Genderstern passé

Feministinnen haben ihre eigenen Prioritäten. Aber es wäre ja auch nicht realistisch, wenn niemand das Coronavirus für seinen Aktivismus instrumentalisieren würde.

Um in seiner Feministinnen-Karriere relevant zu bleiben, sollte man von Zeit zu Zeit und öffentlich in seine Abneigung gegen Männer investieren. Das ist einfach, denn weisse Hetero-Männer tun sowieso immer das Falsche, egal, was sie tun – aber immerhin ist es gut, dass sie überhaupt etwas tun, sonst könnte man sie nicht kritisieren. Ja, und weil Corona eben eine ideale Plattform zwecks Ausschlachtung aller möglichen Ideologien bietet, versorgen uns Aktivistinnen seit Beginn der Pandemie regelmässig mit ihren üblichen feministischen Verkaufsargumenten, von denen eines unverhältnismässiger ist als das andere. Bei mildem Verlauf löst es bei Menschen Augenrollen aus, in schweren Fällen kann es zu Den-Kopf-auf-die-Tischplatte-Knallen führen.

Die unterschwellige Gereiztheit gegenüber Männern wird besonders bei Twitter sichtbar, der Plattform, wo auch ich hie und da kommentiere. Falls Sie nicht zu den rasch beleidigten Gemütern zählen, können Sie mir dort gerne folgen. Auf Twitter also schrieb neulich eine Userin: «Glaub ein wichtiger Grund warum ich den Drosten nicht heroisiere ist dass er das generische Maskulinum verwendet ich meine ihr wollt ihn alle f***** aber er erkennt nicht mal an dass ihr existiert» (Die Sternchen sind von mir, Komma und Punkt kennt die Schreiberin nicht).

Eine Zeit-Autorin dachte laut: «Verstehe den Hype um Drosten nicht so ganz, um ehrlich zu sein. Wird nicht wieder mal ein Weisser cis Mann angehimmelt, nur weil er seinen Job ordentlich macht?» Beide Tweets erhielten sehr viel Applaus aus ihrer Bubble. Twitter, müssen Sie wissen, ist so etwas wie das Intranet der Linken, Linksliberalen und Grünen, und alle anderen dürfen es mitbenutzen (es kann aber trotzdem oder gerade deswegen ganz unterhaltsam sein).

Auch in der realen Welt hat man seine Prioritäten geregelt: In Hamburg hat eine Antragstellerin gefordert, die frauenfeindliche Bezeichnung «Bürgersaal» zu beseitigen, wie die Hamburger Morgenpost Ende März berichtete. Es gibt noch einige weitere Beispiele. Was sind schon existenzielle Nöte und Ängste, die sehr viele Menschen derzeit plagen, wenn man mit seiner ganz persönlichen Wunschliste punkten kann?

Aber wer ist dieser Drosten, mit dem die einen Sex haben und den die anderen Gender-sprachlich erziehen wollen? Was hat er getan? Christian Drosten, 48, brauner Wuschelkopf, treue braune Augen mit Augenringen, die ein paar schlaflose Corona-Nächte verraten, hat sich erlaubt, im Januar den Corona-Schnelltest zu entwickeln. Er hat ihn auch anderen Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt – und bislang habe ich immer angenommen, dass auch Frauen ihn benützen dürfen. Der «Corona-Aufklärer der Nation» (Süddeutsche Zeitung) ist Virologe, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin und berät den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn. 2003 hat er das Sars-Virus mit entdeckt, mit seinem «Coronavirus-Update»-Podcast ist er enorm erfolgreich, als Top-Experte tritt er in vielen TV-Sendungen auf.

Die Frage, ob Drosten angehimmelt wird, weil er seinen Job ordentlich macht, ist einigermassen ulkig. Seinen Job ordentlich zu machen, ist, wenn ein Bademeister die Wasserproben des Schwimmbeckens ordnungsgemäss auswertet. Oder ein Gärtner die Osterglocken zur richtigen Zeit einpflanzt. Eine Kolumnistin eine halbwegs lesbare Kolumne schreibt. Was Drosten macht, ist Superhelden-Liga. Darum ist der Typ auch so populär, dass ihn sich einige als nächsten Kanzler vorstellen können, ich sehen ihn in der Hauptrolle des 2021 erscheinenden Blockbusters «Corona – The Beginning» (Idee: User Kraftbiber). Laut Wikipedia lebt er mit Partnerin und Sohn zusammen; eventuelle sexuelle Fantasien, wie von der Twitter-Dame mit Feminismus-Hintergrund spekuliert, dürften also im Keim erstickt bleiben.

Nun ist es halt so, dass, auch wenn Herr Drosten statt von «Virologinnen und Virologen» von «Virologen» spricht und dabei auch nicht die von Genderfreudigen geforderte, völlig bescheuerte Kunstpause macht – damit man den Genderstern heraushört, Beispiel: «Virolog…» (Pause) «…innen» –, er uns Frauen (und Männern) trotzdem immer noch mehr nützt als alle Gendersternchen und die Political Correctness zusammen. Das mag für einige entmutigend sein, aber es ist, wie es ist. Schon vor der Pandemie hatten nicht sonderlich viele Menschen Bock auf diesen Firlefanz, aber jetzt noch viel weniger, und vielleicht sollten die generischen Besserwisser in ihrer Quarantäne eine kleine Weile darauf verzichten, Dinge zu dramatisieren und angesichts eines globalen Notstands, steigender Todeszahlen und von Särgen, die durch lange Militärkonvois abtransportiert werden, Probleme herbeizureden, wo keine sind.

Dass der Feminismus-Begriff heute etwas negativ besetzt ist, liegt wahrscheinlich an dem Umstand, dass das stereotype Bild der ständig meckernden, übersensiblen Feministin von einigen Vertreterinnen selbst beharrlich zementiert wird, ohne dass sie es selbst merken. Der moderne Feminismus funktioniert darum heute nur noch in eine Richtung; innerhalb der eigenen Bubble.

Immerhin, wer sich den Luxus leisten kann, einen Virologen, den Bürgersaal und das generische Maskulinum auf seine aktuelle Beanstandungsliste zu packen, dem kann es nicht so schlecht gehen. Und das wiederum ist ja auch eine gute Nachricht.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

 

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Alex Baur, Redaktor

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