«Du brauchst immer einen Plan»

Warum China gefährlich ist. Was man von Schach lernen kann. Und was die besten Universitäten falsch machen. Zweiter und letzter Teil des Interviews mit dem Unternehmer Peter Thiel.

Weltwoche: Herr Thiel, mit China bekommt der Westen starke Konkurrenz. Hilft uns China, die eigenen Stärken wiederzuentdecken?

Peter Thiel: Vorsicht. Man muss seine Feinde mit Bedacht auswählen, denn die Gefahr ist, dass man so wird wie sie. Teile unserer Elite finden es vielleicht nicht einmal so unsympathisch, wenn wir wie die Chinesen werden, fügsamer, kontrollierbarer. Viele glauben, China funktioniere besser als der Westen. Ich hingegen bin der Meinung, dass wir eine echte Alternative zu China bilden müssen. Es wäre ein Pyrrhussieg, China zu besiegen, indem wir werden wie China.

Weltwoche: Halten Sie das echt für möglich?

Thiel: Wir haben über Kollektivismus gesprochen, kontrolliertes Denken, Sprechverbote. Das haben wir doch alles schon. Natürlich sind die Strafen nicht so hart wie in China, aber auch in den USA verlieren Leute ihren Job, wenn sie das Falsche sagen. Man wird «deplatformed». Die Risiken sind nicht untrivial. Wir sind China ungemütlich näher als noch vor vierzig Jahren.

Weltwoche: Sehen die Amerikaner China nicht allzu düster? Die Chinesen gingen während der letzten 150 Jahre durch die Hölle. Jetzt kopieren sie den Kapitalismus des Westens, mit Erfolg. Sie haben Geld, und sie wollen den Wohlstand, den sie nie hatten. Ist das so verwerflich?

Thiel: Auf keinen Fall möchte ich den Wahnsinn der chinesischen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte herunterspielen. Natürlich wurden die Chinesen übel misshandelt. Aber nur weil man misshandelt wurde, entwickelt man sich nicht zwangsläufig zu einem friedliebenden, netten Menschen. Oft ist leider das Gegenteil der Fall. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in China viel Grund für Revanchegelüste und Ressentiments gegen den Westen gibt. Die chinesische Geschichte hat für mich in dieser Hinsicht überhaupt nichts Beruhigendes.

Weltwoche: Was ist an China gefährlich?

Thiel: Es wäre für den Westen besser, wenn China heute eine fundamental andere, nichtwestliche Zivilisation wäre, wenn China dieses ureigene Selbstvertrauen noch hätte wie damals, als die chinesischen Kaiser im 18. Jahrhundert den westlichen Abgesandten sagten, sie hätten keinerlei Interesse an ihren Schmuckstücken und Uhren, China sei bereits grossartig. Diese Traditionen aber wurden alle ausgemerzt. China wird nicht in die Ming-Dynastie zurückkehren. Stattdessen gibt es ein kulturelles Vakuum, und China will die USA nachahmen. Das ist die Gefahr. Wenn die Chinesen ihre eigene Identität pflegten, wäre die Auseinandersetzung viel weniger konfrontativ. Beängstigend ist, dass die Chinesen wie die USA sein wollen, die führende Supermacht. Daraus ergibt sich der grosse Konflikt.

Weltwoche: Die Industrielle Revolution fegte die Monarchien hinweg. Kann China auf Dauer kapitalistisch und sozialistisch sein?

