Streit um Professor Panik

Die Zürcher Gesundheitsdirektion ist nicht erfreut über Adriano Aguzzis Corona-Alarmismus. Das Universitätsspital wiegelt ab.

Ich bin auf dem besten Weg, der meistgehasste Wissenschaftler der Schweiz zu werden», verkündet Professor Adriano Aguzzi auf Twitter. 99,9 Prozent von 3013 Kommentaren zu einer Sammlung seiner Zitate in 20 Minuten seien negativ. Nicht nur bei den Lesern der Gratiszeitung stossen die Äusserungen und Auftritte des umtriebigen, mediengewandten Neuropathologen sauer auf. Auch Exponenten der Schweizer Wirtschaft sind befremdet, wirft Aguzzi dieser doch öffentlich vor, die vollständige Abriegelung (Lockdown) zu hintertreiben. «Und die Exekutive trifft die notwendigen Massnahmen nicht.»

Wegen solcher Frontalangriffe auf die Behörden scheint auch bei der Zürcher Gesundheitsdirektion die Stimmung nicht die beste: «Die Corona-Pandemie ist sehr ernst zu nehmen, wir warnen aber davor, die Bevölkerung in Panik zu versetzen.» Und noch deutlicher: «Es ist Sache der Leitung des Universitätsspitals (USZ), die Auftritte ihrer Mitarbeiter im Griff zu haben.» Die Gesundheitsdirektion lässt zugleich verlauten, sie sei mit den Verantwortlichen des USZ – den Infektiologen Hugo Sax und Stefan Kuster – täglich in Kontakt: «Die Zusammenarbeit ist sehr gut.» Das gilt für jene mit Adriano Aguzzi offensichtlich weniger.

Tatsächlich sieht Aguzzi seine Aufgabe als Forscher nicht darin, die Bevölkerung zu beruhigen und die Furcht zu dämpfen. «Wir erwarten 60 000 Todesfälle bis Juli», meldet er aufgeregt. 98 Prozent dieser Todesfälle liessen sich verhindern, wenn jede infizierte Person weniger als 1,5 weitere Personen infizieren würde. Dieses Ziel lasse sich realisieren, wenn «alle nichtessenziellen Betriebe sofort geschlossen» würden. «Wie kann ich diese Botschaft an die Politiker bringen?», fragt Aguzzi fast verzweifelt. «Es ist nicht so schwer zu verstehen.»

 

Bereit fürs Gefängnis

 

Sind die Verantwortungsträger in Bund und Kantonen so schwer von Begriff? Adriano Aguzzi scheut sich nicht, selbst gegen den Gesundheitsminister auszuteilen: «Bersets Departement hat es nicht einmal fertiggebracht, das Meeting mit den Experten vorgestern online abzuhalten.» Öffentlich Alarm schlug er auch, weil ihm sechs Mäuse für Blutentnahmen nicht bewilligt worden seien. Er lege auch ohne Bewilligung los, sagte er im Blick. Und fügte in der Pose eines Märtyrers hinzu: «Ich bin bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen.» Die Tierversuchskommission, höhnte Aguzzi, bestehe «überwiegend aus pensionierten Mittelschullehrern in den Siebzigern». Weil sie ihm die Mäuse gegen jede Erwartung innert 24 Stunden bewilligten, spottete er über die Kommissionsmitglieder: «Ich vermute, dass die altersspezifische Coronavirus-2-Tödlichkeit die Geschwindigkeit ihrer Entscheidung beeinflusst hat.»

Im Universitätsspital Zürich, das sich gerne mit den global besten wie der Mayo Clinic in Rochester, der Charité in Berlin oder dem Toronto General Hospital misst, kommen Aguzzis eindringliche Botschaften nicht überall gut an. Sein Alarmismus führe zu Verunsicherung und untergrabe das Vertrauen in die Arbeit der Spitäler und deren Personals, ist zu hören. Immerhin sei er Angestellter des Universitätsspitals und solle dessen vorgesetzten Instanzen nicht derart grob an den Karren fahren.

Öffentlich kritisieren mag ihn aber niemand, auch nicht Klinikdirektor Gregor Zünd. Die Medienstelle des USZ lässt lediglich ausrichten, Professor Adriano Aguzzi habe mit «seinen persönlichen und pointierten Äusserungen» dazu beigetragen, dass die Wahrnehmung in der Bevölkerung, was die Dringlichkeit und Wichtigkeit des Social Distancing angehe, geschärft worden sei. «Insofern hat er einen Beitrag zur konsequenten Umsetzung der vom Bundesrat angeordneten Massnahmen geleistet. [. . .] Das USZ respektiert die Meinungsäusserungsfreiheit seiner Mitarbeitenden.»

 

Warnung vor 10 000 BSE-Toten

 

Die Zurückhaltung in der Kritik an Adriano Aguzzi hängt auch mit dessen internationaler Reputation als vielfach preisgekrönter Neuropathologe zusammen. Er gilt als weltweiter Pionier in der Erforschung der Prionenerkrankungen. Die menschliche Variante des Rinderwahnsinns (BSE) zerstört das Zentralnervensystem langsam und führt zum Tod. Da BSE übertragbar ist, versteht Aguzzi auch einiges von Infektionskrankheiten, auch wenn er kein Epidemiologe ist. Nicht wenige trauen dem italienisch-schweizerischen Doppelbürger sogar den Nobelpreis zu.

Andere Fachspezialisten erinnern an Aguzzis frühere alarmistische Töne. 2000 sprach er von 10 000 möglichen BSE-Toten in der Schweiz, wobei schliesslich kein einziger Mensch gestorben ist. Umstritten blieb auch seine Behauptung, in Europa seien 100 Millionen Menschen mit dem BSE-Erreger in Kontakt gekommen. Heute meint er dazu: «Dass es keine 10 000 Toten geworden sind, liegt daran, dass der Bundesrat auf den Rat der Wissenschaft gehört hat und sehr schnell die Risiko-Organe der Rinder verboten hat.»

Adriano Aguzzi betont, dass man bei neu auftretenden Krankheiten wie Covid-19 oder damals dem BSE mit unvollständigen Daten arbeite. «Das führt zwangsläufig zu Schätzungsfehlern.» Dennoch wird man den rastlosen Professor an seinen 60 000 vorausgesagten Corona-Toten messen. Wenn er recht hat, wird sich sein Ansehen ins Grenzenlose steigern. Wenn er unrecht hat, werden ihm die Politiker, Journalisten und Kollegen die Schreckenszahl unsanft unter die Nase reiben.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Georg Lips

01.04.2020|08:56 Uhr

Für den Schweizer Plebs gibt es keine Masken. Oesterreich ist da viel pragmatischer. Also doch in China bestellen? Das haben sicher schon viele gemacht.

Bruno Mair

31.03.2020|11:33 Uhr

@Peter Wolff. Ich verfolge Ihre „Corona-Berichte“ praktisch seit Anfang. Zumeist mit allem einverstanden. Die Leser-Kommentare schwanken zwischen Logik und Ignoranz bis zur totalen Verdrängung des Geschehens. Wie kann man das kollabieren der Spitäler, an verschiedenen Hotspots, in verschiedenen Landesteilen einfach so ignorieren? Die „Schuld“ ist immer was anderes, nur nicht der aktuelle „Corona-Virus“… Mit Logik und gesunden Menschenverstand hat das nichts zu tun! Sie schreiben es richtig: "... nicht die absoluten Todeszahlen, sondern die Hospitalisierungszahlen ..." Das ist relevant!

Peter Wolff

30.03.2020|22:10 Uhr

„Wie weit ist das Corona-Ende in Wuhan eine Folge der harten Massnahmen und wie weit der Herdenimmunität?“. Ich verdeutliche: Besonders wichtig ist die damit verbundene Frage: Wie viel Intensivkapazität ist nötig, um die Spitäer nicht kollabieren zu lassen, wenn man – ausser Grenzschliessungen – keine einschneidenden Massnahmen träfe? Klarheitshalber: Ein solcher Zusammenbruch ist das Problem, nicht die absoluten Todeszahlen, sondern die Hospitalisierungszahlen! Epidemiologen mit Zugang zu den wichtigen Daten müssten das etwa wissen, mindestens wenn sie nicht nur „EU-Befehlsempfänger“ sind.

Jürg Brechbühl

30.03.2020|01:20 Uhr

@Peter Wolff: Definieren Sie Ihre Stichprobe. Was ist "Verdachtsfall"? In welcher Beziehung steht "Verdachtsfall" zur Grundgesamtheit? Was ist Ihrer Meinung nach die Grundgesamtheit? Welchen Zeitpunkt für die Stichprobenerhebung haben Sie gewählt?

Peter Wolff

28.03.2020|19:16 Uhr

„Mit der Ausbreitung des SARS-CoV-2 haben sie [Fallzahlen] nichts zu tun.“ SoSo: Bei immer etwa gleichen Kriterien, um einen Test überhaupt durchzuführen, sind sie, die positiven Tests (jetzt etwa 13'000), also die Fallzahlen, ein brauchbares Mass für den zeitlichen Verlauf der Corona-Ausbreitung. Diese Fallzahlen machen also etwa 13 Prozent aller etwa 100'000 Tests aus. Das heisst weiter, dass maximal etwa 13 Prozent der Bevölkerung (etwa 1 Million) angesteckt sein können. In Wahrheit wird diese Zahl viel kleiner sein, weil meines Wissens nur Verdachtsfälle getestet werden.

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