Armee auf der Intensivstation

Militärische Wiederholungskurse und Rekrutierungen sind eingestellt, dafür sollen künftig auch Ausländer Dienst leisten. Was ist los mit der Schweizer Armee?

In den letzten Monaten war die Armee ein Garant für Schlagzeilen. Leider waren es bei weitem nicht nur positive. So kann auch der positive Covid-19-Test von Armeechef Thomas Süssli nicht als Aktivposten verbucht werden. Bis vor kurzem kommandierte der Oberbefehlshaber in Isolation. Dasselbe gilt für den Chef des Nachrichtendienstes, Jean-Philippe Gaudin. Wer auf die unglückselige Idee kam, der Welt auch den Ausfall unserer Geheimdienstspitze mitzuteilen, bleibt ein Geheimnis des Verteidigungsdepartements.

Korpskommandant Süssli schwört auf moderne Kommunikationsmethoden. Dennoch kam es zu ärgerlichen Pannen. Im Blick klagte er über fehlende Bestände von 30 000 Wehrmännern in näherer Zukunft. Dies ausgerechnet vor der Abstimmung über neue Kampfjets, die nur gerade durch ein Zufallsmehr gewonnen wurde. Ausgerechnet am Tag einer Kampfjet-Medienkonferenz mit Verteidigungsministerin Viola Amherd schlug Armeechef Süssli im Tages-Anzeiger vor, dass künftig auch Ausländer Militärdienst leisten könnten. Die Journalisten stürzten sich statt auf die Flugzeugvorlage auf Süsslis Vision, die zwar der Verfassung widerspricht, aber dafür dem Zeitgeist huldigt. Die Abstimmung vom 27. September offenbarte eine erschreckende Kluft zwischen Stadt und Land, Deutschschweiz und Romandie, Frauen und Männern, Alten und Jungen.

Was geschehen kann, wenn Armeeangehörige ins Ausland reisen, bewies eine Fahnendelegation von Schweizer Instruktionsoffizieren am französischen Nationalfeiertag, die das Defilee vor dem Staatspräsidenten gehörig verstolperte. Der permanent lächelnde Armeechef ist unter den Generälen als Vertreter der nichtkämpfenden Sanitätstruppen ein Exot geblieben. Er selber bezeichnet sich als «Menschenfreund» und empfindet seine Aufgabe als «Privileg», sei sie doch mit «interessanten Gesprächen» verbunden. Ausserdem mag er Raclette lieber als Fondue. Süsslis nichtkulinarischen, sondern militärischen Entscheide sind weniger harmlos: Bis Ende Jahr hat die Armee wegen Corona sämtliche Wiederholungskurse abgesagt. Was nicht heisst, dass auch die Löhne der Chefs eingefroren oder Beförderungen der Generäle sistiert werden. Es befinden sich also keine regulären Truppen im Dienst, die bei einer Krise kurzfristig abberufen werden könnten.

Noch bis vor kurzem wurde darauf geachtet, dass jederzeit zumindest ein Bataillon permanent im Einsatz stand. Man stelle sich vor, was mit unserem Land geschehen wäre, wenn sich die Armee beim Generalstreik vom November 1918 wegen der Grippepandemie zu Hause verkrochen hätte. Die Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Vorbild war das erklärte Ziel der Streikleitung. Der Erhaltung von Rechtsstaat, Freiheit und Demokratie fielen damals aufgrund der grassierenden Spanischen Grippe 1500 Soldaten zum Opfer.

 

Frauenquote, Diversity-Beauftragte

 

Das grösste militärische Aufgebot seit dem Zweiten Weltkrieg wurde im März bei Pandemiebeginn mit Pauken und Trompeten angekündigt. Die Demobilisierung fand dann still und leise statt, denn die 8000 Sanitäts- und Logistiksoldaten hatten kaum etwas Sinnvolles zu tun. Ein rabenschwarzer Tag für die Armee bildete der 19. Juni, als das Parlament die faktische Wahlfreiheit zwischen dem Militärdienst und dem Zivildienst beschloss. Dies wird dazu führen, dass sogar aufwendig ausgebildete Unteroffiziere und Offiziere in den Zivildienst wechseln, wenn ihnen das Militär verleidet ist. Das Bundesamt für Zivildienst hat sich zum mächtigen bürokratischen Wasserkopf mit mittlerweile 150 Vollzeitstellen entwickelt.

