Lebensqualität am See

Zug hat im grossen Weltwoche-Gemeinderating den Sprung an die Spitze geschafft, dank günstigen Steuern, attraktivem Naherholungsgebiet und auch umsichtiger Führung in der Corona-Krise.

In Zeiten wie der Corona-Pandemie zeigt sich, was es heisst, eine politische Gemeinde zu führen. Die Behörden waren 2020 gefordert wie noch selten, das Vertrauen und das Leben im Ort nach bestem Wissen und Können aufrechtzuerhalten, so auch am 1. August bei den Bundesfeiern. In vielen Gemeinden und Städten haben Politiker und Verwaltung die Zusammenkünfte aus Angst vor Corona abgesagt, zum Teil in hektischer Nervosität im letzten Augenblick. Nicht jedoch in der Stadt Zug. Dort fand man eine innovative Lösung: Auf 45 Standorte verteilt, fanden kleine Quartierkonzerte statt. So vernahmen dann am 1. August die Bürger an allen Ecken und Enden Musik – hier eine Ländlerkapelle, dort eine Blasmusikformation, da eine Jazz- oder eine Popband.

 

Magnet für Unternehmen und Reiche

Die Idee kam gut an, bei den Einwohnern ebenso wie bei den Künstlern, der jüngste Musiker war elf, der älteste achtzig Jahre alt. Nach längerem Auftrittsverbot hatten sie endlich wieder eine Bühne. Dies war eine von mehreren Aktionen, die man sich in Zug hatte einfallen lassen, um die negativen Corona-Effekte abzufedern. So erhielt auch jeder Bürger einen Hundert-Franken-Einkaufsgutschein, um den Detailhandel im Ort anzukurbeln. Drei Millionen Franken liess man sich diese Aktion kosten. Damit nicht genug: Mit einem Corona-Fonds in Höhe von zehn Millionen Franken werden Betriebe in der Region, etwa aus Kultur und Sport, unterstützt. Einen Zuschuss soll auch das Kunsthaus erhalten, das durch Umtriebe und Ausfälle im Shutdown in einen finanziellen Engpass geraten war.

«In ausserordentlichen Zeiten muss antizyklisch gehandelt werden», sagt Karl Kobelt, Stadtpräsident von Zug. «Wir versuchen, die Wirtschaft zu unterstützen, indem wir die Bautätigkeit hoch halten, Zahlungen frühzeitig auslösen, damit die Liquidität erhalten bleibt, und wir versuchen, Investitionen voranzutreiben anstatt zurückzustellen.» Möglich sind diese Massnahmen vor allem dank einem bequemen Finanzpolster. Vergangenes Jahr wurde die Stadt Zug von einigen sehr hohen zusätzlichen Steuererträgen überrascht und schloss mit einem Ertragsüberschuss von 77 Millionen Franken ab. Dies, nachdem bereits die vorangegangenen zwei Jahre jeweils 36 Millionen Franken Ertragsüberschuss gebracht hatten. Zug ist und bleibt ein Magnet. Speziell Unternehmen und vermögende Privatpersonen lassen sich gerne dort nieder. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren rechnet man mit einer Zunahme von 10 000 Einwohnern. Mit rekordtiefen Steuern, einer schönen Lage am See, einem attraktiven Naherholungsgebiet und guten Verkehrsanschlüssen zu grösseren Zentren bietet Zug praktisch alles, was das Herz begehrt.

