Professor Eggers Panikorchester

Die Swiss-Covid-Task-Force treibt als halbamtliches Sprachrohr das Bundesamt für Gesundheit und den Bundesrat vor sich her. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun.

Für Privatdozent Christian Althaus gibt es schon lange nichts mehr zu diskutieren. «Eher würde ich mich mit Sars-CoV-2 infizieren, als zu ihrem publizistischen Inhalt beizutragen», antwortete er im letzten März auf eine freundliche Einladung, seine Sicht der Dinge einzubringen. Die flegelhafte Rhetorik ist kein einmaliger Ausrutscher. Seit Februar schiesst der Experte für computerbasierte Prognosen an der Uni Bern scharf gegen jeden, der an seinen apokalyptischen Prophezeiungen (30 000 Corona-Tote in der Schweiz) zweifelt.

Rund 2000 Tweets hat Althaus dieses Jahr schon abgefeuert. Mit den Fallzahlen verschärfte sich seit Mitte Oktober die Kadenz wie auch der Tonfall. «Denn sie wissen nicht, was sie tun» (zur angeblich «verantwortungslosen» Corona-Politik der Zürcher Regierung); «Es wird jeden Tag deutlicher» (zu einer «Studie» der Uni Bern, von Althaus selber verfasst, gemäss der 1600 Leben gerettet worden wären, wäre der Shutdown ein Woche früher verhängt worden); «Jeder Tag zählt» (zur Forderung einer generellen Maskenpflicht der nationalen Corona-Task-Force); «Die Massnahmen genügen nicht» (Schelte der Task-Force an Bundesrat); «Breaking News: Ueli Maurer und Reto Brennwald teilen sich eine Gefängniszelle» (Retweet eines Komikers).

Die Unflätigkeiten von Agit-Professor Althaus, den man eher in der Berner Reitschule als in einer Fakultät verorten würde, wären belanglos, stammten sie nicht von einem prominenten Mitglied der offiziellen, vom Bundesrat einberufenen «Swiss National Covid-19 Science Task Force». Althaus ist auch nicht der Einzige aus dem Kreis der Erlauchten, der Bund und Kantone mit Horrormeldungen unter Druck setzt und schärfere Massnahmen fordert. Task-Force-Chef Martin Ackermann und sein Vorgänger Matthias Egger stossen, wenn auch diplomatischer, ins gleiche Horn.

 

Benzin im Löschtank

Dabei ist Panik das Erste, was man im Krisenfall vermeiden sollte, wie jeder Zivilschützer im Einführungskurs lernt. Die Task-Force gemahnt in dieser Hinsicht an die Feuerwehr in Truffauts Filmklassiker «Fahrenheit 451», die mit Benzin statt mit Wasser im Löschtank ausrückt. Doch der Rat der Weisen duldet keinen Widerspruch. Wer zur Mässigung aufruft wie etwa der St. Galler Chefarzt Pietro Vernazza, wird gnadenlos abgekanzelt: «Wissenschaftlich falsch!», «verantwortungslos!», «gefährlich!», «undemokratisch!».

Undemokratisch? Es mutet schon befremdlich an, wenn ein offizielles Beratergremium seinen Auftraggeber öffentlich desavouiert. Dabei ist der Auftrag klar: Die Task-Force wurde im letzten Frühling einberufen, um das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und den Bundesrat in «wissenschaftlichen Fragen» zu beraten. Politische Agitation findet sich nicht im Pflichtenheft. Dort heisst es vielmehr: «Die Expertengruppen des Beratergremiums kommunizieren nicht selbständig nach aussen», jede Verlautbarung müsse vorgängig mit dem BAG koordiniert werden.

Dabei leistet sich der Bund seit Jahren eine «Pandemie-Kommission» mit erfahrenen und praxiserprobten Fachleuten aus allen Landesteilen. Der Grund, warum diese just im Ernstfall kaltgestellt und durch eine Ad-hoc-Kampftruppe unter der Leitung des Berner Sozialmediziners Matthias Egger ersetzt wurde, ermangelt jeder Logik. Die Erklärung dürfte bei Egger liegen: Die Task-Force ist sein Kind, er besetzte die Schlüsselposten nach seinem Gusto.

Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern ist eine unbedeutende Grösse in den globalen Rankings. Covid-19 bot eine unverhoffte Chance auf ein Plätzlein im Rampenlicht. Die Dozentin Nicola Low, Eggers Ehefrau mit chinesischen Wurzeln, hatte sich schon früher mit Coronaviren befasst und sprang als eine der Ersten auf die neuartige Bedrohung auf. Auch Christian Althaus, der am selben Institut arbeitet, erkannte das Potenzial früh. Matthias Egger, der als Forschungspräsident des Schweizerischen Nationalfonds über ein weitverzweigtes Netzwerk in der Schweizer Szene verfügt, komplettierte das Trio, das bis heute zum Kern der Task-Force gehört.

Während Egger die Fäden im Hintergrund zog, beackerte Privatdozent Christian Althaus mit seinen alarmierenden Modellrechnungen und Twitter-Salven das publizistische Terrain. Wie eine statistische Auswertung seiner Twitter-Aktivitäten zeigt, waren die in Genf praktizierende deutsche Virologin Isabella Eckerle, der Tages-Anzeiger-Journalist Marc Brupbacher und der britische Epidemiologe Adam Kucharski seine treusten Verbündeten. Die vier schaukelten sich gegenseitig hoch. Keiner von ihnen war eine bekannte Figur, bis das Coronavirus sie zu Medienstars machte.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Joshua Brown

09.11.2020|11:07 Uhr

Die Panikmache der Taskforce ist unverantwortlich. Warum setzt der Bundesrat diesem einseitigen und unprofessionellen Gremium, mit ihren völlig überzogenen und mehrheitlich falschen Prognosen, nicht endlich ein Ende? In der Realwirtschaft wären solche Leute längst weg vom Fenster...

Jürg Brechbühl

02.11.2020|19:15 Uhr

@Markus Spycher, Falsch. Die Grünen und die Roten sind die untertänigsten von allen Corona-Strebern, Corona-Opportunisten, Corona-Hysterikern, Corona-Anpassern.

Brigitte Miller

02.11.2020|11:58 Uhr

@Markus Spycher: im Gegentum, die "Ökofaschisten" sind, zumindest in der CH und D, ganz auf Regierungslinie und begeisterte Maskenträger.

Markus Spycher

02.11.2020|08:33 Uhr

@B.Miller. Lesen Sie "Il Principe" von Nicolo Machiavelli. Dann wissen Sie, was ich meine. @J.Brechbühl: Die Oekofaschisten sind auf der Seite der Corona-Leugner.

Brigitte Miller

31.10.2020|17:35 Uhr

@Markus Spycher: Wer die Schweiz liebt, darf also nicht mehr kritisch sein? Auch nicht, wenn sich die Regierung verrennt? Ich meine, das Gegenteil ist richtig.

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