Warum ich heute auf eine akademische Laufbahn verzichten würde

Die Schweizer Universitäten haben den Anschluss an die internationale Spitze verloren. Ich sehe sieben Gründe für diese bedauerliche Entwicklung.

Dankbar blicke ich zurück auf eine fünfzigjährige Tätigkeit als Lehrer und Forscher an den Universitäten Yale, St. Gallen und Basel. Ich genoss eine Freiheit und Unabhängigkeit, wie sie heute kaum mehr möglich sind. Stünde ich nochmals am Anfang meiner Karriere, würde ich mich wohl gegen eine akademische Laufbahn entscheiden, zumindest in der Schweiz.

Was ist schlechter geworden? Weltweit dominieren die angelsächsischen Universitäten die Ranglisten – vor den asiatischen. Von den kantonalen Hochschulen liegen (gemäss Times Higher Education) nur Zürich (90) und Basel (94) noch knapp unter den besten 100. In anderen Rankings schneiden Schweizer Universitäten (ausser den technischen Hochschulen) noch schlechter ab. Nach meiner Erfahrung sind sieben Fehlentwicklungen dafür verantwortlich.

1. Politisch-moralische Korrektheit - Links-grüne Ideologie dominiert die Inhalte, vor allem im sozialwissenschaftlichen Bereich. Ein Basler Soziologe hat Integrationskurse für Schweizer gefordert, ein anderer «Betteln als Menschenrecht» deklariert. Einer der wenigen nicht linkslastigen Schweizer Historiker lehrt in Oxford und hätte in Zürich keine Chance gehabt. Der Öko-Sozialismus ist dogmatischer als der Marxismus, den wir als Doktoranden offen diskutierten. Wenn eine Greta aufruft, «der Wissenschaft zu folgen», werden Stimmen gegen den Mainstream zu «Leugnern». In der Wissenschaft geht es aber weder um absolute Wahrheiten noch um Glauben.

2. Bürokratie von oben - Die Universitäten sind schon auf der obersten Ebene politisiert. Die Bürokratie nimmt sich immer mehr Themen an, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben (wie das Essen, «sozial gerechte» Stipendien oder Leistungsbewertungen). Gleichzeitig verlieren die Fakultäten Handlungsspielraum bei Unterricht, Prüfungen und auch Doktoranden. Als Hauptreferent betreute ich fünfzig Kandidaten, die alle abschlossen, und zwar ohne Beratungs- und Begleitteams.

3. Herrschaft von Peer-Review - Lehre spielt nur noch eine zweitrangige Rolle, weil Forschung, zumindest auf dem Papier, alles dominiert. Dabei zählen Bücher kaum mehr, obwohl in der Ökonomie alle grossen Ideen in Büchern verbreitet wurden. Entscheidend sind heute Artikel in Zeitschriften, welche die Peer-Review kennen, also eine vorgängige Begutachtung durch Fachleute. Das führt zu extremer Spezialisierung, aber auch zu Klüngeln von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig portieren und die breite Leserschaft ignorieren. Nachwuchskräfte konzentrieren sich nur noch auf Publikationschancen und überlassen die politischen Debatten den Soziologen oder Politologen.

4. Personalpolitik - Berufungen finden aus finanziellen Gründen meist auf der Ebene der Assistenzprofessuren statt, mit einer mehr oder weniger automatischen Beförderung. Dabei stützt man sich auf interne Beurteilungen sowie Frauenquoten. Einen männlichen Ordinarius zu berufen, ist praktisch unmöglich. Berufungen aus dem Ausland konzentrieren sich auf Deutschland. Echter Wettbewerb fehlt.

5. Dominanz weicher Fächer - Anders als in den USA, Grossbritannien und vor allem Asien entscheiden sich in der Schweiz viele junge Leute für das Studium einer Geistes- oder Sozialwissenschaft. Dadurch haben diese Fächer an den Universitäten ein grosses Gewicht, obwohl sie intellektuell relativ weich und auf dem privaten Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Das hat politische Effekte: Wenn Akademiker relativ stark grün- und linkslastig wählen und abstimmen, handelt es sich dabei meist um Geistes- oder Sozialwissenschaftler, die von der Sache, zum Beispiel in Klima-, Energie-, Gesundheits- oder Steuerfragen, weniger verstehen als Fachleute.