Wen wundert es da, dass die Stadt Zug auf Platz eins des diesjährigen Gemeinderatings liegt? In dieser grössten und umfangreichsten Untersuchung des politischen Mosaiks in der Schweiz hat Zug den Sieg errungen. Landesweit haben wir die Gemeinden anhand von quantitativen Kriterien, die aus öffentlichen Statistiken stammen, unter die Lupe genommen und bewertet. Das Rating zeigt auf, wo die Lebensqualität hoch und die Jobaussichten gut sind, wo Freizeitangebote und Einkaufsmöglichkeiten vorhanden und die Infrastrukturen ausgebaut sind. Eingehend untersucht wurden alle Gemeinden der Schweiz mit mehr als 2000 Einwohnern, dieses Jahr 933 an der Zahl. Diese wurden anhand von fünfzig Faktoren bewertet, etwa betreffend die Entwicklung der Immobilienpreise, Steuern, Sicherheit, Zusammensetzung der Bevölkerung und vieles mehr. Die Ergebnisse wurden in sechs Kategorien gegliedert und zusammengefasst (konkret heisst das: Arbeitsmarkt, Wohnen, Steuern, Bevölkerungsstruktur, Erreichbarkeit, Versorgung, Sicherheit).

Das Ergebnis an der Spitze im Detail: Zug ZG liegt auf Rang eins, vor Meggen LU auf Rang zwei und Lachen SZ auf Rang drei. Glückwunsch! Die Gewinner liegen im Umkreis der Innerschweiz, aber insgesamt vermögen alle Regionen der Schweiz in diesem Wettbewerb mitzuhalten. In den Top 10 fällt auf, dass nicht einzelne Kantone dominieren. Vielmehr schafften es Gemeinden aus verschiedenen Kantonen ganz nach vorne, darunter Gemeinden aus den Kantonen Zug, Luzern, Schwyz, Zürich und Nidwalden. Ähnlich ist das Bild bei den Top 100. Dort konnte sich der Kanton Basel-Landschaft behaupten, mit Arlesheim auf Platz dreizehn, der Kanton Aargau mit Ennetbaden auf Rang 39, der Kanton Sankt Gallen mit Rapperswil-Jona auf Rang 56 oder der Kanton Thurgau mit Münsterlingen auf Platz 82. Am Ende der Liste liegt Valbirse aus dem Kanton Bern, hinter dem letztjährigen Schlusslicht Mümliswil-Ramiswil im Kanton Solothurn.

Ein Blick auf Platz zwei, wie im Vorjahr Meggen und auf das drittplatzierte Lachen zeigt: Investitionen in ein schönes Ortsbild zazahlen sich aus. Die 9000 Einwohner zählende Gemeinde Lachen am oberen Ende des Zürichsees, herausgeputzt und sauber, wurde in den letzten drei Jahren quasi entschleunigt. Im Dorfzentrum gilt Tempo 20/30, es wurde eine Umfahrungsstrasse gebaut, im neugepflasterten Dorfkern wurden Begegnungszonen erstellt. «Der Verkehr ging teilweise um 90 Prozent zurück», sagt Emil Woodtli, Gemeindepräsident von Lachen. «Gleichzeitig nahm der Langsamverkehr, zu dem Fussgänger und Fahrradfahrer zählen, zu.» Auch Emil Woodtli selbst, von Beruf Bauingenieur, fährt mittlerweile nach Möglichkeit mit dem Velo zur Gemeindeverwaltung.

 

Verschönerung ohne Steuererhöhung

Zehn Abstimmungen an der Urne in acht Jahren benötigte es, bis das Investitionspaket, in das auch Kanton und Bund einzahlen, von der Bevölkerung angenommen wurde. «Nicht jeder war ursprünglich einverstanden», sagt Emil Woodtli. Es habe einiges an Überzeugungsarbeit benötigt sowie Korrekturen am Projekt. Heute seien die Kritiker weitgehend verstummt. Die meisten Einwohner schätzten die Vorteile der Entschleunigung, viel mehr Menschen als früher würden seither im Dorfkern flanieren, Restaurants im Dorf und am See seien gut besucht.

Finanziert wurden die Investitionen bislang ohne Steuererhöhungen. Wie sich die Steuereinnahmen entwickeln werden, gerade nach der Corona-Krise, vermag Woodtli nicht zu prognostizieren. Das hänge auch vom Geschäftsgang der ansässigen grösseren Unternehmen in Lachen ab. Je nachdem wie deren Geschäft in Corona-Zeiten laufe, beeinflusse dies die Steuereinnahmen der Gemeinde. Noch seien Finanzmittel vorhanden, gerade mit Blick auf das nächste Grossprojekt. Dieses fiel jedoch vorerst Corona zum Opfer. Im Zuge der Erweiterung der Bezirksschule March hatte man geplant, eine Dreifachturnhalle mit Parkgarage zu bauen. Der Architekturwettbewerb war bereits 2019 über die Bühne gegangen, nun, 2020, hätte die Gemeindeversammlung darüber abstimmen sollen. «Das Versammlungsverbot machte uns einen Strich durch die Rechnung», so Woodtli. Die Gemeindeversammlung musste abgesagt und um ein Jahr verlegt werden.

Im Kanton Baselland zeigt sich Stabilität, da konnte sich Arlesheim als attraktivste Gemeinde des Kantons behaupten, mit Platz dreizehn im Gesamtrating. Sonnig, auf einer Terrasse gelegen, mit grünem Siedlungsgürtel und einem guten Angebot an Mietwohnungen zieht die Basler Vorstadtgemeinde seit Jahren Neuzuzüger an. Nicht zuletzt aufgrund des Detailhandelsangebots mit vielen kleineren und grösseren Gewerbebetrieben, die in der Gemeinde noch zahlreich vorhanden sind und auch Menschen aus umliegenden Gemeinden anziehen. Metzger, Bäcker, Bücher- oder Blumenläden – im Zentrum ist vorhanden, was das Shopping-Herz begehrt. «Der Gemeinderat entschied schon vor vielen Jahren, dass wir unseren Detailhandel erhalten und unterstützen wollen», sagt Markus Eigenmann, Gemeindepräsident von Arlesheim. «Gerade während der Corona-Zeit erlebten wir, wie dankbar die Menschen dafür waren, dass sie vor Ort einkaufen konnten.»

Um den Detailhandel zu unterstützen, finanzierte die Gemeinde einen Gutschein mit, der an die Bevölkerung zum Einkauf im Ort ausgegeben wurde. Eine andere Entwicklung allerdings macht Markus Eigenmann derzeit Sorgen. Viele Einwohner seien bei einem lokalen Verein engagiert, das kulturelle Angebot in Arlesheim sei traditionell reichhaltig, es gebe viele Vereins- und Traditionsanlässe. Kurz: Arlesheim sei keine Schlafstadt. Aber wegen Corona seien viele Anlässe abgesagt worden, und das schmerze. «Wenn für längere Zeit keine Anlässe mehr durchgeführt werden können, befürchte ich, dass diese ganz aufgegeben werden», so Eigenmann. «Der Gemeinderat und ich sind froh um jeden Anlass, der durchgeführt wird.» Man unterstütze dies in jeglicher Form.

Aus dem Kanton Aargau schaffte es Spitzenreiter Ennetbaden auf Rang 39 der Liste. In der 3500 Einwohner umfassenden Gemeinde, am rechten Limmatufer gegenüber der Stadt Baden gelegen, herrscht Aufbruchstimmung. Dank der Neugestaltung des Postplatz-Gebietes und der Badstrasse wurden die Fussgänger- und Flanierzonen aufgewertet. Mit der bevorstehenden Einführung von Tempo 30 auf allen Gemeindestrassen will man die Wohnqualität nochmals erhöhen. «Es kehrt wieder Leben ins Zentrum zurück», sagt Pius Graf, Gemeindeammann von Ennetbaden. «Unter anderem aufgrund des Ennetraums, eines Treffpunkts mit vielfältigem Angebot für alle Bevölkerungsschichten.»

 

Grosse Hilfsbereitschaft

Im Kultur- und Begegnungszentrum werden diverse Programme angeboten, vom Gesangsunterricht über Wellness für Kinder bis zum Politcafé oder einer Reparaturwerkstatt. «Corona hat im finanziellen Bereich eher geringe Auswirkungen auf die Gemeinde, da in Ennetbaden keine grösseren Betriebe speziell davon betroffen sind», so Pius Graf. Positiv wertet er, dass aufgrund der Kontaktaufnahme der Gemeinde mit älteren Einwohnern während des Shutdowns ein Zusammenrücken und grosse Hilfsbereitschaft erreicht werden konnten.

Im Kanton Bern wurde Rubigen Kantonssieger und konnte sich im Schweizer Gesamtrating auf Platz 137 behaupten. Die Gemeinde ist gut an die Zentren angeschlossen, bietet ein Tagesschulangebot, Familien mit Kindern wohnen hier ebenso wie wohlhabende Einzelpersonen. In den vergangenen Jahren wurde viel in das Naherholungsgebiet Hunzigenau und Hechtenloch investiert. Das Aaregebiet wurde renaturiert, Schutzgebiete für Insekten, Vögel, Amphibien und Gräser wurden eingeführt. Bald soll es auch Beobachtungstürme geben. Mittlerweile zieht das Gebiet Vogelbeobachter von nah und fern an. Und natürlich Einheimische. «Gerade während der Corona-Zeit waren viele Menschen sehr froh, im Naherholungsgebiet Kraft tanken zu können», sagt Daniel Ott Fröhlicher, Gemeindepräsident von Rubigen.

In einem weiteren Schritt wurden unlängst drei neue Rundwege um das Dorf eingeweiht. Zudem ist man derzeit an einer Ortsplanungsrevision. «Wohnungen sollen durch Verdichtung geschaffen werden», sagt Ott Fröhlicher. «Unsere Wachstumsstrategie sieht eine bescheidene Bevölkerungszunahme um 3 Prozent vor.» Man habe jedoch erkannt, dass es an Alterswohnungen mangle. Darauf möchte man reagieren. Deshalb soll Land, das der Gemeinde gehöre, im Baurecht an einen Investor vergeben werden mit der Auflage, Alterswohnungen zu erstellen.

 

Die Ergebnisse aller 933 Gemeinden finden Sie unter: www.weltwoche.ch/gemeinderating2020

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Ruedi Beglinger

20.09.2020|18:12 Uhr

Der Kanton Zug ist übrigens auch eine gut geölte Filzmanufaktur.

Ruedi Beglinger

20.09.2020|15:48 Uhr

Zug wird Jahr für Jahr hässlicher, verstopfter, überfüllter, grauer, verdichteter und verliert durch die vom bürgerlichen Renditewahn normierte Sandwicharchitektur mit den gestapelten Wohnschachteln viel vom Charme von einst. Wandel der Zeit nennen das die Stadtväter und verkennen dabei, dass man den Wandel auch kreativer und phantasievoller gestalten könnte. Investieren in den stimmigen Entwurf eben. Geld wäre vorhanden, aber es fehlt an Persönlichkeiten mit gestalterischer Kraft für die Siedlungsentwicklung, weil die ganze Regierungs-Energie in der Steuerminimierung versickert.

Hans Grob

19.09.2020|10:48 Uhr

Dass ausgerechnet die Innerschweizer ihre Seele verkaufen müssen. Ausgenommen Uri. Man täusche sich nicht: was hier übermässig anfällt, fehlt anderswo. Was nützt denn das Geld alles, ausgenommen für das Herumfahren mit einer protzigen Karre und für Luxusferien halb um die Welt?

Yvonne Flückiger

16.09.2020|19:38 Uhr

Das sehe ich auch so. Zug hat die angenehme Eigenschaft besonnen eigene Wege zu gehen und nicht dem Mainstream hinterher zu hechlen. Manchmal zwar etwas langweilig für junge Leute, bietet Zug jedoch sehr viel für Familien mit Kindern. Auch ist die Lage am See mit den Sonnenuntergängen wunderschön.

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