«Ländliche Gemeinden werden profitieren»

Immobilienexperte Donato Scognamiglio hält einen Crash am Häusermarkt aufgrund von Corona für unwahrscheinlich.

Weltwoche: Gibt es im Immobiliensektor einen Corona-Effekt?

Donato Scognamiglio: Im Bereich von Eigenheimen ist kein Corona-Effekt spürbar. Dank tiefer Zinsen bleiben Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen begehrt. Heftig hingegen haben die Börsenkurse der kotierten Immobiliengesellschaften reagiert. Die Notierungen sind zu Beginn der Krise regelrecht eingebrochen und haben sich in der Zwischenzeit zu einem gewissen Teil wieder erholt. Stark betroffen sind kommerziell genutzte Liegenschaften beziehungsweise deren Eigentümer. Geschäfte, die während des erzwungenen Shutdowns keine Umsätze erzielen konnten, hatten oft Mühe, ihre Miete zu zahlen. Die von Bundesbern geplanten Mietzinserlasse von rund 60 Prozent werden den Wert dieser Liegenschaften kaum ansteigen lassen.

Weltwoche: Gibt es im Ausland Epidemie-Auswirkungen, die wir in der Schweiz vielleicht auch sehen werden?

Donato Scognamiglio: Die Zahl der Immobilientransaktionen fiel beispielsweise in der Stadt New York um über 50 Prozent, und der mittlere Preis sank im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent – der stärkste Rückgang seit Jahrzehnten. In Schweizer Städten werden wir hoffentlich nicht die gleichen Korrekturen erleben, doch tendenziell werden auch hierzulande Objekte in ländlichen Gemeinden profitieren. Wer kann, «bleibt zu Hause», das heisst, er meidet überfüllte Züge und Zentren, arbeitet vermehrt im Home-Office und pflegt seinen Garten.

Weltwoche: Treibt Corona die Menschen also aus den Städten aufs Land?

Donato Scognamiglio: Die Schweizer Zentren wachsen primär durch die Zuwanderung. Die Anziehungskraft der Schweizer Grosszentren für Jobsuchende wird sich längerfristig gegen den durch Corona ausgelösten Dämpfer durchsetzen. Den Trend, aufs Land zu ziehen, gibt es schon seit Jahren, dies nicht primär wegen der derzeitigen Pandemie, sondern ausgelöst durch die hohen Immobilienpreise in den begehrten Zentren. Eine Zürcher Familie kann sich heute höchstens noch ein Objekt im Kanton Aargau oder Thurgau leisten.

Weltwoche: Lassen sich die langfristigen Corona-Auswirkungen auf den Immobiliensektor abschätzen?

Donato Scognamiglio: Wir gehen davon aus, dass wir mit dem Virus leben müssen. Der Onlinehandel wird im Vergleich zum stationären Handel eher weiter zulegen, und das Home-Office wird sich stärker durchsetzen, was tendenziell zu einem geringeren Flächenverbrauch im Bürobereich führen wird. Hotels in den Städten werden weiter auf Touristen warten beziehungsweise umgenutzt werden müssen, und das Häuschen im Grünen wird begehrt bleiben.

Weltwoche: Ihr Fazit zum Immobilienmarkt 2020 bis Ende Jahr?

Donato Scognamiglio: Insgesamt werden Eigenheime etwas weniger stark zulegen, zu einem eigentlichen Crash wird es 2020 nicht kommen. Bei kommerziell genutzten Liegenschaften erwarten wir aufgrund der Mietzinsausfälle eher sinkende Preise. Reine Mehrfamilienhäuser hingegen werden weiter zulegen.

 

Donato Scognamiglio ist CEO des Informations- und Ausbildungszentrums für Immobilien (IAZI) und Professor an der Universität Bern. Er ist verantwortlicher Leiter des Gemeinderatings.

Interview: Carmen Schirm-Gasser

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Alex Baur, Redaktor

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