«Nicht allzu besorgt»

Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell warnt im Gespräch mit der Weltwoche vor Gesichtsmasken und Quarantäne.

Stockholm

Während die Welt einer drohenden zweiten Corona-Welle entgegensieht, richten sich immer mehr Blicke auf Schweden. Anders Tegnell, der Chefepidemiologe, hat in den vergangenen sechs Monaten einen eigenen Weg gewählt. Er musste viel Kritik einstecken, weil in Schweden kein Lockdown verhängt wurde, was zu einem raschen Anstieg der Infektionszahlen führte, besonders in Stockholm, und zu einer ungewöhnlich hohen Zahl von mehr als 5800 Todesfällen.

Dennoch wird Schweden inzwischen besser mit der Pandemie fertig als die meisten anderen Länder, und Tegnells Erfahrungen sind bei vielen ausländischen Regierungen gefragt – zuletzt im Vereinigten Königreich, wo Premierminister Boris Johnson selbst eine schwere Corona-Infektion überstanden hat. Während in den meisten EU-Staaten die Infektionszahlen deutlich nach oben gehen, sind sie in Schweden erstaunlich niedrig. Man spricht sogar davon, dass die Pandemie möglicherweise überstanden sei.

 

Locker wie immer

Letzte Woche konnte die Weltwoche mit Tegnell sprechen. Wir trafen ihn am Rande einer Medienkonferenz in Stockholm. Der zeitweise meistumstrittene Epidemiologe der Welt wirkte gelassen wie immer, war locker gekleidet – rotes Polohemd, graue Jeans – und ausnehmend freundlich.

Das Interview beginnt mit einer Lagebeurteilung. Ja, auch Schweden habe leicht steigende Zahlen als Folge der Ferienrückkehrer, aber es gebe keine Belastung des Gesundheitswesens. Nur wenige Infizierte würden in den Spitälern liegen, auch die Zahl der Todesfälle sei sehr tief: «Wir haben eine stabile Situation mit leichter Zunahme in einzelnen Regionen. Mit der dramatischen Entwicklung im Frühjahr ist es keinesfalls vergleichbar.»

Noch vor Monaten wurde Tegnell heftig kritisiert, weil andere skandinavische Staaten viel besser unterwegs seien. Inzwischen verzeichnet Schweden deutlich geringere Infektionswerte als Dänemark. Der Epidemiologe kommentiert es ungerührt: «Unsere Empfehlungen und Einschränkungen sind in der ganzen Zeit unverändert geblieben. Von daher sind wir hoffentlich weniger anfällig für eine zweite Welle. Wenn man nach einem strikten Lockdown wieder öffnet, wird sich das Virus erneut ausbreiten.»

 

Zu früh für endgültige Schlüsse

Noch immer verzichtet Schweden auf eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Warum? Die meisten Schweden, sagt Tegnell, seien wie er eben gegen Massnahmen, denen kein Nutzen nachgewiesen werden könne: «In vielen europäischen Ländern besteht Maskenpflicht, und trotzdem steigen die Infektionszahlen massiv.» Schweden habe keine Maskenpflicht, trotzdem breite sich das Virus weniger stark aus. Masken seien eine mögliche Ergänzung, im öffentlichen Verkehr aber wenig wirksam.

Kritisch sieht Tegnell das Quarantäneregime anderer Länder, etwa der Schweiz, weil sich das Virus «nicht besonders spürbar» auf diesem Weg verbreite: «Es ist wichtig, dass Reisende, die nach Schweden kommen, wissen und verstehen, welche Vorschriften bei uns gelten. Der Anstieg der Infektionszahlen, den wir in anderen Ländern sehen, hat aber nur sehr wenig mit Reisen zu tun. Das Virus breitet sich vor allem innerhalb von Ländern aus.» Quarantäne sei kein effizientes Instrument.

Auf die Frage, ob er für Schweden eine zweite Welle befürchte, winkt Tegnell ab: «Nein, wir sind nicht allzu besorgt. Natürlich können die Fallzahlen steigen, aber wir glauben nicht, dass es einen dramatischen Anstieg gibt, mit dem wir nicht fertig werden.» Dennoch sei es «viel zu früh», endgültige Schlüsse zu ziehen. Er sei aber «durchaus zufrieden» mit der aktuellen Entwicklung, den «sehr niedrigen Todesfallzahlen», dem geringen Druck auf die Spitäler und den «allgemein sehr tiefen Infektionszahlen» innerhalb der Gesellschaft.

 

Wie ein Eisschrank

Wir sprechen über die anfangs massive Kritik an der schwedischen Strategie. Für Tegnell ist sie vor allem ein Resultat von Missverständnissen. Der schwedische Weg sei nie so extrem anders gewesen. Man habe versucht, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Die Herstellung von «Herdenimmunität» sei nie ein Ziel gewesen. Anders als andere Länder habe Schweden aber auf Freiwilligkeit gesetzt, auf Dialog mit den Bürgern. Das habe funktioniert, weil zwischen der Bevölkerung und den schwedischen Behörden erhebliches Vertrauen bestehe.

Was sagt Tegnell zum Vorwurf, Schweden habe viel mehr Tote als andere skandinavische Staaten? Der Epidemiologe sieht verschiedene Gründe. Man habe anfänglich die Alterspflegeheime zu wenig geschützt. Er vermutet, das Virus habe sich am Anfang schneller ausgebreitet als anderswo und die Behörden richtiggehend überrumpelt. Es ist unmöglich, das Innenleben des stoischen Nordländers freizulegen. Auf die Schlussfrage, wie sehr er unter der Dauerkritik im Medienscheinwerferlicht gelitten habe, antwortet er kühl wie ein Eisschrank: «Ich hoffe, dass wir es bald hinter uns haben.»

 

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Bruno Mair

03.10.2020|08:57 Uhr

Der prominenteste Zeitzeuge von Corona ist inzwischen Donald Trump. Egal was er jetzt macht - es ist alles irgendwie falsch. Bleibt er „zu Hause“ besteht die Gefahr nicht rechtzeitig Handeln zu können. Geht er ins Spital (was bereits geschehen ist) ist das ein Schuldeingeständnis, dass die „Grippe“ eben doch nicht so harmlos ist. Angeblich hat er bis jetzt nur „leichte Symptome“! Welcher Durchschnitts-Amerikaner kann sich das schon leisten , deswegen ein Spital aufzusuchen? Trump... egal was er macht, er ist und bleibt ein Widerspruch in sich selbst!

Hans Georg Lips

02.10.2020|14:13 Uhr

@Brechbühl: Wirklich anerkennungswert wie sie die Kanäle für die Schleusung von Fake-News beschreiben. Sie haben den Durchblick.

Jürg Brechbühl

02.10.2020|08:16 Uhr

Der Unterschied: Anders Tegnell ist Arzt. Er untersuchte die empirischen Daten einer realen Grippe-Epidemie in Malmö , entwickelte eine Simulation, wie sich eine solche Epidemie über Schweden ausbreiten würde. Aus dieser Empirie erstellte er vor Jahren einen Epidemieplan und hatte alle nötigen Vorbereitungen dafür getroffen. // Prof. Salathé ist Biologe und Umweltwissenschafter. Er saugte sich eine Computersimulation aus den Fingern, verbreitet einen Twitter-Sturm von Panikmeldungen und erpresst via Tamedia-Lügenpresse den Bundesrat und das BAG improvisiert dann bar jeder empirischer Kenntnis.

Claudio Hammer

30.09.2020|20:01 Uhr

Gut stellt der Chefepidemiologe Tegnell hier mal klar, dass der schwedische Weg gar nie so dermassen freiheitlich war, wie das von vielen rechtsbürgerlichen Kampfschreibern andauernd herbeigeschrieben wurde. Versammlungen/Veranstaltungen sind nur bis 50 Personen erlaubt (Krisinformation.se Restr. & Prohibitions), also weit weniger als in der CH seit Monaten. Die Neuinfektionen mit 300-600 sind noch leicht besser als in der CH. Auch Tegnell hat mögliche lokale Lockdowns schon angedacht. Schwedische Winter sind oft lang & hart & die Corona-Geschichte ist auch in Schweden noch lange nicht vorbei!

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