Wo Glencore Wunder tut

Der Rohstoffriese Glencore wird in der Kampagne der Konzernverantwortungsinitiative wegen seiner Tätigkeit in Südamerika angegriffen. Ein Besuch zeigt: Der Konzern tritt in Kolumbien mustergültig auf. Seine Kohlemine ist eine Lebensader für Mensch und Natur.

Wenn irgendwo in Nordkolumbien in einem Fluss ein Wasserwirbel entsteht, dann fabriziert Stephan Suhner daraus eine Tirade gegen Glencore. Der Chef der Arbeitsgruppe Schweiz – Kolumbien (Ask) versteht sich als Kämpfer für die «kolumbianischen Basisorganisationen, Kleinbauern, Indigenen und Arbeiter». Seine Organisation ist im Zusammenhang mit Fluchtbewegungen linksgerichteter Kolumbianer während der achtziger und neunziger Jahre entstanden. Suhners Vorwurf ist immer der gleiche: Glencore vergifte die Anwohner und die Umwelt im Einzugsgebiet von El Cerrejón. Die Tagebau-Kohlemine im Departement La Guajira ist weltweit eine der grössten ihrer Art. Zu einem Drittel gehört sie dem Rohstoffmulti Glencore aus Baar ZG.

Seit Jahren greifen Zeitungen von Woz bis Tages-Anzeiger Suhners Erzählung immer wieder auf. Auch die Initianten der Konzernverantwortungsinitiative (Kovi) verbreiten sie eifrig: «Glencore vergiftet Flüsse in Kolumbien», heisst es in Spendenaufrufen von Public Eye, der früheren «Erklärung von Bern». Kronzeuge ist Stephan Suhner von der Ask: «Als wir vor Ort waren, hatte Cerrejón die Regenzeit genutzt und viel Wasser abgelassen.» Dieses Wasser sei «wahrscheinlich mit Schwermetallen, Schwefel etc. belastet». Auch einen Propagandafilm über das angebliche Umweltverbrechen haben die Kovi-Initianten mit Hilfe von Suhner drehen lassen.

Aber stimmen die Vorwürfe? Gespräche mit Ortskundigen nähren Zweifel. «El Cerrejón ist ein beispielhaftes Unternehmen», sagt Rubén Darío Lizarralde, ehemaliger Landwirtschaftsminister Kolumbiens und Sozialunternehmer im Agrarbereich. Andrés Etter Röthlisberger, Professor für Umweltwissenschaft an der renommierten Universidad de los Andes in Bogotá, erklärt: «Die Umweltvorschriften für den Bergbau sind äusserst strikt. Die Behörden überwachen deren Einhaltung bei den grossen internationalen Firmen akribisch.»

Mitte Februar ist die Weltwoche nach Kolumbien gereist, um sich ein eigenes Bild zu machen. Zwar hat eine Mine dieser Grössenordnung durchaus einen Einfluss auf die Natur. So reisst die Kohleförderung grosse Krater in die Landschaft. Doch die Minenbetreiber räumen der Abfederung solcher Auswirkungen eine hohe Priorität ein. Verglichen mit anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten, ist der Kohlebergbau wenig umweltschädlich, und die Belastung entsteht nur vorübergehend. «Nach Ende der Förderung sind wir verpflichtet, das gesamte Gelände umfassend zu renaturieren», erklärt Juan Pablo Lozano Silva, leitender Umweltingenieur bei El Cerrejón. Von den gut 14 000 bislang bearbeiteten Hektaren (0,7 Prozent der Oberfläche des Departements Guajira) seien 4208 schon wieder im Status der Wiederbelebung von Flora und Fauna.

 

Umweltreservat in der Mine

Das gilt etwa für den Arroyo Bruno, einen für die Kohleförderung teilweise umgeleiteten Wasserzubringer des einzigen grösseren Flusses der Guajira. Seit knapp zwei Jahren renaturiert El Cerrejón den Bach in der Nähe seines angestammten Bettes. Fachleute des Unternehmens kümmern sich darum, dass die Ufer mit der ursprünglichen Vegetation neu bepflanzt werden – ein weltweit beachtetes Modellprojekt. Aus der Perspektive von Umweltwissenschaftler Etter geht man mit der Renaturierung sogar einen Zacken zu weit: «Im Verhältnis zum Nutzen für die Natur ist es eher zu viel Aufwand.»

Am Rand der Mine haben Wissenschaftler des Umweltinstituts Alexander von Humboldt in Bogotá einige Hektaren des in der Guajira rar gewordenen, ökologisch aber sehr wertvollen trockenen Tropenwalds abgezäunt. Mit der Akribie von Buchhaltern studieren sie die Pflanzenwelt und gewinnen Einsichten für die Aufforstung. Die von der Minentätigkeit unberührten Gebiete innerhalb des Konzessionsgebiets von El Cerrejón zeichnen sich sogar durch eine im Vergleich zum Umland erhöhte Artenvielfalt aus. Das hat die Umweltwissenschaftlerin María Claudia Franco Rozo im Rahmen einer Doktorarbeit an der Universidad de los Andes herausgefunden. In den naturbelassenen Rückzugsräumen des Minen-Areals wurden sogar acht Jaguare entdeckt, die man zuvor vom Aussterben bedroht wähnte.

Was die vermeintliche «Vergiftung» des Flusswassers betrifft, so berufen sich die Ask und die Kovi-Initianten auf Angaben von Cinep und Indepaz. Dabei handelt es sich um zwei linke kolumbianische NGOs, die beide auch schon Schweizer Entwicklungshilfegelder erhalten haben. El Cerrejón widerspricht vehement. Der von Suhner verbreitete Vorwurf, die Mine leite gezielt Abwasser aus den Gruben in den Fluss, sei «kategorisch falsch», sagt Umweltingenieur Lozano. Erstens weise das in der Mine gestaute Wasser «keine problematische Schwermetallkonzentration» auf, und zweitens gelange das Wasser aus den Gruben gar nicht in den natürlichen Kreislauf.

Allenfalls fliesse – bei sehr starken Regenfällen – das über den Abraumhalden anfallende Niederschlagswasser teilweise in die natürlichen Gewässer, was aber unbedenklich sei. Als Auflage der kolumbianischen Umweltbehörden führen die Minenbetreiber genau Buch über die Menge und Zusammensetzung des abfliessenden Wassers. Das Total dieser Abflüsse in Richtung des Río Ranchería entspricht während der Regenmonate etwa 0,004 Prozent der totalen Flussmenge dieses Flusses. Zu jeder Zeit sei die Einhaltung der strikten Grenzwerte der kolumbianischen Abwasserverordnung gewährleistet.

Die Weltwoche hat die Probe aufs Exempel gemacht. Sie hat dem Río Ranchería zwei Wassermuster entnommen: eines vor dem Konzessionsgebiet der Mine und eines unmittelbar unterhalb. Das Labor für Umweltstudien der Universidad Nacional in Bogotá hat den Gehalt an Schwermetallen in beiden Proben gemessen. Die Messergebnisse fallen exakt identisch aus: weniger als 0,01 Milligramm (mg) Kadmium, weniger als 0,003 mg Arsen und Quecksilber sowie weniger als 0,1 mg Nickel und Chrom. Damit dürften zwar die Grenzwerte der kolumbianischen Trinkwasserverordnung teilweise überschritten sein – allerdings ist das bereits der Fall, bevor der Fluss die Mine überhaupt erreicht. Für die erhöhte Grundbelastung des Flusses mit Schwermetallen sind vermutlich Rückstände aus Düngemitteln verantwortlich, die in den oberen Flusslauf gelangen. Die Minenverantwortlichen berichten, auch die kolumbianische Staatsanwaltschaft sei schon einmal bei ihnen aufgekreuzt und habe an denselben Stellen getestet – danach habe man nie mehr etwas von ihr gehört. Professor Etter sagt, er könne sich «nicht vorstellen, dass der Kohlebergbau nennenswert zur Schwermetallkonzentration im Río Ranchería beiträgt».

Je genauer man hinsieht, desto weniger glaubwürdig erscheint die Darstellung der Ask und der Kovi-Initianten. Trotzdem: Im Gespräch mit Anwohnern der Mine wird immer wieder der Vorwurf der Wasserbelastung laut. Es ist, als seien die Leute in der Guajira darauf trainiert, Besuchern aus der reichen Schweiz Stephan Suhners Geschichte von der bösen Glencore zu erzählen. Kenner der örtlichen Verhältnisse erstaunt das nicht. Die Guajira ist eines der ärmsten Departemente Kolumbiens; und die Mine El Cerrejón ist das einzige funktionierende Grossunternehmen weit und breit. «Es hat sich zu einem Geschäftsmodell entwickelt, Vorwürfe gegen internationale Minenbetreiber zu erheben – ob berechtigt oder nicht», sagt Umweltprofessor Etter. Wem es gelingt, den Status eines Opfers der Kohlemine zu erlangen, der bekommt Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Geld.

Die wichtigsten Belastungszeugen der Ask gegen El Cerrejón wohnen in Provincial, einem kleinen Reservat der Wayú-Indianer. Die Bewohner lassen sich juristisch vom Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo beraten, einem politischen Zusammenschluss linker Anwälte aus Bogotá. Das Kollektiv wurde letztes Jahr von einem grossen Skandal erschüttert, als bewiesen wurde, dass es einen General der kolumbianischen Armee mit fabrizierten und gekauften Zeugenaussagen ins Gefängnis gebracht hatte. Die Bewohner von Provincial überziehen El Cerrejón mit Gerichtsverfahren und stehen den ausländischen NGOs für jedes gewünschte Statement gegen Glencore und El Cerrejón zur Verfügung. Am Dorfeingang des Reservats: ein kleines weisses Häuschen, dessen Wände mit den revolutionären Schlachtrufen verschmiert sind, «Hasta la victoria siempre!» und «Venceremos!».

Ihr Interesse für die angeblichen Opfer von El Cerrejón haben die Nichtregierungsorganisationen erst entdeckt, nachdem Glencore und die beiden Miteigentümer BHP Billiton und Anglo American dem kolumbianischen Staat dessen Anteil an der Kohlemine abgekauft hatten. Das war um die Jahrtausendwende. Zuvor hatte die Mine bereits fünfzehn Jahre lang operiert, ohne dass in der Schweiz ein Hahn danach gekräht hätte.

Bereits bei seiner Planung Mitte der siebziger Jahre hatte das Grossprojekt Modellcharakter. So wurde für den Transport der Kohle von der Mine zum eigenen Hafen eine 150 Kilometer lange Eisenbahnlinie gebaut. Auch wurde der Hafen von Anfang an auf geschlossene Direktbeladung ausgelegt, bei der der Rohstoff auf überdachten Förderbändern direkt in den Schiffsbauch gelangt. Im Gegensatz zur herkömmlichen, offenen Beladung per Lastwagen gerät dabei nur verschwindend wenig Kohlestaub in die Luft. Die Weltbank bedachte El Cerrejón sogar mit einem Kredit. Das Projekt sei «ein wichtiger Beitrag zur langfristigen Energieentwicklung und zur Verbesserung der kolumbianischen Handelsbilanz»; es weise «keine signifikanten Umweltrisiken» auf.

 

Kritik immer schriller

Seit dem Einstieg der neuen Eigentümer hat sich die Umweltbilanz von El Cerrejón in jeder Beziehung nochmals massiv verbessert. Trotzdem wird die Kritik der NGOs immer schriller. Das Ziel von Ask und Co. ist die Schliessung der Mine, und zwar noch bevor deren Konzession im Jahr 2034 ohnehin ausläuft. Es wäre ein Propagandasieg, der auch die Armen in der Guajira teuer zu stehen käme. El Cerrejón erwirtschaftet rund die Hälfte des Bruttoinlandprodukts in dem ansonsten weitgehend mittellosen Departement. In den letzten zwanzig Jahren hat das Unternehmen insgesamt weit über zwei Milliarden US-Dollar an Steuern und Lizenzgebühren in die Staatskassen gespült. Die Mine schafft rund 12 000 Arbeitsplätze und ist der grösste private Arbeitgeber. Gelebte Konzernverantwortung eben.

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Georg Lips

07.04.2020|08:13 Uhr

Da reden ja Leute mit, die keine Ahnung haben und behaupten sie wüssten Bescheid.Die sollten sich die Mühe machen den Werdegang einer Mine ab Entdeckung , Einholen von Dutzenden von Permits bei allen möglichen Behörden, mehreren Gruppen von Indigenen, Planung und Bereitstellung von Schulen, Errichtung einer Wasserversorgung, erstmalige Organisation des Abfuhrwesens um den Dreck der Indigenen ordentlich aufzuarbeiten, zu verfolgen.Und das während 10-20 Jahren in denen Millioneninvestitionen getätigt werden ohne dass ein einziger Cent Ertrag einfliesst. Das sind nur "dummi grüne Schnurri".

Jürg Brechbühl

05.04.2020|22:39 Uhr

Falls ich noch Zweifel zu meinem Votum hatte, sind die jetzt beseitigt. NGO ist übrigens in Südamerika ein Schimpfwort für korrupten linken politischen Sumpf.

Richard Müller

04.04.2020|10:50 Uhr

Für viele NGO wäre die Annahme der Konzernverantwortungsinitiative eine wahre Goldgrube. Sie würden sich nämlich als Hüter der neuen Ordnung anbieten und sich in den Konzernen richtig breit machen. Überwachen, viel reisen, umfangreiche Berichte verfassen und immer neue Forderungen einbringen. Alles auf Kosten der Unternehmen und letztlich auf Kosten der Konsumenten. Mit der Machtstellung der NGO in den Firmen würde so ganz nebenbei der Kapitalismus überwunden, weil die NGO immer mächtiger und die Aktionäre immer ohnmächtiger würden. Das ist der wahre Hintergrund dieser Initiative.

Hans Baiker

02.04.2020|22:03 Uhr

Aus meiner Sicht ist die Konzerninitiaive mehr als doppelbödig. Einerseits treibt man die Sozialisierung des Eigentums in der CH weiter voran, andererseits treibt man die Minen den Chinesen zu, weil sie für CH-Konzerne wegen den Auflagen unrentabel werden. Es ist Sache der jeweiligen Regierung für die Einhaltung von Umweltschutz- und sozialen Normen zu sorgen, was dann für alle gilt.

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