Dragqueen-Stunde mit den Kids

Früher gingen Eltern mit ihren Kindern für Märchenerzählungen zu Trudi Gerster. Heute gilt es als progressiv, wenn man die Kids zur Märchenstunde mit Dragqueens mitnimmt.

Irgendwann werden Märchentante, Kasperlitheater und Zirkus zwecks Kinderbeschäftigung ausgedient haben und durch nichtbinäre, genderfluide Allround-Spielzeugroboter mit xier-Pronomen ersetzt. So sieht der Lauf der Dinge aus, und, wer weiss, vielleicht ist das ja gut so. Die Trends, die in der Zwischenzeit entstehen, sind aber mindestens genauso, sagen wir, interessant, wie das neuste Beispiel zeigt.

«Dragqueen-Märchenstunde für unter Fünfjährige und ihre Eltern.» Auf ihrer Website newhamlgbthistory.com wirbt eine LGBT-Gruppe in London dafür, Kindern Dragqueens näherzubringen. «Die Dragqueen-Märchenstunde ermöglicht es den Kindern, Leute zu sehen, die sich gegen die Gender-Beschränkungen verwehren, und sich eine Welt vorzustellen, in der Leute sich so präsentieren können, wie sie möchten.» Der Event findet in einer öffentlichen Bibliothek im Rahmen des «LGBT History Month» statt. Wo Kids früher bei der Märchentante glänzende Äuglein bekamen, bestaunen sie heute also Dragqueens. Verzeihen Sie mir die nicht ganz akkurate Metapher, aber Dragqueen und Kleinkinder – meinem Gefühl nach passt das etwa so gut zusammen wie Postmoderne und Amische.

Diese Dragqueen-Märchenstunde ist kein Sonderling unter den heute teils eigenartigen Aktivitäten, mit denen sich progressive Freigeister für eine offenere und tolerantere Gesellschaft einsetzen (was grundsätzlich natürlich eine gute Sache ist). Auch die Förderung von Drag-Kids wie dem zwölfjährigen Showstar Desmond Napoles durch begeisterte Erwachsene mutet bizarr an. Schenkt man diversen Artikeln Glauben, gibt es immer mehr Drag-Events für Kinder. Auf der LGBT-Newswebsite advocate.com schwärmen Eltern: «Wenn Kinder mit Drag in Kontakt kommen, hilft ihnen das bei ihrer Selbstdarstellung, mit dem Selbstvertrauen und der Offenheit gegenüber anderen.»

Dragqueens sind grossartig. Die Kunstform, in der sich Männer als Frauen verkleiden, in die Rolle der Diva mit beneidenswertem Wimpernaufschlag schlüpfen, mit pompösem Haar, schrillem Make-up und oft einer Prise Humor, ist vergnüglich. Lange Zeit war Drag eine Subkultur, heute ist das Genre gesellschaftlich mehr als akzeptiert. Auf Pro Sieben sucht Heidi Klum die Queen of Drags, die Deutsche Olivia Jones ist Kult, RuPaul brachte den Drag schon 2009 ins Mainstream-Fernsehen.

Dass man Kinder schon früh an unterschiedliche Lebensweisen heranführen möchte, ihnen zeigt, dass man sich nicht in gesellschaftliche Muster zwängen muss, macht Sinn. Der Schlüssel zu mehr Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Menschen liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen Kindheit, Erziehung, Bildung und dem Potpourri an persönlichen Erfahrungen eines jeden Individuums. Aber wieso um alles in der Welt braucht es dafür Dragqueens?

Es scheint eine eher unnatürliche Art der kindlichen Aufklärung zu sein, wenn man mit seinem unter fünfjährigen Nachwuchs zwecks Aufbau des Selbstvertrauens ausgerechnet Dragqueens aufsucht, Frauen mimende Männer, die in ihren Shows auch mit Sexualität kokettieren, ähnlich der Burlesque, und da ein Erwachsenenpublikum unterhalten. Und warum sollen die kleinen Knirpse überhaupt für «Gender-Beschränkungen» sensibilisiert werden, warum können sie nicht einfach unter Gleichaltrigen mit Kostümierungen experimentieren? Denn es ist schon ein Unterschied, ob man den Sprössling in seiner Entwicklung, egal, welcher Art, unterstützt oder ihn aktiv motiviert, von der Norm abzuweichen. Man muss sich auch fragen, ob es den superprogressiven Eltern hier tatsächlich um die Kinder geht oder ob solcher Aktionismus nicht einfach dem Zweck dienen soll, ein besonders fortschrittliches Familienbild zu vermitteln.

Es gehört ja heute zum festen Bestandteil der westlichen Gesellschaft, auf irgendeine Art anders sein zu wollen. Wer nicht anders ist, ist eben bloss normal. Weil normal aber langweilig ist und man als Normaler zudem Gefahr läuft, zu den Intoleranten und Homophoben zu zählen, erschaffen sich viele eben ihre eigene, von der Norm abweichende Welt. Nur ist es schwer vorstellbar, dass die zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt einen stützenden Einfluss auf eine junge Seele hat – stiftet dies bei einem Kleinkind nicht eher Verwirrtheit?

Die prominente US-amerikanische Dragqueen Kitty Demure übt harsche Kritik an Drag-Kids-Events. In einem Video richtet sie sich dezidiert an die Eltern: «Würdet ihr wollen, dass eine Stripperin oder ein Pornostar euer Kind beeinflusst? Eine Dragqueen tritt in einem Nachtklub für Erwachsene auf – da passieren viele dreckige und sexuelle Dinge, hinter der Bühne gibt es viel Nacktheit, Sex und Drogen. Ich denke nicht, dass das ein Weg ist, den ihr euer Kind erkunden lassen möchtet.» Kids könnten Rollenspiele zu Hause ausprobieren, sie in Drag zu involvieren, halte sie für extrem unverantwortlich. «Ich verstehe, dass du als cool und woke gelten willst und zeigen möchtest, dass du nicht homophob bist. Aber du kannst dein Kind als gewöhnliches Kind erziehen, ohne es in schwule und sexuelle Dinge miteinzubeziehen.» Auch täte man damit dem Ruf der Schwulen-Community keinen Gefallen. «Nehmt eure Kids mit nach Disneyland.»

Es gibt da dieses Sprichwort mit dem «Gegenteil von gut» und «gut gemeint», das trifft es vielleicht ganz gut.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel. Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Werner Widmer

20.02.2020|22:56 Uhr

Wo ist der Drag-King?

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