Wie im Schlaraffenland

Ein Prozess in Winterthur offenbart Abgründe: Ein Garagist bezieht seit 23 Jahren Sozialhilfe. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Wäre nicht zufällig ein Reporter der TX Group (vormals Tamedia) vor Ort gewesen, der Fall wäre kaum je publik geworden. Letzte Woche verurteilte das Bezirksgericht in Winterthur den gebürtigen Mazedonier Tair R. (43) wegen Sozialbetrugs im Umfang von 300 000 Franken zu einer teilbedingten Strafe, von der er noch maximal ein halbes Jahr absitzen muss. Seine Ehefrau, die den Betrug gedeckt hatte, kam mit einem «Bedingten» davon. Da der Haupttäter (anders als seine Gattin) längst eingebürgert wurde, stand ein Landesverweis nicht zur Debatte.

 

«Ich dachte, das sei normal»

 

Zwischen 2006 und 2015 hatte Tair R. für sich und seine Familie monatlich zwischen 3363 und 4938 Franken Sozialhilfe bezogen. Er verschwieg dem Sozialamt, dass er während der ganzen Zeit eine Garage und einen schwungvollen Autohandel betrieben hatte. So erwirtschaftete er etwa 2008 einen steuerfreien Reingewinn von 146 384 Franken. Der Opel Astra, den er beim Sozialamt deklariert hatte, war nur Fassade. Im realen Leben bevorzugte er einen fabrikneuen Mercedes, den er in Cash (63 080 Franken) bezahlt hatte.

Der vom Gericht anerkannte Deliktsbetrag ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Der wortkarge Tair R. geschäftete in der Regel mit Bargeld. Er gestand nur gerade ein, was man ihm nachweisen konnte. Tatsache ist, dass R. seit 1997, als er Volljährig wurde, immer Sozialhilfe bezog. Als er Anfang der 1990er Jahre in die Schweiz kam, lernte er, dass es normal ist, in diesem Land Sozialhilfe zu beziehen. Offiziell hat er nie gearbeitet. «Ich dachte, dieses Geld erhält man in der Schweiz einfach», rechtfertigte sich seine Frau vor Gericht.

Die Frau verdiente gelegentlich ein paar hundert Franken als Zeitungsverträgerin. Das wurde vom Sozialamt schon als Erfolg honoriert. Tair R. selber hatte dafür keine Zeit. Er besorgte sich jeweils ein Arztzeugnis, wenn ihn das Amt mit Stellenangeboten nervte. Gemäss Zeugen humpelte er dann auch, aber nur beim Umgang mit Behörden. Für das Amt unterhielt er ein Konto bei der Kantonalbank, für Geschäftliches und die Spareinlagen seiner fünf Kinder bevorzugte er die Migros-Bank.

2014 flog der Betrug auf. Die Polizei ertappte Tair R. bei der Arbeit in seiner Garage. Ein halbes Jahr verbrachte er in Untersuchungshaft. Danach hatte man es nicht mehr eilig. Vier Jahre gingen ins Land, bis sich die Staatsanwaltschaft zu einer Anklage durchringen konnte, ein weiteres Jahr brauchte das Gericht, um einen Verhandlungstermin zu finden.

Und was sagt das zuständige Sozialamt? «Die Stadt Winterthur hatte bereits im Vorfeld des Prozesses ausgeschlossen, dass es intern zu Fehler gekommen war», schreibt der TX-Reporter. Offiziell lässt das Amt verlauten: «Die Mechanismen der Missbrauchsbekämpfung haben funktioniert.» In Winterthur, wo mittlerweile 5,5 Prozent der Einwohner Sozialhilfe beziehen, sieht man keinen Handlungsbedarf.

 

Nach dem Betrug der Konkurs

 

«Die Schweiz ist kein Schlaraffenland», tadelte die Richterin bei der Urteilseröffnung, «das Geld fällt hier nicht einfach vom Himmel.» Natürlich nicht. Für die Geldverteilung ist das Sozialamt zuständig. Tair R. wurde nicht zum Verhängnis, dass er zu faul gewesen wäre, sondern dass er gearbeitet hat. Allzu gravierend ist das aber nicht. Nachdem der Betrug aufgeflogen war, ging Tair R. Konkurs. So bezieht das Ehepaar auch heute noch Sozialhilfe, wie gewohnt und wohl bis zum Ende seiner Tage.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Claudio Hammer

24.11.2020|13:29 Uhr

Selk: Wieso sollte ich denn eine Steuererklärung machen, wenn ich hier ganz legal wie ein Grossteil der Bevölkerung nicht verpflichtet bin eine zu machen, zumal wir hier eine Territorialbesteuerung haben im Gegensatz zur CH, die eine Globalbesteuerung hat. Vermögen & EK ausserhalb des Territoriums ist nun mal nicht steuerpflichtig. Im Übrigen habe ich Ihnen schon mal erklärt, wieso ich hier bin: Freiheitsfaktor 9 von 10 Punkten habe keine nervenden Chefs mehr, Tupamaros gibt's hier übrigens schon lange nicht mehr. Nein, ich haben keinen Dreck am Stecken, da können Sie noch lange "rummörgeln" Selk!

Markus Spycher

24.11.2020|10:57 Uhr

@J.Brechbühl. Von Ihnen als selbsternannter Staatsfeind Nr. 1 erwarte ich eigentlich ein gewisses Verständnis für Personen, die den Staat ausnehmen wo sie nur können, wenn sie zuvor von jenem in ihrer Heimat gebeutelt wurden.

Rainer Selk

23.11.2020|08:50 Uhr

Hammer macht keine St.-Erklärung, plädiert für sofortige Verurteilung von Kriminellen mit 'nicht lange Federlesens, Knast, Beschlagnahnme bis Nimmerwiedersehen'. Wieso gibt es in URU Tupamarus ? Wieso sind Sie in ein solch rechtsexremes Trump-Land entwichen und Sie offenbaren Ihre Gesinnung, in dem Sie das lobend darstellen ? Wieso sind Sie entschwunden ? Mit diesem ihrem geistigen Gepäck hätten Sie hier bei Extinction Rebellion -> Rebellion gegen das Aussterben Chancen. Aber was dann mit Ihrer C 19 Schiene ? Linksrechte NS Heuchelei kennt keine Grenzen, nur Kaffeesatzkristallkugeln !

Jürg Brechbühl

22.11.2020|05:31 Uhr

Die Frau dachte, das sei in der Schweiz normal. -- Ich glaube ihr. Viele Balkanesen meinen, es sei normal, den Staat auszunehmen, wo man nur kann. Das ist dann der gesellschaftliche Wandel, wenn das bei uns auch normal wird.

Claudio Hammer

21.11.2020|22:11 Uhr

Bei uns in Uruguay geht das zackig mit der Justiz! Gestern, Freitag morgen um 01 Uhr haben ein 18- und 22-Jähriger einen bewaffneten Raubüberfall auf ein Lädeli gemacht, um 01.30 Uhr wurden sie von einer Polizeipatrouille erwischt und am gleichen Tag noch zu zwei Jahren Knast verurteilt. Schwierige Jugend etc. interessiert hier niemanden! Falls es hierzulande auch so hohe Sozialhilfen gäbe, würde man mit solchen Sozialhilfebetrügern auch nicht lange Federlesens machen, die wären schon längst im Knast, Vermögenswerte beschlagnahmt und dann tschüss auf Nimmerwiedersehen bei Ausländern!

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