Bitte diskriminiert mich!

Wer heute einen Oscar gewinnen will, muss einen Film über eine diskriminierte Minderheit vorlegen. Wer gewinnt die «Opferolympiade», wer verliert?

Es ist ein Witz, der Woody Allen zugeschrieben wird: «Ein Schwarzer liest in der New Yorker U-Bahn eine jüdische Zeitung. Da tippt ihm ein Weisser auf die Schultern und sagt: ‹Neger allein reicht dir wohl nicht.›»

Leider kein Witz ist ein Vorfall, der in den USA zu reden gibt: Der schwarze und schwule Schauspieler Jussie Smollett, bekannt aus der TV-Serie «Empire», wurde vor einem Lokal von zwei Leuten tätlich angegriffen, gewürgt und mit homophoben und rassistischen Schmähungen eingedeckt. Der versuchte Lynchmord fand enorme mediale Beachtung, Politiker äusserten ihre Entrüstung, Schuld sei das von Präsident Donald Trump geschaffene Klima. Bis sich herausstellte: Der Angriff war fingiert, die angeblich rechtsextremen Gewalttäter waren vom Opfer bezahlt gewesen. Er sei unzufrieden mit seinem Lohn gewesen, gab der Schauspieler später als Motiv an.

Wahrscheinlich strebte er einfach nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, und das geht heute am einfachsten, wenn man ein Opfer von Diskriminierung ist.

Kürzlich beklagte ein schwuler Autor in der deutschen Zeitung Die Welt, dass er als normaler Schwuler nicht mehr genügend diskriminiert werde, ja eigentlich auch schon zur Tätergruppe zähle. «Sind jene Schwulen, die heute über fünfzig Jahre zählen, nicht letztlich auch nur alte weisse Männer?», fragte er. Er fühle sich, was die Diskriminierung angehe, benachteiligt gegenüber Frauen, Behinderten, Migranten, Transsexuellen. Der Autor schrieb von einer «Opferolympiade» und nahm bedauernd zur Kenntnis, dass die schwulen gemeinsam mit den heterosexuellen Männern die hintersten Plätze belegten.

Diskriminiert zu sein, ist heute nicht nur ein Lebensgefühl, sondern auch ein Geschäftsmodell. Dies kam bei der letzten Oscar-Verleihung besonders stark zum Ausdruck: Wer gewinnen wollte, musste fast zwingend einen Film über eine diskriminierte Minderheit vorlegen. Und vorzugsweise selber zu einer gehören. Dass die diesjährige Verleihung ohne Moderator durchgeführt wurde, hatte ebenfalls mit dem Diskriminierungswahn zu tun: Jener Mann, der durch den Abend hätte führen sollen – der schwarze Komiker Kevin Hart –, hatte vor Jahren ein paar Sprüche über Homosexuelle getwittert. Das geht natürlich nicht, auch dann nicht, wenn er sich dafür entschuldigt hat.

Die Sache ist längst zum Selbstzweck geworden. Öffentliche Stellen wie Institute für Genderwissenschaft oder Gleichstellungsbüros können gar nie zur Erkenntnis gelangen, dass es keine nennenswerte Diskriminierung gibt, sonst machen sie sich überflüssig. Bei den Oscars gilt Ähnliches. Die Kommentatoren schrieben sich gegenseitig ab, der Oscar für den besten Film an die Antirassismuskomödie «Green Book» sei darum problematisch, weil die Geschichte aus weisser Sicht erzählt sei. Das ist natürlich diskriminierend. Im Tages-Anzeiger jammerten zwei weisse Journalisten: «Am Ende stand dann doch eine Gruppe von weissen Produzenten auf der Bühne.» Schlimm.

Wer etwas gelten will, muss diskriminiert sein. Die Nichtdiskriminierten fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt und versuchen verzweifelt, auch irgendwie zu den Diskriminierten zu gehören. Zum Beispiel, indem sie die Einschränkung der Meinungsfreiheit durch Political Correctness beklagen und dabei alles aussprechen, was sie angeblich «nicht mehr sagen dürfen». Womöglich wird dies bald nicht mehr nötig sein. Es ist absehbar, dass irgendwann die Nichtdiskriminierung als besonders perfide Form der Diskriminierung anerkannt wird. Dann braucht auch niemand mehr einen Rassismus-Anschlag auf sich zu inszenieren.

Mehr zum Thema: Seite 23, 48

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Kommentare

Nannos Fischer

03.03.2019|18:41 Uhr

Ein Journalist fragte einst Stevie Wonder, ob das schlimm gewesen sei für ihn, blind zu sein. Stevie antwortete: «Man! I might have been black!»

Brigitte Miller

01.03.2019|08:32 Uhr

"Zum Beispiel, indem sie die Einschränkung der Meinungsfreiheit durch Political Correctness beklagen und dabei alles aussprechen, was sie angeblich «nicht mehr sagen dürfen». "Sagen darf man schon, wenn man die Folgen nicht scheut.Die Political Correctness ist Fact und hat sich aus der guten Absicht, Minderheiten zu schützen, zur Geissel entwickelt.

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