Eingebettete Experten

Die Diskussionen über die Corona-Politik werden von ein paar Experten geprägt. Die meisten zählen zur Task-Force der Regierung.

Wenn öffentlich über Pandemiepolitik diskutiert und berichtet wird, gibt es ein gutes halbes Dutzend Experten, die immer wieder im Vordergrund stehen. Marcel Salathé, Epidemiologe der ETH Lausanne, hat in hoher Frequenz öffentliche Auftritte und äussert sich nach früherer Kritik seit jüngerer Zeit zumeist so, dass er nicht so weit vom Kurs des Bundesrats entfernt liegt. Aus der Gruppe der Modellbauer, die das Ausbreiten von Infektionen mathematisch berechnen, steht Christian Althaus (Uni Bern) an vorderster Front. Auch er rief früher nach mehr Staatsmassnahmen, hat kürzlich nun aber bekräftigt, dass die Shutdown-Massnahmen des Bundes Wirkung zeigten, die Ausbreitung sei quasi unter Kontrolle, dank Interventionen.

Brisanter bleibt die Diskussion um eine Grafik der Mathematikerin Tanja Stadler von der ETH Zürich, die mit ihrer Forschungsgruppe ebenfalls Modelle über die Ausbreitung der Viren erstellt. Die am 8. April veröffentlichte und am 21. April aktualisierte Meldung über den Verlauf der sogenannten Reproduktionszahl hat in der Corona-Debatte in der Schweiz Aufsehen erregt. Die Grafik legt den Schluss nahe, die strengen Shutdown-Massnahmen seien in Wirklichkeit nicht nötig gewesen. Die Kurve wird hier noch einmal dargestellt (sie erschien bereits in der Weltwoche vom 23. April).

 

Die Ausbreitung war am 13.3. schon stark gedämpft.

 

Die heisse Stelle ist beim 13. März. An diesem Datum berührt die Kurve, von weit oben herkommend, den Wert 1. Anschliessend verläuft sie flach und zeigt keine stärkeren Schwankungen mehr. Diese Zahl gibt, grob gesagt, Aufschluss darüber, wie stürmisch oder wie gemässigt sich das Virus in der Gesellschaft ausbreitet. Wenn sie über 1 liegt, dann steckt eine Person mehr als eine weitere an, so dass die Zahl der Infektionen exponentiell wächst, quasi stürmisch. Liegt die Reproduktionszahl bei 1 oder darunter, verläuft die Ansteckung flach oder gar abflauend.

Stadlers Kurve besagt also, dass die Ausbreitung des Coronavirus am Freitag, 13. März, schon stark gedämpft beziehungsweise gebändigt war. Damals herrschte das Regime von Schulschliessung, Distanzhalten sowie Fünfzig-Personen-Obergrenze für Ansammlungen. Der strenge Shutdown mit dem Betriebsverbot für mehrere Branchen und den enormen wirtschaftlichen Kosten wurde dagegen erst am Montag, 16. März, erlassen – also zu einem Zeitpunkt, als die Kurve schon flach war. Die Botschaft der Kurve, wonach die Eindämmung bereits vor dem Shutdown so stark war, wurde breit aufgegriffen, etwa von Professor Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen. Und im Ausland spielte sich Gleiches ab: Das staatliche deutsche Robert-Koch-Institut veröffentlichte am 16. April eine fast gleich aussehende Kurve der Reproduktionszahl für Deutschland. Am 21. April wurde Stadlers Darstellung der Befunde dann überarbeitet. Es wurden zum Beispiel bestimmte Annahmen über die Fristen zwischen dem Auftreten erster Symptome und dem Testergebnis geändert. Das Resultat war, dass die neue Kurve per 13. März noch klar über 1 lag und erst im Laufe des Shutdowns darunter sank. Damit wurde Stadlers Berechnung zu einer Stütze des bundesrätlichen Kurses: Der Shutdown sei nötig gewesen, und sie bekräftigte es im Schweizer Fernsehen. Aber die frühere Kurve ist noch da und gibt immer noch zu diskutieren.

Am Wochenende erfuhr die Landesregierung auch von ökonomischer Seite Unterstützung. Monika Bütler, Ökonomieprofessorin an der Universität St. Gallen, nahm in der NZZ am Sonntag unter dem Titel «Angst essen Wirtschaft auf» die Politik in Schutz: Egal, was sie in der Corona-Krise tue, sie könne nur danebenliegen. Ein beträchtlicher Teil des Einbruchs sei auch darauf zurückzuführen, dass sich die Menschen aus Angst vor Ansteckung selber zurücknähmen, nicht nur die staatlichen Massnahmen seien schuld an den Kosten. Der Artikel wirkt eindrücklich, auch mit Blick auf die beigefügten Angaben zur Autorin: Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank sowie der Verwaltungsräte von Schindler und Huber + Suhner.

 

Zehn Beratergruppen

Eine Angabe fehlte jedoch, die in diesem Zusammenhang wichtig ist: Bütler ist auch in der «Swiss National Covid-19 Science Task Force» tätig. Ausgehend von der ETH-Task-Force, wurde diese Institution gegründet, damit die Wissenschaft die Behörden im Kampf gegen die Epidemie möglichst gut unterstützen könne. Auftraggeber sind der Krisenstab des Bundesrates, das Bundesamt für Gesundheit, das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation und ihre Departemente. Die Task-Force besteht aus zehn fachorientierten Expertengruppen. Den Vorsitz der Ökonomiegruppe hat Monika Bütler, prominente Mitglieder sind David Dorn (Universität Zürich), Beatrice Weder di Mauro (Genf) und Jan-Egbert Sturm (ETH Zürich), der für eine starke Stützung der Wirtschaft plädiert. Chef der Gruppe digitale Epidemiologie ist Marcel Salathé, in der Gruppe Daten und Modellbau sind Christian Althaus und Tanja Stadler mit von der Partie. Rund sechzig Corona-Expertinnen und -Experten hat die Regierung auf diese Weise institutionell um sich geschart.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

drschoella

04.05.2020|23:16 Uhr

Solange die Anzahl der Neuansteckungen pro Tag nicht zurückgeht kann zu Beginn einer Epidemie, die Reproduktionszahl unmöglich kleiner als eins sein. Um den 13. März 2020 herum war die Zahl der Neuinfektionen stark ansteigend. Ein Abflachen der Kurve war weit und breit nicht in Sicht. Die Resultate des Teams um Tanja Stadler sind somit offensichtlich falsch. Erstaunlich ist, dass die junge, sympatische Frau dafür von niemandem kritisiert wird.

Markus Dancer

30.04.2020|10:00 Uhr

J.B: Absolut richtig!

Jürg Brechbühl

29.04.2020|19:36 Uhr

Der letzte Satz im Artikel ist nicht zuende gedacht. Er sollte lauten: "... hat die Regierung auf diese Weise institutionell um sich geschart und ihnen auf Jahre hinaus die Forschungsfinanzierung gesichert." -- Wir haben es mit gekauften Experten, mit Opportunisten und A.leckern zu tun. Pietro Vernazza als Chefarzt ist als einziger von allen in dem Artikel mit seinem Einkommen unabhängig von Nationalfonds-Geldern.

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