Tatort Wickeltisch

Ein Kinderbetreuer missbrauchte in einer Krippe zwei kleine Buben. Der Bund findet trotzdem, es brauche mehr Männer in Kitas. Weshalb eigentlich?

Was darf ich jetzt noch? Darf ich mir das Kind auf den Schoss setzen zum Geschichtenerzählen? Darf ich es umarmen, wenn es traurig ist?», jamerte Kinderbetreuer M. N.* vor vier Jahren im Radio SRF. In der Sendung ging es um ein Projekt der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG), mit dem die Inklusion von Männern in Kitas gefördert werden sollte. Der Bund unterstützte das Projekt ebenso wie jenes unter dem Namen «Mehr Männer in die Kinderbetreuung!» (Maki) – insgesamt mit rund 340 000 Franken. Transparenz sei wichtig, so M. N. weiter, «ich kommuniziere, dass ich ein Kind wickeln gehe». So waren die Vorurteile bei den Eltern praktisch weg.

M.N. missbrauchte zwei Buben und drehte Kinderpornos, wie unterdessen herauskam.

In einem Handbuch gibt die PHSG Praxistipps für Kitas: Wenn eine Mutter nicht möchte, dass ein Mann ihr Kind wickelt, solle man diesem Wunsch nicht nachkommen. Denn die Kita habe gegenüber dem Mitarbeitenden eine «Fürsorgepflicht». Würde Franziska Vogt, Professorin an der PHSG und Mitautorin, das immer noch so sagen? «Ja.» Die Kita habe auch gegenüber ihren Mitarbeitenden eine Fürsorgepflicht, das heisst, sie müsse sie vor Diskriminierung schützen.

Ist also die Befindlichkeit des Mannes wichtiger als die Sorge der Mutter um ihr Kind? «Es geht um Rechte. Um das Recht des Kindes auf Schutz vor sexueller Ausbeutung, dann um das Recht des Arbeitnehmers, nicht diskriminiert zu werden aufgrund seines Geschlechts.» Schliesslich sei es das Recht der Eltern, zu entscheiden, wie sie ihr Kind betreuen wollen. Mit anderen Worten: Sie müssen es ja nicht in die Krippe bringen.

Wenn es diskriminierend ist, Bedenken zu haben gegenüber einem Mann, besteht dann nicht die Gefahr, dass Kitas sich nicht mehr getrauen, genau hinzuschauen und das Geschlecht zum Thema zu machen?

Andere Seite der Gleichstellung

Doch warum braucht es überhaupt Männer in Kitas? Nadine Hoch, die Geschäftsleiterin von Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, sagt: «Die Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern ist Aufgabe beider Geschlechter.» Und Lu Decurtins, der das Projekt Maki leitete, sagt: «Kinder lernen von Vorbildern, von den verschiedenen Menschen, die sie um sich haben. Es ist gut, wenn in der Kita die Realität abgebildet ist.»

Können aber Frauen nicht eher Wärme und Geborgenheit geben? «Wärme und körperliche Nähe haben die Kinder von Mutter und Vater. In der Kita erhalten sie professionelle Pflege, Achtsamkeit und Zuwendung. Das können Männer genauso gut geben.» Weshalb muss es speziell gefördert werden, dass Männer in den Beruf einsteigen? «Es geht darum, dass der männliche Teil der Gleichstellung erfüllt wird; dass Männer ihren Anteil an der Betreuungsarbeit leisten», sagt Decurtins und fügt an: «Wenn Sie für Gleichstellung sind, sollte das einleuchten. Wenn Sie aber zum Beispiel denken, es sei egal, wenn Männer mehr verdienen als Frauen, dann erachten Sie dies als unwichtig.»

Jacques Hefti ist Verwaltungsratspräsident der Fiorino AG, die jene Kita betreibt, in der die Übergriffe passierten. Zwei von rund 500 Kindern wurden abgemeldet. «Natürlich ist es in Ordnung, dass man sich solche Fragen stellen darf», sagt er. Untersuchungen zeigten aber, dass das Risiko von Grenzverletzungen nicht in erster Linie eine Geschlechterfrage sei. Man dürfe auch durch einen schrecklichen Einzelfall nicht alle männlichen Betreuer unter Generalverdacht stellen. «Bei uns haben wir einen leicht höheren Männeranteil als im Schweizer Mittel, wo er bei 8 Prozent liegt.»

Ganz so akzeptiert sind Männer aber nicht überall. Die Geschäftsleiterin einer grossen Kita-Kette sagt, Eltern seien kritisch, vor allem Ausländer.

Manuel Wieser ist stellvertretender Geschäftsführer der Kita Rumpelchischtä in Winterthur. Dass Eltern mittlerweile skeptischer geworden seien, ist ihm nicht aufgefallen. Wenn ein Mann neu ins Team komme, verschicke man einen Wickelbrief an die Eltern. Wer nicht wolle, dass sein Kind von einem Mann gewickelt werde, dürfe sich in dieser Angelegenheit melden. Bislang sei das nicht geschehen. Wie überall werde bei offenen Türen gewickelt. Der Verband rate zum Vier-Augen-Prinzip – dafür fehle häufig das Personal. Das Handy der Mitarbeiter bleibe während der Arbeit im Spind, so Wieser.

Warum braucht es Männer in den Kitas? «Wie sieht denn das normale Familienbild aus?», fragt Wieser zurück. Auch hätten viele Kinder heute keinen Vater.

Michael Tobler* ist wütend. «Wegen solcher Deppen» müsse man sich überall rechtfertigen. Er leitet ein Team, sie sind drei Männer und fünf Frauen. Der ganze Diskurs ist in seinen Augen überflüssig. «Will eine Frau Automechaniker werden, finden das alle in Ordnung.» Jetzt kommt es ihm vor wie nach einem «megaschweren Unfall» durch einen LKW-Fahrer. «Die Arbeitskollegen müssen weiterfahren.»

Er liebt seinen Beruf. Aber die Kinder auf den Schoss nehmen, wie M. N. erzählte? «Das ist ein professionelles No-Go. Es sind nicht unsere Kinder.»

 

* Name geändert

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