Mehr Kuchen für alle

Freihandel und offene Märkte schaffen Wohlstand in Entwicklungsländern. Das Zurückdrehen der Globalisierung wäre eine schlimme Perspektive.

Die Wirtschaft des nominell noch streng kommunistischen Vietnam wächst mit gewaltigen Schritten. Seit 1990 hat sich das Bruttoinlandprodukt pro Kopf fast verzehnfacht. Vietnam liberalisierte in den neunziger Jahren seinen Aussenhandel und ist heute ein bedeutender Exporteur von Kommunikationsgeräten und Textilien. Ausserdem ist Vietnam der drittgrösste Exporteur von Reis. Konnten die Bauern vor der Liberalisierung nur begrenzte Mengen ins Ausland exportieren, haben sich ihre Einkommen dank des freien Zugangs zum Weltmarkt stark erhöht. Da die Reisbauern zu den Ärmsten der Gesellschaft gehören, hat in Vietnam die Globalisierung nicht nur das Wachstum erhöht, sondern auch die Armut und Ungleichheit reduziert.

Gerade für Schwellenländer ist der Freihandel der Schlüssel zur Zunahme des Wohlstandes auf breiter Front. Nicht nur Vietnam, auch Indien und viele südostasiatische Staaten öffneten in den achtziger und neunziger Jahren ihre Märkte und nahmen dadurch auch marktnahe Reformen ihrer Binnenwirtschaft vor. Letzterer Punkt ist ganz wichtig und ein oftmals übersehener Vorteil der Globalisierung: In geschlossenen Märkten engagieren sich erfindungsreiche Köpfe stärker in Lobbying und Rent-Seeking, erst bei offenen Grenzen wird Unternehmertum belohnt.

 

Dort, wo wir stark sind

 

Mit der Handelsöffnung nahm auch die Ungleichheit zu, weil die Dynamik nicht alle Branchen gleich erfasste. Angestellte in exportorientierten Branchen erfreuen sich guten Steigerungen ihrer Lohneinkommen. Hingegen waren Arbeitnehmer in Firmen, die unter verstärkter Importkonkurrenz leiden, zumindest in den ersten Jahren mit Jobverlust und Wechsel der Branche konfrontiert. Entscheidend ist aber, dass der Kuchen für alle grösser wurde, was sich in den hohen Wachstumsraten spiegelt. Hohes Wachstum war und ist darum auch immer der Schlüssel zum Rückgang der Armut. Der globale Rückgang der Armut, nicht nur prozentual, sondern auch in absoluten Grössen, ist mit der verstärkten Teilhabe der Entwicklungsländer am Weltmarkt verbunden. Dank der Marktöffnung konnten diese Länder ihre Vorteile endlich ausspielen, zum Beispiel im Agrarsektor oder dank noch günstiger Arbeit in der Textilindustrie. Zugang zu Weltmärkten ist darum gerade für kleine Volkswirtschaften zentral, die Schweiz kann unmöglich alles selber produzieren. Die internationale Verflechtung ermöglicht erst die grossen Spezialisierungsgewinne, die sich in steigender Kaufkraft widerspiegeln.

Trotzdem sind offene Märkte unter Beschuss. In der Schweiz wollen verschiedene Vorstösse eine irgendwie geartete Abhängigkeit vom Ausland verhindern oder die internationale Zusammenarbeit erheblichen rechtlichen Risiken aussetzen.

Aber wer auf Importe verzichtet, muss alles selber produzieren, egal, wie schlecht er das kann. Dies verhindert, dass sich die Volkswirtschaft auf ihre Stärken, die berühmten komparativen Vorteile, konzentriert, also in Branchen wächst, wo sie relativ am meisten Wettbewerbsvorteile hat und mit geringstmöglichem Ressourceneinsatz am meisten Einkommen erzielen kann. Die Abschottungstendenzen sind aber auch aus Risikoüberlegungen falsch. Auch die Versorgungssicherheit würde leiden, nur mit Freihandel haben wir breiten Zugang zu Vorprodukten und den nötigen Austausch von Know-how mit dem Ausland.

Die Schweiz hat einen rekordhohen Exportüberschuss und belegt auf Innovations-Rankings regelmässig die vordersten Plätze. Ein Beleg dafür, dass die Schweizer Volkswirtschaft im Ganzen ihre make or buy-Entscheidung zumindest in der Vergangenheit gut getroffen hat. Wir produzieren und exportieren dort, wo wir stark sind, und importieren, was wir nur teurer selber herstellen könnten.

Seit der Finanzkrise ist die Globalisierung ins Stocken geraten, und der Anteil des Welthandels am Welteinkommen stagniert. Die Berufungsinstanzen der WTO sind zumindest temporär lahmgelegt, und immer mehr Staaten verfolgen protektionistische Praktiken. Meist geschieht dies über die Hintertür mit komplizierten Vorschriften oder Beihilfen für nationale Unternehmen. Donald Trump ist eine Ausnahme, er will offen über Zölle Handelsbarrieren errichten.

Die Globalisierung ist keine Einbahnstrasse. Die Weltintegration geschah in zwei Wellen, vor dem Ersten Weltkrieg und nach dem Zweiten. Die Zwischenkriegszeit war gerade in Europa von Abschottung und damit von stockender Wirtschaftsentwicklung und politischer Instabilität geprägt.

Mit Sicherheit hat uns die Corona-Krise das Risiko weiter Distanzen und der Abhängigkeit von einzelnen Zulieferern in der Wertschöpfungskette vor Augen geführt. Im guten Fall führt das dazu, dass lokale Produzenten die Gunst der Stunde nutzen, weil sie die Kundenbedürfnisse besser kennen. Ausserdem öffnet sich für neue Schwellenländer die Chance, Teil der neu zusammengesetzten Wertschöpfungsketten zu werden – und sei es nur aus Diversifikationsgründen, um nicht allein von China abhängig zu bleiben. Die Triebkräfte der Globalisierung bleiben erhalten, gerade wenn wir an die Möglichkeiten des entfernten Arbeitens durch die Digitalisierung denken. Ein Zurückdrehen der Globalisierung ist nur durch ein noch stärkeres Eingreifen des Staates möglich. Weniger Freiheit und Wohlstand sind die Folgen. Gegenseitige Abschottung ist darum nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich eine schlimme Perspektive.

Professor Reto Föllmi forscht und lehrt über Makroökonomie, internationale Volkswirtschaftslehre und politische Ökonomie an der Universität St. Gallen.

 

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Alex Baur, Redaktor

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