6. Staatliche Forschungsfinanzierung - Private Forschungsfinanzierung weckte schon immer den Verdacht auf Beeinflussung der Fragen und vor allem der Antworten. Doch die Staatsfinanzierung vor allem politischer Projekte ist viel problematischer. Man schafft so einen Filz aus Politik, Bürokratie, Forschungsstätten und Profiteuren. Beispiele dafür sind die Nationalen Forschungsprogramme 70/71 und das Bundes-Energieförderprogramm SCCER/CREST. Deren Arbeiten sind wissenschaftlich verbrämte Propaganda für die Energiewende.

7. Bedrohte Meinungsäusserungsfreiheit - Anders als in Diktaturen landen Abweichler in der Schweiz nicht im Gefängnis. Doch sie werden diffamiert und ausgeschlossen, intern wie extern. Die cancel culture ist auch bei uns angekommen. Ein Redeverbot habe ich zwar nicht erleben müssen, einen Logo-Entzug für eine ausgewogene Tagung zur Energiewende jedoch schon, und zwar an der eigenen Fakultät, deren Gründungsdekan ich bin.

 

Silvio Borner ist emeritierter Professor für Ökonomie der Universität Basel.

 

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Markus Spycher

14.09.2020|18:35 Uhr

"Stünde ich nochmals am Anfang meiner Karriere, würde ich mich wohl gegen eine akademische Laufbahn entscheiden, zumindest in der Schweiz." Im Inhaltsverzeichnis dieser Ausgabe wird dann das Wörtchen "wohl" weggelassen, was tief blicken lässt. Solche Machenschaften nenne ich tendenziöser Journalismus. Gehört heute wohl auch zu einer akademischen Laufbahn, nebst salbadernder Lobhudelei an eremitierte Professoren.

Ernst Jeker

13.09.2020|11:53 Uhr

Was denken sich wohl Bürger, naive, universitär ideologisierte Rot-/Grünschnäbel in Parlamente zu wählen? Rot-/Grünschnäbel zetteln doch Demos, Streiks und Kinder-Kreuzzüge an. Dass die Linken die Mainstreammedien subventionieren wollen, bedeutet Herrschaft über die Medien und für Journalisten „wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, kritische Stimmen werden verbannt. Coronakritischen Ärzten wird bereits die Approbation entzogen und einem deutschen Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie die Aufnahmen seiner Vorlesungen gelöscht. Dies nennt sich sozialistische Diktatur.

Inge Vetsch

12.09.2020|16:52 Uhr

Super Text, super Leserkommentare (alle)! Klar und wahr. Das Grundproblem, das zu all diesen Entwicklungen führt, scheint mir die Erziehung und spätere Schulbildung der Kinder zu sein: Kinder lernen nicht mehr, selbstständig und unabhängig zu denken und zu hinterfragen; dürfen wohl auch keine Individualisten mehr sein und keine eigenständigen Persönlichkeiten mehr werden; müssen und können nur noch im politisch korrekten Mainstream mitschwimmen. Eltern und Lehrer sind also gefragt und sollten Gegensteuer geben! Doch wollen sie das? Können sie das überhaupt noch? Mehr als fragwürdig ...

Ronald Schuitemaker

11.09.2020|16:49 Uhr

Unbequeme Querdenker, welche das Wissen und Kultur fördern, sind heute die Verfolgten. Sie landen zwar nicht im Gefängnis oder werden zum Tode verurteilt, jedoch werden sie gesellschaftlich geächtet. Ich weiss nicht, was schlimmer ist. Denn die Geächteten verlieren nicht nur den Lebensinhalt, sondern meistens auch ihre Hinterlassenschaft.

Walter Moser

11.09.2020|01:21 Uhr

Sehr gute Analyse! Blick auf die Geschichte: Ideologien haben eigentlich immer in Desastern geendet.

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