuchspersonen mussten eine Hand in Eiswasser halten – wenn sie dabei «Scheisse» sagten, konnten sie den Schmerz länger aushalten. Studien an Alzheimerpatienten zeigen, dass Fluchworte das Letzte sind, was sie verlässt. Gemäss Erkenntnissen der Gehirnforschung ist – an Arbeitstagen – zehn Prozent unseres Wortschatzes mit Kraftausdrücken gespickt, den grössten Teil der Schimpftiraden entladen wir beim Autofahren. Neurologen gehen davon aus, dass Flüche aus uns schiessen, wenn der Emotionsstau das limbische System überfordert. Auf den Fluch folgt die Erleichterung, ein angenehmes Gefühl also. Das ist auch der Grund, weshalb wir nicht gleich zuschlagen. Spiegel.de beschreibt es so: «Der Kessel lässt Dampf ab, egal wie stark der Koch den Deckel festhält, und bleibt danach ruhig.»

In kniffligen Situationen ist die (wissenschaftlich genehmigte!) vorübergehende Mu-tation zum Fäkalsprachen-Experten also eine sinnvolle Methode gegen einen erhöhten Blutdruck oder den Drang, sich einen Presslufthammer von der nächsten Baustelle zu be-sorgen und damit ausgewählte Objekte zu bearbeiten. Nur sollte man sich dabei nicht erwischen lassen, denn Beschimpfungen oder entsprechende Gesten können ehrverletzend und somit strafrechtlich relevant sein. In Deutschland sind Fälle bekannt, bei denen Autofahrer für gestreckte Mittelfinger mit bis zu 4000 Euro oder für verbale Beleidigungen mit 2500 Euro gebüsst wurden. Am besten also, man lässt im Auto immer das Fenster geschlossen – oder aber man gewöhnt sich an, Fluchworte zu ersetzen, entweder durch nervige Namen wie «Heidi!» oder verhasste Lebensmittel wie «Fenchel!». So geht garantiert nichts schief.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.
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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Markus Spycher

01.03.2020|09:39 Uhr

Was heisst hier "unkultivierte Kommunikation hinter dem Steuer", Frau Wernli? Wenn zwei einander nicht verstehen, liegt die Vermutung nahe, dass sie Kommunikationstheorie studiert haben.

Markus Spycher

27.02.2020|17:03 Uhr

>> "Wer flucht, ist ehrlich." Und wer nicht flucht, unehrlich? Todsicher, das beweisen die alltäglichen Werbespots in unseren Medien: Nie findet man ein unanständiges Wort in Werbespots. Hoffentlich fluchen Werber wenigstens bei ihrer Arbeit oder zu Hause. Ich finde es wohltuend (ohne Ironie), wenn ein internationales Forscherteam einem gewichtigen Teil des Unterschichten-Wortschatzes zu Ehre und Emanzipation verhilft. Soziale Unterschichten sollen in ihrem Alltag nicht mehr als ca. 100 verschiedene Wörter gebrauchen. Und doch können sie sich - zumindest untereinander - gut verständigen.

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