Warum Feminismus gut für Männer ist

Solange Männer ihre sogenannt weiblichen Talente und Qualitäten nicht erkennen, können sie sich nicht zu ganzheitlichen Menschen ausbilden. Die Folgen sind verheerend: für die Gesellschaft, aber auch für jeden Einzelnen. 

Neue Männer braucht das Land.
Ina Deter

 

Es ist eigentlich komisch, dass ich einen Artikel unter diesem Motto schreibe, ich, ein weisser, heterosexueller Cis-Mann* mittleren Alters, der alle Privilegien repräsentiert, die vom intersektionalen Feminismus** kritisiert und dekonstruiert werden. Gleichzeitig ist nichts mehr selbstverständlich in meinem Leben und in dieser Welt. Ich will deshalb erklären, weshalb Feminismus wichtig ist – für alle Menschen, auch für einen Mann wie mich.

Ich war neunzehn, Idealist und Revolutionär, als ich erstmals mit Geschichten von Gewalt gegen Frauen in allen möglichen Formen konfrontiert wurde. Gerade weg aus meiner provinziellen Heimatstadt, aus der geschützten Umgebung meiner Mittelklassefamilie, wohnte, lebte und arbeitete ich plötzlich mit Frauen, liebte Frauen, die schreckliche Sachen erlebt hatten. Es waren Geschichten, die ich mir kaum vorstellen konnte und die niemand in seinem Leben erleben sollte: Beziehungsgewalt, Familiengewalt, Kindesmisshandlung, sexuelle Gewalt, Inzest . . .

Die Pein, die Verletzung, die Beschädigung – sie waren so anwesend, so greifbar und haben mich im Innersten berührt. Sie waren zu gleicher Zeit unwirklich, unbegreiflich und schienen mir aus einer anderen Welt zu kommen. Damals dachte ich, es handle sich um Ausnahmen, Exzesse in einer eigentlich friedlichen Umgebung, um extreme Situationen, die zum Glück fast nie auftreten.

Dann wurde ich vom Feminismus berührt. Natürlich war der Feminismus schon vorher da, spätestens seit dem Internationalen Jahr der Frau von 1975, als sogar meine Mutter und ihre Freundin provokative Witze gemacht haben. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass das auch etwas mit mir zu tun haben könnte.

 

Das Persönliche ist politisch

Als Hausbesetzer bei den Autonomen, Ende der 1980er Jahre in Amsterdam, kämpften wir gegen alles mögliche Unrecht in der Welt. Wir bemühten uns, in Räumen, die vorher leergestanden waren alternative Arten des Zusammenlebens, Liebens und Arbeitens zu entwickeln. 1990 besetzten wir, vier Frauen, zwei Männer, ein ehemaliges Krankenhaus. Von Anfang an waren Feminismus, Emanzipation, Geschlechtergleichheit, Sexismus, Männerdominanz, Sozialisation, Gewalt und so weiter Teil unserer alltäglichen Gespräche. Es gab bei uns Frauengruppen und Männergruppen, wir experimentierten mit Rollenwechseln, im Haushalt, in der Bauarbeit, in unserer politischen Arbeit.

Dabei lernte ich, dass Feminismus auch mich etwas angeht. Dass die meisten politischen Anliegen, für die wir kämpften, mit Männern und Männlichkeit zu tun haben; dass die meisten sozialen und politischen Probleme von Männern verursacht werden; dass sie oft zu tun haben mit falschen Ideen von Männern und Männlichkeit und/oder Frauen und Weiblichkeit und dass, wenn wir etwas ändern wollen, wir uns selbst ändern sollten – und können!

Kurz: Ich lernte, dass das Politische persönlich ist und das Persönliche politisch. Wir können uns nur um eine bessere Welt kümmern, wenn wir uns selbst verbessern.

In dieser Zeit verliebte ich mich in eine Deutsche, die gerade in die Niederlande gekommen war und hier ein neues Leben aufbauen wollte. Sie reagierte sensibel auf Unrecht, wies mich dauernd auf meine Privilegien hin, bot mir die Chance, mich wirklich in den Feminismus zu vertiefen. Ich nahm die Chance gerne wahr, obwohl es nie einfach war.

Es war eine intersektionale Beziehung, obschon ich das Wort anfangs nicht kannte. Sie war eine Frau, ich ein Mann. Ich war körperlich grösser als sie. Sie war die jüngste Tochter ihrer Familie, ich der älteste Sohn – der Kronprinz. Sie kam vom Bauernhof, ich aus der oberen Mittelklasse. Sie stammte aus dem Ausland, sprach kein Niederländisch, hatte keine niederländische Nationalität, was damals, vor Schengen, bedeutete, dass ihr viele Rechte fehlten. Ich hatte das Gymnasium abgeschlossen, sie nicht. Sie hatte keine Einkünfte, keine Krankenversicherung, ich schon. Ich war in vielerlei Hinsicht privilegiert, sie marginalisiert. Ich habe das gewusst und es ernst genommen. Weil es ernst war. Weil ich lernen wollte. Weil ich Teil der Lösung werden wollte.

Diese Zeit, die Wohngemeinschaft, die Beziehung, die Selbstuntersuchung, die Vorwürfe, die Entdeckungen, die Experimente, die Gespräche – dies alles hat mir viel gebracht und gegeben. Viele Antworten – und noch mehr Fragen. Heute, fast dreissig Jahre später, beschäftige ich mich noch immer damit und glaube mehr denn je, dass es wichtig für Männer ist, diese spannende Herausforderung anzunehmen. Warum? Weil wir den Feminismus brauchen. Weil wir damit mehr Mensch sein können, als es uns die traditionelle Männlichkeit oft erlaubt.

 

Wir werden vorsortiert

Eigentlich sind wir alle ein Fass voller Möglichkeiten. Aber leider entscheidet die Gesellschaft schon vor unserer Geburt, dass wir nicht einfach Menschen sein werden, sondern als Junge oder Mädchen geboren werden. Wir werden vorsortiert, nach Blau und Rosa, nach männlich und weiblich. Jungen lernen, dass sie nicht weiblich sein dürfen, Mädchen lernen, dass sie nicht männlich sein dürfen. Wir lernen also, dass wir die Hälfte unserer Menschlichkeit, die Hälfte unserer Qualitäten und Talente ignorieren, ablehnen und unterdrücken sollen. Und nicht nur das: Wir lernen auch, dass wir die andere Hälfte – bei Jungen die sogenannte Männlichkeit, bei Mädchen die sogenannte Weiblichkeit – ausstellen, am besten stark übertreiben sollen, damit es wirklich kein Missverständnis geben kann über unsere Rolle in der Welt. Und hier liegt das Problem.

Sexismus, Dominanz, Gewalt, Armut, Ausbeutung, Klima, Süchtigkeit, Depression, Sexualisierung – dank der Frauenbewegung wissen wir längst, dass dies alles mit der gesellschaftlichen Position der Mädchen und Frauen zusammenhängt, mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit. Dasselbe gilt für Jungen, Männer und Männlichkeit. All diese Probleme hängen mit der Art und Weise zusammen, wie wir Jungen nach einem Männlichkeitsideal zum Mann erziehen und Mädchen mit Weiblichkeitsidealen zu Frauen.

Die Frauenbewegung hat viel erreicht. Frauen haben sich Zugang zu traditionell männlichen Machtdomänen erkämpft. Sie haben ihre sogenannt männlichen Qualitäten und Talente entdeckt, diese entwickelt und eingesetzt. Sie sind Mensch geworden.

Jetzt sind die Männer dran. Sie brauchen es. Die Welt braucht es. Wir brauchen Menschen mit menschlichen Qualitäten und Talenten, die uns weiterbringen. Wir können und müssen nicht zurück in die 1950er oder 1920er Jahre. Wir müssen vorwärtsgehen, dabei aber zurückschauen und von der Geschichte lernen.

Ich sage oder schreibe oder tue eigentlich nichts Neues. Dies ist alles schon so oft gesagt worden, von Frauen und auch von Männern. Aber anscheinend ist jetzt die Zeit wirklich reif.

 

Menschlichkeit beginnt mit Mitgefühl

Ich muss noch mal kurz zurück in meine Geschichte. Natürlich war ich privilegiert, natürlich war ich mir meiner Position in dieser Welt nicht bewusst, natürlich hatte ich keine Ahnung, wie meine Privilegien meine Position beeinflussten. Gleichzeitig hatte ich es auch nicht nur einfach. Ich erlebte Schmerz und Unrecht, fühlte mich einsam, war depressiv und wollte nicht mehr leben, verlor mich mehrere Jahre lang an Drogen und Alkohol, kämpfte mit Polizei und Faschisten, wurde verprügelt, ausgeraubt, festgenommen. Ich habe viel Blödes gemacht.

Lange dachte ich, das gehört einfach dazu – zum Leben, zu meinem Leben. Doch Schritt für Schritt entdeckte ich, dass nicht nur die gesellschaftlichen und politischen Probleme, die mich beschäftigten, mit Sexismus und Sozialisation zu tun haben, sondern auch die persönlichen Probleme, die mir zu schaffen machten. Es hat lange gedauert, bis ich sanft genug zu mir sein konnte, um zu erkennen, dass ich nicht unverletzlich und ewig stark bin oder sein muss, dass ich nicht einfach alles ertragen und akzeptieren muss, nur weil ich ein Mann bin.

Mein Feminismus hat angefangen mit Empörung und Wut gegen das Unrecht, dem Frauen ausgesetzt sind. Später wurde es zu meiner Lebensaufgabe, Männer für den Feminismus zu sensibilisieren. Inzwischen weiss ich, dass ich Mitgefühl brauche: Mitgefühl für mich selbst, für andere Männer, für Frauen natürlich, für Kinder. Aber zunächst einmal für mich selbst. Menschlichkeit beginnt mit Mitgefühl. Ich musste lernen, meine eigene Menschlichkeit zu akzeptieren.

Wir sind alle verletzt und beschädigt. Feminismus gibt uns die Chance, uns zu heilen. «Wann ist ein Mann ein Mann?» (Herbert Grönemeyer). Wann ist ein Mann ein Mensch?

 

*Cis-Mann: Mann, dem bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und der sich auch als Mann versteht.
**Intersektionaler Feminismus: Feminismus, der nicht nur Benachteiligungen nach dem Geschlecht berücksichtigt, sondern auch nach anderen Kriterien wie Herkunft oder soziale Stellung.

 

Jens van Tricht:  Warum Feminismus gut für Männer ist. Ch. Links Verlag. 176 S., Fr. 28.90

 

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Kommentare

Hans Baiker

13.01.2020|03:11 Uhr

Nanos Fischer: Möchte nur hinzufügen, dass Frauen einen Blick für Reinlichkeit haben, der Männern nicht gegeben ist. Glaube kaum, dass Ihre Frau die Wohnung so sauber finden würde, wie Sie vermuten. Sie würde als erstes überall Katzenhaare entdecken.

Jürg Wehrlin

12.01.2020|15:19 Uhr

Tut mir leid, aber mir kommt nichts Positives in den Sinn, was Frauen bewirkt haben. Dreifuss KVG, Calmy Zerstörung der Neutralität, Merkel Zerstörung Deutschlands, La Garde Zerstörung der Finanzordnung, Widmer Zerstörung des Finanzplatzes, Sommaruga illegale Migration, Leuthard Zerstörung der Energieversorgung und Korruption bei SBB und Postauto, Mey Torpedierung des Brexit etc, etc. und was die Gegenwart betrifft, sieht's noch düsterer aus.

Thomas Staub

12.01.2020|03:17 Uhr

Bei diesem Artikel kommt mir ein alter Witz in den Sinn: What is a male feminist? -- An oxymoron? -- No, just a moron.

Nannos Fischer

11.01.2020|15:02 Uhr

So apodiktisch abzuurteilen, bloss weil einem die gleichen Kenntnisse, Erfahrungen und der Wille fehlen, den andern zu verstehen, scheint mir auf ein ziemliches Mass an Überheblichkeit hinzudeuten. Der Autor hat einige bedenkenswerte Überlegungen entwickelt, und man muss es ihm zugutehalten, dass er sich nicht zu schade war, dazu sein eigenes Leben als Illustration anzuführen. Überlegenheit, hinter der sich bloss Verständnislosigkeit verbirgt, ist ein Armutszeugnis. Wenn man mit einem Buch an einen Kopf schlägt und es tönt hohl, braucht es nicht unbedingt am Buch zu liegen.

Markus Spycher

11.01.2020|12:01 Uhr

Also so ganz Unrecht hat dieser Jens ja nicht, wenn er meint, Männer könnten noch wunderbarere Wesen werden, wenn sie auch nur ganz, ganz wenig von den Frauen lernen wollten, beziehungsweise in sich selbst nach sog. weiblichen Qualitäten suchten. Ich bilde mir z.B. auf meine männliche Intuition etwas ein. Und ja, dem Jens überliesse ich bei Ferienabwesenheit nicht nur die Katze, sondern auch den Wohnungsschlüssel. Bei der Rückkehr könnte man sich auf ein geordnetes Zuhause verlassen.

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