Wie sich die Banken neu erfinden

Schweizer Geldinstitute bringen sich als Vorreiter für neue Finanzprodukte in Stellung. Diese versprechen den Anlegern Renditen in Ökologie, Gesellschaft und guter Unternehmensführung.

Patrick Odier befindet sich seit einigen Jahren auf einer Mission – auf einer Mission für eine bessere Welt. Kaum eine Gelegenheit lässt er aus, um das Thema Nachhaltigkeit zu propagieren. Als honoriger Privatbankier und geschäftsführender Teilhaber des traditionsreichen Genfer Geldhauses Lombard Odier geht es ihm darum, die Menschen von nachhaltigen Finanzinvestitionen zu überzeugen, die natürlich auch sein Haus im Angebot führt.

Dabei spricht er von einem globalen Megatrend, bisweilen sogar von einer Revolution. Weil viele Staaten laufend neue Umweltgesetze erliessen, werde es an der Börse zu einer umfassenden Neubewertung kommen. Denn jene Unternehmen, die sich dem Thema nicht annähmen, würden über kurz oder lang abgestraft. Mag Odier in der Vergangenheit als einsamer Rufer in der Wüste gegolten haben, so hat spätestens die Corona-Krise ein neues Naturbewusstsein geweckt, das viel Wasser auf seine Mühle leitet.

Nachhaltigkeit, neudeutsch auch «Sustainability» genannt, ist in der Finanzwelt recht eigentlich ein Geschäftsmodell. Es zielt darauf ab, Investitionen zu tätigen, die dazu beitragen, dass unsere Welt langfristig erhalten bleibt. Die dabei verwendeten Entscheidungskriterien lassen sich mit drei Begriffen subsumieren: Umwelt, Soziales und Aufsichtsstrukturen (engl. «Environment, Social and Governance», kurz ESG). Unter diesen Prämissen sind Investitionen beispielsweise in Waffenhersteller, Suchtmittelproduzenten oder Glücksspielunternehmen ausgeschlossen.

Dieses Konzept ist nicht neu. Die einstige Basler Privatbank Sarasin (heute J. Safra Sarasin) gilt hierzulande als Vorreiterin dieses Ansatzes, den sie vor genau dreissig Jahren aufgriff. Inzwischen sind in der Schweiz bereits 1163 Milliarden Franken nachhaltig investiert, was rund einem Drittel der lokal verwalteten Vermögen entspricht und gegenüber dem Vorjahr ein Plus von mehr als 60 Prozent darstellt, wie die Interessenorganisation Swiss Sustainable Finance (SSF) unlängst mitteilte.

 

Fast jeder zweite Euro

 

Angesichts dieser Zuwachsraten kann es sich kaum ein Finanzinstitut mehr leisten, keine entsprechenden Finanzprodukte im Angebot zu führen. In Europa werde bereits fast jeder zweite Euro in nachhaltigen Investments angelegt, heisst es in einer Studie des belgischen Vermögensverwalters Degroof Petercam. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und einer neuen Generation von Kunden, die der Sorge um unseren Planeten mehr Gewicht beimessen als der Jagd nach Rendite, ist es verständlich, dass sich die Banken ein schönes Stück von diesem Kuchen sichern wollen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn die Schweizer Finanzbranche heute solche Ziele propagiert, nachdem sie zuvor jahrzehntelang einem Geschäftsmodell gehuldigt hatte, das ausländischen Kunden zur Hand ging, wenn sie ihr Geld am Fiskus ihres Heimatlandes vorbeischleusen wollten. Statt als Steueroase versteht sich der Schweizer Finanzplatz inzwischen als «Laboratorium», das Mittel verwaltet, um unseren Nachfahren eine möglichst intakte Welt zu vererben.

 

Chancen auf eine Renaissance

 

Selbst die Politik, angeführt vom Bundesrat, aber auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) unterstützen diese Bestrebungen, sehen sie doch darin eine Jahrhundertchance, unser Land aus der schummrigen Ecke der Steuerhinterziehungsoasen zu manövrieren: Statt Geheimniskrämerei und dubiose Geschäfte mit diffusen Geldströmen zu betreiben, sollen die Schweizer Banken heute Verantwortung tragen und transparent einen Beitrag zu einer besseren Zivilgesellschaft leisten.

Dieser ideellen Spitzkehre liegen auch volkswirtschaftliche Motive zugrunde. Denn mit dem faktischen Ende des Schweizer Bankgeheimnisses und dem zunehmend verschärften Wettbewerb zwischen den internationalen Finanzplätzen schrumpfte in den vergangenen Jahren der Beitrag der hiesigen Banken am Bruttoinlandprodukt sowie am Steuersubstrat signifikant. Eine neue Einnahmequelle war somit höchst willkommen.

So ist unter dem Etikett «Nachhaltigkeit» hierzulande ein ganzes «Ökosystem» entstanden, wie die Vernetzung von unterschiedlichsten Interessen und Motiven auch heisst. Das Thema Nachhaltigkeit lässt sich denn auch in zahllose Unterkategorien gliedern. Neben den ESG-Kriterien und entsprechenden Börsenindizes propagieren die Anbieter auch «Impact Investing», nach dem eine nachhaltige Geldanlage nicht nur einen positiven Einfluss auf unsere Umwelt zeitigen, sondern ebenso eine Rendite abwerfen sollte. Denn in der Vergangenheit haftete «grünen» Investitionen der Makel an, dass sie im Vergleich zu einer herkömmlichen Anlage weniger rentabel seien. Doch mittlerweile haben Wissenschaftler nachweisen können, dass nachhaltige Finanzanlagen ertragsmässig mit konventionellen Investitionen durchaus mithalten, wenn sie nicht gar übertreffen können.

