Was hat China zu verbergen?

Wochenlang lässt die chinesische Regierung ihr Volk und die Welt über das brandgefährliche Coronavirus im Dunkeln. China-Kenner Gordon Chang erhebt schwere Vorwürfe gegen Peking. Durch Vertuschung und Untätigkeit sei wertvolle Zeit vertan worden, um sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

Donald Trump hält am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos eine triumphale Rede auf die amerikanische Wirtschaft. In Kitzbühel trainiert Beat Feuz auf der pickelharten Streif. Und aus dem fernen China kommen seltsame Bilder, aufgezeichnet in einer Stadt, die bis anhin kaum jemand kannte. Es ist der 23. Januar 2020. Die fremde Stadt heisst Wuhan. Die 11-Millionen-Megacity gleicht einem gigantischen Kasernenhof um Mitternacht. Von der «grössten Quarantäne der Menschheitsgeschichte» ist die Rede. Ein geheimnisvolles Coronavirus mit Namen Sars-CoV-2 breite sich aus. 571 Menschen hätten sich infiziert, 17 Tote seien zu beklagen.

Bald wird sich zeigen, dass die drakonischen Massnahmen zu spät erfolgten. Ende März hat sich das Coronavirus von China aus um den Globus ausgebreitet, versetzt die Weltwirtschaft in Schockstarre und tötet Tausende von Menschen.

«Das Übel hätte niemals dieses Ausmass angenommen, wenn China vernünftig gehandelt hätte», sagt Gordon Chang, Jurist, Buchautor, Kolumnist und einer der prominentesten China-Kenner in den USA. «Wegen der Geheimhaltung, wegen des Versäumnisses der kommunistischen Regierung, sich rechtzeitig damit auseinanderzusetzen», habe sich die Krankheit wie ein Lauffeuer zu einer Pandemie ausgeweitet.

Rückblende: Am 1. Dezember 2019 wird in Wuhan der erste Fall einer neuen Lungenkrankheit bekannt. Einen Monat später, Ende Dezember, stellen Ärzte in der Stadt eine erhöhte Zahl von Kranken fest. Die Behörden beschwichtigen. Es gebe keinen Grund zur Annahme, dass die Krankheit unter Menschen verbreitet werden könnte. Doch in den sozialen Medien tauchen Warnungen auf. In einem WeChat-Post teilte ein Dr. Li Wenliang Kollegen mit, dass Patienten in seinem Krankenhaus mit Sars-ähnlichen Symptomen unter Quarantäne gestellt worden seien. Die Regierung bringt ihn zum Schweigen. Er mache sich des «illegalen Akts des Erfindens, Verbreitens von Gerüchten und Störens der sozialen Ordnung» schuldig. (Li zog sich später die Corona-Krankheit zu und starb.)

 

Peking verweigert Aufklärung

 

Nach Auftauchen des ersten Falles liessen die chinesischen Behörden mehr als einen Monat verstreichen, bevor sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über das neue Coronavirus informierten. Erst als am 20. Januar neue Fälle ausserhalb der Provinz Hubei gemeldet worden waren, beschlossen sie zu handeln. Innerhalb weniger Tage wurde die Provinz Hubei, in der fünfzig Millionen Menschen leben, unter Quarantäne gestellt.

«Etwa sechs Wochen lang liess die chinesische Regierung zu, dass sich das Virus in China ausbreitete, und sie liess es sogar zu, dass das Virus China verliess und in die Welt entkam», sagt Gordon Chang, dessen Vater aus China stammt und der selbst zwei Jahrzehnte in Festlandchina und Hongkong gelebt und gearbeitet hat.

Selbst nachdem China mit der aggressiven Natur des Virus einschlägige Erfahrungen gemacht hatte, «hat die Regierung andere Länder unter Druck gesetzt, die Grenzen für chinesische Touristen offen zu halten, wodurch das Virus in Ländern wie Südkorea verbreitet wurde», so Chang im Gespräch mit der Weltwoche. «Es war komplett unverantwortlich, dies geheim zu halten und die Welt darüber im Dunkeln zu lassen. Das steht ausser Frage.» Damit habe China der Menschheit wertvolle Tage und Wochen geraubt, um sich auf die Katastrophe vorzubereiten.

In einer zurzeit oft zitierten Studie der Universität Southampton in Grossbritannien finden sich Fakten, die diesen Vorwurf untermauern.* «Wenn die Interventionen im Land eine Woche, zwei Wochen oder drei Wochen früher durchgeführt worden wären, hätten die Fälle um 66 Prozent, 86 Prozent beziehungsweise 95 Prozent reduziert werden können, was die geografische Ausbreitung der Krankheit erheblich eingeschränkt hätte.»

Derweil kommen aus Wuhan Erfolgsmeldungen. Der chinesische Staat vermeldet praktisch keine neuen Ansteckungen mehr. Alles sei unter Kontrolle. China hat den Spiess umgedreht. Es hat eine diplomatische und mediale Kampagne lanciert, die darauf abzielt, die Herkunft des Virus in Zweifel zu ziehen. Kern der Botschaft: «Obwohl sich das Coronavirus von Wuhan aus verbreitet hat, ist sein tatsächlicher Ursprung unbekannt. Wir prüfen derzeit, woher genau es stammt.» Und während man offiziell noch «prüft», zeigt Lijian Zhao, Chinas aussenpolitischer Chefsprecher, mit dem Finger auf den Erzrivalen: «Möglicherweise hat die US-Armee die Seuche nach Wuhan eingeschleust.»

China ist seit Jahrzehnten immer wieder Ausgangspunkt von Epidemien, die weite Teile der Welt heimsuchen. Die Asiatische Grippe forderte von 1957 bis 1958 weltweit ein bis zwei Millionen Todesopfer. 2002/2003 infizierte Sars 8000 Menschen und tötete 800 von ihnen in siebzehn Ländern. Zehn Jahre später tauchte das Virus H7N9 auf, mindestens 1200 Menschen erkrankten, 40 Prozent davon starben. Ausgangspunkt sind oft Lebendtiermärkte, wo Menschen auf engstem Raum mit allen möglichen exotischen Tieren in Kontakt kommen können.

«Die meisten Krankheiten, die aus China kommen, nehmen ihren Anfang in der Provinz Guangdong im Süden», sagt Chang. Sars-CoV-2 jedoch tauchte zuerst in Zentralchina auf. «In China selbst, aber auch ausserhalb Chinas spricht man davon, dass es sich möglicherweise um ein Virus handelt, das aus dem P4-Labor in Wuhan, dem Wuhan Institute of Virology, entwichen sein könnte.»

Es handelt sich dabei um ein Hochsicherheitslabor, das vor drei Jahren in Wuhan eröffnet worden ist. Hier wird an den gefährlichsten Mikroorganismen der Welt geforscht, den sogenannten BSL-4-Erregern. Dank dem Labor – weltweit gibt es davon bloss eine kleine Zahl – gehören die Chinesen zur globalen Wissenschaftselite in Sachen biologische Bedrohungen. Im Labor wurde unter anderem an Coronaviren experimentiert.

Wenige Kilometer vom Labor entfernt trat Anfang Dezember «Patient null» auf. Purer Zufall? «Ich schwöre bei meinem Leben, dass das neue Coronavirus nicht aus unserem Labor stammt», liess Shi Zhengli, die stellvertretende Leiterin des P4-Labors in Wuhan, verlauten. Auch ausländische Wissenschaftler zeigten sich überzeugt, dass das Virus aus der Natur stamme.

Doch China verweigert eine lückenlose Aufklärung. Nur so könnte es den Verdacht entkräften, dass dieses höchst aggressive Virus genau an jener Stelle entweichen konnte, wo daran gearbeitet wurde. Zwar habe China ein Team der WHO für zwei Wochen einreisen lassen. «Ein Teil des Teams reiste tatsächlich für einen halben Tag nach Wuhan, doch das reicht eindeutig nicht aus, um den Ausbruch oder die Ursachen des Ausbruchs zu untersuchen», sagt Chang. Peking unternehme alles, um ausländische Virologen an der Untersuchung des Ausbruchs zu hindern. «Die Frage, die sich die internationale Gemeinschaft stellen muss, lautet: Was hat Peking zu verbergen?» Die Vermutung stehe im Raum, dass die Wahrheit «besonders hässlich» sei.

 

Helfer in der Not?

 

International werden Stimmen laut, China müsse für die infernalen Schäden an Menschen, Wirtschaft und Privatbesitz zur Rechenschaft gezogen werden. «Ebenso wie die Unterstützung des Terrorismus, die rechtlich einklagbar ist, könnte eine Regierung, die eine solche rücksichtslose Missachtung und Nachlässigkeit betreibt und eine Epidemie vertuscht, die das Potenzial hat, sich weltweit auszubreiten, rechtlich haftbar gemacht werden», sagte Nitsana Darshan-Leitner, eine in Israel ansässige Anwältin, die darauf spezialisiert ist, terroristische Regimes und deren Sponsoren zu verklagen, zu Fox News.

«Chinas Verzögerung bei der Meldung des Ausbruchs verstiess gegen internationales Recht», argumentiert Ivana Stradner, Expertin für internationales Recht und nationale Sicherheit am American Enterprise Institute (AEI): «Die Internationalen Gesundheitsvorschriften verpflichten die Mitgliedsstaaten, die WHO über Ereignisse zu informieren, die einen ‹öffentlichen Gesundheitsnotstand von internationaler Bedeutung› darstellen können.»

China weist jegliche Verantwortung für die globale Havarie von sich. Stattdessen gratuliert sich das Regime zum siegreichen Feldzug gegen das Virus im eigenen Land. Es sieht in den drakonischen Massnahmen, die es in diktatorischer Manier umzusetzen vermochte, den Beweis für die Überlegenheit seines politischen Systems. Mit medialer Begleitmusik inszeniert es sich nun von Italien über Serbien bis Südamerika als Helfer in der Not. Und erinnert dabei an einen Brandstifter, der dem lichterloh brennenden Haus mit ein paar Eimer Wasser zu Hilfe eilt.

 

 

*Die im Artikel zitierten Quellen auf www.weltwoche.ch/Dokumente

 

Das ausführliche Interview mit Gordon Chang auf www.weltwoche.ch/International

 

 

Kommentare

Jasmin

12.04.2020|18:34 Uhr

Wenn Staaten versuchen Krankheiten zu vertuschen, müsste man überlegen ob es noch verantwortbar ist mit diesen Ländern weiterhin zu Geschäften. Da stürzen ganze Kontinente in den Abgrund und aus lauter Machterhalt wird vertuscht bis es nicht mehr geht, für mich ist klar ich verzichte auf Produkte aus diesen Länder.

Hans Georg Lips

01.04.2020|08:53 Uhr

Die haben sich seit 2016 mit diesen Viren intensiv befasst und eine Möglichkeit - sagen andere sei halt doch, dass im Laufe des Experimentierens etwas passiert sei. RAI habe darüber früh berichtet. Wenn Trump vom Chinavirus redet, liegt er nicht so falsch.

Markus Dancer

30.03.2020|18:07 Uhr

Per heute weiss niemand mit Sicherheit wie lange dieses Virus in einem Körper überlebt, speziell bei Menschen, die keine Symptome zeigen u. andere infizieren. Gewissheit und Sicherheit kann es somit NUR geben, wenn ALLE GETESTET WERDEN!

Markus Spycher

30.03.2020|11:13 Uhr

@Brechbühl von 3h41: Sehe ich auch so. Da fragt man sich, wo die Coronaviren-Konzentration höher ist, ob im Lift und schlecht gelüftetem Treppenhaus oder wenn ich beim Waldspaziergang kurz mit einer infizierten Person spreche. Bleiben die Viren auch in Kleidern mind. 3 Std. lebendig? Habe vom BAG diesbezüglich nichts gehört. Und wie lange bleiben die Erreger auf Plexiglas-Scheiben an Ladenkassen und Postschaltern 'viral'? Ist es entscheidend, auf welcher Seite der Trennwand ich stehe?

Hans Baiker

27.03.2020|21:27 Uhr

In der CH fehlen Masken. Ohne keine Eindämmung. Die 2 m Abstand ist aus diesem Mangel geboren, lässt sich zudem nirgends konsequent einhalten. Man ist daran, sich in aller Ruhe auf den Weltmärkten nach Masken um zu sehen, während andere Länder mit eigenen Frachtflugzeugen unverzüglich in China einkaufen. Seit 2012 weiss man um die Ausmasse einer SARS-Epidemie. Die CH hat andere Prioritäten, wie kontinuierliche Anpassung an die EU um jeden Preis oder etwa die Verstaatlichung der Krankenkassen.

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