Das erwartet uns 2020

Ein neues Kabarett-Gesetz schützt Menschen vor Empörung, und das Problem der Frauenquote wird endlich gelöst: die satirische Jahresvorschau.

Der CO2-Ausstoss nimmt zu, die Erde wird wärmer. Trotz Warnungen von Greta und den Grünen steigen Menschen öfter ins Flugzeug. Darum erlässt das Parlament zur Reduktion von CO2 jetzt eine neue Regel: Um eine Bewilligung zum Fliegen zu erhalten, muss man Mitglied bei den Grünen sein; die Grünen fliegen zwar nicht weniger als der Rest der Gesellschaft. Aber wenn sie fliegen, tun sie es wenigstens verantwortungsvoll. Im Gegensatz zu allen anderen.

Weil viele Schüler während zwanzig Prozent ihrer Schulzeit sowieso am Demonstrieren sind, wird «Demonstration» noch in diesem Jahr zum Hauptfach. Wie aus dem Bildungsministerium zu vernehmen ist, werden Schüler so perfekt vorbereitet für eine Karriere im Parlament: «Weil sie gute Aktivisten sind und demonstrieren können.» Zudem wird eine neue staatliche Behörde ins Leben gerufen mit Berufsaktivisten, zuständig für Demonstrationen, Sitzstreiks und das öffentliche Anprangern von SUV-Fahrern.

Der Friedensnobelpreis geht dieses Jahr an Extinction Rebellion für ihre unglaublich kreative Performance. Die Laudatio hält ein unbekannter Opportunist: «So werden die Probleme der Welt gelöst.» Leider können auch sie nicht verhindern, dass wegen der Erderwärmung verheerenderweise auch der letzte Teil des Great Barrier Reef in Australien abstirbt. In Deutschland erklären AfD-Politiker, dass das nichts mit dem CO2-Ausstoss zu tun habe: «Schuld sind vermutlich die Afrikaner. Sie werden wohl immer die Türen zur Sauna offen stehen lassen.»

2020 wird ein neues Kabarett-Gesetz verabschiedet: Kabarettisten und Comedians wie Dieter Nuhr und Michael Elsener sind verpflichtet, ihre Witze vor dem Auftritt einem Gremium zur Prüfung vorzulegen. Die Experten setzen sich zusammen aus Mitgliedern der häufigsten Opfergruppen und der Jusos. Die als anständig befundenen Witze werden dann für die breite Öffentlichkeit auf einer Website präsentiert; Pointen, von denen sich mehr als zehn Menschen beleidigt fühlen, sind bei TV-Auftritten nicht mehr zugelassen.

Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat ein neues Protokoll verabschiedet: Stehen Fakten in einem Fall Gefühlen gegenüber, wiegen die Gefühle schwerer – unabhängig davon, ob sich Anschuldigungen als wahr erweisen oder nicht. Weil Fakten ein gesellschaftliches Konstrukt sind, sind auf Fakten basierende Beweise inkompatibel mit der Menschenwürde, oder so ähnlich; das haben die Richter in ihren Urteilen zu berücksichtigen. Auch zählt es neu zu den Grundrechten jedes Bürgers, niemals kritisiert, provoziert, belacht, parodiert oder blossgestellt zu werden (Ausnahme: SUV-Fahrer). Bei Vorurteilen gegenüber Mitmenschen drohen zudem fünf Jahre Haft. Aufgrund der nun chronisch überforderten Gerichte wird entschieden, dass Frauen, die Männer wegen sexueller Belästigung beschuldigen, jeweils ohne Gerichtsverfahren recht gegeben und automatisch das gewünschte Schmerzensgeld zugesprochen wird. (Allerdings steht die Regel in Konflikt mit der Opfergruppen-Hitliste, darum wird das Gerichtsverfahren nur bei alten, weissen Männern ausgesetzt.)

Weil die Rhetorik an den Universitäten für Studenten weltweit immer furchteinflössender geworden ist und Studenten aufgrund von Dozenten mit einer anderen Weltanschauung reihenweise psychologische Hilfe beanspruchen, werden Vorlesungen neu von Ernie und Bert gehalten. Mathematik unterrichtet Graf Zahl. Weil aber auch er für einige bedrohlich wirkt, ist sich der Schulleiterkongress bei Graf Zahl als Referenten noch unschlüssig. Zur Diskussion 2020 steht ferner eine ideologische Neuausrichtung der Dozenten: Von den intellektuellen Eliten des Landes wird angeregt, dass, nebst Ernie und Bert, nur noch Kommunisten an Universitäten unterrichten sollen.

Zwecks Gender-Gerechtigkeit und um Frauen sichtbarer zu machen in der Gesellschaft, werden Biografien von grossen Entdeckern und Wissenschaftlern neu verfilmt – mit Frauen in der Hauptrolle. Die Tatsache, dass diese Gebiete vom Patriarchat dominiert seien, setze für Frauen ein komplett falsches Zeichen. Neu wird Isaac Newton in einem Remake von dem Plus-Size-Model Tess Holliday gespielt. Auch wollen Filmemacher nicht mehr auf inhaltliche Thematik fokussieren, sondern auf sexuelle Identität und Geschlecht.

Und so wird 2020 endlich auch das Frauenquote-Problem in Unternehmen gelöst: Vierzig Prozent der männlichen Verwaltungsräte identifizieren sich einfach vor jeder Sitzung als Frau. Noch nicht einig ist man sich, wie man mit der daraus folgenden Entwicklung umgehen soll: Delikte, die von Frauen begangen werden, nehmen rasant zu, Frauengefängnisse sind überfüllt. Gleichzeitig droht 2020 der Kollaps des Rentensystems, seit sich auch grosse Teile der Arbeitnehmer jeweils am Montag als über 65-Jährige identifizieren – und ihre Rente einfordern.

Und noch eine gute Nachricht: 2020 wird zwar eine raketenhafte Zunahme von Hate-Speech gemessen, seit ein staatsnahes Stiftungs-Start-up neue Wörter und Sätze als Hate-Speech einstuft, darunter «aber», «warum», «ich bin anderer Meinung», «ich kritisiere» und «ich denke». Aufgrund von verbesserten Internet-Algorithmen aber werden diese verletzenden Kommentare von der automatischen Texterkennung frühzeitig erfasst und entsprechend zensuriert.

Ihnen allen ein frohes neues Jahr!

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

 

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Werni Eisen

17.01.2020|19:15 Uhr

Die satirische Jahresvorschau von Tamara Wernli ist einfach Spitze! Ich wuensche ihr alles Gute im neuen Jahr.

Nannos Fischer

11.01.2020|09:49 Uhr

Welche Vision! Und welche Erleichterung, zu wissen, dass es so schlimm nicht kommen, sondern mit Sicherheit alles relativ viel besser als ausgemalt werden wird und dass 2020 folglich ein recht gutes Jahr werden kann! Vielen Dank dafür, uns auf diese Weise aufgestellt zu haben. Auch an Sie alle guten – nein, besten Wünsche für ein freudvolles, sonniges, produktives neues Jahr. (Was produktiv betrifft: auch in unserem Interesse…).

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