Und je grösser die Nachfrage nach solchen Finanzprodukten aus den Reihen der Millennials respektive der Generation Y wächst, desto mehr sind «grüne» Anlagen auf dem besten Weg, zum Megatrend des 21. Jahrhunderts zu werden. Das haben auch die institutionellen Investoren kapiert, also Pensionskassen, Versicherungen und andere Vorsorgeinstitutionen, die gigantische Summen an Vermögen verwalten. Unter dem Einfluss der weitverbreiteten Ansicht, dass Geld heute auch etwas Gutes bewirken solle, passen sie ihre Entscheidungen für neue Engagements den Nachhaltigkeitskriterien an. Ihre entsprechend verwalteten Vermögen belaufen sich mittlerweile auf rund 480 Milliarden Franken, was rund einem Drittel ihrer betreuten Gelder entspricht.

Die Schweiz hat als internationales Kompetenzzentrum für nachhaltige Investitionen gute Karten, kommen ihr dabei doch die Vorteile ihres Finanzplatzes zugute: ein verlässliches politisches System, Rechtssicherheit, eine stabile Währung, sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte, international angesehene Hochschulen mit einer hohen Innovationskraft, ein wirtschaftsfreundliches Umfeld sowie die zentrale Lage im Herzen Europas und die verkehrsfreundliche Infrastruktur. Hinzu gesellen sich Soft Skills wie Vielsprachigkeit, Lebensqualität, verbunden mit einer hohen Glaubwürdigkeit im globalen Kontext und einer überdurchschnittlich toleranten Lebensart. Insofern hat das in der Vergangenheit vielgeschmähte Swiss Banking durchaus Chancen auf eine Renaissance – unter neuen Vorzeichen des Verantwortungsbewusstseins.

Die ganze Euphorie rund um nachhaltige Anlagen sollte indessen auch kritisch hinterfragt werden. Denn nicht alles, was unter diesem Etikett läuft, ist per se gut. Tatsächlich sind viele Bewertungen unzureichend, da sie beispielsweise kleinere Unternehmen benachteiligen, weil diese aus Kostenüberlegungen oftmals nicht in der Lage sind, gewisse Werte vollumfänglich offenzulegen. Das führt dazu, dass ESG-Rating-Agenturen solche Firmen schlechter bewerten, so dass sie aus dem Raster der Nachhaltigkeitsinvestoren fallen.

 

Unpräzise Einschätzungen

 

Umgekehrt stürzen sich immer mehr Investoren blindlings auf jene Unternehmen, die den ESG-Kriterien pauschal gerecht werden, was über kurz oder lang zu Überwertungen respektive zu einer Blase an der Börse führt, wie Carole Millet, Investmentspezialistin bei der Bank Syz warnt. «Darüber hinaus unterscheiden viele Rating-Gesellschaften zu wenig, ob ein Unternehmen einfach nur ESG-Massnahmen offenlegt oder in diesen Themen tatsächlich engagiert ist», stellt Tom Demaecker fest, ESG-Aktienstratege bei Degroof Petercam Asset Management. Auf Kritik stösst zudem der Umstand, dass viele Analysen vor allem den Umweltaspekt gewichten, während die Themen Soziales und Governance von untergeordneter Bedeutung bleiben. Das Resultat sind unpräzise Einschätzungen, da ein Technologiekonzern im Vergleich etwa zu einem Rohstoffunternehmen ganz andere Nachhaltigkeitswerte ausweist.

Insofern steht der Schweizer Finanzplatz noch ganz am Anfang dieser Entwicklung, die aber eine klare Abkehr vom einstigen Geschäftsmodell darstellt, im Verborgenen für eine zweifelhafte Klientel fragwürdige Geldgeschäfte zu tätigen. Der politische Druck aus dem Ausland sowie ein gesellschaftliches Umdenken in Sachen Steuerehrlichkeit haben die Schweizer Banken zu einer Transparenz gezwungen, die sie sich bis vor einigen Jahren wohl selber kaum hätten vorstellen können.

Besonders gut kommt dieser epochale Paradigmenwechsel im geplanten Hauptsitz von Patrick Odiers Privatbank Lombard Odier im Genfer Vorort Bellevue zum Ausdruck, der im nächsten Jahr eröffnet werden soll. Das vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron konzipierte Gebäude ist lichtdurchflutet und transparent. «Ein zentrales Element unserer Werte war schon immer der Begriff der nachhaltigen Entwicklung, der ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte vereint», sagt Patrick Odier. Etwas konziser bringt es der Architekt Pierre de Meuron zum Ausdruck: «Das Selbstverständnis einer Bank kann sich heute nicht mehr in einem steinernen Bunker spiegeln.»

Claude Baumann ist Gründer und Herausgeber der Finanzplattform Finews.

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Baiker

26.10.2020|19:08 Uhr

Der Artikel ist leider für mich etwas zu tendentiös. Die Steueroase war kein Geschäftsmodell wie der Autor wiederholt meint. Die grün gefärbten Vermögensanlagen müssen sich erst noch bewahrheiten. Sieht im Moment noch nicht danach aus. Ganz einfach, weil der Uebergang auf grund linker Zwängerei viel zu überhastet und zu wenig durchdacht stattfindet.

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