Europas Wunsch-Weltmacht

Für eine Mehrheit der europäischen Denker ist die Zukunft wieder in den roten Osten gerückt. China gilt als sozialdemokratische Oase. Amerika wird als neues Feindbild gepflegt. Was hat das zu bedeuten?

Ganz im Gegensatz zur Notstandsentschlossenheit der europäischen Staaten ist aus der Ratlosigkeit von Medien und Denkern angesichts der Corona-Herausforderung eine bemerkenswerte Streuung von profund angesetzten, doch am Ende banalen Deutungen entstanden. So konnte es nicht ausbleiben, dass nun auch das royal-resistente Virus als Strafe der Natur für deren schlechte Behandlung durch die Menschen identifiziert wird; oder als Auslöser einer Entschleunigung, die uns den häuslichen Segen neuer Beschaulichkeit bescheren soll; oder als ultimativer Vorwand einer neoliberalen Verschwörung mit dem Ziel, endgültig die Priorität kapitalistischer Wirtschaftsinteressen durchzusetzen.

Nur ein Motiv, eine einzige drängende Doppelhoffnung zieht sich durch alle Positionen in diesem Panorama allzu geistreichen Fantasierens: dass die Vereinigten Staaten als «Weltmacht im Sinkflug» aus unserer prekären Gegenwart für immer geschwächt hervorgehen – und durch die Volksrepublik China «abgelöst» werden sollen. Für eine europäische Meinungsmehrheit scheint die Zukunft also wieder in den roten Osten gerückt. Da sich auch amerikanische Intellektuelle dieser Vision in pflichtbewusster Selbstgeisselung anschliessen, fehlt es ihr gegenüber an Stimmen des Protests oder wenigstens der Überraschung. Niemand fragt, woher der geballte Wunsch nach dem Ende der amerikanischen und dem Beginn der chinesischen Herrschaft kommt.

 

Was Europäer gerne ausblenden

 

Was Deutschland angeht, so gibt es einen halb ernst zu nehmenden Witz, der die Frage beantwortet: Man wird den Amerikanern die Befreiung vom Nationalsozialismus und die Erziehung zur parlamentarischen Demokratie nie ganz verzeihen. In Bezug auf den weiteren Kontext der Europäischen Union zeigt die Option für China, dass alle Gründungsprojektionen von einer Rückkehr zum Weltmachtstatus in internen Scharmützeln aufgegangen sind. Doch wie lässt sich neben der medialen Schadenfreude über die wachsenden Zahlen von Corona-Opfern und Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten die kollektiv-psychische Wucht erklären, mit der alle Vermutungen über den Ausgang der Pandemie im chinesischen Wuhan und die drastischen Zahlenmanipulationen der chinesischen Regierung verdrängt und in Bewunderung für die wirksame Eindämmung der Epidemie umgekehrt wurden?

Aus EU-Perspektive haben die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten den Status der grossen Alternativen zur eigenen Wirklichkeit. Doch wenn im Kalten Krieg die atlantische Einheit zwischen Nordamerika und dem westlich-zentralen Europa ausser Frage gestanden war, so hat sich in dem Vierteljahrhundert, das seit der Implosion des Staatssozialismus in Osteuropa vergangen ist, das Gefühl der Affinität (oder der Wunsch nach ihr) der Volksrepublik China zugewandt. Dieser Befund wird selten explizit gemacht – und mag zum kollektiven Unbewussten des gegenwärtigen Europa gehören. Gerade deshalb erlaubt er uns, Schichten eines Wunschdenkens in den Gesellschaften der EU-Staaten (und möglicherweise auch der Schweiz) freizulegen, von denen kaum die Rede ist, weil sie dem normativen und sonst als sympathisch empfundenen Selbstbild widersprechen.

Dass Militärinvestitionen in China, wie auch in Amerika, ein Vorrang unter den Staatsausgaben zukommt, klammern Chinas pazifistisch gesinnte Freunde in Europa gerne aus. Lieber stellen sie sich das Reich der Mitte, im Kontrast zur angeblichen Risiko- und Stresswelt der Vereinigten Staaten, als eine sozialdemokratische Wohlfahrtsgesellschaft vor, deren Bürger einerseits alle denkbaren Versorgungs- wie Umverteilungsleistungen vom Staat erwarten und andererseits ihre Privatsphäre auf Distanz von staatlichen Interventionen halten dürfen. Aber teilen die politischen Systeme in Europa mit den Vereinigten Staaten nicht die Funktionen der Öffentlichkeit, wie sie China als kommunistischer Einparteienstaat seinen Bürgern verweigert? Wie konnte die Volksrepublik trotzdem zur Wunsch-Weltmacht der Zukunft aufsteigen? Warum nehmen so wenige Europäer dem chinesischen Staat die Verweigerung von Freiheit und Selbstbestimmung übel, ja selbst das Projekt eines elektronischen Überwachungssystems für das Verhalten aller Bürger?

 

Heimliche Affinität der EU und Chinas

 

All dies könnte mit einem heimlichen Traum zu tun haben, zu dessen Gegensatz die amerikanische Gesellschaft wird. Politik vollzieht sich im amerikanischen Zweiparteiensystem nach dem Prinzip der Kontroverse – und nicht unter einem Ideal von Konsens und Koalitionen. Daraus ist in europäischer Sicht, eigentlich erst während des letzten Jahrzehnts, das Horrorbild der angeblich «gespaltenen amerikanischen Nation» erwachsen. Dass sich aber allein in Gesellschaften von Pluralität und Kontroverse Veränderungen ereignen können, die niemand geplant oder vorhergesehen hatte, wird einseitig auf ein Problemkonto abgebucht. Dabei muss man ja nicht einmal ein Wähler Donald Trumps sein, um die Diskontinuität seines politischen Stils als Potenzial und Provokation der Veränderung zu sehen. Von bahnbrechenden amerikanischen Erfindungen und ihrer vollzogenen Entwicklung wie der Elektronik gar nicht zu reden.

Hingegen mag die heimliche Affinität zwischen der Europäischen Union und der Volksrepublik China in einer Sehnsucht nach risikofreier Kontinuität liegen – oder sollte man sagen: in einem Traum von Stagnation? Wo alle ohnehin gleich und sich einig sein sollen, da bedarf es des Aufwands der Öffentlichkeit eigentlich nicht mehr. Und warum sollte sich an einem Überwachungssystem stossen, wer an der Ordnung hängt, die es sichern soll?

Alternative zur eigenen Wirklichkeit.

 

Hans Ulrich Gumbrecht

ist deutsch-amerikanischer Romanist und emeritierter Professor für Komparatistik der Stanford University.

 

"Abonnieren Sie die Weltwoche und bilden Sie sich weiter"

Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Markus Dancer

25.05.2020|11:06 Uhr

DER GEM. NENNER DER EU U. CHINA IST DER ANSPRUCH AUF ABSOL. MACHT IN DEN HÄNDEN WENIGER! DAS IST DIKTATUR U. SKLAVEREI! EIN FAKTOR IST ABER UNBESTRITTEN: MOD. DEMOKRATIEN SIND AUF GRUND DER NOCH MÖGL. MEINUNGSÄUSSERUNG, DEM ZUGANG ZU INFORMATION U. WISSEN DER BÜRGER, UNREGIERBAR GEWORDEN! ES GIBT NICHT VIELE NATIONEN DIE NOCH BEHAUPTEN KÖNNEN ÜBER EINE HOMOGENE PRO-NATIONALE BASIS ZU VERFÜGEN! WESTEUROPA IST UNTERWANDERT, ZERSPLITTERT, IDEOLOGISIERT U. OHNE VISION (AUSSER DIE DER VEREINIGTEN EU STAATEN ) KEINE GUTEN AUSSICHTEN FÜR DEN BÜNZLI EGAL WELCHER PROVENIENZ, AUSSER DEN SOG. ELITEN.

Nannos Fischer

25.05.2020|10:18 Uhr

Wir sind leider nicht von denkenden Menschen regiert, sondern von solchen, deren Ratio, wie diejenige der meisten von uns, im tiefsten Grunde von ihren Trieben + Begierden gesteuert wird, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Es ist bedrückend, dass Gumbrechts Analyse leider in jedem Punkt zutrifft. Im Gegensatz zu Heine wird einem auch dann übel, wenn man bei Tage an Deutschland denkt, an die gemeins. Machtübernahme durch Medien und Parteien. Lord Acton sagte einst: «Power tends to corrupt. Absolute power corrupts absolutely.» In Neudeutsch heisst das nun «Absolute power is even more fun».

Nannos Fischer

24.05.2020|10:59 Uhr

Im Ernst: Wer sagt denn, die Mehrzahl der Leute seien denkende Menschen? Sie setzen alle ihre Ratio fast ausschliesslich zur Verfolgung emotional und triebbestimmter rein egoistischer enger bis engster Ziele ein, die jene steuern. Man kann sich zwar im Hirn keine solche Weltmacht wünschen und dennoch instinktiv alles tun, was dazu führt, weil man nicht rational reagiert. Oder würden Sie, Herr Brechbühl, z. B. Die deutsche Politik als rational bezeichnen? Ich finde H. U. Gumbrechts Artikel hervorragend, äusserst erhellend, und für Europa deprimierend, mangels Demokratieerfahrung.

Pedro Reiser

24.05.2020|00:31 Uhr

Aus Schweizer, aber auch aus europäischer Sicht, ist das "Balance of Power"-Prinzip die beste Voraussetzung für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Dasein. So lange sich USA, China und Russland gegenseitig in Schach halten, kann die übrige Menschheit in Frieden leben. Europa muss die zeitweise auftauchenden Grossmachtsvisionen definitiv begraben und erkennen, dass es sich nun in der Rolle einer vergrösserten Schweiz befindet. Es muss sich auf gute Beziehungen zu allen Grossmächten bemühen und sich neutral verhalten.

Hans Baiker

21.05.2020|23:15 Uhr

J.B.: Empfehle Ihnen in dt. linken Foren zu stöbern. Die Mehrheit der Kommentare widerspiegeln genau das, was der Autor beschreibt. Die Linken werden von einer unstillbaren Sehnsucht nach dem perfekten Sozialismus getrieben, auch in F GB I. In Frankreich ist die favorisierte Fremdsprache unter den Linken chinesisch. Deutsch interessiert niemanden mehr. Die Schulabgänger erwarten das perfekte soz. Wirtschaftsystem auf das sie während ihrer Schulzeit vorbereitet wurden. FFF ist nur ein Indiz.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier