Allein nach Moskau

Staatlich gefördertes Wegschauen: Micha Lewinskys Komödie «Moskau einfach!» vernebelt die Realität.

Der andere Mann im grossen Kinosaal (122 Plätze) verliess nach zehn Minuten die Vorführung. Schade, aber begreiflich. Gerne hätte ich erfahren, ob wenigstens er einmal lacht beim breit promoteten Film, der eine Komödie ist. Doch wer flieht, hat gute Gründe: der Plot ein plumpes Plagiat, geklaut von Rolf Lyssys «Die Schweizermacher», zwei, drei amüsante Rollenspiegelungen, die Pointen platt bis auf zwei. Für Unterhaltungssuchende wird’s ein verlorener Abend. Und politisch? Wie viel Erkenntnis und Denkstoff gibt es für die Fr. 19.50 Eintritt und 99 Minuten Ausharren? Immerhin spult «Moskau einfach!» eine Geschichte ab, die vor dreissig Jahren die Schweiz durchgeschüttelt hat. Und das Bundesamt für Kultur hat den Streifen mit 1 451 724 Steuerfranken gefördert. Er muss bedeutend sein. Auch wenn er ab neun Jahren freigegeben ist.

Das Dümmste oder Falscheste zur Relevanz des Fichenfilms steuerte nach der Premiere an den Solothurner Filmtagen alt Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) bei. Der Mann, der im Herbst 1989 als PUK-Präsident die Fichenaffäre lostrat, raunte ins Mikrofon des Schweizer Fernsehens, das den Film mitfinanziert und -pusht: «Das Thema ist dermassen tragisch und aufwühlend, dass man ihm nur mit einer Komödie beikommt.»

Als Leuenberger seinen Bericht über die Sammelwut der Behörden und deren 700 Karteiblätter zu Menschen und Organisationen präsentierte, inszenierte er keineswegs eine leichte «Komödie». Mit hochmoralischem Pathos läutete er eine politische Zeitenwende ein. Der Protest gegen den Überwachungs- und Kontrollstaat leitete die Machtverschiebung von rechtsbürgerlich zu halblinks bis ganzlinks ein. Das war politischer Ernst. Leuenberger wurde als erster prononciert Linker und 68er Bundesrat.

 

Kontrolle der Gegenseite

Verschleierndes sagte der Alt-Magistrat, weil die heimliche Ausforschung der Bürger mit der Fichenaffäre nicht etwa ihr Ende fand, sondern erst richtig begann, nur anders gepolt und professioneller und wirkungsvoller ausgeführt, und zwar mit seiner Hilfe. Zur gleichen Zeit, als er sich über die Fichierung angeblich unschuldiger (linker und linksextremer) Menschen und deren traurige Schicksale ereiferte, unterschrieb und unterstützte Leuenberger einen Vorstoss, der die gleiche Bundesanwaltschaft aufforderte, nun mit den gleichen Methoden rechte und rechtsradikale Gruppierungen auszuspionieren und über diese Menschen und Organisationen gleiche Register anzulegen.

Der von Leuenberger mitgetragene Vorstoss der Landesring-Nationalrätin Verena Grendelmeier («Linksextremismus ist heute schlicht kein Thema mehr») verlangte 1990 einen detaillierten Bericht über Propagandamittel und Publikationen rechtsextremer Gruppen, über deren zahlenmässige Bedeutung, über Kreuz- und Querverbindungen zwischen den Organisationen und Parteien («nationale Koordination») und so fort im ausufernden Katalog zur engen politischen Kontrolle der Gegenseite.

Der Bundesrat nahm das Postulat noch so gerne entgegen und setzte den eben noch verdammten Trupp in umgekehrte Richtung in Bewegung, mittlerweile ausgerüstet mit modernster Technologie zur Handy- oder Internetüberwachung, sogar mit Hilfe von Trojanern. Mit Daten aus dem Netz, aus offenen Quellen und verdeckten Massnahmen hat der grosse Bruder Nachrichtendienst bereits 7,7 Millionen Dokumente angehäuft, um die vielen neuen Verdächtigen stets im Auge zu behalten.

Eine fade Komödie über (rechte) polizeiliche Tollpatsche kommt dieser Realität nicht nur nicht bei. Sie vernebelt. Vielleicht wurde sie darum staatlich gefördert.

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Alex Baur, Redaktor

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