Auf Talfahrt

Die Tour de Suisse ist nationales Kulturgut. Nun werden ihre freiwilligen Helfer auf Schmalkost gesetzt. Nach 87 Jahren droht dem Traditionsanlass sogar das Aus.

Es gibt Dinge, die ändern sich scheinbar nie: Der Advent findet im Dezember statt, der Nationalfeiertag am 1. August – und Mitte Juni zieht die Tour de Suisse durchs Land. Die 1933 erstmals ausgetragene Rundfahrt ist ein Stück Schweizer Kulturgut wie die Toblerone. Doch der ehemals grösste Sportanlass des Landes kämpft mit Erosionserscheinungen in allen Bereichen und droht in seiner jetzigen Form von der Sportlandschaft zu verschwinden – wie etwa die Tour of California, die aus wirtschaftlichen Gründen 2020 nicht mehr stattfindet.

In der Schweiz sind die Sorgen ähnlich gelagert: Die Kosten steigen stetig, die Sponsorensuche wird schwieriger, Durchfahrtsgebühren der Kantone und Gemeinden sowie Auflagen des internationalen Verbandes belasten das Budget. Weil das Rennen in den vergangenen Jahren Verluste zwischen 500 000 und einer Million Franken verursachte, warf Rechteinhaber Infront Ringier den Bettel hin. An die Stelle der Agentur ist ein «Notfall-Konsortium» aus vier Parteien getreten, das sich in der neuen Firma Cycling Unlimited konstituiert.

Dahinter stehen der nationale Verband Swiss Cycling, der internationale Sportrechtehändler Infront, die Tortour GmbH sowie die Pro Touch Global GmbH. Die treibenden Kräfte sind Olivier Senn (50), der Besitzer von Pro Touch Global, der bereits bis 2018 als Generaldirektor der Tour de Suisse fungierte, sowie Joko Vogel (50), der sich als Initiant der Tortour, eines Ultra-Cycling-Events, in der Szene einen Namen gemacht hat. Auf der Tortour ist in nur zwei Tagen eine tausend Kilometer lange Strecke über mehrere Alpenpässe rund um die Schweiz zurückzulegen – nonstop. Vogel nahm das Rennen schon neun Mal selber in Angriff und schaffte es (von einer Ausnahme abgesehen) immer ins Ziel.

Die Aufgabe, die er nun an der Tour de Suisse anpackt, könnte noch schweisstreibender werden. Die neuen Macher setzen darauf, Synergien zwischen Breiten- und Spitzensport zu generieren. So wurde das Rennen um einen Tag (auf acht Tage) verkürzt, um am Startwochenende Platz für Publikums-Events zu schaffen. Vogel sagt dazu: «Wir wollen die Zuschauer in den Event integrieren und eine emotionale Bindung schaffen.»

Doch um auch in der realen Welt dem Besenwagen zu entkommen, müssen die neuen Tour-Chefs zuerst Altlasten beseitigen. Weil die grössten Budgetposten (Infrastrukturanlagen, Startgelder, TV-Produktion) nicht verhandelbar sind, wird an der Basis gespart. Mit anderen Worten: Das Taggeld für die Helfer im Sicherheits- und Aufbaubereich wurde von 100 (beziehungsweise 80) auf 50 Franken reduziert. Ausserdem muss das Sicherheitspersonal künftig zu Hause (und nicht im Hotel) übernachten, wenn die Etappenankunft nicht weiter als 50 Kilometer davon entfernt liegt. Und weil für den staff kein neuer Kleidersponsor gefunden werden konnte, muss die Ausrüstung von 2019 auch im neuen Jahrzehnt halten.

Es sind Massnahmen, die bei den Betroffenen nicht gut ankommen. Einzelne treten aus der Deckung und spielen interne Mails und Dokumente den Medien zu. Die Motorradfahrer sehen den «Gruppenzusammenhalt» gefährdet. Ein Mitglied des Sicherheitsdienstes schrieb an die Tour-Leitung: «Noch mehr Abstriche werde ich nicht machen. Wenn wegen Heimübernachtungen das Teamleben zu kurz kommt und ich drauflegen muss, stimmt es für mich nicht mehr.»

 

«Falscher Ansatz»

Für solche Forderungen hat Joko Vogel wenig Verständnis: «Die Anpassungen sind auch im Vergleich zu anderen Anlässen verhältnismässig. Entweder man macht die Arbeit freiwillig oder nicht. Wenn es darum geht, mit Freiwilligenarbeit Geld zu verdienen, ist dies der falsche Ansatz.» Olivier Senn verteidigt die Massnahmen ebenfalls: «Wir haben in allen Bereichen gekürzt – auch bei der Leitung. Beispielsweise operieren wir nicht mehr aus Büros, sondern verrichten die administrative Arbeit von zu Hause aus.» An den staff schrieb er: «Wir müssen klar festhalten, dass es die Tour de Suisse in ein paar Jahren nicht mehr geben wird, falls wir es nicht schaffen, diese auf finanziell gesunde Beine zu stellen. Dazu müssen schlicht alle beitragen.»

Armin Meier verfolgt die Überlebensübung mit Interesse. Der frühere Radprofi stand zwischen 2004 und 2010 selber an der Tour-Spitze. Damals habe die Tour de Suisse einen Gewinn von jährlich 600 000 bis 1,5 Millionen Franken abgeworfen. Er zweifelt an der Strategie seiner Nachfolger: «Solange das Rennen als World-Tour-Event stattfindet, bestehen grosse Auflagen.» So müssen zwanzig Teams verpflichtet werden, die Startgelder von 20 000 bis 25 000 Franken kosten. Würde man das Rennen auf Continental-Stufe neu positionieren, müsste man nur noch zehn Teams bezahlen – und könnte das Teilnehmerfeld mit Wildcards komplettieren. Auch eine weitere Reduktion der Renntage sei zwingend.

Meier, der vor zwei Jahren (zusammen mit Fabian Cancellara) die Übernahme der Tour de Suisse prüfte, sich von den verflochtenen Kompetenzverteilungen aber abschrecken liess, sagt klipp und klar: «In der jetzigen Form ist die Organisation der Tour de Suisse eine mission impossible.» Er werde die Sache beobachten – und dann zupacken, wenn der Karren an die Wand gefahren sei: «Die bisherigen Neuerungen greifen zu kurz.» Mit anderen Worten: Trifft Meiers Analyse zu, war die Reduktion des Rennens auf acht Tage erst der Anfang – der Anfang vom Ende.

"Abonnieren Sie die Weltwoche und bilden Sie sich weiter"

Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Georg Lips

13.01.2020|16:59 Uhr

@Spycher: Wohnen Sie in Nigeria oder in Bangladesh? Aber Sie haben ja recht, die Schweiz vernegert und verbalkanisiert und vertürkt.Und die werden nach dem verschenkten roten Fetzen alle einmal stimmen!Ich bin dann nicht mehr da. Gewarnt habe ich seit langem.

Jürg Brechbühl

10.01.2020|19:54 Uhr

Mit Sport hat das längst nichts mehr zu tun. Nur ein überflüssiges, ungesundes Vorbild für die Jugend.

Markus Spycher

10.01.2020|10:20 Uhr

@Ruth. Einspruch: Bislang dachte ich auch, die Zuge'wanderten' hätten nichts, aber auch gar nichts mit Velofahren (und Schwimmen) zu tun. Neuerdings beobachte ich aber in meinem Wohnquartier mit über 30% Nichtweissen, dass deren Kids mit Kindervelos des neuestens Trends herumdüsen. Wer genau diese nicht eben billigen Spielzeuge bezahlt, entzieht sich allerdings meinem Wissen. Im Übrigen sind auch die in den USA in den 70er-Jahren erfundenen BMX-Räder längst auch bei uns angekommen, allerdings in überschaubarer Menge.

Ruth Bolliger

10.01.2020|06:28 Uhr

Die Schweiz wird im Zuge der von oben angeordneten Umgestaltung noch viele Traditionen verlieren, so eben auch die TdS. Früher Volkssport, dürfte heutzutage der durchschnittliche Rad-Fan noch älter sein als die eh schon überalterten Schweizer und die massenhaft angesiedelten jungen Neu-Schweizer aus Afrika oder dem Orient interessieren sich nun wirklich nicht die Bohne für den Radsport. So wie das Christentum oder die Fasnacht, der soziale Frieden oder der Stammtisch, wird auch die TdS bald nur noch eine blasse Erinnerung darstellen. Unser Land ist noch nicht tot, aber es riecht schon komisch.

Richard Müller

09.01.2020|14:29 Uhr

Spitzensport ist ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Die meisten Gelder fliessen zu den Stars und für den Rest bleibt nicht mehr viel übrig. Der Raubtierkapitalismus lebt nirgends sonst feudaler. Die Finanzierung über Sponsoring, Werbung, Sportförderung usw. ist äusserst fragwürdig. Ein Velorennen habe ich noch nie gesehen. Trotzdem würde ich wohl ins Staunen geraten, wenn ich wüsste, wie viel Geld von mir schon in diesen Sport geflossen ist. Wenn nun vor lauter Energiewende, Klimarettung, Sozial- und Bürokratieausbau das Geld knapper wird, trifft es halt auch die Unterhaltungsindustrie.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier