«Wendezeit»

«Wir haben den höchsten Pegelstand der Globalisierung erreicht», sagt der britische Starökonom Paul Collier. Er sieht die Zukunft in kleinen, selbständigen Systemen.Und empfiehlt, von der Natur – und von der Schweiz – zu lernen.

Fledermäuse, Schlangen, Federvieh? Die Welt rätselt, durch welches Tier das Elend seinen Anfang nahm. Doch längst sind an Stelle der Biester wir selbst getreten. In Zeiten der Hypermobilität, Budgetreisen und dichten Versorgungsketten ist der Mensch primärer Treiber der Corona-Epidemie.

Am Beispiel von Covid-19 erfahren wir quasi im Minutentakt die Kehrseite der Globalisierung. Maximale Vernetzung führt zu maximaler Abhängigkeit. Wird die Lieferkette an Gütern und Ersatzteilen durch ein grosses Ereignis unterbrochen, verstummen nicht nur Mobiltelefone. «Die Chinesen haben die Souveränität über meinen Harndrang», so ein Patient im Bekanntenkreis, der sich um den Nachschub seines Medikamentes sorgt. Da wir grosse Teile der Produktion von Arzneimitteln nach Asien ausgelagert haben, wachsen hier die Ängste. Kommt es zu Lieferengpässen bei Medikamenten wie Antibiotika, geht es buchstäblich um Leben und Tod.

 

Politik nach dem Individualismus

 

Sind wir mit der Globalisierung zu weit gegangen? «Natürlich sind wir das», sagt Paul Collier, einer der führenden Ökonomen unserer Zeit. Wirtschaftliche Abhängigkeiten seien das eine, gesellschaftliche Isolation das andere. «Jeder gehört überall und nirgendwo hin, das ist die psychologische Kehrseite der Globalisierung.» Die Folge davon sei das selbstreferenzielle Individuum: die Selfie-Gesellschaft, bei der sich alles nur noch um das Ich dreht. Diese Entwicklung nennt Collier eine «Tragödie», da sie im Kern dem menschlichen Naturell widerspreche. «Der Mensch ist von Natur aus sehr viel sozialer orientiert als Tiere. Wir wollen zusammengehören und uns um andere kümmern, Verpflichtungen gegenüber anderen haben und Verpflichtungen von anderen akzeptieren.»

Ist die vernetzte Welt nicht geradezu ein ideales Biotop für soziale menschliche Wesen? Eben nicht. Das Individuum verliere in der globalisierten Welt die Orientierung und konzentriere sich letztlich auf sich selbst. Deshalb kann Entwicklungsökonom Collier dem Corona-Schock auch eine positive Seite abgewinnen. Wer sich nun aus Furcht vor Ansteckung in die eigenen vier Wände verkriecht und in der Zwangsentschleunigung über unser Leben in Überschallgeschwindigkeit zu sinnieren beginnt, wird sich möglicherweise der globalen Verstrickungen bewusst.

Die kritische Reflexion über die Wildwüchse des Kapitalismus sei durchaus eine positive Seite der Corona-Plage, findet Collier. In seinem letzten Buch, «The Future of Capitalism», argumentierte er, der Kapitalismus sei «moralisch bankrott». Man dürfe ihn nicht sich selbst überlassen. Man müsse ihm ein menschliches Antlitz verpassen und ihn auf eine neue, ethische Grundlage stellen, ihn in einen «sozialen Kapitalismus» überführen (Weltwoche Nr. 8/19).

Jetzt wird Collier im Gespräch noch deutlicher. Er spricht von einer «Wendezeit». «Ich denke, wir haben den höchsten Pegelstand des Individualismus und der Globalisierung erreicht.» Dem Thema widmet Collier sein neues Werk, das im Juli erscheinen soll. Titel: Die Gier ist tot. Politik nach dem Individualismus*. «Wir werden uns jetzt weltweit auf eine stärker kommunitaristisch geprägte Wirtschafts- und Sozialstruktur zubewegen.» Colliers Prognose: Die vollständig globalisierte Gesellschaft erweist sich als Fantasie. An ihrer Stelle werden sich künftig verstärkt einzelne Gemeinschaften ausprägen. «Die Gemeinschaften sind nicht völlig in sich geschlossen, sie handeln miteinander, ihre Mitglieder besuchen sich gegenseitig.»

Ein Einwand: Trotzdem dürfte es die Globalisierung sein, die uns über die derzeitige Krise hinweghelfen wird. Im Mittelalter, als die Welt noch kaum vernetzt war, verseuchte die Pest ganze Landstriche und tötete 25 Millionen Menschen. Heutige Plagen können nicht mehr über lange Zeit derart horrenden Schaden anrichten. Durch die globale Verflechtung der Wissenschaft findet ein weltweiter Austausch von Forschern statt. Sie erkennen Infektionsketten, analysieren die Beschaffenheit von Viren und werden in Kooperation einen Impfstoff entwickeln. Somit ist die Globalisierung letztlich eine Falle für das Coronavirus und andere Viren.

Das mag uns allerdings bloss eine Atempause verschaffen, bis uns die nächste Krise ereilt. Was die Corona-Pandemie besonders irritierend macht, ist die hohe Zahl an unbekannten Faktoren, die sie mit sich bringt. Unsicherheit schürt Ängste und verleitet zu Panik und irrationalem Verhalten.

 

Der Schlüssel

 

Gehört es nicht zum Leben, dass wir dauerhaft mit Unsicherheiten leben müssen? Doch, meint Collier, entscheidend aber sei, wie wir uns auf diese Unsicherheiten einstellten. Er verweist auf ein eben erschienenes, «brillantes» Buch: «Radical Uncertainty. Decision-Making for an Unknowable Future», heisst es. Co-Autor ist Mervyn King, der ehemalige Gouverneur der Bank of England. Es zeige einen Weg auf, wie sich eine Gesellschaft durch eine Welt voller Unbekannten mit weiser Vorsehung navigieren könne. Der Schlüssel liege im Konzept der «Belastbarkeit» (resilience). «Wir müssen unsere Gesellschaften so führen, dass sie gegenüber unvorhersehbaren Dingen widerstandsfähiger sind. Das haben wir bislang nicht getan», kritisiert Collier. «Wir haben innerhalb des Modells der Globalisierung die Gewinne maximiert und dafür die Widerstandsfähigkeit geopfert. Wir haben uns so verhalten, als würde das Modell ewig weiterlaufen. Wir brauchen ein deutliches Umdenken in der Politik, das uns zu grösserer Belastbarkeit zurückführt.»

Dabei könnten wir von der Natur lernen. «Alle Arten, die lange überlebt haben, haben in ihren biologischen Systemen eine grosse Widerstandsfähigkeit eingebaut.» Das Erfolgsrezept ihrer Widerstandsfähigkeit sei die Modularität. «Man will kein System, das nur mit einem Gehirn funktioniert. Wenn das Gehirn ausfällt, bricht das ganze System zusammen.» Systeme, die überleben, haben modularen Charakter. Das heisst: Sie haben viele in sich geschlossene Systeme, die weitgehend selbständig funktionieren können.

«In gewisser Weise hat die Schweiz eine politische Struktur, die ziemlich modular ist», so Collier. Sie habe wegweisenden Charakter. «Wir sollten unsere gesamten Wirtschaften und Gesellschaften in diese Richtung gestalten.»

 

Paul Collier ist Professor für Wirtschaft und öffentliche Politik an der Blavatnik School of Government in Oxford. Er ist Autor verschiedener Standardwerke über Migration («Exodus») und Armut («Die unterste Milliarde») und zählt zu den führenden Wirtschaftswissenschaftlern der Gegenwart.

 

Paul Collier, John Kay: Greed Is Dead. Politics After Individualism. Erscheint im Juli.

 

Kommentare

Rainer Selk

17.03.2020|12:41 Uhr

@Mair. Wenn es für Sie unangenehm wird, ist das links/rechts Geplänkel schuld. Nehmen Sie zur Kenntnis, dass alle EU-Länder die Gefahr nicht sehen wollten. Noch heute landen in der BRD Jets aus China + Fr. v. d. Leyen übt sich in schlappen 'Vorschlägen'. Führung sieht anders aus! Jetzt wird vorgeführt, wie unfähig Brüssel/Berlin wirklich ist! Übrigens, die Tessiner danken vermutlich für die bundesrätl. 3 Wochen Corona-Schluderei! Allerdings nimmt der BR die Sache nun entschlossen in die Hand. Der wirtschaftl. Schaden wird enorm, der politische folgt! Alles 'Mair-Marketing', gell? Lach?

Bruno Mair

16.03.2020|16:15 Uhr

Schade das selbst ein Virus nun auch noch für das Links-Rechts-Geplänkel herhalten muss, oder man hat ganz einfach den Ernst der Lage nicht erkannt!

Rainer Selk

15.03.2020|18:39 Uhr

Köstlich, die Angriffe, Vermutungen + Unterstellung v. Herren Hammer + Mair. Es wird auf Berlin verwiesen. B. Mair entpuppt sich als Virusversteher der hochwichtigen 'Thesenart'. Linke Wutbürger können Kritik nicht ertragen. BR Berset hat 3 Wochen zu spät gehandelt, trotz massiver TI Bitten. Die EU hat überhaupt nichts getan. Die BRD ist nach Bild 'Hühnerstallmotorad' flatternd noch später gackernd + dräunend (BKM) erwacht. Ist B.-Mair an der Infektion in der Bar in Berlin Schuld ? So könnte man seinem Eintrag 'verstehen'. Lachkabinett der Asurditäten. Trauriger geht's nicht!

Bruno Mair

15.03.2020|12:15 Uhr

Was die These von C. Hammer unterstützt und das ins lächerliche ziehenden „Argument“ eines greisen Wutbürgers widerlegt, ist folgende Meldung aus Berlin: Während in vielen Ländern zahlreiche Veranstaltungen abgesagt wurden und Clubs geschlossen bleiben, um das Virus einzudämmen, zeigt eine Meldung aus Berlin, warum diese Massnahmen sinnvoll sind. Denn auf einen Schlag haben sich 42 Menschen mit dem Virus infiziert. Grund für die hohe Zahl: Die Personen waren alle in dem selben Club. Quelle TV RBB. Deshalb hat man die sofortige Schließung der Clubs und das Verbot von Veranstaltungen erwirkt!

Bruno Mair

15.03.2020|10:30 Uhr

@Hammer. Das Szenario hat sich inzwischen bewahrheitet. Im Tessin sind ab heute sämtliche Beizen, Bars und Discotheken und sogar Geschäfte geschlossen. Lebensmittelgeschäfte und Apotheken bleiben geöffnet. Der Kt. Tessin Ist inzwischen zum Indikator der ganzen Schweiz geworden. Es ist eine Frage von paar wenigen Tagen, wo diese Regel auch für den Rest der Schweiz gilt. Wer den Virus nur annähernd versteht, weiss was auf uns zukommt. Wir werden das irgendwie über die Zeit bringen. Jedoch mit enormen Einschränkungen. Anschliessend werden ganz andere (wichtigere) Prioritäten gesetzt!

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