Kubas Gold

Beim Export von edlen Zigarren und Rums treibt die kommunistische kubanische Regierung die Markwirtschaft auf die Spitze.

Havanna, vor ein paar Wochen. Das Coronavirus ist zeitlich – wir schreiben Ende Februar – und geografisch noch weit entfernt. Die Küstenstadt präsentiert sich in dem ihr eigenen Charme: Viele der farbenfrohen Gebäude im Kolonialstil scheinen seit der Revolution von 1959 unberührt. Auch der Fuhrpark der privaten Automobile erinnert mit seinen ausladenden, ausufernd verzierten und geschwungenen Limousinen an die fünfziger Jahre.

Für hiesige Verhältnisse erleben wir einen eher kühlen Abend. Den über tausend Gästen aus dem weltumspannenden Zigarren-Business wird am Gala-Abend des «Festival del Habano» trotzdem tüchtig eingeheizt. Aus China hat es weniger Teilnehmer als üblich – Wuhan lässt grüssen. Auch die Amerikaner bleiben fern, seitdem US-Präsident Donald Trump gegenüber dem Castro-Regime wieder härtere Saiten aufzieht. Trotzdem: keine Spur von Krise in der Zigarrenwelt. Aus der Schweiz sind unter anderem die beiden Zigarrenhändler Samuel Menzi (La Casa del Habano, Zürich) und Manuel Fröhlich (Manuel’s, Zürich) angereist. Sie sind bester Stimmung – kein Wunder, denn der Markt für Havanna-Zigarren wächst und wächst und wächst.

 

Komplizierte Beziehungsgeschichte

Das Kongresszentrum etwas ausserhalb der Stadt präsentiert sich ganz in Rot. Der riesige Festsaal ist optisch auf das Shakespeare-Drama von Romeo und Julia eingestimmt. So wird der passende Rahmen geschaffen für die Lancierung einer Gold-Sonderedition der Zigarrenmarke Romeo y Julieta.

Um eine komplizierte Beziehungsgeschichte handelt es sich auch beim Verhältnis zwischen dem kommunistischen Kuba und den beiden Exportgütern, denen das Regime in Havanna eine stete Devisenzufuhr verdankt: Zigarren und Rum. Die höherwertigen Sorten sind hier grundsätzlich für den Export bestimmt; für den gewöhnlichen Kubaner (Monatslohn: ca. dreissig Franken) liegen sie ausserhalb jeglicher Reichweite. Mehr noch: Mit Hilfe von Partnern aus der Welt der Marktwirtschaft werden sie in eine Geldmaschine verwandelt, die manch einen Kapitalisten vor Neid erblassen lässt. Das kommunistische Kuba nascht damit an den verbotenen Früchten des Kapitalismus, und die kapitalistischen Liebhaber (Aficionados) auf der ganzen Welt an den verbotenen Früchten des Kommunismus. Denn jedes Gläschen kubanischer Rum und jede Havanna-Zigarre ist ein kleiner Rettungsanker für das Regime in Havanna.

Bei beiden Gütern profitiert die Karibikinsel von ihrem Terroir, das für ein weltweit einzigartiges Geschmacksprofil sorgt. Export-Rum und -Zigarren werden in Kuba durch staatliche Monopole hergestellt und anschliessend von Joint Ventures der kubanischen Staatsmonopolisten mit internationalen Grosskonzernen in aller Welt vermarktet. Beim Rum spannt der kubanische Staat mit Getränkegiganten wie Pernod Ricard und Diageo zusammen; bei den Zigarren mit der spanischen Altadis, die der britischen Imperial Tobacco gehört. Noch, zumindest – wir kommen darauf zurück.

Zunächst zum Rum: Der kubanische Rum ist berühmt für sein besonders transparentes und edles Aromenspiel. Er wird mindestens drei Jahre lang in Eichenfässern gelagert. Landesweit gibt es lediglich sieben sogenannte Maestros Roneros, welche für die Entwicklung der Blends zuständig sind. Anders als beim Whisky werden auch die edelsten kubanischen Rums nicht in Abfüllungen aus Einzelfässern verkauft. Der Anspruch besteht im Gegenteil darin, durch die Vermischung von Sorten und sogar Jahrgängen neue Aromen zu kreieren.

 

Platzhirsch Havana Club

Gemäss dem kubanischen Rum-Monopol Cuba Ron exportierte das Land im Jahr 2017 gesamthaft 3,2 Millionen Gebinde zu 9 Litern. 90 Prozent der Exporte entfallen auf den Havana Club, welchen Cuba Ron seit 1993 in einem Joint Venture mit der französischen Pernod Ricard vertreibt. Unter der Marke werden sowohl preisgünstige (der dreijährige Havana Club) als auch sehr exklusive Sorten verkauft. Das Spitzenmodell ist der zirka 2000 Franken teure Havana Club Máximo Extra Añejo in der 50-Zentiliter-Kristallflasche, der aus speziell alten und seltenen Rums komponiert wird. Davon gibt es jährlich nur 500 Liter (1000 Flaschen). Andere Marken wie Santiago de Cuba, Santero, Cubay oder Perla del Norte machen nur einen Bruchteil der Exporte von Cuba Ron aus.

Der Uno-Handelsdatenbank Comtrade lässt sich entnehmen, dass Zucker und Zuckerprodukte wie Rum das wichtigste Exportgut Kubas sind. Im Jahr 2017 wurden Zucker und Zuckerprodukte im Wert von 623 Millionen US-Dollar exportiert, wovon ein Fünftel auf Rum entfiel. An zweiter Stelle folgten Tabakprodukte, vor allem Zigarren. Diese schlugen mit 264 Millionen US-Dollar zu Buche. Mit Zucker- und Tabakprodukten bestreitet Kuba somit fast die Hälfte seiner Güterexporte, die ein Gesamtvolumen von 1,41 Milliarden US-Dollar erreichten. Neben dem Tourismus, der für Einnahmen von rund 3 Milliarden US-Dollar sorgt, sind die Genussmittel somit eine der wichtigsten Devisenquellen für das Regime in Havanna. Bis vor kurzem waren auch die Nickelexporte bedeutend (1,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010), doch sinkende Preise und die desolate Verfassung der Förderbetriebe haben diese Einnahmequelle zum Versiegen gebracht.

Die internationalen Handelsstatistiken unterschätzen zudem die Bedeutung von Rum und Zigarren für die Finanzierung der Regierung in Havanna. Darin erfasst ist nämlich nur der Wert, zu dem der kubanische Staat die Genussgüter an seine internationalen Vertriebspartner verkauft. Ein Grossteil der Wertschöpfung findet dann im Ausland statt, wobei die Regierung finanziell nochmals profitiert. Sie ist zu 50 Prozent an den Joint Ventures beteiligt, welche die Produkte international vertreiben – Havana Club International gemeinsam mit Pernod Ricard für Rum und Habanos S. A. gemeinsam mit Altadis für Zigarren. Bei den Zigarren reicht die kubanische Beteiligung an der Wertschöpfungskette sogar noch tiefer. In den wichtigsten Märkten ist der kubanische Staat auch zu 50 Prozent an den Länder-Importgesellschaften beteiligt, welche die Zigarren von Habanos S. A. erwerben. In der Schweiz ist dies die Firma Intertabak, die zur Hälfte der kubanischen Regierung und zu je 25 Prozent dem Genfer Rohstoffhändler Louis-Charles Levy und dem Aargauer Zigarren-Doyen Heinrich Villiger gehören.

Wie lukrativ dieses dreistufige Arrangement für die Kubaner ist, lässt sich nur ungefähr sagen. Die Produktionskosten einer Zigarre werden auf rund 20 Rappen geschätzt, während der durchschnittliche Detailhandelspreis auf dem globalen Markt etwa 15 Franken beträgt; rund 45 000 Arbeiter sind in der Zigarrenindustrie auf der Insel beschäftigt – ein Roller verdient etwa 200 US-Dollar monatlich, fast das Zehnfache des landesüblichen Lohnes. Jährlich werden nach offiziellen Angaben rund 100 Millionen Einheiten von den 27 offiziell-staatlichen Marken exportiert. Dem Exportwert in der Handelsstatistik von gut 250 Millionen US-Dollar für Zigarren (Fr. 2.50 pro Stück) stehen bereits bei Habanos S. A. (dem Joint Venture mit der spanischen Altadis) Verkaufserlöse von 531 Millionen US-Dollar gegenüber (ca. Fr. 5.– pro Stück). Auch bei den Exklusivimporteuren auf Länderebene fällt nochmals eine Marge an.

Seit vielen Jahren bemühen sich die Kubaner, die Menge an Exportzigarren zu steigern. Doch entgegen allen Beteuerungen bleibt sie weitgehend konstant. Die staatliche Planwirtschaft gerät hier an ihre Grenzen. Trotzdem wachsen die Erlöse von Habanos S. A. regelmässig um 2 bis 3 Prozent pro Jahr. Dafür verantwortlich ist vor allem das globale Marketing-Know-how, das die Spanier von Altadis einbringen – beim Rum mit Pernod Ricard dürfte es ähnlich sein. In den letzten Jahren geht der Trend vor allem zu Sondereditionen, für die ein höherer Preis verlangt werden kann. Aber auch die regulären Sorten werden Jahr für Jahr etwas teurer. Mit Hilfe der ultrakapitalistischen Joint-Venture-Partner gelingt es, die Zitrone Jahr für Jahr noch etwas mehr auszupressen.

Die Weltwoche hatte die Gelegenheit, mit dem Direktor einer staatlichen Zigarrenfabrik in Kuba zu sprechen. Dass sein Name bekanntwird, wünscht er verständlicherweise nicht. Der Mann zeigt sich nur mässig begeistert vom derzeitigen Arrangement. Es fehle die unternehmerische Initiative. Die Gelder aus dem Zigarrengeschäft würden umgehend in die Staatskasse fliessen und nicht für Investitionen genutzt. Er selber verdiene nur ungefähr den offiziellen Einheitslohn, also zehnmal weniger als die Roller und Rollerinnen. Der Fabrikdirektor ist überzeugt, dass bei einer allfälligen marktwirtschaftlichen Öffnung die Zigarrenindustrie in Kuba einen unerhörten Aufschwung nehmen wird.

 

«I will survive»

Zunächst aber gilt es, ein anderes Problem zu lösen: Imperial Tobacco in London hat letztes Jahr angekündigt, seine über die spanische Altadis gehaltene 50-Prozent-Beteiligung an Habanos S. A. zu verkaufen. Letzten Herbst gab es Gerüchte, wonach die Chinesen zuschlagen könnten. Diese Spur scheint sich allerdings in der Zwischenzeit verloren zu haben.

Zurück zur grossen Galafeier mit Romeo y Julieta: Der Höhepunkt des Abends ist die traditionelle Versteigerung von kunstvollen Humidoren, aus Holz gefertigten Aufbewahrungsmöbeln für Zigarren. Es ist abermals ein Feuerwerk des Kapitalismus: Die in diesem Jahr erstmals vom Auktionshaus Christie’s durchgeführte Auktion brachte den Rekorderlös von 4,3 Millionen Euro ein. Allein ein der emblematischen Marke Cohiba gewidmeter Humidor mit 550 Zigarren erzielte 2,4 Millionen. Dazu passend sang die 70-jährige amerikanische Sängerin Gloria Gaynor höchstpersönlich ihren Megahit von 1979, «I will survive» – begleitet von einem eleganten Ron Santiago 15 Años.

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Alex Baur, Redaktor

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