Feindbild Familie

Schweizer Intellektuelle und Meinungsmacher wenden sich gegen das klassische Familienmodell. Sie könnten falscher nicht liegen. Die Forschung hat ihre Irrlehren längst widerlegt.Schweizer Intellektuelle und Meinungsmacher wenden sich gegen das klassische Familienmodell. Sie könnten falscher nicht liegen. Die Forschung hat ihre Irrlehren längst als solche erkannt.

Wer Schweizer Zeitungen liest, muss zum Schluss kommen, die Familie gehöre schleunigst abgeschafft. Schriftsteller Lukas Bärfuss schreibt im Blick, die Kleinfamilie sei ein Kerker für Mann und Frau und führe zu Gewalt. Tages-Anzeiger-Autorin Michèle Binswanger preist das Fremdgehen und hat ein «Handbuch für Frauen» darüber geschrieben. Der Beobachter, eigentlich ja brav und bieder, erklärt: «Lange hatte der Seitensprung einen schlechten Ruf. Er galt als Sündenfall, als Symptom einer kranken Beziehung. Doch jetzt kündigt sich eine Umwälzung an. [. . .] Fremdgehen ist jetzt ein Weg zur Selbstverwirklichung.»

Schriftsteller Thomas Meyer («Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse») veröffentlichte sogar eine Art Trennungsratgeber mit der Aufforderung: «Trennt euch!» Dazu lässt sich auf seiner Homepage nachlesen: «Trennt euch! 1. Es passt, oder es passt nicht. 2. Meistens passt es nicht. 3. Wenn es nicht passt, wird es nie passen. 4. Wenn es nicht passt, leiden Sie. 5. Wenn Sie leiden, müssen Sie gehen. 6. Das Leben ist sehr kurz.» Hinzufügen lässt sich das nicht ganz unwichtige Detail, dass Meyer sich von seiner Lebensgefährtin trennte, als der gemeinsame Sohn gerade einmal vier Monate alt war.

 

Erregung ersetzt Wissen

 

Es lebt damit zeitgeistmässig wieder auf, was schon 1968 progressive Ideologie war. Damals wurde die Familie als Patient, Gefängnis, Zurichtungsanstalt, Irrenhaus oder Geburtsstätte von Neurosen etikettiert. Als Grundbeleg wurde oft der renommierte deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter zitiert. Schon er habe überzeugend bewiesen, dass die Familie ein «Patient» sei. Statt bloss polemisch Titel zu zitieren, wäre es aber sinnvoll gewesen, das Buch auch zu lesen. Richter ging es keineswegs um die Abschaffung der Familie, sondern um deren Therapie.

Als Nebenprodukt wurde auch gleich der Vater abgeschafft. Es kursierte bei uns das Wort, dass nur ein toter Vater ein guter Vater sei. Wissenschaftlich verbrämt, wurde die vaterlose Familie gefeiert, etwa von der deutschen Sozialwissenschaftlerin Anita Heiliger, häufig Referentin in Zürich, in ihrem Buch «Alleinerziehen als Befreiung» – ein Lobgesang auf die alleinige Mutter-Kind-Beziehung. Die Kritik an der Familie – 1968 wie heute – dokumentiert auch, wie sehr Kenntnis und Bildung in der öffentlichen Diskussion verlorengegangen sind. So können sich die Terribles Simplificateurs à la Bärfuss, bei denen Erregung das Wissen ersetzt, ungestraft ihre Eruptionen erlauben.

Inzwischen zeigen sich indes Anzeichen eines Sinneswandels. So konstatiert Kurt Lüscher, Luzerner Soziologe an der Universität Konstanz: «Die Familie ist der bevorzugte Ort der Entstehung von Humanvermögen. Die Fürsorge, die ein Kind in den ersten Lebensjahren empfängt, ist für seine spätere psychische Stabilität prägend.» Zufriedenheit im Leben, Vertrauen in die Zukunft, Beziehungsfähigkeit und Selbstsicherheit sind abhängig von einem zuverlässigen familiären Hintergrund. Aber das Ganze geht noch viel tiefer: Ohne familiäre Bindungen könnten wir gar nicht überleben. Der Kölner Soziologe René König hat das Wort von der «zweiten, sozio-kulturellen Geburt» geprägt. Damit meint er, dass wir nach unserer biologischen Geburt eine zweite, soziale benötigen, um Mensch werden zu können.

 

Empathie, Tradition, Vertrauen

 

Der grosse Basler Zoologe Adolf Portmann hat das nicht nur mit seinen Forschungen belegt, sondern auch gleich noch in sehr schöne Bilder gefasst. Er nennt uns «physiologische Frühgeburten» und deshalb «sekundäre Nesthocker». Das Nest ist die Familie. Im Gegensatz zu den meisten Tieren ist das Menschenkind zum Zeitpunkt seiner Geburt völlig hilflos und darauf angewiesen, versorgt und gepäppelt zu werden. Der Berliner Soziologe Dieter Claessens notiert in seinem Grundlagenwerk «Familie und Wertsystem», dass das menschliche Kleinstkind ohne liebevolle Zuwendung – auch bei «genügender» Ernährung – keine Chance hat, ein normaler Mensch zu werden. Ohne diese affektive Zuwendung verkümmert oder stirbt es sogar. Das hat vor allem der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker René Spitz mit seiner Forschung anhand von Heimkindern eindrücklich belegt.

Selbst als Erwachsene profitieren wir von der Familie: Die empirische Forschung beweist seit langem, dass Eheleute im Vergleich mit Alleinstehenden signifikant gesünder, länger und zufriedener leben. Familie ist aber für uns auch in einem abstrakteren Sinn ein eminent wichtiger Sicherheitsfaktor: Sie garantiert die Stabilität der Gesellschaft von unten, übt sie gewissermassen ein. Wir lernen, dass es ausser uns noch andere Menschen gibt. Wir lernen, dass auch diese anderen Menschen ihre berechtigten Bedürfnisse haben und dass wir diese Bedürfnisse so respektieren müssen wie die anderen Menschen die unsrigen.

Der mikrosoziologische Blick in die kleinste aller sozialen Einheiten – die Familie – spiegelt beispielhaft, was auf anderer Ebene auch die Gesellschaft trägt: Zwischenmenschlichkeit (Interaktion), Respekt, Kommunikation, Gewohnheiten, Regeln, Empathie, sinnhaftes Handeln, Tradition und Vertrauen. In der geronnenen Summe ergibt das Strukturen, und als Ergebnis schafft es Geborgenheit. William J. Goode, amerikanischer Urvater der Familiensoziologie, schreibt: «Die überragende Bedeutung der Familie liegt in ihrer Vermittlungsfunktion im Rahmen der Gesamtgesellschaft. Sie verklammert das Individuum mit der weiteren Sozialstruktur.»

 

Der vaterlose Sartre

 

Nun gehört es zum Zeitgeist vor allem sogenannt progressiver Intellektueller, sich darüber lustig zu machen. Die Folgen werden dabei nicht bedacht. Ohne stabile Familien wären wir als Einzelmenschen gar nicht lebensfähig, und ohne stabile Familien würde die Gesellschaft peu à peu zerbröseln. Es ist verantwortungslos, das nicht zu sehen; und dass man so ungebildet ist, die soziologischen und biologischen Grundlagen von Familie nicht zu kennen, ist gewiss auch keine Entschuldigung.

Ebenso sehr ist es mit der Abschaffung des Vaters nicht so einfach, wie blindwütige Feministinnen und deren männliche Gefolgsleute vermeinen. Der Soziologe Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut konnte zeigen, dass Jungen aus geschiedenen Beziehungen mehr Risikoverhalten, mehr psychosomatische Probleme, mehr psychische Auffälligkeiten und weniger verfügbare Schutzfaktoren aufweisen als Kinder aus Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern. Konkret heisst das: sehr viel häufiger Übergewicht, sehr viel häufiger Schul- und Ausbildungsversagen, doppelt so hohe Raucherquoten, dreimal so häufig Schlafstörungen, doppelt so häufig emotionale Probleme, auffällig mehr soziale Probleme mit Gleichaltrigen, schliesslich Hyperaktivitätsprobleme.

Jungen, die ohne Vater aufwachsen, haben in ihrem eigenen Erwachsenenleben ein erhöhtes Depressionsrisiko. Die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, wobei sich Buben in der Pubertät acht- bis zehnmal häufiger umbringen als Mädchen. Jean-Paul Sartre ist ohne Vater aufgewachsen. Er schreibt: «Ich war ein Waisenkind ohne Vater. Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache.» Der Bub Sartre beschäftigt sich nachgerade zwanghaft mit dem Tod, auch mit dem eigenen Verschwinden aus dieser Welt. Solch frühkindliche Tragik findet sich in den Werken vieler Schriftsteller, Franz Kafka wäre ein anderes berühmtes Beispiel.

Die Dramen müssen nicht literarisch sein; sie sind auch ganz alltäglich. Ein Junge benötigt die Gewissheit, einen kompetenten Vater zu haben, um selber das nötige Vertrauen in seine Zukunft als Mann entwickeln zu können. Die Tiefenpsychologie bringt es bündig auf den Begriff: «Bleibt der Vater für den Sohn das unbekannte Wesen, so bleibt der Sohn auch sich selbst fremd», so die Psychoanalytikerin Marga Kreckel in ihrem Buch «Macht der Väter – Krankheit der Söhne».

 

Weibliche Zukunft

 

Ähnliches gilt für die anderen zeitgeistigen Errungenschaften: Der Seitensprung mag für manche Selbstverwirklichung sein, in den meisten Fällen führt er zu Leid und Verletzungen, zu Trennung und Scheidung – das ist empirisch belegt. Das Postulat der Selbstoptimierung ist höchst fragwürdig, wie soeben Edgar Cabanas und Eva Illouz in ihrem Buch «Das Glücksdiktat» beschrieben haben.

Zu welch verquerem Denken der egomane Rückzug auf sich selbst führen kann, war vor einer Weile im Tages-Anzeiger zu lesen: «Ich bin ein Mann (27) aus der westlichen Zivilisation. Werde nicht heiraten oder Kinder kriegen, weil ich keine Lust habe, einer faulen Frau den Lebensunterhalt zahlen zu müssen.» Und: «Die jungen europäischen Frauen können sich ja von Männern aus dem Balkan, Nahen Osten oder Nordafrika schwängern lassen und diese heiraten. Mir egal, habe mein Auto, meine Drogen und Huren. Was das für die weibliche Zukunft, sprich eure Rechte in unserer Zivilisation bedeutet, könnt ihr euch selbst ausmalen. Nach mir die Sintflut. Millionen westlicher Männer denken so.»

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht: Ehe und Familie sind – gemäss den vorliegenden Umfragen – die Lebensziele von mehr als achtzig Prozent der Schweizerinnen und Schweizer. Das müsste auch unseren Intellektuellen und Meinungsmachern zu denken geben.

 

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie (Berlin, Bremen), ehemaliger Gutachter des Europarates für soziale Fragen und Träger des Deutschen Sachbuchpreises. Eben ist bei NZZ Libro sein neustes Buch erschienen: «Das Gären im Volksbauch. Warum die Rechte immer stärker wird» (208 S., Fr. 24.90). Hollstein ist verheiratet und lebt in der Region Basel.

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Inge Vetsch

18.03.2020|13:56 Uhr

Super guter, klarer und wahrer Text, dem nichts mehr hinzugefügt werden muss.

Meinrad Odermatt

17.03.2020|20:34 Uhr

So wäre es eigentlich nur noch logisch, das Wort "Dekadent" zum Unwort des Jahres zu erklären. Dekadent und stolz darauf, so "fortschrittlich" zu sein. Zivilisation? War da mal was?

Richard Müller

12.03.2020|14:00 Uhr

Wer heute modern, feministisch, sozial, moralisch einwandfrei und hip sein will, also fast alle Jungen bis ca. 50, sieht das Glück im Globalismus. Da wo der Staat, die EU oder im besten Fall die UNO für das Soziale zuständig ist. Die Familie als Brutkasten für lebensnahe, robuste Sozialkompetenz erscheint zeitgeistig Korrekten nur altmodisch. Alleinerziehend wird als heldenhaftes Meistern einer Tragödie verehrt und staatlich hochgradig subventioniert. Fakt ist allerdings, dass sehr viele Männer nach dem zweiten Kind gnadenlos entsorgt werden und nur noch als Cash-Cow akzeptiert sind.

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