Zu den Lieblingsthemen von Armeechef Süssli gehört eine Frauenquote von zehn Prozent; gegenwärtig liegt diese noch unter einem Prozent. Stolz präsentierte man mit Germaine Seewer erstmals eine Frau im Rang eines Divisionärs. Weitere Vorzeigefrauen sind die erste Kampfjet-Pilotin Fanny Chollet und die Berufsoffizierin Sarah Brunner, die vegan lebt und dem feministischen Komitee «Helvetia ruft» angehört. Auch diskutiere sie «lieber mit Dienstverweigerern als mit Soldaten», liess Brunner die NZZ wissen. Sie schwärmte von ausländischen Armeen, die «Karton-Vorrichtungen» an Soldatinnen verteilten, «mit denen diese im Stehen pinkeln können». Das Panzerbataillon 12, der älteste noch aktive Panzerverband der Armee, wird von einer Frau Oberstleutnant geführt, die bis 2019 noch ein Mann war und das Geschlecht während ihres aktiven Kommandos gewechselt hat. Dank ihr wurde in der Militärverwaltung unverzüglich eine Diversity-Beauftragte ernannt.

Ob all diese Vorkommnisse geeignet sind, künftig die besten unserer Jungen für die Schweizer Armee zu gewinnen, scheint fraglich. Die Weiterentwicklung der Armee (WEA) soll bis 2022 umgesetzt werden. Doch Oberst Stefan Holenstein, der Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, erklärte in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift die WEA als gescheitert. Und zwar nicht wegen der Finanzen oder der materiellen Ressourcen, sondern einzig wegen der mangelnden Bestände. Die Schweizer Armee liegt auf der Intensivstation. Doch an einer Genesung dieser Patientin scheint derzeit kaum jemand richtig interessiert.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Meinrad Odermatt

11.11.2020|13:43 Uhr

Oberkommandierender? Wie wär's mit "Betriebsleiter der Armee? CEO?" Für einen ehemaligen Staat, der - ganz im Sinn der UNO und der Grünen - zu einer reinen Territoriumsverwaltung umfunktioniert wird, wäre der Begriff zutreffender. Jetzt, wo keine Verteidigungsaufgaben mehr anstehen - für was denn noch und vor wem? - ist sie ja selber auch nur noch ein "Hilfswerk mit Sonderaufgaben". Für alles, was über die üblichen Dienstleistungen der Securitas oder der Polizei hinausgeht: Katastrophenhilfe, Lauberhorn, unbewaffnete Friedensmissionen, Schutz der Bilderbergerkonferenzen (geradezu grotesk), etc.

Werner Widmer

10.11.2020|19:03 Uhr

Auch hier ist ein Virus drin.

Elmar Hutter

10.11.2020|18:27 Uhr

An die Kritiker in diesem Forum: Lesen Sie auch die Online-Mitteilungen von ASMZ, Schweizer Soldat und VBS? Hier wird zu viel genörgelt, liebe Mitschweizer.

Thomas Staub

09.11.2020|14:39 Uhr

Frauenquoten und Ausländer in der Armee. Und für diesen Verein habe ich ein ganzes Jahr meines Lebens geopfert. Was für ein Witz.

Alois Bissig

08.11.2020|14:24 Uhr

Als wir anfangs der 60er-Jahre im Militärdienst waren, hatten wir noch nicht eine so feudale Ausrüstung und waren nicht angeschrieben. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht so weit entfernt, darum war man von einer Verteidigungsarmee überzeugt. So wie die Armee jetzt heruntergewirtschaftet wurde, kann man sie ruhig abschaffen, denn die jetzigen zum grossen Teil eingebürgerten Schweizer stehen nicht mehr für eine eigenständige Schweiz ein. Also was will man noch verteidigen?

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