Serien-Tipps für daheim

In Zeiten der Pandemie sollten wir unsere sozialen Interaktionen begrenzen. Mit den drei besten Serien auf Netflix wird es Ihnen zu Hause garantiert nicht langweilig.

Achtung, Spoiler.

«Mindhunter» – Serienmörder haben auch eine menschliche Seite, das ist besonders verstörend. Das zeigen Interviews, die FBI-Agenten in «Mindhunter» mit verurteilten Mördern führen. Ich habe die Serie – nur von Schlaf unterbrochen – an einem Wochenende durchgeschaut. 1977: Die FBI-Agenten Holden Ford und Bill Tench entwickeln mit dem Profiling erstmals ein einheitliches FBI-Programm für polizeiliche Verhaltensforschung bei ungeklärten Mordfällen. Um Einblicke in die Psyche von Serienmördern zu erhalten, versuchen sie diese in intensiven Gesprächen zu einer Reaktion zu provozieren. Unterstützt werden sie von einer Psychologin. «Mindhunter: Inside the FBI’s Elite Serial Crime Unit» basiert auf dem Roman von John Douglas, der das Profiling in den siebziger Jahren, als es noch kritisch beäugt wurde, entwickelt hat.

Es spritzt kein Blut in dieser fesselnden Crime-Serie, Gefängnisse und öde FBI-Büros sind die Schauplätze, an denen die Agenten Pionierarbeit im Täter-Profiling leisten. Der Zuschauer blickt hier nicht nur in die Seele der Serienkiller, auch für die FBI-Männer, die gleichzeitig aktuelle Ermittlungen unterstützen, wird die Arbeit zunehmend zur grossen psychischen Belastung. Etwas vom Spannendsten an «Mindhunter» ist die Beziehung der beiden Agenten zueinander. Da ist der junge, ehrgeizige und brillante Analytiker Holden, dem eine fast unnatürliche Gefühllosigkeit anhaftet und der an seiner zu grossen psychischen Nähe zu den Interviewpartnern zu zerbrechen droht. Sein älterer Kollege Tench, der als Holdens Aufpasser auftritt, ist aber die noch interessantere Figur. Seine Abgeklärtheit beginnt zu zerreissen, als sein eigener Sohn Teil eines Verbrechens wird. Wer Fan von «True Detective» ist, wird «Mindhunter» lieben. Dass die Hauptfiguren und Befragungsszenen von realen Interviews mit realen Serienmördern inspiriert sind, macht die Serie besonders authentisch.

 

«Dark» – Ist Ihr Hirn ein bisschen Akrobatik gewohnt? Gut. Denn diese komplexe Erzählung wird zur geistigen Anstrengung – meine persönliche Erfahrung. Von kurzem Einnicken während einer Folge wird abgeraten, wenn man sich die Pointen nicht, wie ich, vom Mann erklären lassen will.

In der fiktiven Stadt Winden verschwinden zwei Kinder. Die Suche ihrer Familien und die der Polizei reichen von der Gegenwart in die Vergangenheit, in die Zukunft und die postapokalyptische Zukunft. Drei Generationen reisen durch die Dimensionen; für den Zuschauer ein bisschen wie Achterbahnfahren durch Zeit und Raum. Aber es lohnt sich, versprochen.

Das Schicksal der Kinder liegt offenbar am Ende einer Höhle – schwarzes Loch, Einbildung? –, wo alle Hauptfiguren irgendwann durchwandern. Die Stimmung bei «Dark» ist immer quälend, immer trostlos. Hier lächelt niemand. Der eingelagerte Atommüll hat mit dem Verschwinden der Kinder zu tun – aber was? Raumzeit, katholischer Fanatismus, Inzest, alles dabei, in Begleitung der Charaktere, die gemeinsam auf die Apokalypse zusteuern. So absurd es ist, immer wieder ertappt man sich bei der Frage: Was wäre, wenn Zeitreisen möglich wären, wir das Schicksal ändern könnten, um die Zukunft zu verbessern? Wäre das überhaupt klug?

«Dark» ist eine deutsche Serie, und sie kann locker mithalten mit den besten Endzeitdramen ever. Die Dialoge driften zwar teilweise arg ins Philosophische ab, was einfach gestrickte Menschen wie ich nicht verstehen, weil ja kein Mensch so spricht, das erinnert einen aber glücklicherweise wieder daran, dass man wohlauf zu Hause auf dem Sofa sitzt. Der Soundtrack trägt viel zu der Beklemmung bei, streckenweise zu viel, wenn es die Macher übertreiben und fast jede Szene mit dunklen Klängen unterlegen – unnötig, denn die Serie alleine erzeugt genug der Unbehaglichkeit

 

«Seven Seconds» – Jablonski ist ein korrekter Typ und ehrenhafter Polizist in New Jersey. Das ändert sich in sieben Sekunden, als er im Auto abgelenkt ist und versehentlich einen schwarzen Jungen überfährt und tötet. Er ruft seine (korrupten) Polizeikollegen an, die ihn drängen, den Unfall zu vertuschen.

Was zuerst wie ein Unfall aussieht, wandelt sich zum rassistisch motivierten Verbrechen. Denn Jablonski und seine Kumpel haben das Unfallopfer wohl nur zurückgelassen, weil es schwarz war – nachdem ihnen klargeworden war, welche Folgen «Weisser Polizist tötet schwarzen Jungen» in den USA aufgrund rassistischer Polizeigewalt wie im Fall Michael Brown haben würde. In die Richtung bad cop geht es aber nicht. Jablonski scheint kein Rassist zu sein. Sein inneres Zerwürfnis spiegelt sich in jeder Szene in seinem Gesicht. Auch alle anderen Charaktere sind vielschichtig. Die Korruptheit unter den Polizisten dient eher dem Selbstschutz angesichts der (mehrheitlich schwarzen) Gangster in ihrem Quartier, denen sie mit ihrem Leben ohnmächtig ausgesetzt sind und mit legalen polizeilichen Mitteln nicht beikommen.

Den Fall übernimmt eine schwarze Staatsanwältin. Während sie ein hate crime beweisen will, versucht eine weisse Verteidigerin, das tote Opfer als Gang-Mitglied zu diskreditieren. Die Gerichtsszenen sind brillant. Regina King, die die Mutter des Buben spielt, setzt dem Drama schauspielerisch die Krone auf. Ihre Verkörperung der verzweifelten Mutter macht es bisweilen schwer erträglich, dem Leid zuzusehen.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel. Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

 

Kommentare

Brigitte Miller

24.05.2020|08:36 Uhr

Wie auch immer, Frau Zweifel: Ich schaue "seven seconds" und bin dankbar für den Hinweis .

Ursi Zweifel

19.03.2020|17:16 Uhr

Tamara, ich liebe Sie und Sie sind sonst mein Geistesblitz; ich bin Fän. Aber mit Verlaub, dass hier ist meiner Meinung nach das Schwächste, was Sie soweit geschrieben haben. Eigentlich kein Inhalt oder ist - und das wünsche ich Ihnen - die Wahrheit so, dass Sie eben keine Zeit hatten, was Geistreiches auf Papier zu bringen; ich wollte schon schreiben: Baby, alle zu Hause, im TV fast nichts neues, ich wäre scharf? Wie hättest Du es den am liebsten; habe Zeit und bin nicht im Stress ... ist doch besser als Netflix ...

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier