Corona-Wochenbuch #3

Einen Mangel an Sozialkompetenz erkennt man daran, dass sich sein eigenes Leben seit dem Corona-Lockdown in der Schweiz nicht gross verändert hat.

Ich spreche da vor allem von mir selbst. Beim Erscheinen dieser Kolumne bin ich seit etwa 21 Tagen in Selbstisolation, unterbrochen nur von einem Lebensmitteleinkauf. Weil ich sowieso einen guten Teil meiner Arbeit im Home-Office erledige und soziale Distanzierung schon länger zu meiner geschätzten Routine gehört, hat sich bei mir nichts grossartig geändert (wenn das Ganze vorbei ist, bleibe ich zur Erholung auch erst mal ein bisschen zu Hause). In Quarantäne achte ich weiterhin darauf, dass meine Nägel stets perfekt manikürt sind. So absurd es ist: Kleine Rituale schaffen ein Stück Normalität in Zeiten von Ungewissheit.

Emanzipation - Immerhin, auch in Krisenzeiten kann man sich auf die Feministinnen verlassen. Prominente deutsche Vertreterinnen weisen – in Berichten zur Ausgangssperre – auf nicht gendergerechte Formulierungen hin, andere beklagen die geschlechtertechnische Aufteilung im Home-Office. Rapperin Lady Bitch Ray twittert: «Alle Freundinnen mit Kindern, mit denen ich heute telefoniert habe – berufstätig, wohlgemerkt –, erzählten mir, dass sie zu Hause auf ihre Kinder aufpassen und ihr Ehemann im anderen Zimmer ‹Home-Office› macht, ich f**** diese Gleichberechtigung in den A****.» Ich tat hier also, was man in so einer Situation tut, retweetete das mit der Bemerkung: «Und all diese Ehemänner sind erst nach der Heirat zu egoistischen, unterdrückenden und rücksichtslosen A****löchern geworden? Selbstbestimmung und Gleichberechtigung beginnt in den eigenen vier Wänden – und mit der Wahl des zu seinem persönlichen Lebenskonzept passenden Partners.» Dass das feministisch verpufft, ist mir völlig wurst.

Unter dem Titel «Das Coronavirus ist eine Katastrophe für den Feminismus» schreibt eine Autorin im Atlantic, dass eine der markantesten Auswirkungen des Coronavirus darin bestehe, dass viele Paare «zurück in die 1950er» geschickt werden; auch wenn Mann und Frau einen Job hätten, sei es jetzt aus ökonomischen Gründen eher die Frau, die für die Kinder zu Hause bleibt. Diese unbezahlte Arbeit würde schwerer auf die Frauen zurückfallen. Vielleicht ist das so. Aber zum einen halte ich die Betreuung ihres Nachwuchses für Mütter während einer Pandemie dennoch für zumutbar. Zum anderen ist angesichts der Tatsache, dass gerade ganze Wirtschaftszweige kollabieren, viele Menschen ihren Job verlieren oder in Kurzarbeit geschickt werden, also Existenzen reell bedroht sind, die temporär (!) geschlechterungleiche Aufteilung der Kinderbetreuung innerhalb einer Familie wohl das geringere Problem. Es gehört mittlerweile zum guten Ton: Egal, bei was, Frauen sind immer schlimmer betroffen. Dass Männer durch das Coronavirus deutlich häufiger sterben, spielt keine Rolle.

Unbelehrbare - Viele Leute pflegten noch bis vor kurzem, bis zum Erlass der verschärften Verbote, einen grosszügigen Umgang mit Egozentrik, indem sie die Empfehlung der Behörden ignorierten, zu Hause zu bleiben, und sich in Gruppen im Park oder am Flussufer trafen. Man las auch von «Corona-Partys», zu denen man sich aufgrund geschlossener Lokale privat versammelte – und möchte am liebsten die Aliens anrufen mit der Bitte, diesen Planeten endlich zu übernehmen. Der Vernunft und Eigenverantwortung der Menschen vertrauen? Das Coronavirus lacht sich ins Fäustchen.

Andere wiederum lösen wegen WC-Papier-Hamsterns Polizeieinsätze aus; vielleicht kann man ja wenigstens diese Berserker unter Zwangsquarantäne stellen – natürlich nur so lange, bis der Impfstoff da ist.

Eine Schlagzeile auf Welt.de lautete: «Kontrollierte Infizierung ist die beste Strategie gegen das Virus.» Das ist etwa so beruhigend wie ein ratternder Hydraulikbagger im Vorgarten. Danke für den Tipp, aber bevor ich mich kontrolliert infizieren lasse, esse ich lieber zehn rohe Eier, einen Kübel Muscheln und Hackfleisch, das lange in der Sonne gelagert hat.

Prominente - Wenn Promis in Selbstisolation von sich reden machen wollen, geben sie den Beatles-Song «Imagine» zum Besten. Angeführt von der amerikanischen Schauspielerin Gal Gadot («Wonder Woman»), trällern Kollegen wie Mark Ruffalo und James Marsden im Instagram-Video und kommen sich dabei sichtlich grandios vor. Warum der Rest von uns sich dadurch besser fühlen soll, bleibt ihr Geheimnis. Okay, es ist ja schön, wenn Stars in Krisenzeiten zusammenkommen – und weil auch Kristen Wiig und Pedro Pascal mitsingen (beide «Wonder Woman 2»), sogar Lynda Carter («Wonder Woman», 1975) und weil der neue «Wonder Woman 2»-Film mit Gadot in der Hauptrolle im Sommer in die Kinos kommen soll, denkt ja auch niemand, dass das eine PR-Aktion ist.

Die coolen Kids machen es anders; Arnie Schwarzenegger sitzt in seinem Video in der Küche, flankiert von Esel und Pony, und appelliert an alle: «Bleibt zu Hause!» Moderator Jeremy Clarkson («The Grand Tour») twittert: «Das Gute daran ist, in etwa drei Wochen werden wir von allen die echte Haarfarbe kennen.» Mit anderen Worten, in ein paar Wochen sind viele von uns um zehn Jahre gealtert.

Ja, und weil wir uns bis dahin alle vermehrt daheim aufhalten und dieser Umstand nicht nur die Beziehung zu uns selbst, sondern auch zum Partner intensiviert, tippe ich mal: Entweder wird 2020 als geburtenstärkster Jahrgang in die Statistik eingehen. Oder als scheidungsstärkster.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.
Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

 

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Kommentare

Nannos Fischer

30.03.2020|17:26 Uhr

@M.Spycher — Oder war das, weil die Roco-Ravioli eine Weile in goldigen Büchsen daherkamen? Im übrigen könnten wir vielleicht noch etwas weiteres gemeinsam haben. Ich als Zürcher habe eher unwahrscheinlicherweise schon als Vorhalbwüchsiger eine klassische Berner Figur mit allem Drum und Dran in mein Herz geschlossen: dr Houpme Lombach, der dann, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, als Major zurückkam, und der Ihnen, aus einigen Ihrer Bemerkungen zu schliessen, vielleicht nicht ganz so sympathisch ist. Aber immerhin sind mir durch ihn Bern und die Berner nähergekommen.

Nannos Fischer

30.03.2020|11:25 Uhr

@M. Dancer — Das wir darauf ankommen, a) wie «gut» definiert wird und b) für wen es gut kommen soll.

Markus Spycher

30.03.2020|10:17 Uhr

@Markus D.: Versuchen Sie es mal mit 2 Eiern im Glas. Ich sage mal nichts von Rollmops.

Markus Spycher

30.03.2020|10:12 Uhr

Nun fällt mir doch noch ein, Herr Fischer, weshalb ich beim Anblick der goldenen High Heels an Teigtaschen dachte: Es war eine logische Gedankenkette. Gold - Silber - Eisenblech - Spurenelemente in Ravioli. Vielleicht lief aber die Assoziationsfolge dank meinem mit Barolo genährten Hirn gerade umgekeht ab. Sie werden mir verzeihen. - Hat mich neulich ein Typ angequatscht: "Wo ist denn die Silberstrasse? Habe keine Ahnung, wo ich bin." Ich sagt ihm: "Wir sind in der Goethe-Strasse." - "Sehr gut, meinte er, habe bloss Goethe mit Lessing, Lessing mit Messing und Messing mit Silber verwechselt.

Nannos Fischer

30.03.2020|00:51 Uhr

Kurz nach dem Krieg, es gab schon wieder alles, lud ein adliges Römer-Ehepaar meine Eltern an einem Samstag in Zürich in ein italienisches Top-Restaurant zum Mittagessen ein. Ich weiss nicht mehr, weshalb ich mitmusste, wahrscheinlich aus logistischen Gründen und weil man adäquates Benehmen glaubte, erwarten zu dürfen. Es lief auch alles ganz gut. Genau bis zum Entrée. Da gab’s hausgemachte Ravioli, himmlisch. Jedermann war des Lobes voll, und die Gastgeberin, in perfekter Höflichkeit, wandte sich auch mir zu, um meine Meinung einzuholen. Die bekam sie: «Die kommen nicht an Roco-Ravioli heran.»

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