Tyrannei der Dauerempörten

Viele Unternehmen knicken heute unter der Internet-Entrüstung ein. Der deutsche Smoothie-Hersteller True Fruits feuert seinen Kritikern ein «Fuck you!» entgegen.

Adidas hat neulich den falschen Turnschuh verkauft. Der Schuhhersteller hat zu Ehren des «Black History Month» eine spezielle Kreation auf den Markt gebracht. Weil das Teil weiss war, empfanden es einige als rassistische Beleidigung und riefen auf Twitter zum Aufstand auf. Adidas hat sich entschuldigt und die Treter entfernt.

Die US-Warenhauskette Bloomingdale’s hat das falsche T-Shirt verkauft, eines mit dem Aufdruck «Fake News». Eine Reporterin entrüstete sich bei Twitter: «Es delegitimiert hartarbeitende Journalisten, die echte News liefern.» Bloomingdale’s hat sich entschuldigt und das Stück Stoff entfernt.

Gucci hat den falschen Pullover verkauft. Einen schwarzen Rolli mit Schlitz für den Mund im Kragen und mit roten Lippen (ein maximal bescheuerter Look). Einige hatten den Rolli als rassistisch empfunden, weil es blackfacing darstelle. Gucci hat sich entschuldigt und den Rolli entfernt.

Ein Radiosender hatte zu Weihnachten den falschen Song gespielt, den Weihnachtsklassiker «Baby, It’s Cold Outside». Einige Hörer sahen darin einen date rape-Song, ein Lied, das Vergewaltigung bei einem Date toleriert. Das sende eine schlechte Botschaft an die «me too»-Bewegung. Der Sender hat das Ärgernis von seiner Playlist entfernt.

Vergangene Woche schaffte es der deutsche Smoothie-Hersteller True Fruits, gleich die ganze Palette an intersektionaler Empörung abzubekommen: Rassistisch! Sexistisch! Tolerierung von rape culture! Nüchtern betrachtet muss man annehmen, dass in dem Saftladen ein sexistisches und rassistisches Männerpack arbeitet.

Als eines der ersten Medien ist das Onlineportal Vice auf die Empörung im Netz aufgesprungen, die bei einigen Zeitgenossen ähnlich gross war, wie wenn das Unternehmen Raketen für Nordkorea produzieren und diese mit dem Abbild einer nackten Frau und deren Köpfe mit weissen Zipfelmützen versehen würde. Es titelte: «Die Instagram-Werbung von True Fruits steht für alles, was man auf Social Media falsch machen kann. Rassismus, Rape-Jokes, Beschimpfung der Kunden: eine Fruchtsaft-Mischung zum Kotzen.» (True Fruits führt die Kotzfrucht übrigens nicht im Angebot.)

Die Smoothie-Firma wurde 2006 von drei Freunden in Bonn gegründet. Sie stellt die meisten Produkte vegan her, benützt keine Stabilisatoren oder Farbstoffe. True Fruits ist unter den Fruchtsäften etwa das, was Tesla unter den Automobilen ist: eine progressive, kreative Marke – dafür wurde sie schon mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. Lustige und doppeldeutige Slogans dekorieren ihre Werbekampagnen, damit lösen sie aber auch immer wieder Kontroversen aus. So hat True Fruits Säften mit Chiasamen den Slogan «Oralverzehr – schneller kommst Du nicht zum Samengenuss» verpasst (Vorwurf: Sexismus). Mit «Abgefüllt und mitgenommen» bewarb man einen Flaschen-Trinkaufsatz (Verharmlosung von rape culture). Auf einer schwarzen Flasche stand «Unser Quotenschwarzer» (Rassismus).

Die Reaktion von True Fuits auf die neusten Vorwürfe war verblüffend. Keine Entschuldigung, keine Selbstgeisselung. Stattdessen schrieb man bei Facebook, dass man das Lamento einiger Zwangsempörter gewohnt sei und sich bei allen entschuldige, die davon «zu Recht gelangweilt sind». Die Kritiker hätten die Motive ohne Sinn und Verstand rauskopiert und machten übertriebene Polemik. Aber ja, sie von True Fruits seien diskriminierend, und zwar «gegenüber dummen Menschen, denn die schliesst unsere Art der Kommunikation eindeutig aus». Den Nörglern entgegneten sie mit einem «Fuck you!». Intelligenz oder Humor lasse sich eben schwer versenden.

Jetzt waren die Empörten noch ein bisschen empörter. Während Vice von einer «Beschimpfung der Kunden» polterte, fragte das Werbemagazin Werben & Verkaufen, ob True Fruits über das Ziel hinausgeschossen sei. Die grosse Mehrheit der Abstimmenden befand: nein. Die Zahl der Instagram-Abos der Saftproduzenten stieg in kurzer Zeit um 2000 auf 120 000, ihre Reaktion wurde dort über 17 000-mal geliked. Persönlich interpretiere ich das so, dass gewisse Medien den Fall zu einem Skandal hochstilisieren, der keiner ist, und dass die meisten Menschen nicht zu den Hypersensiblen zählen und keine Dauerempörung mit sich herumschleppen.

Aus meiner Sicht hat True Fruits mit seiner Reaktion nicht den richtigen Ton getroffen. Aber während viele Unternehmen heute unter dem Druck der Empörungsaktivisten einknicken, zeigen die deutschen Gründer Rückgrat, stehen zu ihrem Stil und Humor – das macht Hoffnung.

Es gibt viele Dinge, die Menschen ärgern, und ja, man kann überall etwas Negatives hineininterpretieren, wenn man es darauf anlegt. Ob etwas tatsächlich rassistisch oder sexistisch motiviert ist, spielt für die Stänkerer keine Rolle. Es sind einige wenige, sie aber zeichnen sich durch schrilles Herauskrähen aus und kommen einem manchmal vor wie kleine Tyrannen, die allen anderen ihre moralischen Massstäbe aufzwingen wollen.

Meine Empfehlung: Wer sich durch ein Produkt verletzt oder gekränkt fühlt, soll es einfach nicht kaufen. Es ist wirklich nicht so schwer. Aber gesünder fürs Gemüt.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

Lesen Sie auch

«Den linken Verstand verloren»

Der deutsche Maghreb-Kenner Samuel Schirmbeck wirft der Linken vor, den Isl...

Von Rolf Hürzeler
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Thomas Zorn

27.02.2019|10:13 Uhr

Schön dass das mal jemand thematisiert; diese klugscheissenden besserwissenden Moralapostel die die Weisheit offenbar mit Löffeln zu sich genommen haben gehen mir schon länger schwer auf den Senkel.Cooler Artikel; weiter so ...Herzliche GrüsseThomas

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier