Den Falschen beurlaubt

Am Beginn der Intrige gegen Francesco Maisano am Zürcher Herzzentrum steht nicht ein «Whistleblower», sondern Kardiologie-Chef Frank Ruschitzka persönlich.

An der Leitungssitzung des Herzzentrums am Universitätsspital Zürich vom 18. Juli 2019 überschüttete Frank Ruschitzka, ordentlicher Professor für Kardiologie, seinen chirurgischen Kollegen Francesco Maisano mit den heftigsten Vorwürfen. Nach der Erinnerung mehrerer Sitzungsteilnehmer kritisierte Ruschitzka im Beisein von fünf weiteren Personen Maisanos Indikationsstellungen und hielt ihm angebliche fachliche Fehlleistungen der Vergangenheit unter die Nase.

Obwohl der CEO des Universitätsspitals, Gregor Zünd, noch am gleichen Tag auf Ruschitzkas unkollegiales, unprofessionelles Verhalten aufmerksam gemacht wurde, kehrte keine Ruhe ein. Das von Maisano vorgeschlagene moderierte Gespräch, das die im Raum schwebenden Vorwürfe endlich abklären und bereinigen sollte, führte zu nichts. Faktisch war die Zusammenarbeit zwischen dem Kardiologen und dem Chirurgen zerrüttet.

 

«Whistleblower» als Sprachrohr

 

Die Auseinandersetzungen dürften sich kaum an wissenschaftlichen Publikationen entzündet haben – und auch nicht an der Frage, wann welche medizinische Behandlung angezeigt ist. Der Streit drehte sich letztlich um die Klappenchirurgie, in der Herzchirurg Maisano als international anerkannter Pionier gilt. Das zukunftsträchtige, finanziell interessante Gebiet wird aber auch von den Kardiologen beansprucht. Ruschitzka versuchte, einen für Francesco Maisano wichtigen, hochkompetenten klinischen Kardiologen als Leitenden Arzt in Teilzeit wegzuziehen. Der Spezialist für Klappenerkrankungen mit Praxistätigkeit sollte nur noch mit der Kardiologie statt mit der Herzchirurgie zusammenarbeiten.

Der «Whistleblower» der Tamedia-Blätter, Herzchirurg André Plass, wiederholte also lediglich die schon früher geäusserten Vorwürfe von Frank Ruschitzka gegen Francesco Maisano. Am Anfang der Anschuldigungen stand – wie die Sitzung der Herzzentrumsleitung vom 18. Juli 2019 belegt – Ruschitzka persönlich. Das wirft ein neues Licht auf die turbulenten Vorgänge am Herzzentrum, wo André Plass Ende Mai von der Spitalleitung entlassen worden war, aber auf Druck der Tamedia-Zeitungen wenig später wieder eingestellt wurde. Es lässt sich zeigen, dass die beiden aus Deutschland stammenden Mediziner Ruschitzka und Plass eine alte Seilschaft bilden, wobei auch finanzielle Verflechtungen bestehen.

Beide waren 2010 Mitbegründer und danach Verwaltungsräte der Firma Cardiorentis AG, wo der mitgründende deutsche Kardiologe Johannes Holzmeister noch heute als Präsident und Mitglied der Geschäftsleitung amtet. Holzmeister durfte gelegentlich mit Ruschitzka in hochkarätigen Journals publizieren. Frank Ruschitzka ist es gelungen, namhafte Summen bei der Biotech-Industrie zu mobilisieren, mit denen ihm Dekan Rainer Weber 2016 eine ausserordentliche Professur ad personam eingerichtet hat.

Der Leitende Arzt André Plass war auch beratend tätig für die Finanzboutique Medinad AG, deren Exponenten an der Universitätsklinik ihre Angebote vorstellen durften. Heute betreibt die Medinad ein Callcenter und sucht nach potenten Investoren; prominente Vertreter der Gesundheitsbranche fühlen sich von der Firma um grosse Summen geprellt. Ein renommiertes Auskunftsunternehmen hält fest: «Die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Firma Medinad AG mit Zahlungsausfällen zu rechnen ist, wird nach dem statistischen Prognosemodell von CRIF AG als hoch eingestuft.»

Mit dieser Firma arbeitete also der Gewährsmann von Tamedia zusammen. Gemäss Portal Medinside soll André Plass in den Räumen des Universitätsspitals angekündigt haben, dass er Francesco Maisano bald definitiv «wegbefördern» werde. Plass soll sich auch öffentlich rühmen, dass Frank Ruschitzka ohne ihn den stattlichen Neubau eines hochmodernen, grosszügigen Privathauses oberhalb von Küsnacht nicht hätte finanzieren können.

 

Unterstützung für Maisano

 

Sowohl nach dem Bericht der Anwälte von Walder Wyss wie jenem von Maisanos Anwälten von Niederer Kraft Frey bleibt kein substanzielles Unrecht am Herzchirurgen hängen. Seine Beurlaubung wird denn auch zunehmend kritisiert. Adriano Aguzzi, Direktor des Neuropathologischen Instituts, erinnert an die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers und bringt das Problem auf den Punkt: «Wer will schon an einer Universität arbeiten, die ihre Professoren als Wegwerfmaterial betrachtet und bei Problemen ihren Rechtsdienst gegen ihre eigenen Professoren wie eine Waffe richtet, anstatt sich schützend vor sie zu stellen?»

Demgegenüber bleibt das gigantische wissenschaftliche Fehlverhalten von Frank Ruschitzka praktisch ungeahndet. Seine mittlerweile zurückgezogene, auf Datenbetrug basierende Publikation in The Lancet über Covid-19 wurde von Fakultät und Universität so diskret wie möglich behandelt. Die Medienstelle verteidigt ihn so: «Professor Ruschitzka war weder an der Datenakquisition, der Rohdaten-Erhebung noch an der Weiterverarbeitung und -analyse der Patientendaten beteiligt, sondern wurde erst für Auswertung und Interpretation der Patientendaten und für das Verfassen des Manuskripts beigezogen.» Doch diese Ausrede stösst ebenso ins Leere wie die eigenartige Kritik der Uni Zürich an den Gutachtern von The Lancet. Die führende britische Zeitschrift hält nämlich unumstösslich fest: «Alle Autoren haben an der kritischen Überarbeitung des Manuskripts für wichtige intellektuelle Inhalte teilgenommen.»

Der neuste Skandal von Frank Ruschitzka betrifft eine Veröffentlichung im European Heart Journal, in dem er Co-Autoren anführt, ohne deren Einverständnis eingeholt zu haben. Auch dieses Fehlverhalten müsste die Universität Zürich längstens untersuchen.

"Abonnieren Sie die Weltwoche und bilden Sie sich weiter"

Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Georg Lips

03.08.2020|11:23 Uhr

Dies ist ja nur ein kurzer und kleiner Einblick in die Machenschaften an unseren Hochschulen.Hier wird von hunderten Millionen gesprochen, die im Hintergrund bewegt werden und wo offensichtlich das knowhow, die Netzwerke von uns finanziert werden.Noch schlimmer ist es bei startups.Knowhow Entwicklung und Kosten beim Staat, Gewinn abgerahmt dann bei der Kommerzialisierung.Vermutlich werden die Patentrechte den Hochschulen dann noch vorenthalten. Artikel die das beleuchten wären wichtiger als über black people, die Ball werfen. So weit sind wir schon.

Nannos Fischer

02.08.2020|09:47 Uhr

Wie C. F. Meyer Hutten sagen lässt : «Sag ich es kurz und klassisch, was ich sah. Am Tiberstrom? Cloaca maxima!» Am Limmatfluss ist’s nicht stark verschieden. Wie dank Sozifilz und mit Hilfe einer Importkamarilla eine einst Weltklassefalkultät auf Randprovinzniveau hinuntergewirtschaftet wurde und wie man nun beides fast nicht mehr aus dem Gefüge rausbekommt. Früher gehörten die Wasers in Zürich zur Elite. Heute kommt der Waser aus Winterthur, ist eine rote Filzsocke und, ohne weitere Vorbildung denn als Realschullehrer, an die Spitze des Kantonsspitals katapultiert, kann er schalten und walten.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier