Abschaffung der Geschlechter

Die einen fordern neben Mann und Frau eine dritte Option, die andern wollen ganz aufs Geschlecht im Recht verzichten. Was würde das für die Gesellschaft bedeuten?

Es ist eine Vorstellung, an die man sich noch etwas gewöhnen muss: Nicht mehr die Biologie entscheidet, ob man amtlich gesehen ein Mann oder eine Frau ist, sondern die innere Überzeugung. Der Ständerat hat dieser bemerkenswerten Gesetzesänderung im Juni als Erstrat zugestimmt, im Nationalrat dürfte die Vorlage ebenfalls glatt über die Bühne gehen. In der Schweiz wird man also künftig sein Geschlecht selbstbestimmt wählen dürfen und von heute auf morgen offiziell von einer Frau zum Mann, von einem Mann zur Frau werden können – ohne medizinischen Nachweis, durch eine simple Erklärung auf dem Zivilstandsamt, wobei auch ein mehrmaliges Hin und Her möglich sein soll.

Das neue Gesetz ist ein beachtlicher Erfolg für die Bewegung der Transmenschen, die den schnellen und voraussetzungslosen Geschlechterwechsel seit längerem fordern. Die Freude in der Community ist allerdings eingetrübt, weil für Minderjährige strengere Regeln gelten. Kinder und Jugendliche sollen die neue Freiheit nur mit Zustimmung der Eltern ausüben dürfen. Der rechten Ratsmehrheit im Ständerat war es mulmig bei der Vorstellung, dass rebellische Teenager im Hormonsturm ihrer Identität überstürzt entfliehen könnten. Ob der Nationalrat auf dieser Linie bleiben wird, ist offen.

Die Schweiz tut damit das, was etliche Länder vorgemacht haben: Für das Geschlecht ausschlaggebend ist, wie man sich fühlt und als was man sich selber identifiziert. Es ist nicht davon auszugehen, dass hierzulande nun plötzlich ein Massenansturm auf die Zivilstandsämter einsetzen wird; der Geschlechterwechsel dürfte ein Randphänomen bleiben, der Grossteil der Bevölkerung wird davon nichts mitbekommen.

Dennoch ist die Rechtsänderung nicht ohne, denn sie bedeutet den Abschied vom herkömmlichen Mann-Frau-Verständnis, das die Menschen je nach Geschlechtsmerkmalen in «männlich» und «weiblich» unterteilt. Anders gesagt: Das Geschlecht gilt im Recht zunehmend als soziales Konstrukt. Und dies, obschon in der Gesellschaft nach wie vor die Ansicht dominiert, dass das Geschlecht ziemlich viel mit Chromosomen, Anatomie und körperlichen Attributen zu tun hat und dass biologische Männer nicht dasselbe sind wie biologische Frauen und umgekehrt.

Das kann durchaus zu Friktionen führen, wie ein Blick ins Ausland zeigt. Namentlich im angelsächsischen Raum fühlen sich Frauen von der Transbewegung, die mittlerweile Mainstream geworden ist, zunehmend an den Rand gedrückt. In Grossbritannien etwa führt J. K. Rowling, die Autorin von «Harry Potter», einen weltweit beachteten Schlagabtausch mit Transaktivisten, weil sie der Auffassung ist, dass Transfrauen (Menschen, die als Männer geboren und später zu Frauen wurden) und biologische Frauen nicht komplett dasselbe seien und man es mit der Inklusion nicht zu weit treiben soll.

Der Disput dreht sich einerseits um den um sich greifenden Sprachfuror, der das Wort «Frau» zunehmend verdrängt und mit Ausdrücken wie «Menschen, die menstruieren» ersetzt – dies, um die Gefühle von Transfrauen und -männern zu schonen und sie nicht auszugrenzen. Anderseits geht es um die realen Gefahren für Frauen, wenn plötzlich für sie reservierte Toiletten oder Garderoben biologischen Männern offenstehen, die behaupten, sie fühlten sich weiblich. Wie weit soll die Gleichstellung gehen?

 

Trend zur Dreigeschlechtlichkeit

 

Mit dem beliebigen Wechsel der geschlechtlichen Identität ist die Debatte über das Geschlecht im Recht hierzulande noch nicht beendet. Man könnte auch sagen, sie nimmt gerade erst Fahrt auf. Denn schon stehen weitere Themen auf der eidgenössischen Traktandenliste, allen voran das dritte Geschlecht. Dabei handelt es sich um eine zusätzliche rechtliche Kategorie, neben jener von Mann und Frau. Gedacht ist sie in erster Linie für Menschen, die biologisch gesehen ein Zwischending sind, früher Hermaphroditen oder Zwitter genannt, heute Intersexuelle.

