In die Falle getappt

Eine Medienkampagne brachte den Wattwiler Amtsarzt Rainer Schregel um Amt und Arbeit. Er hatte zu laut über Corona nachgedacht.

Rolf Cavalli, Chefredaktor der Aargauer Zeitung und Online-Chef von CH Media, eröffnete die Treibjagd persönlich. Am 8. August schrieb er einen Bericht über ein angebliches Netz gefährlicher «Corona-Leugner», dem auch der Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Amtsarzt Rainer Schregel aus Wattwil SG zuzurechnen sei. Auf Facebook soll Schregel dubiose «Anti-Corona-Links veröffentlicht» haben. Noemi Heule vom St. Galler Tagblatt, das dem CH-Media-Konglomerat angehört, nahm den Ball des Mutterhauses auf und konfrontierte Schregel umgehend per E-Mail mit einem Fragekatalog.

Der 56-jährige Arzt schloss aus den aggressiven Fragestellungen, dass er nichts Gutes von Heule zu erwarten hatte. Er hielt lediglich fest, dass seine Kritik an der Corona-Politik privater Natur sei, als Arzt respektiere er die gültigen Richtlinien. Schregel hatte die Lage richtig eingeschätzt. Unter dem Titel «Amtsarzt, Skeptiker, Coronaleugner» bezichtigte ihn Journalistin Heule in einem ganzseitigen Bericht der «Pseudowissenschaft». Schregel, so der pauschale Vorwurf, berufe sich auf «schummrige» Quellen und rede mit dubiosen Medien wie dem «Garagensender» Stricker-TV.

 

Angriff auf die Existenz

 

Inhaltlich setzte sich der Artikel gar nicht erst mit den Positionen des Arztes auseinander. Der Angriff zielte, ganz im Sinne der cancel culture, direkt auf die Existenz. Schregels Kritik an der Corona-Politik wird gedeutet als Reputationsrisiko für seinen Arbeitgeber, die Praxis-Kette Medbase, welche zum Migros-Konzern gehört. Medbase distanzierte sich umgehend «mit aller Vehemenz von den politisch inkorrekten Aussagen» ihres Mitarbeiters. In der Empörung liess sich Schregel nun zu einem geharnischten Kommentar auf Facebook hinreissen, der im Satz gipfelt, Hitlers Propagandaminister Goebbels hätte Noemi Heule wohl als «mein kleines Mädchen» gelobt.

Nach zwei Stunden löschte Schregel die Message, später entschuldigte er sich in aller Form für die Entgleisung. Doch der Arzt sass in der Falle. CH Media selbst sorgte dafür, dass die deplatzierten Sätzlein auf allen Kanälen über das ganze Land verbreitet wurden. Am 15. August konnte der Verbund via Schweiz am Wochenende vermelden, was im Branchenjargon als Abschuss bezeichnet wird: «Hetze kostet Hausarzt den Job». Der Kanton St. Gallen und die Medbase-Gruppe haben Schregel gefeuert, fristlos. Die Standeskommission kündigte eine Untersuchung an und teilte mit: «In erster Linie geht es um sein Verhalten gegenüber Journalisten.»

Dabei verfügte Rainer Schregel über einen tadellosen medizinischen Palmarès. Am 31. März stellte ihm Medbase noch ein Zwischenzeugnis aus, das seine fachlichen und menschlichen Kompetenzen, seinen Einsatz für die Patienten und seine Teamfähigkeit in den höchsten Tönen lobt. Der gebürtige Deutsche hatte sein Studium 1995 in Düsseldorf abgeschlossen und nach seiner Facharztausbildung während zehn Jahren eine Praxis für Onkologie und Palliativmedizin geleitet. Diverse Einsätze in Afrika zeugen von seinem sozialen Engagement.

2013 übernahm Rainer Schregel die darbende Hausarzt-Praxis in Wattwil und brachte diese auf Vordermann. Er habe sich für die Schweiz entschieden, sagt er im Gespräch mit der Weltwoche, weil er das in Deutschland herrschende Klima der Intoleranz zusehends als beengend empfunden habe. Er habe sich hier schnell eingelebt. Die Funktion als Amtsarzt im Toggenburg machte nur einen sehr kleinen Teil seines Pensums aus. Nebenbei wirkte er auch als Hausarzt in Alters- und Pflegeheimen.

Am Anfang der Corona-Krise, als man noch wenig über das Virus wusste, fand Schregel die Politik des Bundesrates vernünftig. Seine Kritik setzte erst Ende April ein, als von einer Überlastung der Spitäler oder einer Übersterblichkeit keine Rede mehr sein konnte. Seine Kommentare auf Facebook waren bisweilen scharf, aber durch Quellen belegt. Als praktizierender Arzt kennt er das immense Leid, welches irrationale Ängste, die soziale Isolation und nicht zuletzt auch die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Regimes verursachen.

 

Mehrheitsfähig bei Hausärzten

 

Schregel hat die potenzielle Gefahr von Coronaviren nie «geleugnet». Sein hauptsächlicher Kritikpunkt betrifft die sogenannten PCR-Tests. Diese seien an sich «eine grossartige Sache», wiederholte er immer wieder, wenn man sie richtig interpretiere. Die Tests besagen nämlich bloss, ob jemand Kontakt mit dem Virus gehabt haben könnte, jedoch nichts darüber, ob die betreffende Person tatsächlich infiziert ist und die Infektion weiterverbreiten kann. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die natürliche Immunität der meisten Menschen gegen Sars-CoV-2 massiv unterschätzt wurde. In Anbetracht der realen Gefahr sind die Einschränkungen der individuellen Freiheitsrechte seiner Meinung nach völlig unverhältnismässig, wenn nicht sogar kontraproduktiv.

Mit diesen Ansichten ist Rainer Schregel keineswegs ein Exot unter den Medizinern. Hört man sich unter den Hausärzten um, dürfte seine Haltung sogar mehrheitsfähig sein. Was sie im Covid-Winter an Erkrankungen beobachteten, unterscheidet sich kaum von jeder strengen Grippe-Saison. Nur werden sie sich davor hüten, das laut zu sagen. Wer bei diesem politisch vergifteten Thema seine Meinung äussert, muss sich auf Ungemach gefasst machen. Unter Umständen riskiert er damit sogar seine Existenz, wie der Fall von Rainer Schregel zeigt.

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Sabine Schönfelder

14.09.2020|17:55 Uhr

Strafe EINEN, erziehe Tausende! Es ist erbärmlich, was sich die Presse erlaubt! Es erinnert an eine mediale Hexenverbrennung! Immer schlecht, wenn sich die Wahrheit, hier der Arzt, entschuldigt, denn die gesellschaftliche Diffamierung ohne Argumentation, kommt dadurch erst richtig in Fahrt. Es geht um Meinungshoheit. Keine Kranken, keine Toten nur ein paar Coronakontakte mit Nukleinsäuren auf dem Abstrich, dagegen muß hart angegangen werden. GEGEN TATSACHEN, mit Schimpf und Schande. UNANSTÄNDIG.

Inge Vetsch

12.09.2020|16:10 Uhr

Vergleiche mit den Zeiten von vor fast hundert Jahren werden leider immer berechtigter, dünkt mich.

Brigitte Miller

10.09.2020|14:24 Uhr

Anständige Ärzte, die nicht nur ehrlich sind, sondern sich auch umfassend informieren, bevor sie ich äussern, werden gemobbt und "gebosst " und draussen wird abgewiegelt was das Zeug hält. Nachtrag: Der Text aus dem SWR Marktcheck ist nicht mehr auf der entsprechenden Seite, aber hier zu finden https://archive.vn/5qPBZ -- Die Frage nach dem warum stellt sich einfach.

Brigitte Miller

10.09.2020|10:42 Uhr

Wer noch mehr Beweise braucht, dass Übergeschnappte unterwegs sind : Marktcheck SWR u.a.: "Was passiert, wenn ein Infizierter das Haus verlässt? Gelingt dem Infizierten dennoch die Flucht, darf die zuständige Behörde diesen im Rahmen des Verwaltungszwangs mit Gewalt wieder in Gewahrsam nehmen und in Quarantäne unterbringen. Als letzte Möglichkeit dürfte sogar von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden, denn die Ansteckungsgefahr für eine Vielzahl von Personen wäre so hoch, dass zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung geboten sein kann, flüchtige Patienten unschädlich zu machen."

Jürg Brechbühl

10.09.2020|01:53 Uhr

Das ist jetzt innerhalb von wenigen Tagen die dritte Meldung, dass ein Hausarzt als Folge der coronistischen Geschreis der Mainstream-Medien seine Stelle verliert. Wir haben zuwenig Hausärzte in der Schweiz und können uns diesen Mais nicht leisten. Stoppt diese Medienmafia!

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