Thiel: Mit diesem Argument beruhigen sich die westlichen Eliten seit dreissig Jahren. Es hat sie regelrecht eingelullt. Wir schauen alles durch die Brille der friedlichen Revolutionen von 1989 an, als die morschen kommunistischen Staaten Europas einstürzten. Deshalb lassen wir die Chinesen in die Welthandelsorganisation eintreten. Deshalb machen wir uns keine Sorgen, wenn die Chinesen unsere Technologien stehlen. Und obwohl wir sehen, dass Präsident Xi eine Art neuer Mao ist, glauben wir, das alles ignorieren zu können, weil unser westliches System ja angeblich so triumphierend überlegen ist. Wir interpretieren 1989 als Beleg, dass auch China irgendwann eine liberale Demokratie werden wird. China hingegen deutet 1989 ganz anders. Die Kommunistische Partei in Peking sagt: Wir müssen alles tun, um die Entstehung einer liberalen Demokratie zu verhindern. Gewiss gibt es vieles in China, was nicht zu funktionieren scheint, ungesund ist, zum Beispiel die Überalterung. Aber zu glauben, China stehe am Rande des Zusammenbruchs, ist Wunschdenken.

Weltwoche: Ist Russland Gegner oder Partner des Westens?

Thiel: Die grosse Herausforderung für den Westen ist China, und wir sollten mit Russland gegen China zusammenarbeiten, wie wir in den 1970ern und 1980ern mit China gegen Russland zusammengearbeitet haben. Allerdings frage ich mich, ob Russland nicht bereits ein Satellit Chinas ist. Huawei soll in Russland die ganze Telekommunikationsinfrastruktur aufbauen. Für mich ist Huawei das Spionagesystem des 21. Jahrhunderts.

Weltwoche: Sie haben deutsche Wurzeln. Wie sehen Sie die Europäische Union?

Thiel: Das Konstrukt ergab viel Sinn nach dem Zweiten Weltkrieg. Die EU wurde erfunden, um ähnliche Katastrophen in der Zukunft zu verhindern. In den 1950er und 1960er Jahren stand die EU für Dynamik und Marktwirtschaft, inzwischen steht sie für Stillstand und Bürokratie. Die heutige EU ist nicht so demokratisch und weniger pluralistisch, homogener im schlechten Sinn.

Weltwoche: Die EU ist eine Zombie-Struktur par excellence. Wie lange noch wird sie existieren?

Thiel: Das kann noch lange so weitergehen, aber für immer mehr Leute ist es unklar geworden, ob die EU den Europäern wirklich noch gute Dienste leistet. Trotzdem hat sich die EU als bemerkenswert standhaft erwiesen.

Weltwoche: Warum neigen so viele junge intelligente Menschen an den Universitäten dazu, Unsinn zu glauben wie zum Beispiel, dass der Westen abgrundtief böse sei, dass man Andersdenkende am Reden hindern sollte oder dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau ein rein gesellschaftliches Konstrukt seien?

Thiel: Könnten wir diese Frage beantworten, wäre schon sehr viel geklärt. Wir haben eine merkwürdige Elite im Westen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Nehmen wir Harvard. Diese Universität ist superelitär. Die offizielle Ideologie aber ist superegalitär. Wenn man zu dieser Elite gehört, muss man dauernd Lippenbekenntnisse zur Gleichheit ablegen. Würde man aber wirklich an die Gleichheit glauben, wäre man ja gar nicht Teil der Elite, die es nach streng egalitärer Sicht auch nicht geben dürfte. Etwas stimmt nicht mit einer Elite, die sich wie in Harvard oder generell in den USA mit Begriffen der Gleichheit beschreibt, wobei der grössere Teil dieser Selbstbeschreibung Fake ist. Hier sehe ich den zentralen Widerspruch, den Kern der Unehrlichkeit an den amerikanischen Spitzenuniversitäten.

Weltwoche: Warum steht niemand hin und sagt das?

Thiel: Weil es so schwer ist, gegen das Gleichheitsprinzip zu argumentieren. Machen Sie es mal. Sagen Sie: «Ich bin gegen Gleichheit.» Sie werden verlieren. Gleichzeitig wissen aber alle, dass der radikale Egalitarismus in der Wirklichkeit nie funktioniert hat. Gewisse Aspekte dieses Prinzips funktionieren, aber es herrscht da ein grosses Durcheinander, das die Leute in ihrem Denken verwirrt.

Weltwoche: Sie waren als Student nie Teil dieser Ideologie. Warum waren Sie immun?

Thiel: Ich habe mich immer ein bisschen als einen Aussenseiter gesehen, der in gewisser Weise aber auch ein Insider ist. Ich war akademisch sehr erfolgreich. Ich kam in alle Elite-Unis. Auf der anderen Seite kam ich aus einer Einwandererfamilie. Das gab mir eine andere Haltung. Wäre ich ein kompletter Outsider gewesen, hätte ich keinen Erfolg gehabt.

Weltwoche: Muss man gegen den Strom schwimmen, um erfolgreich zu sein?

Thiel: Ein Teil davon trifft wohl auf mich zu. Aber wir sprechen über unsere Universitäten. Das System funktioniert immer schlechter. Wer nicht links ist, hat an den Unis keine Karriereperspektive mehr. Konservative, die in den siebziger Jahren ihren Doktortitel machten, stellten noch zu ihrem Erstaunen fest, dass man sie bei den Professorenposten ausbremste. Für meine Generation – die Generation X – war bereits klar, dass es für alle, die rechts von der Mitte stehen, niemals einen Platz im akademischen System geben würde. Man hatte die Wahl: Entweder man wird politisch superkorrekt und versucht, im System aufzusteigen, oder aber man wird Unternehmer und verlässt das System. Diesen Weg nahm ich. Ich schwamm gegen den Strom, nicht weil ich es mir so zurechtgelegt hatte, sondern weil sich die Möglichkeiten, innerhalb des Systems erfolgreich zu sein, verengt hatten.

Weltwoche: Kann man an einer Universität lernen, erfolgreich zu sein?

Thiel: Früher waren Eliteuniversitäten ein sicherer Weg in die Elite. Das ist heute anspruchsvoller und tückischer geworden. Je mehr unsere Gesellschaften stagnieren, dekadent werden, kein Wachstum erzeugen, desto weniger funktioniert der Zugang zur Elite. Natürlich bleibt Erfolg möglich, aber die Wege dorthin sind verschlungener geworden. Hier liegt übrigens auch ein Grund dafür, warum unsere Universitäten und unsere Studenten so extrem geistesgestört geworden sind. Eine Universität ist eine Institution, die der nächsten Generation den Zugang zur Elite ermöglichen soll. Wenn wir eine Gesellschaft haben, die aufgrund des Gleichheitsideals immer abstreiten muss, überhaupt eine Elite zu haben, funktioniert die Elite nicht mehr. Als Folge davon müssen die Unis zwangsläufig geisteskrank werden. Oder noch verrückter: Weil die Unis ihre Funktion, den Zugang zur Elite zu sein, verloren haben; weil sie dysfunktional sind, müssen sie den Studenten all diesen ideologischen Unsinn einhämmern, um sie davon abzulenken, dass die Universitäten kaputt sind.

Weltwoche: Was haben Sie für Ihr Leben an der Universität gelernt?

Thiel: Die wahre Ausbildung beginnt, wenn man realisiert, wie verrückt das akademische System ist. Wie sehr man dort einer Hirnwäsche ausgesetzt ist. Meine Ausbildung bestand darin, die Integrität meiner Ausbildung zu hinterfragen. Das war enorm wertvoll.

Weltwoche: An der Oxford-Universität müssen sie jetzt den literarischen und philosophischen Kanon ändern. Mindestens 40 Prozent der Bücher müssen von Frauen geschrieben sein. Die Qualität oder die Bedeutung der Texte sind weniger wichtig, als wer sie geschrieben hat. Sind die Universitäten, einst Hochburgen des freien aufklärerischen Denkens, mittlerweile eine Gefahr für freies Denken und Aufklärung?

Thiel: Dahinter steckt ein neues Stammesdenken. Es wird behauptet, man könne ein Buch nur verstehen, wenn man biografisch oder ethnisch oder biologisch mit dem Autor verbunden sei. Wenn man einer ethnischen Minderheit angehört, soll man nur Bücher ethnischer Minderheiten lesen. In dieser Sicht sind Bücher wie Gene – sie gehören sozusagen zum biologischen Stamm der Nachkommen eines bestimmten Autors. Das ist natürlich komplett verrückt. Die interessante Frage aber lautet: Warum wird das überhaupt erlaubt? Warum werden wir von dieser sogenannten Identitätspolitik so widerstandslos in die Irre geführt? Warum gibt es nicht mehr Widerstand? Ich komme zurück zu meiner Definition der Universität als Sprungbrett in die Elite. Wenn dieser Mechanismus kaputt ist, wenn die Elite ihren Respekt verloren hat, dann entsteht ein Vakuum, und in dieses Vakuum stösst die verrückte Political Correctness.

Weltwoche: Warum haben die Konservativen die Universitäten verloren?

Thiel: Ich weiss nicht, ob die Konservativen die Universitäten jemals hatten. Im Jahr 1968 kollabierte das damals eher zentristische Establishment. Davor waren die Universitäten nicht so wichtig. Noch in den 1950er Jahren konnte man ohne Uni-Abschluss extrem erfolgreich sein. Viele herausragende Journalisten kamen aus anderen Berufen. Heute sind die Universitäten eine Kirche der Atheisten, und die Erlösungslehre der atheistischen Kirche ist ein Universitätsdiplom. Wer kein solches Erlösungsdiplom bekommt, wird schlimm enden. Die atheistische Kirche ist der Nachfolger der katholischen Kirche, und sie ist so korrupt wie die katholische Kirche vor 500 Jahren. In der Schweiz ist es viel besser: Sie haben unterschiedliche Ausbildungswege. Auch Leute, die nie eine Universität von innen gesehen haben, machen eine hervorragende Laufbahn. Deshalb sind auch Ihre Universitäten weniger verrückt als in den USA. Sie mögen teilweise verrückt sein, aber sie sind nie so verrückt wie unsere, weil es eine gesunde Alternative gibt. Das sollten Sie unbedingt bewahren.

Weltwoche: Sie gelten als brillanter Schachspieler. Was lernt man vom Schach über das Leben und das Geschäft?

Thiel: Du brauchst immer einen Plan. Es kann ein schlechter Plan sein, aber auch ein schlechter Plan ist immer noch besser als gar kein Plan. Das ist die Schachlehre.

Weltwoche: Macht Zuwanderung, wie sie heute gemanagt wird, unsere Gesellschaften reicher oder ärmer, intelligenter oder dümmer?

Thiel: Die Diskussion darüber ist extrem unehrlich, entweder superkorrekt oder superinkorrekt. Die einen sagen, jeder Migrant sei eine unschätzbare Bereicherung für unsere Gesellschaften. Die andern sondern rassistische Plattitüden ab. Wir brauchen hier dringend einen Mittelweg. Zweitens: Man kann die USA und Europa nicht vergleichen. In den USA sind die Migrationsprobleme zu 70 Prozent wirtschaftlich, zu 30 Prozent kulturell. In Europa ist es umgekehrt. Zuwanderer drücken den US-Mittelstand herunter, weil sie den Kampf um Arbeitsplätze verschärfen. In Europa ist der Wirtschaftsdruck kleiner, weil der Sozialstaat grösser ist. Dafür haben Sie kulturelle Konflikte. Die Integration funktioniert überhaupt nicht. Das sehen Sie daran, dass die Enkel der Einwanderer radikaler sind als ihre Grosseltern.

Weltwoche: Jacob Burckhardt, der berühmte Basler Historiker, definierte die Griechen als Optimisten des Handelns und Pessimisten des Denkens. Trifft diese Umschreibung auch auf Sie zu?

Thiel: Ich selber habe mich immer eher in der christlichen als in der griechischen Tradition gesehen. Die Griechen waren zum Teil Epikureer und Stoiker. Die Epikureer glaubten, dass die Atome zufällig zusammenstossen und es keinen Sinn hat, grosse Pläne zu schmieden. Am Schluss falle sowieso alles auseinander. Politisch waren sie passiv, hedonistisch, antipolitisch. Dieses Lebensgefühl bestimmt auch Teile der Spätmoderne, und ich stelle mich dezidiert gegen dieses Lebensgefühl. Sogar Marx argumentierte in seiner Doktorarbeit gegen die Epikureer, dass mit denen niemals eine Weltrevolution zu machen sei. Das ist vermutlich der einzige Punkt, wo ich mit Marx übereinstimme, dass der Epikureismus schlimmer ist als der Marxismus. Das 21. Jahrhundert ist sehr epikureisch. Deshalb bin ich dagegen.

Weltwoche: Wie würden Sie Ihre eigene Lebensphilosophie beschreiben?

Thiel: Lassen Sie mich zuerst den Gegensatz erläutern: Sie ist antiepikureisch. Ich glaube nicht, dass wir in einem ewigen Kreislauf gefangen sind. Wir sind nicht in einem «Und täglich grüsst das Murmeltier»-Film. Jeder Moment in der Geschichte passiert nur einmal, deshalb sind unsere Entscheidungen singulär, sie sind wichtig, einschneidend. In diesem Rahmen versuche ich die Dinge durchzudenken.

Weltwoche: Es heisst, Sie seien ein «libertarian», was eine Steigerungsform von liberal im klassischen Sinn ist.

Thiel: Ich bin nach wie vor zu 70 Prozent libertär.

Weltwoche: Und die restlichen 30 Prozent?

Thiel: Die libertären Prinzipien sind mir wichtig, Individualismus, Freiheit, klassischer Wirtschaftsliberalismus, aber das alles reicht irgendwie nicht. Vor rund zehn Jahren definierte ich mich aus zwei Gründen als libertär, aus einem guten und aus einem schlechten. Der gute war, dass ich daran glaubte. Der schlechte war, dass es etwas feige ist, sich als libertär zu bezeichnen, denn man gab sich damit als ungefährlich zu erkennen, weil Libertäre immer verlieren.

Weltwoche: Warum hat dieses Welt- und Selbstbild Risse bekommen?

Thiel: Die Tatsache, dass Libertäre immer verlieren, zeigt doch, dass an dieser Philosophie etwas nicht ganz stimmen kann. Es ist eben nicht klar, ob kapitalistische, individualistische Gesellschaften wirklich selbsterhaltend sind. Wir spüren, dass es in Europa und in den USA diesen unaufhaltsamen Ruck nach links gibt. Wie können wir das stoppen, ökonomisch wie auch kulturell? Etwas am libertären Denken ist mangelhaft, weil es keine Theorie gibt, wie dieser Linksrutsch zu überwinden wäre. Das finde ich unbefriedigend.

Weltwoche: Berühmte protestantische Theologen wie Karl Barth hatten eine zutiefst optimistische Weltanschauung. Wie schlimm die Dinge auch immer scheinen mögen, die Welt ist nicht verdammt. Es kommt immer wieder Ostern, es geht immer wieder aufwärts. Wie sehen Sie das?

Thiel: Ich habe protestantische Denker des 20. Jahrhunderts wie Karl Barth immer hochgradig brillant gefunden, aber sie haben sich von der Wirklichkeit abgekoppelt. 1945 entwickelten wir Nuklearwaffen. In diesem Jahr wurde die apokalyptische Dimension des christlichen Denkens, die noch im 18. oder 19. Jahrhundert lächerlich erscheinen musste – wie hätte sich die Welt damals zerstören können? –, urplötzlich Realität. Das Merkwürdige ist nun, dass die Theologen ausgerechnet in dem Moment aufhörten, über die Apokalypse zu reden, als die Apokalypse möglich wurde. Sie fingen an, über alles Mögliche zu reden und die Menschen zu trösten. Auch die Katholiken hörten 1945 auf, über das Ende zu predigen. Die Kirche rannte der Apokalypse davon, weil es einfach zu unheimlich wurde, darüber zu sprechen. Ich neige sehr wohl zum Gedanken, dass unserer Welt eine zutiefst apokalyptische Dimension anhaftet.