Der Bundesrat ist derzeit daran, die Option des dritten Geschlechts zu prüfen. Bis im nächsten Jahr will das Justizdepartement mitteilen, was es davon hält und ob man von der binären Geschlechterordnung Mann/Frau zur Dreigeschlechtlichkeit wechseln soll.

Letzteres wäre keine Überraschung, denn der Trend geht international in diese Richtung. Deutschland hat den Schritt zum dritten Geschlecht schon gemacht und die Kategorie der «Diversen» geschaffen, ebenso Österreich. Indien kennt das dritte Geschlecht schon lange, auch Australien, Dänemark, Kanada, Argentinien und weitere haben es eingeführt. In etlichen Rechtsordnungen ist die dritte Option nicht auf Intersexuelle beschränkt, sondern steht auch Personen offen, die zwar eindeutig männlich oder weiblich sind, denen die binäre Ordnung mit Frau und Mann aber zu eng ist und die sich als etwas anderes fühlen.

Die Vielfalt der Nichtbinären ist gross: Es gibt Agender (Geschlechtsneutrale), Pangender (die sich mit allen Geschlechtsidentitäten identifizieren) oder Geschlechtsfluide (mal mehr Mann, mal mehr Frau), um ein paar Beispiele zu nennen.

Sollte die Schweiz das dritte Geschlecht einführen, wird sie es kaum auf Intersexuelle beschränken können, sondern wird auch hier Selbstbestimmung gelten lassen müssen. Denn wenn mit allen männlichen Attributen ausgestattete Menschen durch eine Erklärung gegenüber dem Zivilstandsbeamten offiziell zu Frauen werden dürfen und umgekehrt biologisch urweibliche Wesen zu Männern, dann muss es auch möglich sein, dass all jene, die sich mit dieser Zweigleisigkeit nicht identifizieren, in die Sammelgruppe der «Diversen» – oder wie immer man sie nennen will – wechseln.

Dabei stellen sich juristisch höchst interessante Fragen. Wenn man ein drittes Geschlecht schafft, ist es nicht damit getan, einzig die Modalitäten im Personenstandsregister anzupassen und neben «weiblich» und «männlich» noch die Kategorie «divers» zuzulassen. Wenn schon ein drittes Geschlecht, dann wird man es als vollwertige Form anerkennen müssen; alles andere würde mit Sicherheit als diskriminierend angesehen.

Doch wie passt das dritte Geschlecht zu einer Rechtsordnung, die eine Mutterschaftsversicherung und Militärdienst für Männer vorsieht, die eine privilegierte Witwenrente und ein unterschiedliches Rentenalter für Frauen und Männer kennt? Deren Abstammungsrecht davon ausgeht, dass es Vater und Mutter gibt? Deren Grundlage also auf einer binärgeschlechtlichen Kategorie aufbaut? Wie und wo passen die «Diversen» da hinein? Von den sprachlichen Anpassungen der Gesetze und amtlichen Dokumente ganz zu schweigen, wobei hier noch vieles offen ist. Über die Frage, welches das adäquate Pronomen für nichtbinäre Personen ist, wird derzeit im deutschen Sprachraum wie auch anderswo engagiert debattiert.

 

Radikale Vereinfachung

 

Es gibt aber auch Stimmen, die finden, dass die Lösung nicht in der Diversifikation und der Vielfalt liegen könne, sondern dass es gerade in die andere Richtung gehen müsse – hin zu einer radikalen Vereinfachung, indem man in der Rechtsordnung auf die Kategorie des Geschlechts überhaupt verzichtet und keinerlei Konsequenzen mehr an die Geschlechtszugehörigkeit knüpft.

So sieht etwa der emeritierte Privatrechtsprofessor Thomas Geiser keinen vernünftigen Grund, warum die Rechtsordnung zwischen Mann und Frau unterscheidet. Warum beispielsweise Männer in den Militärdienst müssten, Frauen dagegen nicht, entbehre jeglicher sachlichen Rechtfertigung. Auch dort, wo es klare biologische Unterschiede gibt, beim Mutterschutz etwa, sieht Geiser keine Probleme: Für den arbeitsrechtlichen Schutz zähle nicht das Geschlecht an sich, sondern der Umstand einer Schwangerschaft. Das Gesetz könne dem Rechnung tragen, indem es unterscheide zwischen Menschen, die schwanger sind, und Menschen, die nicht schwanger sind.

Die Idee, das Geschlecht als rechtliche Kategorie vollständig aufzugeben, wird von der jüngeren feministischen Rechtswissenschaft unterstützt. Recht konstruiere überholte Rollenbilder, deshalb solle man bereits bei der Geburt darauf verzichten, das Geschlecht im Personenstandsregister einzutragen, meint etwa die Rechtsanwältin Sandra Hotz, die an der Universität Basel «Legal Gender Studies» lehrt. Ein solcher Verzicht könne befreiend wirken. Den Aufwand, die gesamte Rechtsordnung entsprechend anzupassen, hält Hotz für nicht allzu gross.

Der Ruf nach dem «Recht ohne Geschlecht» hat inzwischen das eidgenössische Parlament erreicht. Vor allem die linke Seite liebäugelt mit dieser Vorstellung, verschiedene Vorstösse wurden überwiesen, der Bundesrat muss neben der Einführung des dritten Geschlechts nun zusätzlich auch diese Möglichkeit prüfen. Doch nicht überall dürfte die Idee der neutralen Rechtsordnung gut ankommen, gerade auch bei gestandenen Feministinnen nicht, denn sie würde für die Frauen so einiges auf den Kopf stellen und etliche Privilegien – Frauen müssen keinen Militärdienst leisten und haben sozialversicherungsrechtliche Vorteile – gefährden.

 

Menschen mit Penis

 

Kommt hinzu, dass der Vergleich zwischen Männern und Frauen für jeden Gleichberechtigungsartikel zentral ist. Man kann zig Statistiken anführen, um Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu kritisieren und diese als Hebel für politische Gleichstellungsforderungen zu nutzen. Und auch im Berufsalltag ist das Frausein relevant, wenn es um Klagen wegen Lohndiskriminierung oder um eine Quotenregelung für Kaderstellen geht.

Angesichts dieser Ausgangslage wird sich so manche Feministin überlegen, ob es wirklich Vorteile bringen würde, die Kategorie «Frau» preiszugeben, oder ob das Ganze nicht, salopp formuliert, ein Gender-Gaga-Eigengoal wäre, von dem am Ende bloss die Männer profitieren würden – oder gendergerecht ausgedrückt: die Menschen mit Penis.

 

Kommentare

Jürg Wehrlin

02.07.2020|09:47 Uhr

@Walter Mittelholzer: Es ist in der Tat zum K**, dass man als Mensch mit noch mehr als 2 funktionierenden Hirnzellen zusehen muss, wie sich die Geschichte wiederholt. Ich könnte mir vorstellen, dass das mit der Einführung der Scharia sehr schnell ein Ende nimmt. Es sind ja genau die gleichen Kreise, welche die Islamisierung des Westens mit allen Mitteln fördern - Verblödung in Reinkultur.

Richard Müller

02.07.2020|09:35 Uhr

Wenn wir die Geschlechter abschaffen, hat der Feminismus ausgedient und der Genderismus landet auf dem Müll. So gesehen wäre das ein Schritt in die richtige Richtung. Die Dekadenz hebelte sich am Ende selbst aus. Leider wird das Theater aber nie aufhören, solange die Leute rund um die Uhr nur noch mit sich selbst, respektive der Selbstfindung beschäftigt sind. Und an den Universitäten, wo Wissenschaft altmodisch geworden ist, würde auch weiterhin marxistisch gefärbter Zeitgeist gelehrt. Am gescheitesten bleiben wir bei Mann und Frau und lassen die Dummschwätzer weiter dummschwatzen.

Markus Dancer

02.07.2020|08:33 Uhr

Mentale Demenz verbreitet sich mittlerweile schneller als das CCP_CV-19 Virus und ist auch tödlicher, denn es ist Teil der totalen Zerstörung des natürlichen menschlichen Selbstverständnisses. China - wir gewinnen, senn's so weiter geht! Die gefühlslosen, geschlechtslosen, hirnlosen, heimatlosen Sklaven-Zombies nehmen überhand! Den Sklaventreibern in Brüssel, unserem BR, NR u. StR kommt das natürlich sehr entgegen.

Walter Mittelholzer

01.07.2020|20:18 Uhr

Genau das ist es, ein Gender-GaGa. Die Wiederholung des Unterganges des Römischen Reiches auf Grund der grenzenlosen Dekadenz wiederholt sich, leider. Auch die Abartigkeit und Unfähigkeit der " Kultur-Schaffenden" in fast allen Bereichen sind ein klares Indiz für den Niedergang der westlichen Welt. Zu welcher Zeit gab es einzigartige Musiker, Maler, Dichter etc. Schon sehr lange her!

Yvonne Flückiger

01.07.2020|19:24 Uhr

Warum macht Europa und jetzt auch die Schweiz eigentlich jeden Hirnfurz mit, der von Amerika über den Atlantik zu uns schwappt? Natürlich gibt es neben dem biologischen Geschlecht auch ein soziales Geschlecht. Aber eben NEBEN; und sicher nicht anstatt. Warum eigentlich muss alles verschlimmert und verkompliziert werden, ohne irgend einen Nutzen. Das Gleiche gilt übrigens auch für das 3. Geschlecht der sog. Transmenschen, von denen es plötzlich überall wimmelt. Die sind übrigens, wenn auch noch schwarz, in der Opferhierarchie ganz zuoberst.

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