Dynamik der Panik

Der Lockdown wird weltweit mehr Menschen umbringen, als das Virus bei einer rationalen Reaktion töten könnte. Covid-19 trägt alle Merkmale eines Hypes. Die Eigendynamik der Medien spielt dabei eine zentrale Rolle.

Am 26. Juni 1940, als die ersten deutschen Bomben auf Grossbritannien fielen, schrieb Premierminister Winston Churchill an seinen Informationsminister: «Presse und Rundfunk sollen ersucht werden, Luftangriffe zurückhaltend zu behandeln und das öffentliche Interesse daran zu bagatellisieren. (. . .) Die Bevölkerung muss sich daran gewöhnen, Luftangriffe als etwas Alltägliches hinzunehmen. Betroffene Örtlichkeiten dürfen nicht genau bezeichnet werden, Fotografien zerstörter Häuser nicht veröffentlicht werden. (. . .) Bitte, legen Sie das den Zeitungsherausgebern nahe und bewegen Sie sie zur Mithilfe. (. . .) Die Presse ist zu ihrer bisherigen Haltung in diesen Fragen zu beglückwünschen.»

Churchill hatte in jungen Jahren an der Front gekämpft. Er wusste nur zu gut, was eine Panik bedeutet und dass am Ende immer der gewinnt, der einen kühlen Kopf bewahrt. Es gelang ihm, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass ein Erfolg der Nazis eine grössere Bedrohung für die Welt wäre als alle Bomben über London. Der schon fast zynische Gleichmut, mit der die Briten den Alltag in den Trümmern weiterführten, so, als wäre nichts passiert, wurde von der ganzen Welt bewundert und ging als leuchtendes Beispiel für Zivilcourage und Bürgersinn in die Geschichte ein.

 

Mit der Besonnenheit ist es vorbei

Wären die Briten den Gesetzen der Panik gefolgt, hätten sie den von Hitler anerbotenen Frieden akzeptiert und so den Terror sofort gestoppt. Die Vernunft sagte ihnen, dass sie sich mit einer kurzfristigen Erleichterung längerfristig ein grösseres Übel eingehandelt hätten. Die Geschichte sollte ihnen recht geben. Nur wusste man das damals nicht mit Sicherheit. Nicht seine Todesverachtung machte Churchill zu einem grossen Staatsmann, sondern das Risiko des Irrtums, das er auf sich nahm.

Gemessen an den Schlächtereien, die der Zweite Weltkrieg mit sich brachte, muten die Bilder aus den Kliniken und Leichenhallen von Wuhan, Bergamo oder New York harmlos an. Noch ist die Zahl der Toten weit entfernt von den 650 000 Menschen, die Jahr für Jahr an einer hundskommunen Grippe sterben. Aber wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt. Wir erinnern uns an die Spanische Grippe, die 1919 womöglich mehr Menschenleben forderte als der Erste Weltkrieg. Also gehen wir auf Nummer sicher und versuchen instinktiv, jede Ansteckung zu vermeiden. Doch so einfach ist es nicht. In Wahrheit haben wir die Wahl zwischen zwei Katastrophenszenarien. Der weltweite Lockdown ist einzigartig, die Konsequenzen können wir nur erahnen. Aber eines wissen wir mit Sicherheit: Armut ist der grösste Killer überhaupt. Gute Ernährung, Gesundheit, Bildung oder Umweltschutz muss man sich erst leisten können. Das gilt vor allem für Entwicklungsländer mit einer relativ jungen, also vom Coronavirus weniger bedrohten Bevölkerung. Dort wird der Lockdown garantiert mehr Tote fordern, als das Virus je umbringen könnte.

Selbst in Europa sehen wir, dass die Corona-Seuche vor allem Länder getroffen hat, die mit miserablen wirtschaftlichen Perspektiven hochverschuldet dastehen. Es ist kein Zufall, dass in Italien und Spanien das schon zuvor prekäre Gesundheitssystem punktuell kollabierte. Mit der absehbaren Rezession und dem exponentiell wachsenden Schuldenberg werden die Mittel noch knapper, auch für den Gesundheitssektor und vor allem auch, was viele vergessen, für die Altersvorsorge. Wenn die Wirtschaft stottert, versiegen die Steuereinnahmen. Es ist ein Teufelskreis. Wir werden zurzeit von einem kaum noch zu bewältigenden Tsunami an widersprüchlichen und alarmierenden Informationen überflutet. Doch halten wir uns an das, was wir mit Sicherheit wissen. Und das müsste uns eigentlich zuversichtlich stimmen: Covid-19 ist nur für die Alten und für die gesundheitlich Vorbelasteten eine tödliche Bedrohung. Also wissen wir genau, wen wir schützen müssen. Das Problem liegt in der zweiten Erkenntnis: Vorbei ist die Bedrohung erst, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung eine Immunität gegen das Virus entwickelt hat. Und das geht nach dem heutigen Stand des Wissens nur, wenn diese Mehrheit entweder infiziert oder geimpft wurde. Über eine Impfung werden wir bestenfalls in einem Jahr verfügen.

Der anerkannte Immunologe Professor Beda Stadler warnte am 19. März in der Weltwoche vor der Illusion, dass man mit einem Lockdown die Gefahr bannen werde. Man gewinnt lediglich Zeit, um sich auf den erwarteten Ansturm auf die Spitäler vorzubereiten und diesen besser zu verteilen. Das war gut und vernünftig, weckt aber leider auch falsche Hoffnungen. Was Stadler predigte, ist unter Immunologen Common Sense: Diese Sorte von Virus wird erst verschwinden, wenn die meisten dagegen immun sind. Bei Alain Bersets Innendepartement lobte man Beda Stadler explizit für seine Besonnenheit. Doch von dieser Besonnenheit ist nicht mehr viel zu spüren, obwohl sich gemäss Stadler an der Faktenlage rein gar nichts geändert hat. Sein Rat ist nicht mehr gefragt.

Für diesen Umschwung gibt es nur eine Erklärung: Wir befinden uns bereits im Panikmodus, der eine rationale Schadensbegrenzung fast verunmöglicht. Wir kennen das Phänomen von Anlässen wie etwa der Duisburger Love-Parade, bei der 2010 aus nichtigem Anlass 21 Menschen zu Tode getrampelt und 541 weitere schwer verletzt wurden. Niemand wollte seinen Nächsten umbringen. Doch spätestens wenn der Tod droht, verengt sich die Perspektive zum Tunnelblick, ist sich jeder selbst am nächsten. Ausgangspunkt der Panik ist meistens eine reale Bedrohung, die sich im Zuge einer Kettenreaktion zu einer Katastrophe entwickelt, welche in keinem Verhältnis mehr steht zur ursprünglichen Bedrohung.

Solche Kettenreaktionen gibt es auf allen sozialen Ebenen und insbesondere auch auf der politischen, wo die Folgen besonders verheerend sind. Ich habe dieses Phänomen in meinem im letzten Herbst veröffentlichten Buch «Der Fluch des Guten» aufgrund zahlreicher konkreter Beispiele beschrieben. Es gibt Naturkatastrophen, doch das schlimmste Elend auf dieser Welt – angefangen mit den Kriegen, aber auch Hungersnöte, Armut und Seuchen – ist menschengemacht. Oft steckt dahinter kein böser Wille, sondern im Gegenteil, man möchte eigentlich das Gute. Das Problem ist heute nicht mehr ein Mangel an Information, sondern die Flut von Informationen, die wir nicht mehr einordnen können. Wir verlieren den Blick fürs Ganze. Und wenn es eng wird, übernimmt die Dynamik der Panik die Regie. Die Covid-19-Krise ist ein klassisches Beispiel dafür.

Die Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind gleichsam das Immunsystem einer Gesellschaft. Nach der alten Regel, gemäss der sich nur schlechte Nachrichten wirklich gut verkaufen, warnen wir permanent vor Missständen und drohenden Katastrophen, manchmal zu Recht, oft zu Unrecht, in aller Regel überspitzt. Wer alarmiert, steht immer auf der sicheren Seite; wenn die Katastrophe nicht eintritt, kann man sagen, das sei eben dank der Warnung gewesen. Wer dagegen Entwarnung gibt, nimmt immer ein Risiko auf sich: Das grosse Publikum wird sich erst dafür interessieren, wenn doch etwas passiert – dann werden ihn all die Alarmisten genüsslich in der Luft zerfetzen.

 

Sie kippten wie Dominosteine

Die Wahrheit triumphiere nie, sagte einst Max Planck, ihre Gegner stürben nur aus. Genauso ist es mit den Fehlalarmen: Man vergisst sie einfach. Unter normalen Umständen ist das kein Problem. Doch in Krisen, wenn die Panik die Regie übernimmt, wirken Medien wie Brandbeschleuniger. Das Bedürfnis nach Information ist gross, Nachrichten werden hektisch wie am Fliessband produziert, jeder schreibt jedem ab, und wer – wie die meisten – nichts riskieren will, wird warnen, warnen, warnen. Ein solcher Rückkopplungseffekt ist auch heute zu beobachten.

Es ist nicht so, dass all die Immunologen wie Beda Stadler, die vor den fatalen Folgen eines Hypes warnen, plötzlich vom Erdboden verschwunden wären. Sie werden einfach nicht mehr zitiert. Und wenn sie sich zu Wort melden, müssen sie damit rechnen, von den Alarmisten als verantwortungslose Verharmloser, ja eigentliche Massenmörder angeprangert und niedergeschrien zu werden. Was für die Journalisten gilt, gilt erst recht für die Mediziner: Die Alarmisten stehen immer auf der sicheren Seite; das Risiko des Irrtums nimmt nur auf sich, wer Einspruch wagt oder gar Entwarnung gibt.

Der Medien-Hype um das Coronavirus kam auf leisen Pfoten angeschlichen. Am Anfang überwog die Skepsis. Man wusste, dass man sich auf die Informationen aus China nicht verlassen konnte. Als die Bilder aus Italien eintrafen, kippten die Politiker weltweit wie Dominosteine. Das hatte auch damit zu tun, dass Bilder und Einzelschicksale, vor denen schon Churchill warnte, emotional wirken und stärker sind als jedes rationale Argument. Wer darauf hinweist, dass bislang in Italien kaum mehr Menschen gestorben sind als in einem anderen schweren Grippe-Winter und dass das Problem auch beim mangelhaften italienischen Gesundheitssystem und bei der Überalterung liegen könnte, setzt sich automatisch dem Vorwurf des Zynismus aus. Besonders effizient wirkt diese moralische Erpressung in den sozialen Medien, die keine differenzierte Auseinandersetzung zulassen.

Als die Corona-Krise sich dann auch noch bis nach Grossbritannien und Amerika ausbreitete, war kein Halten mehr. Reizfiguren wie Boris Johnson, Donald Trump oder Jair Bolsonaro waren bei den meisten Journalisten bekanntlich noch nie sonderlich beliebt. Alle drei warnten vor den Folgen des Lockdown und der Tatsache, dass das Virus erst besiegt sein wird, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung immunisiert ist. Das erklärte Ziel war bei allen, die Verletzlichen zu schützen und möglichst viele Opfer zu vermeiden. Nun hätte man darüber debattieren können, wie dies am besten erreicht wird. Doch Brexit und Wahlkampf erschwerten eine nüchterne Diskussion zusätzlich.

Das Coronavirus ist heimtückisch, zweifellos, doch eine unbesonnene Überreaktion ist nicht minder tödlich. Wir kennen das Phänomen aus der Medizin. In Stresssituationen können die natürlichen Abwehrkräfte gesunde Teile des Körpers angreifen und irreparabel beschädigen. Man redet in solchen Fällen von Autoimmunerkrankungen. Sie enden oft tödlich. Churchill hatte die Gefahr einer Massenpanik 1940 früh erkannt. Es gelang ihm, Bevölkerung und Medien davon zu überzeugen, dass man nur die Wahl des geringeren Übels hatte. Vielleicht war es seine grösste Leistung.

 

Alex Baur:  Der Fluch des Guten. Wenn der fromme Wunsch regiert – eine Schadensbilanz. Münster. 330 S., Fr. 28.90

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Christoph Wirz

22.04.2020|09:54 Uhr

Ganz Ihrer Meinung! Top-Artikel - vielen Dank!

Richard Müller

21.04.2020|10:18 Uhr

Der Fluch des Guten. Wer das Buch von Alex Baur noch nicht gelesen hat, sollte das dringend nachholen. Die Gesellschaft braucht dringend mehr Leute mit einem vertieften Verständnis für Zusammenhänge. Noch viel wichtiger wäre, mehr Leute mit einer wachsamen Sensibilisierung für die perfiden Mechanismen der professionellen Panikmacher und verlogenen Moralisten zu haben. Nur wer die Spielarten der global agierenden Meinungsguerilla durchschaut, kann sich dagegen wappnen. Alex Baur ist ein begnadeter Augenöffner.

Hans Georg Lips

21.04.2020|08:32 Uhr

Deutschland (Bild) fordert von China 149 Mio Euro, als Schadenersatz. Mei, das wird noch lustig für die Betrügerfirma Xi Ping.

Hans Georg Lips

20.04.2020|07:24 Uhr

Offenbar ist es die Schweizer Regierung, die in Panik ist. Aber sie handelt nicht wie sie müsste, denn sie ist gelähmt, panikgelähmt. Da sind die Inder cooler, denn sie fordern einen gewaltigen Milliardenbetrag als Entschädigung. Würde unsere Regierung ihren Grips richtig einsetzen, so hätte sie gleichzeitig mit der Bekanntgabe ihrer "Finanzhilfen" eine klare Forderung von z.B. 50 Milliarden an China gesandt. Tut sie nicht, sie kriecht wie üblich. Dabei ist der Verursacher sonnenklar.

Andrej Lorenc

19.04.2020|00:30 Uhr

Wenn man die Übersterblichkeitskurven bei Euromomo.eu betrachtet gleichen diejenigen aus Italien und Spanien der Kurve von Schweden. Die Kurve geht steil nach oben und fällt anschliessend rasant ab. Logische Schlussfolgerung: Wahrscheinlich verbreitet sich der Virus extrem schnell und verpufft nach erreichen der Maximalhöhe mit oder ohne Lockdown auf die gleiche Weise. Aufgrund der steilen Kurve kann man die Hysterie und Panikmacherei nachvollziehen. Wahrscheinlich sterben aber nicht mehr als in den Grippe-Jahren 2015/2016.

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