Warum Feuilletonisten Frauen loben

Ein neues Feld für Moralisierer ist die Unterscheidung von Frauen- und Männerkunst. Am lautesten vertreten natürlich Männer diesen Unsinn. Die Gründe sind durchaus eigennützig.

Eine der unverdächtigsten, luzidesten und eigenwilligsten Instanzen auf dem Gebiet der weiblichen Selbstbehauptung in Literatur und Kunst ist bis heute die französische Schriftstellerin Marguerite Yourcenar. Die brillante französische Poetin und Essayistin war eine unabhängige Intellektuelle, die vor keiner Denkbarriere zurückschreckte und sich einen Deut um die angesagten Moral- und Verhaltensvorschriften scherte. Was Mädchen zu tun und zu lassen hatten, war ihr gleichgültig, sie tat, wonach ihr der Sinn stand.

Als bekennende Lesbe realisierte Yourcenar ihren eigenen Lebensentwurf in Zeiten, in denen dies tabuisiert war und patriarchalische Rollendominanz zur Normalität gehörte. Als sie 1980 als erste Frau in die renommierte, von Richelieu 1635 gegründete Académie française aufgenommen wurde, war sie schon seit Jahrzehnten mit ihrer Geliebten Grace Frick liiert, einer amerikanischen Professorin und Übersetzerin ihrer Werke. Den Kreis der «Unsterblichen» besuchte sie nur anlässlich ihrer Wahl, nachher war ihr die Männergesellschaft zu unergiebig. Und sie hatte wenig Lust, bei diesen Gelegenheiten die vorgeschriebene steife, bestickte Uniform mit einem Degen zu tragen.

 

Neue Brüderlichkeit

Auf ihren scharfen, analytischen Verstand und ihre Kommentare zur «condition féminine» und zu «féminisme et criminalisation des hommes» besinnt man sich unwillkürlich angesichts des galoppierenden Voranschreitens einer moralisierenden Diskussion über Frauen und Männer, die immer deutlicher und zunehmend simplifizierend auch das Feld von Literatur und Kunst besetzt. Für Yourcenar war die Gleichheit von Frauen und Männern eine Selbstverständlichkeit. Sie predigte nicht, sie moralisierte nicht, sie lebte sie. Eine Frau habe die Freiheit, sich selber so zu realisieren, wie sie es für richtig halte. Allerdings, kommentierte sie jeweils trocken, die Tendenz, Frauen gegen Männer auszuspielen, erscheine ihr falsch und unnötig, sie schaffe nur neue Etiketten und neue Gettos. Sie lehne so etwas ab, es sei kontraproduktiv. Sie halte auch wenig davon, wenn Frauen in ihrem berechtigten Selbstbehauptungswillen die Männer imitierten und deren Dominanz- und Aggressionsverhalten kopierten. So werden zu wollen wie die Männer, sei eine echte Niederlage. Stattdessen plädierte Marguerite Yourcenar für eine neue «fraternité» zwischen den Geschlechtern.

An diese weitsichtigen Kommentare der französischen Intellektuellen fühlt man sich erinnert, wenn man verdutzt feststellt, dass die Welt von Meinungsführern aus Medien, Universitäten und Verwaltung zunehmend rigoros unterteilt wird in gut und böse, erlaubt und verboten, moralisch und unmoralisch, links und rechts, weiblich und männlich und die sogenannten Vordenker ihren Adressaten gerne auch – explizit oder nur im Subtext – mitteilen, was sie zu denken und zu sagen haben. Gleichzeitig signalisieren sie, mit welcher «Strafe» bei einer eventuellen Übertretung des Moraltrends zu rechnen sei: Exkommunikation aus der gerade angesagten Peergroup.

Was mag der Grund sein für diese neue Strategie der Moralisierung, die auch einige Schweizer Medien inzwischen geradezu obsessiv bedienen? An den sinkenden Leserzahlen lässt sich unter anderem ablesen, dass sich der seit den neunziger Jahren bis zum Überdruss zelebrierte Trend zur Empörungsbewirtschaftung abgekühlt hat und die Leser durch die repetitiv angeprangerten Skandale ermüdet sind. Könnte es sein, dass das entstandene mediale Wirkungsvakuum schleichend von einem immer schriller werdenden Trend zur Moralisierung und Ideologisierung aufgefüllt wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Was sich auf vielen medialen Plattformen abspielt, erscheint dem vernunftbegabten Adressaten dieser Welteinteilerei jedenfalls wie der Sturz in ein voraufklärerisches Zeitalter. Hatte die Aufklärung nicht zum Selbstdenken aufgefordert, zum Mut, sich des eigenen Verstands zu bedienen, zum Bruch mit den rigiden moralischen Vorgaben von Kirche und Institutionen und den Gebrauch des eigenen Kopfs als Massstab des Handelns gefordert?

Illustrierend für diesen neuen, auf Effekt zielenden Moraltrend durch die Medien auch auf dem Gebiet der Kultur sind drei Artikel, die kürzlich im Tages-Anzeiger erschienen sind: «Eine Quote für Kunst von Frauen – subito!», «Künstlerinnen sind in der Unterzahl – gerade in Zürich» und «Literatur ist keine Männersache». Zwei der Artikel fordern ultimativ eine Frauenquote in der Kunst und zählen die Präsenz von Frauen in den Schweizer Ausstellungsprogrammen 2020 statistisch nach. Der Artikel über Literatur hält zwar dagegen, kommt dem anvisierten Empörungspotenzial aber entgegen, indem er auf grossem Raum die weibliche Präsenz in der Literatur, in Verlagen und in Preisverleihungen durchexerziert.

Die Autoren der Artikel über die Schweizer Kunstszene spielen im hohen Ton Männer gegen Frauen aus und bezichtigen Schweizer Kunstmuseen, Ausstellungsmacher und Kunstinstitutionen, deren Schlüsselstellen mehrheitlich von Männern besetzt seien, der Zurücksetzung der Frauen. Argumente dazu werden wenig geliefert, dafür populistische, schlagwortartige Thesen, die den Zeitgeist abbilden und mit denen sich vor allem auch die Schreiber gefahrlos «richtig» positionieren können.

 

Ruf nach mehr Steuergeld

Das klingt dann so: «Erfolg wird gemacht. Von Galerien, Auktionshäusern, Sammlern, Kunstkritikern und Museumskuratoren. Meist sind es Männer. Sie bestimmen, was verkauft, gekauft und ausgestellt wird, was sich durchsetzt – und prägen so entscheidend, was als gute Kunst anerkannt ist.» Es fehlt dabei auch nicht der Hinweis, dass die Stadt Zürich rot-grün dominiert sei, dass Museen ausschliesslich steuerfinanziert seien (sind sie das?) und dass folglich mehr Steuergeld hermüsse, um Frauen zu fördern. Die Frage der Regulierung auch in der Kunst wird deutlich insinuiert. Kein Wort darüber, dass Kunst inzwischen international zu einer verlässlicheren Währung als Geld oder Aktien mutiert ist und nicht nur eine Schicht von international agierenden Superreichen sich über den Besitz von Kunst definiert, sondern auch die Preise durch den Wettstreit und die Profilierung untereinander den Kunstmarkt zuweilen auf absurde Art explodieren lassen, die dann in keinem Verhältnis mehr zum wahren Wert der Kunstwerke stehen.

Man vernimmt kein selbstkritisches Wort darüber, dass es gerade die Medien sind, welche die Kunstkritik (übrigens auch die demokratische, weil von unterschiedlichen Akteuren getragene literaturkritische Debatte!) weitgehend abgeschafft haben und es folglich an gegensätzlichen, aber verbindlichen, unabhängigen, unbestechlichen, kompetenten, respektierten Instanzen fehlt, die als Korrektiv in diesen Wettstreit der Preise eingreifen und die Dinge zurechtrücken könnten.

Es geht bei diesen plakativen Anklagen weniger um das differenzierte Abwägen der Vorteile von Quoten beziehungsweise des künstlerischen Potenzials in der Kunst und des literarischen in der Literatur. Es geht vor allem um die effektvolle Mobilisierung von Affektpotenzial beim Leser. Das zeigt auch die Tatsache, dass die Frage der Qualitätskriterien bei der Beurteilung von Kunst und Literatur kaum gestreift und eher verschwiegen als ausgiebig diskutiert würde. Denn dann wäre es wohl schwieriger, komplexer, ambivalenter und nicht einfach mit lauten Thesen lösbar.

Warum die Frauen in Ausstellungen der Schweizer Kunstmuseen in der Unterzahl sind, wurde in den Artikeln von Andreas Tobler und Christoph Heim gar nicht erst untersucht, sondern es wurde rein numerisch argumentiert, und Männer wurden als mögliche Sünder entlarvt. Der Artikel «Literatur ist keine Männersache» von Martin Ebel argumentierte zwar differenzierter und stellte klar, was jeder Kenner der Literaturszene längst weiss: Es gibt seit langem keinen Verlag, keine Jury und keine Kommission mehr, die Frauenwerke zurücksetzen würden. Eine solche Unterstellung wäre angesichts der realen Verhältnisse absurd. Wann immer sich ein interessantes Frauenprojekt zeigt, wird es sogar überproportional gefördert. Das weiss jeder Literaturbeobachter, das weiss auch jeder, der selbst in Jurys und Kommissionen mitgearbeitet hat, aus eigener Erfahrung. Nur geht es eben auch auf dem literarischen Feld um Qualität, die sich so oder anders zeigen kann. Das müssen auch Frauen aushalten und sich dem Wettbewerb stellen.

Nicht vergessen werden darf zudem, dass sich Bücher verkaufen müssen; sonst ist es schnell einmal mit der ganzen Szene zu Ende. Und es gibt eben auch keinen Verleger mehr, der es sich leisten könnte, Bücher ohne wirkliches Potenzial zu verlegen. Leider bedient auch der Text «Literatur ist keine Männersache» – wenn auch ex negativo – gezielt einen populistischen Trend, der vor allem eines will: irgendwie, irgendwo Aufmerksamkeit erzeugen.

Es lohnt sich, einen kurzen Moment bei der Frage zu verweilen, warum drei männliche Vordenker, welche die Meinungsführerschaft in den Tages-Anzeiger-Medien beanspruchen und die entsprechenden Redaktionsstellen besetzen, sich bemüssigt fühlen, derart polemisch die Sache der Frauen zu vertreten. Ist es uneigennützig? Haben wir (Frauen) diese männliche Fürsprache im rhetorischen Damengewand nötig?

Travestie hat in Literatur, Kunst, Theater und Film eine imposante Tradition. Wie im Film «Some Like It Hot», in dem zwei von der Mafia gejagte Musiker sich in Frauenkleidern in Sicherheit bringen und in einer Damenkapelle untertauchen, geht es in solchen Fällen immer um den eigenen Machterhalt, ohne dabei durchschaut zu werden. Es reizt entsprechend zu amüsiertem Lachen, wenn ausgerechnet männliche Journalisten prophylaktisch die Deutungshoheit auf weiblichem Kampfterrain besetzen und in ihrem Namen umstandslos Kunstmuseen und Ausstellungsmacher der Zurückstellung von Frauen verdächtigen, da an diesen Schlüsselstellen meistens männliche Akteure sässen, die den Erfolg von Männern «machten».

 

Der Leser zieht die Schlüsse selbst

Frauen nützt solch populistisches Bedienen angesagter Trends wenig; man möchte lieber Taten als Worte sehen. Anstatt mit Instant-Urteilen und den Kampfparolen der 1980er Jahre «eine Quote für Kunst und Frauen – subito» zu fordern und mit dem statistischen Auszählen der Frauenvertretungen in den Ausstellungsprogrammen eines einzigen Jahrgangs kurzatmige Schlüsse zur Schweizer Kunst zu ziehen und selbstgerecht die Guten ins Töpfchen (Bündner Kunstmuseum) und die Schlechten ins Kröpfchen (Zürcher Kunstmuseum) zu werfen, ohne das Argument «Qualität» ins Spiel zu bringen, ist denn doch etwas simplifizierend.

Und was die Literatur betrifft: Es ist undenkbar, dass sich erfolgreiche Schriftstellerinnen wie etwa Terézia Mora, Eva Menasse, Elfriede Jelinek, Yasmina Reza (die mit «Babylon» einen hochironischen Roman über die klischeehafte politische Korrektheit ihrer Akteurin geschrieben hat), Amélie Nothomb, Sofi Oksanen, Olga Tokarczuk, Elena Ferrante, Leila Slimani oder Marie NDiaye im Raster einer regulativen Frauenquotenförderung verstanden wissen möchten. Derart gefördert, würden sie sich ohne Zweifel abgewertet vorkommen.

Mit solchen Forderungen geht ein grundsätzliches Missverständnis einher: Aufgabe der Literatur ist es nicht, Quoten abzudecken und ein Zielpublikum zu bedienen, sondern mit ihren Mitteln Lebensmuster, Denkmuster, Selbstverwirklichungs- und Beziehungsmodelle vorzuführen. Literatur ist ein Laboratorium von ehe- und beziehungstechnischen, familiären und gesellschaftlich-politischen Konflikten. Moral und Predigt ist nicht ihre Aufgabe, die Vorgabe von Rollenmustern auch nicht: Die richtigen Schlüsse sollen ganz alleine die Leser ziehen. Genau hier liegt einer der entscheidenden Unterschiede zwischen guter und schlechter Literatur.

Komplizierter wäre es also gewesen, zu verhandeln, unter welchen Parametern denn Literatur und Kunst von Frauen und Männern beurteilt werden könnten – ungewöhnliche Botschaft, Veränderung der Sichtweisen, Genialität, Originalität, Authentizität, Geheimnis, Überraschungseffekt, die andere weibliche Sicht –, und sich auf dieser Basis für die Sache der Frauen in der Literatur und in der Kunst starkzumachen.

Plakative moralische Zuordnungen in Zeiten der neuen Unübersichtlichkeit und des permanenten Wandels sind einfache Rezepte, um die verstörenden Herausforderungen des immer Neuen in den Griff zu bekommen. Das Problem kann aber sicher nicht gelöst werden, indem man kurzerhand Gutmenschen und Bösewichte ausmacht und gegeneinander ausspielt. Dass es ausgerechnet die Akteure des Literaturbetriebs sind – traditionellerweise Instanzen des unabhängigen, unvoreingenommenen, unparteiischen Vordenkens –, die auf solche Muster zurückgreifen, bleibt eine irritierende Botschaft.

Pia Reinacher wurde 2006 als erste Schweizer Vertreterin in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen. Sie war ausserdem 18 Jahre Jurymitglied des ZDF-«Aspekte»-Literaturpreises in Berlin sowie Jurorin des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises.

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Kommentare

Nannos Fischer

09.03.2020|14:37 Uhr

@M.Spycher Sie haben recht. Ich bin alt und weiss, dass man da dazu neigt, die früheren Zeiten zu idealisieren. Aber es scheint mir, dass zwischen einem W. Weber und seinen Kritiken, zu denen ich immer wieder mit Genuss und Gewinn gegriffen habe, und dem heutigen Getriebe von Sichselbstinszenesetzern, die laufend auf haarlosen Köpfen Locken drehen, ein grundlegender Unterschied besteht. Sie sagen «kompetente Rezensionen», und da liegt das ganze Problem. Ich habe gesagt «marginal», d.h. in dem Masse als ich nach Suchen den einen oder anderen kompetenten und uneigennnützigen Krtiker gefunden habe.

Markus Spycher

09.03.2020|10:09 Uhr

@Fischer. Man darf trotz Pia Reinachers berechtigter Kritik (zwar fehlen Namen) nicht vergessen, dass kompetente Rezensionen eine Brücke zwischen Autor/in und Leser/in bauen können, bezw. sollten. Ohne mediales Echo erhielten manche Arbeiten nicht die verdiente Anerkennung. Eine Zeitlang gab es an der Uni Zch eine Professur für Literaturkritik. Der Stelleninhaber, Prof. Werner Weber, hat als ehem. Feuilletonredaktor der NZZ zahllosen CH-Literaten (auch Frisch und Dürrenm.) gute Dienste erwiesen, ohne jeden Eigennutz. Beneidenswert, wer Perlen ohne fremde Hilfe findet oder zu finden glaubt.

Nannos Fischer

08.03.2020|13:31 Uhr

Was alles so passiert, wenn Vorschwätzer die Stellen von Vordenkern einnehmen. Aber der geneigte Leser übergeht dann ganz schlicht deren Nichtdenke in den Tamedia-Medien … So einfach ist das. Der Bücherfreund hat längstens gelernt, sich höchstens marginal der professionellen Buchkritik zu bedienen bei der Aufgabe, aus der unübersehbaren (speziell wenn man mehrsprachig ist …) jährl. Buchproduktion die zur persönlichen beschränkten Zeit passenden Goldpepiten herauszuwaschen, mit trial and error, wie bei allem im Leben. Und statt dem Lesen einer Kritik liest man zu gleicher Zeit besser ein Buch.

Markus Dancer

06.03.2020|05:57 Uhr

.... geht mal in eine Buchhandlung! (für viele eine "no go Zone" - leider) dann werded ihr feststellen dass 2/3 der Neuauflagen "Frauenbücher" sind. Da gibt es offenbar viel Nachholbedarf, der sich mit der Zeit wieder einebnet! Ich sehe denselben Trand in vielen anderen Gebieten auch. Ich frage mich wie die Frauen die rasant wachsende "islamische Kultur" in der CH angehen wollen! Man hört u. sieht so nichts!!

Markus Spycher

05.03.2020|10:55 Uhr

Medien schaffen Kunstkritik ab unter anderem mit ihrem Dünkel von 'politisch korrekt' oder eben nicht korrekt. Wie war das früher? Da konnten z.B. Musikkritiker ehrenwerteste Orchester in der Presse mit "Hurenaquarium" bezeichnen und Solisten ihre Kollegen mit übelsten Schimpfwörtern beleidigen. Ungestraft. Und das Publikum genoss diese unverschämten Wahrheiten. Heutigen Moralisierern geht es aber oft auch nur um einen gewissen Respekt Kulturschaffenden gegenüber. Das schliesst eine Beurteilung nach künstlerischen Kriterien nicht aus.

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