Weltwoche: Wie gehen Sie mit dieser Einsicht um?

Thiel: Seit 75 Jahren diskutieren wir über die Art, wie sich die Menschheit selber auslöschen kann. Wenn es einen Weg durch die Apokalypse gibt, dann ist es der, sich einzugestehen, dass die Erde ein extrem gefährlicher Ort ist. Man muss dagegenhalten und darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Wenn wir unseren Kopf in den Sand stecken, werden die Bomben irgendwann hochgehen.

Weltwoche: Wie definieren Sie die menschliche Natur?

Thiel: Sehr beeinflusst bin ich von René Girard und seinem Konzept des Nachahmens. Ich blicke auf die kulturellen Fragen, die eine Art Gegenteil dessen sind, was man unter der menschlichen Natur versteht. Das Wort «Natur» steht nicht im Alten Testament. In der Genesis kommen zuerst die unbeweglichen Dinge, das Land, das Meer, die Pflanzen, dann die Sterne, Sonne und Mond. Erst nachher treten die Tiere und die Menschen auf. Der Mensch ist biblisch sozusagen das Gegenteil von dem, was fixiert und unbeweglich ist. So würde ich es sehen. Der Mensch ist gefährlich gerade deshalb, weil er nichts Fixes hat, sondern beweglich ist, sogar über sich hinaussteigen kann. Es gibt keine natürlichen Schranken, keine natürlichen Instinkte, die ihn bremsen. Die Gewalt ist potenziell grenzenlos. Viele Aspekte des Menschen sind zutiefst gefährlich, eben weil es keine feste menschliche Natur gibt, die die Gefahr einhegt und den Menschen stabilisiert. Wir leben in einer Welt ohne Grenzen. Das ist gefährlich.

Weltwoche: Was bedeutet das Spirituelle für Sie? Die Religion?

Thiel: Wenn ich das Wort «spirituell» höre, denke ich an Leute, die Fake sind und nicht wirklich nachdenken. Das Transzendente ist wichtig, und das Leben ist mehr als nur der unmittelbare Zusammenhang, in dem wir uns zurechtfinden müssen. Aber das Wort «spirituell» verschafft uns keinen sinnvollen Zugang zu diesen Fragen.

Weltwoche: Können wir Unsterblichkeit erreichen? Sollten wir Unsterblichkeit anstreben?

Thiel: Die ganze Krise des Westens verdichtet sich im irrigen Gedanken, dass wir es mittlerweile merkwürdig finden, Unsterblichkeit anzustreben. Leute, die ihre eigene Auslöschung rationalisieren und ihre Sterblichkeit schönreden, haben etwas Bizarres für mich. Da stimmt doch etwas mit unserer Gesellschaft nicht mehr. Ja, natürlich sollten wir Unsterblichkeit anstreben, und zwar auf unterschiedlichsten Wegen. Es ist abwegig, dass wir uns so etwas überhaupt fragen.

Weltwoche: Wie wichtig ist Patriotismus?

Thiel: Intellektuell ist Patriotismus immer eine etwas problematische Sache. Warum soll ein bestimmtes Land speziell sein, oder warum sind diese oder jene Grenzen die richtigen? Der Nationalstaat beruht immer auf einem Ausmass an Gewalt, das je nach Blickwinkel schwer zu rechtfertigen ist. Wenn man Patriotismus intellektuell analysiert, endet das meistens in einer ziemlich unpatriotischen Übung. Dies vorausgeschickt, halte ich aber fest, das alle Alternativen zum Patriotismus apokalyptisch sind. Die Alternative zum patriotischen Nationalstaat ist der kommunistische Weltstaat. Schrecklich.

Weltwoche: Was wollen Sie in der Zukunft noch erreichen?

Thiel: Wenn Sie mich so direkt fragen: Ich möchte in den nächsten zehn Jahren etwas machen, was den Niedergang des Westens umkehrt. Aber wie soll man da vorgehen? Die letzten Jahre habe ich es versucht, indem ich erfolgreiche Unternehmen gegründet und investiert habe, aber das ist irgendwo nicht genug. Was darüber hinaus in unserer Gesellschaft etwas bringt, ist schwer zu sagen. Aber darüber denke ich konkret nach: «Was können wir tun in dieser hochgradig gestörten westlichen Zivilisation, in der wir uns befinden und die wir schützen wollen?» Das scheint mir heute die zentrale Frage zu sein.

 

 

Peter Thiel: Geboren 1967 in Frankfurt am Main, heute in Los Angeles lebend, ist einer der erfolgreichsten Investoren des Silicon Valley. Seine Firma Palantir hat einen Börsenwert von rund 20 Milliarden Franken. Daneben ist er gross an Facebook beteiligt und an den Unternehmen seines Freundes Elon Musk.

 

"Abonnieren Sie die Weltwoche und bilden Sie sich weiter"

Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Inge Vetsch

27.08.2020|13:53 Uhr

Auch der 2. Teil des Interviews ist packend gut. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die beiden Fragen am Ende - zu Spiritualität und Unsterblichkeit - viel vertiefter diskutiert worden wären. Mehr Raum für Thiels Antworten! Nachfragen durch den Interviewer! So sieht das aus, als hätte man das Interview ganz schnell beenden wollen/müssen und halt noch 2 Füllfragen pro forma gestellt. Sehr schade. Gerade bei diesen beiden Themen hätte ich gerne mehr von/über Peter Thiel erfahren wollen.

Max P. Schweizer

26.08.2020|16:40 Uhr

Kapitalistische, individualistische Gesellschaften sind selbsterhaltend, vorausgesetzt sie pflegen die eigene Kultur und Geschichte und haben damit ihr "Narrativ" und einen Plan! In der Schweiz hat die Linke seit dem Landesstreik einen anderen Plan verfolgt, und der besteht zuerst in der Zerstörung des gegnerischen Narrativs. (La Suisse n'existe pas! (auch wenn er sie liebt ...)) Wenn dann die bürgerlichen Eliten dem Treiben 60 Jahre lang teilnahmslos und konkordant zuschauen, dann wird's halt schwierig.

Richard Baumann

23.08.2020|21:29 Uhr

Ein Brillianter Geist mit Durchblick. Die Lösung um den Niedergang der westlichen Gesellschaft aufzuhalten liegt darin das Bewusstsein und die Verantwortung jedes einzelnen zu stärken, das beginnt mit der Ausbildung z.B. in TM oder andern Meditationsarten wie auch bewusstseinsschulenden Kampfsportarten und einem Kapitalismus der anstelle der Aktiengesellschaften ,die Genossenschaftsform in den Vordergrund stellt in dem jeder einzelne Verantwortung übernimmt. Die Genossenschaft ist die direkte Demokratie der Wirtschaft und der Wettbewerb zwischen Coop, Migros und Landi funktioniert auch.

Markus Dancer

23.08.2020|10:29 Uhr

Das EINZIGE Mittel gegen den Gleichheitswahn wäre RESPEKT! Da haben aber alle u. besonders die Eliten ein riesen grosses Problem! Leider geht es überall in Richtung Sklavenstaat! Deshalb ist China ja auch so erfolgreich - vermeintlich! Gut dressierte, völlig abhängige Arbeits- und Konsumsklaven ist das Ziel! Grausig, aber wahr!

Brigitte Miller

19.08.2020|19:50 Uhr

Gutes Interview, interessante Gedanken und eine exakte Zustandsbeschreibung von Herrn Thiel. Ich nehme doch an, dass er mit Streben nach Unsterblichkeit nicht biologische Unsterblichkeit meint?

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Freitag
ab 6 Uhr 30.

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier