Biss der Klapperschlange

Die Ermordung von General Soleimani steht im Einklang mit Trumps Doktrin des «strategischen Realismus». Die Iraner haben sie offenbar nicht genau studiert und wurden kalt erwischt. Ob Feind oder Freund, spätestens jetzt ist das Dokument Pflichtlektüre.

Die Träger der Deutungshoheit von der Werd- und der Falkenstrasse geben Sturmwarnung aus: «Donald Trump handelt ohne jedes Augenmass» (Tages-Anzeiger). «Eine Drohne ist noch keine Strategie» (NZZ).

Trumps Kritiker haben gewarnt, als er Truppen aus Nahost abzog. Nun warnen sie davor, dass er bald neue schickt. Sie haben sich jahrelang geduckt, als Obama den Drohnenkrieg eskalierte und ganze Hochzeitsgesellschaften ausradierte. Jetzt sind sie Bedenkenträger, wenn Trump Irans strategisches Ass per Blattschuss – und ohne zivile Kollateralschäden – niederstreckt. Angesichts der «Monstrosität» dieses US-Präsidenten geht beinahe unter, dass Qasem Soleimani Terror und Tod in der ganzen Region gestreut hat.

 

Text-Message auf das persönliche Handy

Der General mit den rauchgrauen Husky-Augen – das rechte hing aus unerfindlichen Gründen irritierend im Lidwinkel oder wanderte eigenwillig autonom umher – wurde wechselweise als Meisterspion verehrt oder als Mephisto des Morgenlandes gefürchtet. Er selbst machte keinen Hehl aus seiner eminenten Rolle. Dem US-Oberbefehlshaber im Irak schickte er einst – via Vermittler – eine Text-Message auf das persönliche Handy: «General Petraeus, Sie sollten wissen: Ich, Qasem Soleimani, kontrolliere die iranische Aussenpolitik gegenüber dem Irak, dem Libanon, Gaza und Afghanistan.»

Sicherheitsexperten sind sich einig: Die Welt ist ein sicherer Ort ohne Soleimani. Dennoch drängen sich Fragen auf.

Soleimani habe «Tausende» umgebracht, so Trump. Warum hat er dann drei Jahre mit seiner Ermordung zugewartet? Damit hat sich der US-Präsident – wie Obama vor ihm – für den Tod dieser Menschen mitverantwortlich gemacht.

Warum war Soleimani überhaupt im Irak? Weil die Amerikaner 2003 unter einem falschen Vorwand das Land angriffen, Saddam Hussein stürzten, dem Iraner so die Tore öffneten und Teheran zu regionalem Grossmachtstatus verholfen haben. Ist es also klug, einen weiteren Krieg vom Zaun zu reissen? Hat Trump nicht gelobt, keine sinnlosen Feldzüge mehr zu führen?

Auch unter konservativen Meinungsführern macht sich Skepsis breit. «Ist der Iran wirklich die grösste Bedrohung für uns?», so Tucker Carlson auf Fox News, Donald Trumps Lieblingssender. «Und warum ignorieren wir weiterhin den Niedergang unseres eigenen Landes zugunsten eines Sprungs in einen weiteren Sumpf, aus dem es keinen Ausweg gibt?», fragt Carlson an die Adresse des Weissen Hauses. «Übrigens, wenn wir neunzehn traurige Jahre später immer noch in Afghanistan stehen, was lässt uns glauben, dass es eine schnelle Rückkehr aus dem Iran gibt . . .?»

Dies sind allesamt eminent wichtige Fragen. Doch möglicherweise sind Tucker Carlson und viele Warner in einer prä-trumpschen Ära gefangen. Genauso wie der Iran auch. Zweifelsfrei könnte der Iran als «Opfer» amerikanischer Aggression international Sympathien erheischen, wenn es ihm gelänge, Trump zu militärischen Abenteuern zu provozieren, in der Hoffnung, diese würden sich – wie in Afghanistan, wie im Irak – bald als Blutbad epischen Ausmasses erweisen. Die vom Regime choreografierten Parolen bei der Trauerfeier Soleimanis – «Hey US, you started, we will finish!» – weisen auf dieses Ansinnen hin.

Aber in diese Falle werde Trump nicht tappen, ist Militärhistoriker Victor Davis Hanson überzeugt. Nachdem er lange Geduld und Zurückhaltung gegenüber früheren iranischen Eskalationen gezeigt habe, könne Trump nun aus sicherer Distanz auf iranische Gegenschläge reagieren, ohne als «Provokateur aufzutreten, der nach Krieg lechzt», so Hanson in der National Review.

Hanson, der Trump im Interview mit der Weltwoche jüngst mit einer Chemotherapie verglich, deren Ziel es sei, «den Krebs zu töten, bevor dieser den Patienten umbringt» (Weltwoche Nr. 48/19), ist überzeugt: Der Iran hat sich in Trump gründlich getäuscht. Er habe das Impeachment-Verfahren, den anstehenden Wahlkampf, den Truppenabzug aus Syrien als Zeichen der Schwäche, ja gar der Unfähigkeit interpretiert, auf Provokationen in Nahost zu reagieren.

 

Situative Partnerschaften

Dieser Hybris liege ein tiefgreifendes Unverständnis des US-Präsidenten zugrunde. «Teheran hat die Doktrin des strategischen Realismus der US-Administration falsch eingeschätzt.» Die Doktrin wurde vor Weihnachten 2017 in Trumps erster National Security Strategy umrissen. * Darin vollzog der damals neue US-Präsident eine radikale Abkehr der Militärpolitik seiner Vorgänger Bush und Obama: weder humanitäre Interventionen noch kostspieliges nation building, weder Export von Demokratie und freier Marktwirtschaft in diktatorische Regime noch kostspielige Befreiung von geknechteten, armen Völkern.

Trump orientiert sich an einem harten Realismus. «Amerika zuerst», aber nicht «Amerika allein». Ohne sich an erstarrte Bündnisse zu ketten, sucht er situativ Partnerschaften, wo es amerikanische Interessen als opportun oder nötig erscheinen lassen. Diese neue Rolle, so die Überzeugung Trumps, kann Amerika nur aus einer Position der Stärke spielen. Stärke, das heisst: wirtschaftliche Robustheit, freier, aber fairer Handel, Förderung der heimischen Industrie, ein wiedererstarktes amerikanisches Selbstbewusstsein, sichere Grenzen, restriktive Migrationspolitik – und militärische Übermacht.

Die Doktrin des wehrhaften US-Patriotismus findet symbolisch Ausdruck in der «Gadsden flag». Die Flagge zeigt eine zum Biss bereite Klapperschlange auf gelbem Grund mit dem Wahlspruch «Don’t tread on me» – «Tritt nicht auf mich». Sie zählt zu den ältesten Flaggen der Vereinigten Staaten und steht für den Geist der Unabhängigkeit.

2009 wurde die «Gadsden flag» zum Symbol der Tea-Party-Bewegung in ihrem Kampf für individuelle Freiheit und gegen staatliche Bevormundung. Heute ist sie bei der Trump-Basis weit verbreitet. Wie die meisten Amerikaner wollen Trumps Wähler keinen weiteren endlosen Krieg. Aber ihre Fokussierung auf die eigene Nation ist nicht zu verwechseln mit einem Isolationismus wilsonscher Prägung. «‹Don’t tread on me› im Jahr 2020 heisst so viel wie: ‹Leben und leben lassen – sonst . . .›», konstatiert Hanson. Will heissen: Wer Amerikas Interessen mit Füssen tritt, riskiert einen tödlichen Biss.

Bezogen auf den Iran bedeute das: Trump werde auf Teherans Gegenschläge reagieren, ohne Zehntausende von Soldaten in einen verlustreichen Bodenkrieg zu entsenden. «Durch Drohnen, Raketen und Bombenangriffe oder durch noch mehr Sanktionen und Boykotte kann er der bereits taumelnden Wirtschaft noch mehr Schaden zufügen.»

 

Gezielt Verwirrung stiften

Es handelt sich um eine Art alttestamentarisches Fernduell mit Hightech-Waffen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, mit chirurgischer Präzision. Durch Raketen, Drohnen und weitere Sanktionen könnte Trump die Elite des Gegners einzuschüchtern und zu schwächen versuchen. Derart unter Druck gesetzt, würde das Regime, das den Freiheitsdrang des eigenen Volkes mit rigoroser Gewalt im Zaum hält, weiter an Glaubwürdigkeit und Respekt verlieren.

Kommentatoren scheinen sich von Trumps flamboyantem Stil und protziger Rhetorik ablenken zu lassen. Sie verpönen ihn wechselweise als Maulhelden und Twitter-Tiger, als Elefanten im nahöstlichen Porzellanladen oder als impulsiven Schläger.

Solch plakative Fehleinschätzungen bei Politikern und Journalisten zeugen von Verwirrung. Trump stiftet sie absichtlich, im Wissen, dass sie ihm zum Vorteil erwächst. Verwirrung und Unberechenbarkeit sind integrale Teile von Trumps Doktrin des strategischen Realismus. Sie sorgen bei seinen Kontrahenten für Nervosität. Russland, Nordkorea oder China studieren sorgfältig seine Reaktionen und sind sich nie ganz sicher, was als Nächstes kommt.

Nun wartet die Welt auf den Racheakt, den Iran angekündigt hat. Doch die Mullahs sitzen am kürzeren Hebel, ist Hanson überzeugt. «Wenn sich der Iran dem Terrorismus und Cyber-Angriffen zuwendet, verliert er international noch mehr politische Unterstützung. Und er riskiert Reaktionen der US-Luftwaffe auf seine Infrastruktur im eigenen Land» – die das taumelnde Regime noch mehr schwächen würden.

Ein geostrategisches Novum beschert Trump einen weiteren Vorteil. Erstmals sind die USA nicht mehr auf Erdöl aus dem Nahen Osten angewiesen; sie nähern sich der Energieunabhängigkeit – auch diese ist Teil von Trumps strategischem Realismus.

 

Trump kann und wird nicht alle töten

Keine Frage, die aktuelle Krise birgt grosse Gefahren. Ein Truppenabzug der Amerikaner, wie ihn die Iraker jetzt gefordert haben, öffnet dem Iran weitere Tore zum Nachbarland. Solange das iranische Mullah-Regime an der Macht ist, wird es versuchen, die USA und deren Verbündete zu bekämpfen. Einen Regimewechsel in Teheran hat Trump – getreu seiner Doktrin – indessen explizit ausgeschlossen.

Darüber hinaus wirft die Liquidierung des iranischen Teufelsgenerals neue Fragen auf. Auch nach Soleimani gibt es zahlreiche «Bösewichte», die Amerikas Sicherheit gefährden. «Mexiko und China werden auch mit dem Tod von Amerikanern in Verbindung gebracht. Beide haben unser Land mit Drogen überschwemmt, an denen jedes Jahr Zehntausende Amerikaner sterben», so Fox-Star-Talker Tucker Carlson. «Heisst das, wir dürfen Oaxaca bombardieren? Können wir damit anfangen, Generäle der [chinesischen] Volksbefreiungsarmee zu ermorden?»

Trump kann und wird sie nicht alle töten. Aber vielleicht reicht das Wissen, dass er dazu in der Lage ist, aus, um mit dem US-Präsidenten ins Geschäft zu kommen. Ganz nach dessen Geschäftsbibel «The Art of the Deal», die dadurch um ein dickes Kapitel reicher würde.

 

www.weltwoche.ch/StrategicRealism

https://www.whitehouse.gov/briefings-statements/president-donald-j-trump-announces-national-security-strategy-advance-americas-interests/

https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2017/12/NSS-Final-12-18-2017-0905-1.pdf

 

Kommentare

Richard Müller

13.01.2020|10:55 Uhr

Was unterscheidet General Soleimani von IS-Anführer Al-Baghdadi oder Osama Bin Laden? Die Uniform voller Orden, verliehen von einem islamistischen Terror-Regime. Der Mann war als staatlich legitimierter Oberterrorist unterwegs und befehligte grosse Einheiten von ausgebildeten Terroristen. Dass ihm unsere Medien Tränen nachweinen, muss ich nicht verstehen.

Pedro Bilar-Simke

13.01.2020|09:03 Uhr

Gratulation an Urs Gehriger! Er hat sowohl das Wesen des Teufelsgenerals wie auch das strategische Denken von Präsident Trump richtig erkannt und beschrieben. Ich teile voll die Meinung, dass die Weltwoche eine viel grössere Reichweite verdient, und sei es nur, um unseren politisch korrekten linken Staatsmedien entgegenzutreten.

Hans Baiker

13.01.2020|01:54 Uhr

In den Foren bekommt man den Eindruck die vereinigte Linke steht geschlossen hinter dem Iran. Für sie beginnt die Kausalität mit der Ermordung eines edlen Friedensstifters in diplomatischer Mission. Nach dem Rückzug in Syrien habe ich Zweifel ob Trump den Intrigen im ME gewachsen ist. Sein Schwachpunkt ist Erdogan. Er müsste jetzt die Hisbollah aus dem Irak rauswerfen. Sie wurde von Irak eingeladen mit dem Hintergedanken die USA zu kompromittieren und dann los zu werden. Dabei geht es auch um die Kurden. Er erkennt nicht wie man einen Krieg beendet und dabei das Gesicht wahrt.

Kurt Schrader

11.01.2020|13:58 Uhr

Der Iran ist wie Hitlerdeutschland! Jede Tat gegen einen seiner Anführer ist eine Wohltat! Trump macht es! Und er ist cool dabei!. Er wird von allen unterschätzt und angefeindet, aber er ist es, der uns Hoffnung gibt ..!

Daniel Schmidlin

11.01.2020|12:24 Uhr

Das was ich hier schreibe, hat dazu geführt, dass man mich auf den Foren des SRF rausgeschmissen hat.

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