Verteidigung des Tierversuchs

Versuche an Affen, Katzen oder Mäusen sind unentbehrlich bei der Erforschung eines Impfstoffs, etwa gegen Corona. Aufsichtsbehörden torpedieren aber die Forschung, machen Karrieren kaputt und schaden der Schweiz.

Mehr als 30 000 Erkrankungen und 1600 Todesopfer hat die Covid-Pandemie in der Schweiz bislang gefordert. Unsere Untersuchungen zeigen, dass in Zürich lediglich 1,6 Prozent der Bevölkerung (Stand: Ende Mai 2020) eine Immunität gegen das Virus entwickelt haben. Sollte im nächsten Herbst eine zweite Welle auf uns zukommen, würde sie wieder mit voller Wucht auf die Bevölkerung treffen. Die langfristige Lösung dieses Problems kann nur eine sein: Es muss so schnell wie möglich ein Impfstoff her. Aber die Corona-Impfung muss unbedingt zwei Anforderungen genügen: Sie muss sehr wirksam und frei von schweren Nebenwirkungen sein. Denn sollte nur einer von tausend Geimpften solche Nebenwirkungen erfahren, ergäbe dies bei einer Milliarde Geimpfter eine Million Impfschäden. .

 

Gegner statt Partner

Nun, die Virusabwehr ist von einer überwältigenden Komplexität, die sich am Computer nicht simulieren lässt. Das menschliche Immunsystem kann über zehn Milliarden unterschiedliche Antikörper produzieren. Um die Sicherheit eines Impfstoffes zu gewährleisten, muss dieser letztlich an nichthumanen Primaten (Affen) getestet werden. Um die Zahl solcher Versuche möglichst gering zu halten, ist es wünschenswert, erste Versuche zur Wirksamkeit und Sicherheit an Mäusen zu erproben. Allerdings sind Mäuse ziemlich resistent gegen Covid-19, weil der ACE2-Rezeptor, die Eintrittspforte für Sars-Coronaviren, zwischen Menschen und Mäusen unterschiedlich ist. Nun haben Forscher den menschlichen ACE2-Rezeptor gentechnologisch in Mäuse eingeschleust. Solche Mäuse bekommen eine Lungenentzündung, die in vielen Aspekten mit Covid-19 vergleichbar ist. Auch Katzen bekommen nach der Infektion eine Lungenentzündung und eignen sich deswegen zum Test von Impfstoffen und möglichen Nebenwirkungen.

Dass diese Forschungen notwendig sind, will nicht heissen, dass Wissenschaftler Freude an Tierexperimenten empfänden. Meine Mitarbeiter und ich betrachten den Tierversuch als Ultima Ratio und haben schon immer eine Güterabwägung vorgenommen. Die Frage lautet dabei: Lässt sich das Leiden der Tiere durch den zu erwartenden Erkenntnisgewinn rechtfertigen? Radikale Tierbefreier verneinen diese Frage prinzipiell und foutieren sich um die Konsequenzen. Gerade die Covid-Krise zeigt, was es heisst, wenn ein Land die experimentelle Tierforschung abwürgt. Die Forschung an Affen wurde hierzulande bekämpft und verdrängt, Institutionen wurden geschlossen, Experten sind ausgewandert und Know-how ging verloren. Somit werden die Impfstoffe in Ländern entwickelt und getestet, die eine sachlichere Güterabwägung machen. Und ob die Schweiz dann die notwendigen Impfeinheiten erhält, steht in den Sternen. Denn die ganze Welt wird sich auf die erste erfolgreiche Corona-Impfung stürzen.

Dass Tierversuche behördlich überwacht werden, ist in jedem entwickelten Land Standard – und dessen Notwendigkeit wird von keinem Wissenschaftler in Frage gestellt. Es wäre aber notwendig, dass die Wissenschaftler auf eine kooperative, hilfsbereite Behörde zählen könnten, die ihnen hälfe, ihre Forschung mit dem Tier und auch für das Tier durchzuführen. Denn viele Tierarten können auch Covid entwickeln, und die Impfstoffe kommen auch den Tieren zugute. Leider sieht sich das kantonale Zürcher Veterinäramt keineswegs als Partner der Wissenschaft. Damit schadet es der Medizin, behindert den Fortschritt, schadet dem Wohlstand im Kanton Zürich und arbeitet gegen das Wohl der Menschheit und der Tiere.

Das Katz-und-Maus-Spiel mit dem Veterinäramt erlebe ich seit Jahrzehnten, und es wird jedes Jahr absurder. Ein Beispiel aus dem Jahr 2018: Wir reichten im Mai ein Gesuch beim Kanton ein, um im Rahmen unserer Forschung Versuche an Mäusen durchführen zu dürfen. Dazu braucht es eine Bewilligung. Im Juli teilt mir das Amt mit, ich müsse das Gesuch überarbeiten, diverse Fragen seien unbeantwortet. Ich reichte also ein zweites Gesuch ein. Wieder erhielt ich es nach einigen Monaten zurück, weil ein paar Belanglosigkeiten angeblich unklar seien. Es folgte die dritte Version des Gesuchs. Nach weiteren Verzögerungen wurde das Gesuch abgelehnt mit der Begründung, die Zielsetzung der Versuche sei nicht präzise genug. Dies, nachdem mein Forschungsvorhaben unter anderem vom Schweizerischen Nationalfonds und vom European Research Council ERC (dem Olymp der europäischen Forschungsförderung) im Wettbewerb mit Hunderten von anderen Anträgen begutachtet und mit 14 Millionen Franken prämiert wurde. Die kantonalen Beamten glauben aber, dass sie meine Forschung besser beurteilen können als der Nationalfonds und der ERC.

Und wie steht es denn mit der Kompetenz dieser Beamten? Ein berühmter Forscher am Unispital Zürich reichte vor einigen Jahren ein Gesuch ein, bei dem er Knochenmarktransplantationen bei Mäusen vorschlug. Dieser Eingriff setzt eine Ganzkörperbestrahlung von 500 Rad voraus, um den Körper des Empfängers für das fremde Knochenmark vorzubereiten. Die zuständige Veterinärin blockierte den Antrag mit dem Vermerk, der Forscher müsse sicherstellen, dass die Mäuse «von der Strahlung nicht verkohlt werden». Sie wusste offenbar nicht, dass der gleiche Eingriff täglich auch beim Menschen gemacht wird und unzählige Leben (z.B. von Leukämie-Patienten) gerettet hat. Eine Maus «verkohlen» kann man vielleicht mit einer Atombombe, aber sicher nicht mit einem klinischen Bestrahlungsgerät. In einem anderen Fall argumentierte die gleiche Veterinärin, dass man eine Katze nicht unter die Haut impfen dürfe, da man stattdessen ja den Menschen in den Lymphknoten spritzen könne – was eine deutlich höhere Belastung darstellt. Dass diese Leute Tierexperimente ablehnen mit der Begründung, man solle die Versuche lieber an Menschen machen, zeugt von einer Weltanschauung, die kein vernünftiger Arzt (und auch sonst kein vernünftiges Individuum) akzeptieren kann.

 

Direkter Dialog unverzichtbar

Solche Erfahrungen sind für uns Forscher erniedrigend und demotivierend. Dabei wäre es einfach, auf einer konstruktiven Basis zusammenzuarbeiten. Wenn es den sogenannten Tierschützern wirklich darum ginge, Tiere zu schützen, würden sie den Dialog mit den Forschern suchen – oder zumindest nicht verweigern. In dreissig Jahren wurde ich aber kein einziges Mal von der Behörde eingeladen, mich persönlich vorzustellen und meine Forschung zu erläutern. Stattdessen verpasst die Behörde keine Gelegenheit, Macht über die Forschung zu demonstrieren. Die Beamten haben mehr Befugnisse als die Kantonspolizei, denn sie dürfen jederzeit unangemeldete Kontrollen ausführen, Versuchsprotokolle sichten und Mitarbeiter verhören. Und ihr arrogantes Auftreten hat tragische Folgen. Im Januar 2007 nahm sich ein Bauer aus dem Zürcher Unterland das Leben, nachdem ihm das Veterinäramt ohne Vorwarnung alle Kühe konfisziert und geschlachtet hatte – weil er das Vieh nicht genügend oft auf die Weide gelassen habe.

Aber auch solch schreckliche Ereignisse wie dieses haben an den Gepflogenheiten des Amts nichts geändert. Gesuche für Experimente werden so lange hin- und hergeschoben, bis die Forscher letztlich aufgeben. Stipendien für Postdoktorierende sind meistens auf zwei Jahre begrenzt. Braucht es ein ganzes Jahr, um überhaupt eine Versuchsbewilligung zu erhalten, gleicht dies effektiv einem Forschungsverbot, weil die restlichen zwölf Monate der Förderungszeit zur erfolgreichen Ausführung des Projektes nicht ausreichen. So werden Karrieren unserer besten Forscher kaputtgemacht, und unser Land verliert seine akademische Exzellenz.

Wie das anders gehen kann, macht beispielsweise China vor. Am Institut für Neurowissenschaften in Schanghai etabliert derzeit der berühmte und vielfach ausgezeichnete Forscher Mu-ming Poo Tiermodelle aller geläufigen neurodegenerativen Erkrankungen des Menschen wie Alzheimer, Parkinson, Chorea Huntington, amyotrophe Lateralsklerose und Multiple Sklerose, bei Affen. Deswegen werden die wirksamsten Medikamente gegen diese Leiden in den nächsten zwanzig Jahren sicherlich aus Schanghai und eben nicht aus der Schweiz kommen, weil diese Forschung hierzulande verunmöglicht wurde. Die Abhängigkeit von China betreffend medizinische Produkte haben wir bedauerlicherweise im Verlauf der Corona-Pandemie gerade erst erlebt. Wenn die zuständigen Behörden und Politiker das Zulassungsverfahren für Tierversuche nicht verbessern, wird die Schweiz in der medizinischen Forschung zu einem Entwicklungsland verkommen.

Es gäbe zwei konkrete Massnahmen, mit denen das Veterinäramt der Forschung helfen könnte – ohne in irgendeiner Form den Tierschutz zu beschränken. Beide Massnahmen wurden immer wieder von den Forschern vorgeschlagen, doch ebenso regelmässig von der Behörde schroff und willkürlich abgewiesen. Erstens müsste die Tierversuchskommission persönliche Hearings der Forscher im Bewilligungsprozess zulassen. Das würde den Forschern ermöglichen, sich mit dem schwer ergründlichen Denken mancher Mitglieder der Tierversuchskommission vertraut zu machen und ihre Forschung entsprechend anzupassen – ohne das unsägliche Hin und Her, das mittlerweile zum Standard gehört. Es gibt keine Gesetze, die Gespräche zwischen Tierversuchskommission und Forscher verbieten. Falls das Veterinäramt weiterhin darauf besteht, seinen Dialog mit den Forschern ausschliesslich per Einschreiben fortzusetzen, verrät es eine hidden agenda der Forschungsbehinderung.

Zweitens soll das Veterinäramt wieder methodische Bewilligungen erteilen. In vielen Fällen verwenden Forschergruppen die gleiche Methode immer wieder über viele Jahre. Zum Beispiel infiziert mein Labor Mäuse mit Prionen und verabreicht dann verschiedene Medikamente, um die vielversprechenden zu identifizieren. Der Versuchsaufbau ist jedes Mal identisch, die Belastung der Tiere auch immer gleich, und die Güterabwägung (welche die Zielsetzung in Relation zum Leiden des Tiers setzt) ändert sich auch nicht. Und so war es auch jahrzehntelang möglich, solche methodischen Bewilligungen zu erteilen – bis die Zürcher Kantonsveterinärin diese willkürlich, ohne Begründung und ohne jegliche Gesetzesänderungen abgeschafft hat. Dass das Zürcher Veterinäramt darauf besteht, die gleichen Versuche jedes Mal einer enorm aufwendigen Prüfung zu unterziehen, ist ein skandalöses Bürokratiemonster, das nur der Forschungsverhinderung dient – und gewiss nicht dem Tierschutz. Letzten Endes können diese Unsitten nur von Politikern geändert werden, wenn genügend Druck seitens der Leidtragenden kommt. Und das sind vor allem unsere Patienten und ihre Familien.

 

Adriano Aguzzi ist ordentlicher Professor für Neuropathologie an der Universität Zürich und gehört zu den weltweit führenden Prionen-Forschern.

Kommentare

Heinrich Willi

30.06.2020|08:45 Uhr

Ich habe bis jetzt hier noch kein sachliches Gegenargument zum Artikel von Herrn Aguzzi gelesen.

Hans Georg Lips

29.06.2020|08:45 Uhr

Es ist hanz einfach. Die Kritiker der Tierversuche sollen vortreten und sich selbst als Versuchspersonen zur Verfügung stellen. Alternative: Sie verzichten auf alle Fortschritte herrührend aus Tierversuchen und gehen zur Vodoopriesterien, sollen sie krank werden. Auch auf Anästhesie müssen sie verzichten, also Operationen mit Holzknebel zwischen den Zähnen durchstehen.

Annemarie Walther

28.06.2020|03:15 Uhr

Es ist traurig, anno 2020 einen derart speziesistischen und von der Hybris des sog. Homo sapiens geprägten "Essay" lesen zu müssen. Dass Wissenschaftler immer noch aus ihrer einseitigen Sicht argumentieren, ist unbegreiflich. Noch unverständlicher ist es, dass die WELTWOCHE so etwas kritiklos abdruckt. Vielleicht müssten die schlimmsten Irrläufer der Evolution, die sich pro Tag netto um rund 250'000 "vermehren" (worldometers etc.), endlich überlegen, woher sie das Recht nehmen, immer noch Tiere für die Entwicklung des hunderttausendsten Medikaments und den x-ten Impfstoff zu missbrauchen.

Paul Reichmann

25.06.2020|14:48 Uhr

Leider ist schon in Europa für zu viel der Tierquälerei gesorgt: Ca. 28.800 Tiere verenden täglich in europäischen Versuchslabors. Zu viele der "Versuche" stellen sich nachträglich als nutzlos heraus. Die fortschreitende Säkularisierung unserer Zeiten hat dazu geführt, dass ethische Belange in den Hintergrund treten & materielle Erwägungen dominieren. Tierversuche stellen dann nur eine Facette jener Entwicklung dar: Schnell kommen Embryos, dann Babys, Kleinkinder und zuletzt die Alten und Schwachen hinzu. So gilt es die schwächsten Lebewesen besonders zu schützen & für mehr Balance zu sorgen.

Werner Vogel

24.06.2020|19:19 Uhr

Ich Professor Aguzzi verstehen in seiner Frustration. Möglicherweise wird die Forschung nach Corona auch andere Themen suchen. Er könnte zum Beispiel das alte Zitat von James Allen beherzigen und seine Forschung auf die wirklichen Ursachen von Krankheit verlegen. Der Nutzen von Forschung an Mäusen hilft bestenfalls den Mäusen, den Menschen eher nicht.

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