Gladiatorenkinder

Thaiboxen ist eine der härtesten Kampfsportarten der Welt und für manche Athleten ein Weg aus der Armut.Schon Kinder nehmen massive Hirnverletzungen in Kauf – wie der 13-jährige Anucha Tasako, der ohne Kopfschutz antrat, in der Arena ohnmächtig zusammenbrach und kurz darauf verstarb.

Ein Ring, abgesperrt mit rot-weissen Plastikbändern, in einer kargen Halle in Thailands Zentralprovinz Samut Prakan, südlich von Bangkok. Auf dem verwackelten Handyvideo sind johlende Menschen und Tröten zu hören, verzerrt und ohrenbetäubend. Im Zentrum eines grobkörnigen Videobildes sieht man zwei magere Jungs, nur mit glänzenden Boxershorts bekleidet und mit Handschuhen, die viel zu gross für die dünnen Arme wirken. Die beiden Burschen kämpfen verbissen, halten nichts zurück. Das ist kein Spiel, wirkt kaum noch wie ein Sport, es sieht aus wie ein Kampf ums nackte Überleben: Tritte, unerbittliche Umklammerungen und immer wieder ungebremste Faustschläge auf den Kopf – bis einer, unter dem Jubel der Menge, ohnmächtig zusammenbricht: Anucha Tasako.

 

Gnadenloses Megageschäft

Es ist die dritte von fünf Runden eines Muay-Thai-Kampfes an einem Wohltätigkeitsturnier in einer Vorstadt. Das kurze Video, das im Internet seit jenem Novembertag die Runde macht, zeigt die letzten Minuten im Leben des Jungen. Der Dreizehnjährige war ins Krankenhaus transportiert worden, doch er wachte nicht mehr auf. Zwei Tage später war Anucha Tasako tot – Hirnblutungen.

Er ist nicht das einzige Opfer dieses Sports, aber eines der jüngsten. Nur wenige Tage vor dem Tod des jungen Anucha war der italienische Boxmeister Christian Daghio gestorben, nachdem er in der 12. Runde eines Titelkampfes in Rangsit, einem Vorort der Hauptstadt Bangkok, k. o. geschlagen worden war.

Muay Thai oder Thaiboxen ist der Nationalsport des südostasiatischen Königreiches und zählt zu den härtesten Kampfsportarten der Welt. Es ist die traditionelle Kriegskunst der thailändischen Soldaten, ein Kampf mit Fäusten, Beinen und Ellbogen, falls der Feind zu nah herankam für den Einsatz von Speer oder Schwert. Ein Sport mit sechzehn Gewichtsklassen, vielen Ritualen und komplizierten Regeln. Dabei ist beinah alles erlaubt, ausser zu beissen: Die Boxer dürfen kicken, schubsen, schieben und ihre blossen Füsse, Beine, Ellbogen und Schultern neben ihren Fäusten einsetzen, um sich gegenseitig k. o. zu schlagen.

Diese Kampfsportart ist auch in der Schweiz beliebt. Das erste Schweizer Muay-Thai-Gym gab es schon 1985 in Winterthur. Zwei Jahre später wurde der Schweizerische Muay-Thai- Verband gegründet. Ikonen wie Andy Hug aus dem Aargau, der hier wie in Asien ein Superstar war und zeitweise als der beste Kickboxer der Welt galt, haben diesen Sport noch beliebter gemacht. Der Legende nach geht die Kampfkunst schon auf das 16. Jahrhundert zurück, als König Naresuan von Siam in burmesischer Gefangenschaft war. Man soll ihm seine Freiheit zugesagt haben, wenn er in einem Zweikampf die burmesischen Champions besiegen könne. Der König hatte Erfolg, und fortan war Muay Thai der Lieblingssport im Land des Lächelns.

 

Anuchas Boxershorts werden versteigert

Thaiboxer sind geachtete und geehrte Idole, und jeder Knirps träumt davon, als berühmter Kämpfer ganz gross rauszukommen und Geld zu scheffeln. Professionelle Kämpfer müssen mindestens fünfzehn Jahre alt sein, aber überall in Thailand finden Amateurkämpfe zwischen weit jüngeren, nichtlizenzierten Boxern statt. In über tausend Trainingscamps werden kleine Jungs schon ab dem Alter von vier oder fünf Jahren gedrillt. Laut offiziellen Zahlen sind zwar nur 635 Boxer unter fünfzehn Jahren registriert, doch informell liegt die Zahl wohl bei weit über 100 000 Kinder-Kämpfern.

Anucha Tasako hatte mit acht angefangen. In seinem kurzen Leben nahm er an mehr als 170 Kampfrunden teil und trat in der Gewichtsklasse unter 41 Kilo an. Er lebte bei seinem Onkel, der ihn aufzog und auch trainierte – und den er mit seinen Preisgeldern finanziell unterstützte.

Muay Thai ist ein Megageschäft. Egal, ob bei den grossen Kämpfen samstagabends im nationalen Boxstadion von Bangkok, wenn die halbe Nation vor dem Fernseher sitzt, oder in provisorischen Hallen wie jenen in Samut Prakan: Beim Muay Thai fliesst viel Geld, vor allem durch die Wetten. Dem Sieger eines Kampfes winkt zur Belohnung ein Teil des Wetteinsatzes.

Wer es in öffentliche Kämpfe schafft, kann schon als kleiner Junge 300 bis 500 Baht in einem Boxmatch verdienen, das sind umgerechnet etwa 10 bis 15 Franken – ein kleines Vermögen für viele. Junge Gladiatoren wie Anucha Tasako müssen kämpfen, sie müssen alles geben und dreschen gnadenlos aufeinander ein, weil sie oft mit ihren Preisgeldern ihre gesamte Familie ernähren. Der Sport ist für sie ein Weg aus der Armut.

Seinem Gegner bei dem tödlichen Kampf, Nitrikon Sonde, geht es ebenso. Und so klingt sein anschliessender Kommentar bei Facebook auch beinahe pietätlos: «Ich bereue es, aber ich muss kämpfen und gewinnen, um genügend Geld für meine Ausbildung zu verdienen.» Er will nun seine Boxershorts aus dem Kampf versteigern, um zur Wiedergutmachung etwas Geld für Anuchas Familie zu sammeln.

Der Tod des jungen Boxers hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Und er hat Kinderrechtler auf den Plan gerufen, die schon seit Jahren solche erbarmungslosen Kämpfe zwischen Minderjährigen überall in Thailand für gefährlichen Kindesmissbrauch halten. Einmal mehr wurden Stimmen laut, diese Kämpfe ganz zu verbieten.

Anuchas Onkel und Trainer, Damrong Tasako, sagte später gegenüber dem thailändischen Fernsehen, der Tod seines Neffen sei zwar «ein Unfall gewesen», aber er wünsche sich trotzdem ein Gesetz, das für Kinder unter fünfzehn Jahren künftig Schutzkleidung vorschreibe, um Schläge auf den Kopf und den Körper zu mildern.

Anucha Tasako und sein Gegner hatten keinen Helm getragen. Das ist nur allzu üblich bei den Kämpfen der Kleinen. Immer wieder haben Mediziner in dem südostasiatischen Land vor den Gefahren gewarnt. Ein Neurologenteam der Mahidol-Universität in Bangkok hat sogar eine Studie mit 300 Kinderkämpfern durchgeführt. Mit dem Ergebnis, dass diese Jungs deutlich niedrigere IQ hatten als andere Gleichaltrige aufgrund der «wiederholten Schläge auf den Kopf bei Gehirnen, die sich noch in der Entwicklung befinden». Auch mache der Sport sie anfälliger für Parkinson und Alzheimer.

 

Kurze Empörung

Nun hat das Ministerium für Tourismus und Sport einen Gesetzentwurf im Parlament eingebracht, mit dem Muay Thai für Kinder unter zwölf Jahren ganz verboten werden soll. Nach dem Tod des Jungen galt es zunächst als wahrscheinlich, dass der Entwurf genügend Unterstützer finden würde.

Doch der Tatendrang und das Mitgefühl haben schnell an Schwung verloren. Die Box-Lobby ist stark, denn Muay Thai ist enorm lukrativ. Fans und Teilnehmer protestierten lautstark. Die rauen Umstände in den Boxringen seien Standard, hiess es dort. Der in Thailand bekannte Kampfkunst-Promoter Chatri Sityodtong betonte öffentlich, Muay Thai sei «ein äusserst ehrenhafter Weg, armen Verhältnissen zu entrinnen».

Der Anwalt Sukrit Parekrithawet, der mehrere Boxtrainingslager vertritt, erklärte: «Ein solches Gesetz hätte erhebliche Auswirkungen auf die Branche.» Es würde dazu führen, dass der Sport ausstirbt. «Wer dieses Gesetz erfunden hat, hat keine Ahnung von dem Sport», so der Anwalt. «Wenn Sie jüngeren Spielern nicht erlauben, ihren Weg nach oben zu erlernen, wie können sie stark und erfahren genug werden, um zu kämpfen? Wir nennen es ‹Boxknochen›. ‹Boxknochen› müssen sich schon in sehr jungem Alter bilden.» Doch Anucha Tasakos «Boxknochen» waren nicht stark genug für die harten Schläge seines Gegners.

Die Empörung über den Tod des dreizehnjährigen Jungen hat nicht lange angehalten. Muay Thai ist einfach zu populär in Thailand – auch bei den Touristen. In grossen Reisebussen werden sie zu den Stadien gefahren. Sie kaufen die teuersten Sitze rund um die Boxarena und geniessen die Spannung, den Lärm der Zimbeln und Trommeln, die gebrüllten Wetteinsätze und die Rituale rund um den Sport. Und so tragen diese neugierigen Urlauber, die die Atmosphäre eines echten Thaibox-Kampfes erleben wollen, dazu bei, dass kleine Jungen sich weiterhin immer wieder aufs Neue in den Ring werfen.

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Alex Baur, Redaktor

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