Reiter der Apokalypse

Mit Horrorprognosen schüren Medienexperten die Angst vor Covid-19. Der Hype um angeblich ausgelastete Intensivbetten ist ein Beispiel unter vielen.

Die Meldung machte letzte Woche die Runde um die Welt: «Alle Intensivbetten in der Schweiz belegt», berichteten die Leitmedien vom Spiegel bis zur New York Times. Das waren, wie man auf Neudeutsch zu sagen pflegt, Fake News. Richtig ist, dass alle «zertifizierten» Intensivbetten im Land besetzt waren, was der normalen Auslastung von rund 75 Prozent entspricht. Da die nichtzertifizierten Betten faktisch dieselben Standards erfüllen, ist der Unterschied eher semantischer Natur.

Es ist nicht der erste und sicher auch nicht der letzte Fehlalarm. Der Trick mit den «zertifizierten Betten» wurde von den Alarmisten bereits im letzten Juli durchexerziert mit der Meldung, «98 Prozent der Intensivbetten» seien im Frühling belegt gewesen. In Tat und Wahrheit waren die Intensivbetten zum fraglichen Zeitraum nicht einmal zu 60 Prozent belegt. Doch nun ging es darum, das Volk auf die zweite Welle und Masken einzuschwören.

Zum einen liegt es daran, dass die Kapazitäten im letzten Frühling aufgrund übertriebener Prognosen massiv hochgefahren worden waren. Zum andern lässt sich die erstaunlich stabile Auslastung der Intensivbetten damit erklären, dass man bei einem absehbaren Anstieg der Zahl von Covid-19-Patienten auf nicht dringende Operationen verzichtet. So liess sich die Belegung der Intensivstationen recht gut steuern (siehe Grafik). Die Auslastung betrug nie mehr als 75 Prozent.

 

 

Alarmismus hat System

Trotzdem prophezeite die halbamtliche Covid-Task-Force am 21. Oktober eine Überlastung der Intensivstationen auf Mitte November. Selbst nachdem der Bundesrat eine Reihe von Massnahmen verhängt hatte, hielt Task-Force-Chef Martin Ackermann am Katastrophenszenarium fest. Und einmal mehr verrechneten sich die Auguren der wissenschaftlichen Weissagung grossartig. Vielmehr scheint der Höhepunkt der zweiten Welle überschritten. Und selbst wenn der Notfall eingetreten wäre, hätte man, wie im letzten Frühling, die Kapazitäten innerhalb weniger Tage hochfahren können.

Doch nicht nur Journalisten lassen störende Prädikate wie «zertifiziert» oder «im Extremfall» gerne mal weg. So zwitscherte die mittlerweile weltbekannte Genfer Twitter-Ärztin Isabella Eckerle letzte Woche ungeniert: «Alle zur Verfügung stehenden Intensivbetten für Erwachsene sind nun belegt. Keine Kapazität mehr für Covid-19- und andere Schwerkranke.» In Tat und Wahrheit waren in Genf am besagten Tag 25 Prozent der Intensivbetten leer. In einigen Kantonen wie dem Wallis oder im Jura wurde es zwischendurch zwar tatsächlich eng. Doch das lag daran, dass sie, gemessen an der Bevölkerung, über weniger Betten verfügen als die Nachbarkantone, die notfalls aushelfen.

Der Alarmismus hat System. Nachdem die Kurven und Zahlen seit einigen Tagen deutlich nach unten weisen, switchen die Warner zurück auf die Fallzahlen. Am letzten Montag forderte die Bioinformatikerin Emma Hodcroft im Chor mit der Task-Force, dass mehr getestet werden müsse. Mehr Tests, dann gibt es auch wieder mehr Fälle – das leuchtet ein. Der Tages-Anzeiger und die angegliederten Blätter stemmten den no-brainer kritiklos auf die Frontseite. Noch am gleichen Abend doppelte SRF mit einem Hodcroft-Interview in der «Tagesschau» nach.

 

Dr. Hodcroft weiss Bescheid

Die Karriere der 34-jährigen Emma Hodcroft vom Nobody zum Medienstar ist atemberaubend. Bis sie am 1. März 2020 von der NZZ am Sonntag entdeckt wurde, war die Postdoktorandin von der Uni Basel auch in der Welt der Wissenschaft eine unbekannte Grösse gewesen. Sie befasst sich mit der Mutation von Viren. Doch nun mutierte die fotogene Texanerin selber über Nacht zur gefragten Zeitungs- und TV-Expertin für alle Fälle. Ihr Twitter-Account explodierte förmlich von 800 auf 30 000 Follower.

Dr. Hodcroft weiss Bescheid, einfach über alles. Ob über die Wirksamkeit von Masken, die Übertragung von Covid-19 bei Kindern, die Entwicklung von Impfungen, die Gleichstellung der Geschlechter, Mutanten, publizistische, ethische, soziale und pädagogische Fragen – es gibt nichts, zu dem sie nicht eine Expertenmeinung hätte, welche sie gerne teilt. Auch Volkserziehung ist Hodcroft ein Anliegen, wie sie die Schaffhauser Nachrichten wissen liess: «Das Virus muss in den Köpfen präsent bleiben.»

Anfang November schaffte Emma Hodcroft den Sprung an die Universität Bern, wo sie an der Seite von Privatdozent Christian Althaus, 48, Computermodelle entwickelt. Mit Isabella Eckerle, die ihr Metier beim deutschen Corona-Guru Christian Drosten lernte, gehört Althaus zu den schrillsten Corona-Alarmsirenen in den sozialen Medien. Das Trio ist beseelt vom Glauben, dass man Sars-CoV-2 ausmerzen kann, wenn sich alle Menschen der Welt ihrem strengen Regime unterwerfen.

Was die drei sonst noch miteinander gemein haben: Sie wirken jugendlich fotogen, bieten klare und simple Botschaften an, wie Journalisten sie lieben. Als Forscher hatte keiner von ihnen je grossartig brilliert – doch die Corona-Panik katapultierte sie unverhofft in ein Rampenlicht, von dem Wissenschaftler normalerweise nur träumen können.

Kommentare

Peter Scheibli

06.12.2020|15:26 Uhr

Emma Hodcroft wird hier als Paradebeispiel zum Thema Reiter der Apokalypse erwähnt. Das ist doch etwas billiger Journalismus. Eine junge Forscherin mit passgenauem fachtechnischem Hintergrund, die in den neusten Kommunikationskanälen klare Aussagen macht, kann ich nur loben.

Bruno Mair

04.12.2020|07:17 Uhr

@Beat Furrer. Herzlichen Dank für den Link. Das wäre nicht nötig gewesen. Ich hätte Sie auch ohne diese wertvolle Website, bei den Lesern der „Alternativen Fakten“ zugeordnet. Hilfreich ist es ja trotzdem! Was Füllmich anbetrifft... der lässt sein Klientel tatsächlich im dunkeln Tappen. Das Licht geht erst auf, wenn man tüchtig in die „Füll-Mich-Portokasse“ eingezahlt hat. Die Strategie ist genial. Also für den Empfänger, meine ich…

Bruno Mair

03.12.2020|18:45 Uhr

@ Beat Furrer. Ich nehme präventiv mal beide Möglichkeiten. Sicher ist sicher! Es gibt ja angeblich in den USA auch zwei Gesundheitsbehörden.

Beat Furrer

03.12.2020|17:16 Uhr

@Bruno Mair: Es gibt Leute "die im Zusammenhang mit Corona" gestorben sind". Davon dürften nur 6% an Covid-19 gestorben sein. https://www.info-direkt.eu/2020/08/31/us-behoerde-cdc-nur-6-prozent-der-corona-toten-an-corona-gestorben/ --- Da das mit Corona ja eine riesige Lüge, ist es logisch, dass es viele Widersprüche gibt. Rainer Füllmich wird mit seiner Klage sicher Licht in die Sache bringen. Warten wir ab!

Beat Furrer

03.12.2020|13:50 Uhr

@Bruno Mair: Und in der Todesnacht, welche Lampe nehmen Sie dann? J. W. Goethe soll gerufen haben: "mehr Licht!". Meinte er die Kerze, Öllampe oder was?

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