Rottweilers Zähmung

«Der Kapitalismus ist moralisch bankrott und steuert geradewegs auf eine Tragödie zu.» Starökonom Paul Collier spielt in seinem neusten Werk auf der Klaviatur der Apokalypse. Ist unser Gesellschaftsmodell noch zu retten?

Wäre der Patient, dessen sich dieser Autor annimmt, bildlich darzustellen, müsste man ihn als ein rabiates Wesen zeichnen. Vorübergehend hatte er edle Züge angenommen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat er sich, zuerst zaghaft und jüngst immer markanter, in seinen wilden Urzustand zurückentwickelt und weist jetzt animalische Züge auf.

Der Patient, das sind wir, die westliche Gesellschaft. Und der Grund für unser Malaise ist just jene Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die uns zu Höchstleistungen angespornt hat: der Kapitalismus.

«Der moderne Kapitalismus, der uns Wohlstand versprochen hat, erzeugt gegenwärtig Aggression, Demütigung und Furcht: die ‹Rottweiler›-Gesellschaft», schreibt Paul Collier in seinem neuen Buch. «Er ist moralisch bankrott und steuert geradewegs auf eine Tragödie zu.»

Der Autor von «Exodus» und «Die unterste Milliarde», der Mann, der über die Ärmsten der Welt und die Migrantenströme nach Europa exzellente Analysen vorgelegt hat, begibt sich auf seine bisher schwierigste Mission: die Rettung der westlichen Zivilisation. «Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft» lautet der Untertitel seines neusten Werks. Im englischsprachigen Raum hat Paul Collier dafür bereits viel Zuspruch erhalten. Nobelpreisträger George Akerlof bezeichnet das Manifest als «die revolutionärste sozialwissenschaftliche Arbeit seit Keynes».

Aufstand der «Sans Cool»

Collier argumentiert engagiert und ungewohnt emotional. Sein Manifest beginnt mit einem Bild aus seinem Privatarchiv. Es zeigt den Autor in kindlichem Alter, in Latzhose und Wollpullover, zusammen mit seiner Cousine Sue, die speckigen Beinchen in weissen Söckchen. Unschuldig stehen sie nebeneinander, das ganze Leben vor sich. Darunter eine Widmung: «Leben, die auseinanderstreben – Ängste, die sich einander annähern».

Beide wurden am selben Tag am selben Ort (Sheffield) geboren, beide sind Kinder ungebildeter Eltern, dann reisst sie das Schicksal auseinander. Paul Colliers Weg zeigt steil nach oben, er geht nach Oxford, wird Professor und steigt auf in den Ritterstand. Sue stürzt ab. Der frühe Tod ihres Vaters hat sie aus der Bahn geworfen. Im Teenageralter bereits wird sie Mutter «mit allem, was dies an Rückschlägen und Demütigungen mit sich bringt».

Collier tritt nicht bloss als Analytiker auf, er betritt die Bühne als Augenzeuge einer epochalen Zerrüttung. «Tiefe Risse bedrohen den Zusammenhalt in unseren Gesellschaften», schreibt er. Es sind dies der Riss zwischen den gebildeten, gutbezahlten Kosmopoliten und dem Rest der Bevölkerung zum einen. Und der Riss zwischen den erfolgreichen Städten und den rückständigen Provinzen zum andern. Colliers Heimatstadt Sheffield und der Zusammenbruch der lokalen Stahlindustrie wurden zum Inbegriff eines solchen Niedergangs.

Aus diesen Rissen erklärt sich die Gärung in unserer Gesellschaft. Quer durch die westlichen Demokratien begehren Millionen auf. Es sind die Vergessenen und Abgehängten. Sie manifestieren sich in Gestalt der deplorables mit roten MAGA-Hüten oder der Wutbürger in gelben Westen. Collier nennt sie die «Sans Cool»: «Der minderqualifizierte, sich abrackernde Kleinstädter hat die Arbeiterklasse als die revolutionäre gesellschaftliche Kraft abgelöst: An die Stelle der Sansculotten sind die Sans Cool getreten, jene, die nicht mehr ruhig und gelassen bleiben.»

Den «Sans Cool» steht eine neue Elite gegenüber: Ihr exklusives Gut ist etwas, was in der westlichen Gesellschaft allen als Grundrecht garantiert sein sollte: Bildung. «Die neuen Erfolgreichen sind weder Kapitalisten noch gewöhnliche Arbeiter, sondern Gebildete, die über neue Kompetenzen verfügen. Sie haben sich selbst zu einer neuen Klasse formiert.»

So weit der apokalyptische Befund.

Keimzelle des gesunden Kapitalismus

Glaubt Collier, der Kapitalismus habe ausgedient? Will er ihn über Bord werfen? «Nein», beteuert er im Gespräch. «Der Kapitalismus ist das einzige System, das fähig ist, den Lebensstandard der Massen kontinuierlich zu heben.» Aber man dürfe ihn nicht sich selbst überlassen. Collier will den «Rottweiler» zähmen und dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz verpassen. Was ihm vorschwebt, ist ein «sozialer Kapitalismus» (so der deutsche Titel seines Buches).

«Menschen brauchen das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und der Kapitalismus bietet ihnen das nicht. Dabei könnte er es», so Collier. «Wenn der Kapitalismus für jeden funktionieren soll, muss er so gesteuert werden.»

Dieser Neustart benötige mehr als die «herzerwärmenden Slogans» von Konzernen oder «Davos-Menschen». Auch die Parolen von links und rechts böten keine Rettung. An den politischen Flügeln lauerten Scharlatane, Ideologen und Populisten, die nichts anderes im Schilde führten, als Frust und Verzweiflung auszunutzen.

Der einzige Weg in eine solide Zukunft führe durch die «mühsame Mitte» (hard centre). Durch «Pragmatismus», der «fest und konsequent auf moralischen Werten gründet». Ziel sei ein ethischer Kapitalismus, der «neben materiellem Wohlstand auch gegenseitige Achtung und das Gefühl der Zugehörigkeit fördert».

Einen zentralen Faktor für die Heilung des Kapitalismus sieht Collier in der «Identität», einem «Gefühl der Verbundenheit mit einem Ort». Obschon er Populisten verpönt, teilt er mit ihnen den Stellenwert der Nation als eines identitätsstiftenden Rahmens. Loyalität zur Nation sei ein stärkeres Fundament für globale Gerechtigkeit als abstrakter Kosmopolitismus, der zu oft zügellosen Egoismus kaschiere.

«Auf der Ebene der Nation werden die meisten politischen Entscheidungen getroffen», erklärt Collier. Europa habe versucht, über diese Ebene hinwegzuschreiten, «nicht wahnsinnig erfolgreich», wenn man etwa den aktuellen Konflikt zwischen Italien und Frankreich betrachte. «Die Elite, die vorgibt, eine globale Identität zu leben, hat in Realität nicht einmal eine Verbindung mit den Menschen in ihrer jeweiligen Nation.»

Die Nation ist also die Referenzgrösse des «Wir-Gefühls». Doch die Keimzelle des gesunden Kapitalismus sei «unser Elternhaus». Auch dieses ist zerrüttet. Die Scheidungsraten steigen an. Überforderten Eltern entgleitet die Kontrolle über den Nachwuchs, der orientierungs- und vielerorts arbeitslos ins Elend taumelt.

Hier will Collier mit seinem Rettungsplan für den Kapitalismus ansetzen. Denn: «Wenn man an einer Stelle mit niedriger Produktivität festsitzt, ist dies oftmals der Endpunkt einer lebenslangen Benachteiligung, die schon im Kleinkindalter begann.» Wie das Beispiel seiner Cousine Sue dramatisch vor Augen führt.

Er fordert «umfassende praktische Unterstützung und Betreuung junger Familien, die Gefahr laufen zu zerbrechen, gefolgt von der intensiven Betreuung und Förderung von Risikokindern während ihrer Schulzeit». «Sozialen Maternalismus» nennt Collier dieses staatliche Mentoring.

Ist dies nicht der Anfang einer unheilvollen Entwicklung, in deren Verlauf der Staat sich unverhohlen immer mehr Machtbefugnisse überträgt? Den Einzelnen in Abhängigkeit des Steuerzahlers treibt, Eigenverantwortung erstickt und dem Kapitalismus so seine erstaunliche Dynamik weiter abwürgt?

Was Colliers Manifest ausblendet

Der Verdacht erhärtet sich, wenn Collier in der Folge sein Rezept präsentiert, wie die Kluft zwischen reichen Städten und armen Provinzen zu schliessen sei. Er propagiert eine neue Steuerpolitik, um «die Mächtigen davon abzuhalten, sich Gewinne anzueignen, die ihnen nicht zustehen». Sich der Gefahr eines aufgeblähten Staates wohl bewusst, schreibt er: «Zweck der Besteuerung der Hochqualifizierten in der Metropole wäre es nicht, ihre Aktivitäten einzuschränken, sondern die Renten umzuverteilen.»

Wäre es nicht viel klüger, die armen Gebiete mit tiefen Steuern für Unternehmen attraktiv zu machen?

«Jemand muss die Steuern zahlen», erwidert Collier, mit dieser Frage konfrontiert. «Wenn man in der Region die Steuern senkt, muss man sie anderswo anheben. Warum sollten wir, ökonomisch gesprochen, Rent-Seeking betreiben? Rent-Seeking ist per definitionem sozial unproduktiv.»

Rent-Seeking (Rentenökonomie) ist das Bestreben, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben. Anders als Collier glauben macht, gehen Firmen in der Regel einer produktiven Tätigkeit nach und bemühen sich höchstens nebenbei, möglichst wenig Steuern zu zahlen. Das so gesparte Geld können sie in ihre unternehmerische Tätigkeit reinvestieren und so wettbewerbsfähig bleiben.

Collier blendet aus, dass tiefere Steuern rückständigen Gebieten wie zum Beispiel Mississippi zu Aufschwung verhelfen. So können insgesamt mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, ohne dass städtische Unternehmen mehr Steuern entrichten müssen.

Zudem nimmt Collier an, dass die Menge der einzusammelnden Steuern gottgegeben ist. Auch das ist nicht plausibel. Der Staat könnte seine Dienstleistungen auch mit weniger Steuern bereitstellen, wenn er effizienter wäre. Ein Wettbewerb zwischen Stadt (hohe Steuern) und Land (tiefe Steuern) übt Druck auf ihre jeweiligen staatlichen Behörden aus, effizienter zu werden.

Paul Collier geniesst als Sozialwissenschaftler hohe Autorität, gerade weil er die Abgründe, die sich in der kapitalistischen Gesellschaft auftun, persönlich erlebt hat. In seinem Manifest legt er darüber eindrücklich Zeugnis ab. Und er erheitert durch provokative Ideen wie das Delikt des bankslaughter («fahrlässige Banktötung»), das er als Straftatkategorie für Manager, die ihre Banken kollabieren lassen, gerne einführen möchte. Oder durch witzige – englische –Wortspiele: Die Marxisten rekrutierten «nützliche (useful) Idioten». Jeremy Corbyn, Britanniens tiefroter Labour-Chef, instrumentalisiere «jugendliche (youthful) Idioten».

Vieles in seiner Rettungsschrift ist Semantik. «Mühsame Mitte», «sozialer Maternalismus» sind letztlich unscharfe Wortschöpfungen. Statt des belasteten Begriffs «Nationalismus» setzt er «Patriotismus», ohne dass er ausreichend klarstellt, worin der Unterschied besteht. Doch braucht man seinem Manifest nicht in allen Punkten zu folgen, um sich inspirieren zu lassen. Colliers Enthusiasmus ist ansteckend. Seine Fragen sind eine Herausforderung.

 

Paul Collier: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft. Siedler. 320 Seiten,erscheint am 25. Februar.

Am 26. März hält Collier in der Aula der Universität Zürich ein Referat über sein neustes Werk.

Kommentare

Markus Dancer

24.02.2019|08:11 Uhr

Kommunismus hat versagt, Kapitalismus hat versagt inkl. Monetarismus, Sozialismus ist am Versagen. Das neue Gesellschaftsmodell wird ein Mix von Feudalismus (fuer ganz wenige), Sklaverei u. Diktatur sein. Das Kontrollinstrument ISLAM mit seiner rigiden u. brutalen Gesellschaftsordnung kommt somit gerade gelegen! Kapiert? Das sind immer noch sehr maechtige Clans u. deren Netzwerke am Werk, die auch hier bei der WW nie od. sehr selten genannt werden!

Jürgen Althoff

21.02.2019|12:16 Uhr

Weiß Herr Collier nicht, dass das von UN und EU beschlossene Gender Mainstreaming darauf gerichtet ist, die Familie als Keimzelle zu zerstören? Und dass der UN-Migrationspakt die Bindung in lokalen und regionalen Kulturen zerstören soll (so z.B. formuliert vom verstorbenen Peter Sutherland und dem VP der EU-Kommission Frans Timmermanns)?

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