Feministische Pornos – stöööhn!

Trigger-Warnung: Diese Kolumne enthält pornografischen und irritierenden Inhalt. Es könnte Sie eventuell sexuell verstören.

Neulich feierte ein Porno-Start-up in Freiburg (DE) Premiere mit seinem ersten feministischen Pornofilm, «Retour». Feministische Pornos? Was soll das sein? Feministinnen mit umgeschnalltem Dildo, die lüsterne Typen penetrieren? Videos, in denen sich alte weisse Männer, geknebelt und gefesselt, Frauen in diskriminierenden Sexualpraktiken unterwerfen – so nach dem Motto: die Rache der Weiber an dem Patriarchat?

Nicht ganz. Feministische Pornos sollen «fair» produziert werden und eine Vielfalt an Geschlechtern, Körperformen und ethnischer Herkünfte zeigen. Zudem sollen die Akteure keine Szenen ohne Einverständnis spielen und Frauen nicht in einem herabwürdigenden Akt oder als Objekt dargestellt werden. So zumindest deklarieren es die studentischen Porno-Macher von «feuer.zeug», die den Film "Retour" produziert haben, auf ihrer Website. Und: «Am Set haben wir eine*n Sorgenbeauftragte*n, die sicherstellen, dass Darsteller*innen sich wohlfühlen.»

Ich bewundere junge Leute, die aus Überzeugung etwas auf die Beine stellen. Ein Projekt, das den respektvollen Umgang mit Menschen in einer zweifellos harten Branche fördert, macht Sinn. Statt spermaschluckende, geile Luder zu zeigen, fokussiert man sich hier also auf Dialoge, eine «wahre Geschichte» und die Persönlichkeit der Darsteller. Das ist wunderbar. Ich frage mich nur: Welche Fantasie soll damit angeturnt werden? Ist Masturbieren unterhaltender, wenn statt der durch doggystyle beglückten vollbusigen Darstellerin eine Dame mit Orangenhaut Obszönitäten in Missionarsstellung vollführt? Und seit wann können Menschen nicht mehr zwischen Drehbuch und Realität unterscheiden? Bei Pornos «herabwürdigende» Szenen anzuprangern, ist etwa so, wie Horrorfilmen die Verwendung von Blut vorzuwerfen – weil jemand denken könnte, die Schauspieler seien tatsächlich verletzt. Und möglicherweise ist ja das Filmen von sexuellen Interaktionen für Menschen, die eine*n Sorgenbeauftragte*n für den Wohlfühlfaktor brauchen, nicht der geeignete Zeitvertreib.

Das «faire» Produzieren von Pornos ist nichts Neues. In den USA gibt es dafür den Begriff «ethical porn», ethische Pornos. Diese gehen mit ihren Regeln zwar nicht so weit wie feministische Pornos, aber auf die Rechte der Darsteller wird Wert gelegt; Bezahlung, Konditionen und alle Szenen müssen in gegenseitiger Zustimmung stattfinden. Im Interview mit Cosmopolitan erklären prominente Pornodarstellerinnen und -produzentinnen, dass man, indem man für Videos bezahlt, ethisches Produzieren sicherstellen und unterstützen könne.

 

Solange eine Szene einvernehmlich sei, können sich ethische Grundsätze auch ändern, meint Pornostar Chanel Preston. Sie fragt: «Finden Sie es ethisch, eine Person gegen ihren Willen zu entführen? Wohl nicht. Aber viele finden während des Sex die Vorstellung erregend, gekidnappt zu werden, und ich würde das nicht als unethisch sehen.» Wenn eine junge Frau mit Zahnspange als sexy Stieftochter dargestellt wird, solle man nicht denken: «Das Mädchen wurde dazu gezwungen.» Auch würden Pornodarsteller immer gemäss den Grenzen eines Drehbuchs spielen, so die Expertin. Sie spielen die Szenen also freiwillig. Pornoregisseur und -darsteller Seymore Butts sagt im Lifestylemagazin Men’s Health: «Die Mehrheit der Frauen tut es zuallererst fürs Geld, gefolgt von Bewunderung, Freiheit, dann wegen des Sex.»

Tatsächlich liegen «frauenfreundliche» Pornos bei den Konsumenten im Trend. Laut einer Statistik der Porno-Website Pornhub lag bei ihren Suchanfragen 2017 der Begriff «Lesbian» (Videos ohne männliche Darsteller) auf Platz 1, auf Platz 2 «Hentai» (japanische Anime-Pornos), noch vor «Milf» (Mom I’d Like to F**ck – Pornos mit reiferen Damen – nicht zu verwechseln mit «Gilf», ja, auch das gibt’s: «G» für Granny). Gleich danach kommen «Stepmom» und «Stepsister» – ich weiss, das gibt Anlass zu Irritation, aber Sie wurden eingangs gewarnt.

 

Interessant sind die Suchanfragen allein bei den Damen. Sie scheinen mehr durch frauenverachtende Inhalte angesprochen als die Männer. Die drei meistgesuchten Begriffe zeigen zwar frauenfreundlichen Stoff, die nächsten Ränge aber bringen das adrette Damenbild ein bisschen zum Wackeln: «Gangbang», «Hardcore», «rauer Sex» und «Bondage» sind populäre Stimuli mit sehr herabwürdigenden Szenen. In ihrer Fantasie mögen es viele Frauen hart und aggressiv – vermutlich liegt es daran, dass sie von Dingen gefesselt sind, die sie sich selbst nicht auszuprobieren trauen. Und grundsätzlich: Ginge es ihnen um die wertvolle Filmstory, würden sie wohl Arte schauen.

Die Jungunternehmer von Feuer.zeug stellen viele Verfehlungen in der Branche fest, etwas Bedeutendes erwähnen sie aber nicht: den Pay Gap. Bei den Pornos sind Frauen nämlich viel besser bezahlt als Männer. Laut dem News-Sender CNBC erhält eine durchschnittliche Darstellerin in den USA zwischen 800 und 1000 US-Dollar pro Szene oder Tag, ein Darsteller 500 bis 600 US-Dollar. Ungleiche Bezahlung für gleiche Leistung – wo bleibt der Aufschrei? Es braucht ihn nicht, als Hauptattraktion steht der Frau die höhere Gage zu, so simpel. Dass die Männer aufgrund der Anforderung, stets auf Kommando «performen» zu müssen, ungleich grössere Probleme als die Damen am Set zu verantworten haben und trotzdem weniger verdienen, ist dann eben Künstlerpech.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

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Kommentare

Hans Mohr

06.03.2019|17:50 Uhr

Ich wünschte mir eine Abstimmung unter den Lesern: Ist die Weltwoche dank des "krönenden Abschlusses jeder Ausgabe" tatsächlich besser geworden?

Richard Müller

01.03.2019|17:58 Uhr

Am Set fehlt dann nur noch ein Pfarrer, der im richtigen Takt Stossgebete gen Himmel schickt und gelegentlich etwas Weihwasser gegen die Sünde verspritzt. Mit Frau Wernli ist die Weltwoche noch einmal besser geworden. Tamaras Welt ist Woche für Woche ein Lesevergnügen der besonderen Art. Bitte weiter so ...

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