Heimat, fremde Heimat

Nach mehr als zwanzig Jahren im Ausland bin ich nach Deutschland zurückgekehrt – und befinde mich in einem Wechselbad der Gefühle: Manches ist altbekannt, manches empörend, einiges schlicht surreal. Notizen aus einem merkwürdig fremden, seltsam vertrauten Land.

Soll keiner sagen, die Deutschen liessen jeden ohne Ansehen der Person ins Land. Das mag für Syrer oder Iraker gelten, für Afghanen oder Afrikaner, aber nicht für Deutsche. Nicht, wenn sie Hausrat haben und von ausserhalb der Europäischen Union heimwollen.

Da ich die letzten sieben Jahre in der Schweiz gelebt hatte, traf dies auf meine Frau und mich zu, weshalb die deutschen Behörden nicht nur einen Pass, sondern auch einen Verdienstnachweis und eine Bestätigung verlangten, dass wir in der Bundesrepublik ein Dach über dem Kopf haben würden. Wäre ja noch schöner, wenn da plötzlich jeder käme und Geld und eine billige Wohnung wollte. Deutschland kann sich schliesslich nicht um alle kümmern. In dieses Willkommen passte auch, dass meine Frau, seit Jahrzehnten deutsche Staatsbürgerin, bei der Einreise skeptisch nach ihrem Geburtsort gefragt wurde.

Aber was heisst schon Deutschland? Thilo Sarrazin hatte für den Titel seines Buches «Deutschland schafft sich ab» die Verlaufsform gewählt, um einen Prozess zu beschreiben. Inzwischen ist der Vorgang offenbar beendet, denn auf den Zollpapieren für die Einfuhr von Sofa, Bett und Waschmaschine ist von Deutschland keine Rede mehr. Das Land gibt’s nicht mehr. Unsere neue Heimat ist nun «der deutsche Teil des Gemeinschaftsgebietes», zur Unterscheidung von den schwedischen, spanischen oder slowenischen Teilen der EU.

Dies wirft natürlich Fragen auf: Wann wurden die Mitgliedsstaaten der Union zu territorialen Legosteinen degradiert? Wieso wurde dies den Bewohnern nicht mitgeteilt? (Dass man sie hätte fragen sollen, ist eine ketzerische Überlegung, wie sie sich nur einem Schweizer, gebürtig oder gelernt, stellt.) Und wozu braucht man dann überhaupt noch nationale Regierungen? Fragen, auf die es ebenso natürlich keine Antwort gibt. Wie sagte mir mein früherer Kollege Heribert Prantl bei einer Begegnung auf dem Hamburger CDU-Parteitag doch ohne Ironie: «Europa ist ein Glaubensbekenntnis.»

Zwischen Eisenbahn und Schnellstrasse

Fast ein Vierteljahrhundert haben wir im Ausland gelebt, in der Türkei, in den Vereinigten Staaten, in Grossbritannien und zuletzt in der Schweiz. Deutschland haben wir ab und zu kurz besucht, mal ein Urlaub, mal eine Recherchereise, mal Einkauf in Konstanz. Sonst sind wir in Leben und Kultur unserer Gastländer eingetaucht. Wir waren, glaube ich, gut integriert und sind gerne in die Haut von Briten, Amerikanern oder Schweizern geschlüpft. Wir haben uns auf ihre Gewohnheiten eingelassen, haben Rücksicht genommen auf Besonderheiten, Traditionen und Gebräuche. In Ägypten ermahnte man mich einst, meine damalige Freundin nicht mit heissen Küssen und einer Flasche Schampus am Flughafen zu begrüssen, um kulturelle Empfindsamkeiten nicht zu verletzen. In den USA hätten wir uns trotz allem Kopfschütteln nie über die Religiosität unserer Bekannten mokiert. Und auch in der Schweiz liessen wir nie den polternden Teutonen heraushängen. Warum nur wird dann akzeptiert, dass Zuwanderer aus dem arabisch-islamischen Raum sich nicht bemühen müssen, auf deutsche Empfindsamkeiten, Besonderheiten und Traditionen Rücksicht zu nehmen?

Die Rückkehr nach Deutschland gestaltet sich wohl auch deshalb schwierig, weil wir zuletzt in der Schweiz gelebt haben. Denn jeder längere Aufenthalt in der ziemlich perfekten Eidgenossenschaft macht ein späteres Leben in anderen Teilen der Welt nahezu unmöglich. Ob Landschaft, Lebensart, Lebensstandard oder politische Kultur – im Vergleich zur Schweiz schneiden andere Länder immer schlecht ab. Wer ein Fünf-Sterne-Hotel in den Bergen genossen hat, findet nur schwer in den Alltag einer Dreizimmerwohnung zwischen Eisenbahn und Schnellstrasse zurück.

Aufschlussreich ist – nebenbei bemerkt – das Bild der Deutschen von der Schweiz. Sie hat einen schlechten, einen putzigen oder gar keinen Ruf. Als die Schweiz-Spenden für die AfD-Politikerin Alice Weidel bekannt wurden, bestätigte dies flugs alle Vorurteile vom Schwarzgeldparadies Schweiz. Berichte über die Hornkuhinitiative wiederum würdigten nicht, dass in der Schweiz ein Einzelner sein Anliegen der ganzen Nation zur Abstimmung vorlegen kann; sie bewiesen nur, dass die Eidgenossen im Kern schrullige Alpöhis sind. Und als die Schneekatastrophe die Alpen erreichte, rapportierten die Medien episch aus den bayerischen und den österreichischen Bergen. Allein die Schweiz – n’existait pas .

Kaffee im Kännchen

Doch auch ohne die Schweizer Erfahrung fällt die Eingewöhnung schwer. Deutschland und ich haben uns in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Ob besser oder schlechter, sei dahingestellt, aber sicher in entgegengesetzte Richtungen. Die Kluft ist breiter geworden, das mit Entsetzen gepaarte Erstaunen über diese fremd gewordene Heimat grösser. Die Zeitungslektüre aus der Ferne und die Stippvisiten haben mich nicht auf den Realitätsschock vorbereitet.

So hätte ich nie geglaubt, wie sehr die Grünen Deutschland und seine Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geprägt haben. Ihre Politik ist Mainstream, ihr Einfluss ist viel grösser als ihre tatsächliche politische Rolle. Erst wenn man selbst die detaillierten und mit Strafen bedrohten Müllsortierungsanweisungen der neuen Wohngemeinde studiert hat, erst wenn man selbst die erste saftige Stromrechnung aus dem Briefkasten gefischt hat, erst wenn man selbst mit beklommenem Gefühl an Gruppen testosterongesteuerter arabischer Jugendlicher vorbei nach Hause gegangen ist, merkt man, wie viel sich verändert hat, wie fremd man sich fühlt im eigenen Land.

Dass die deutsche Kehrichtfixierung eine Farce ist, hat unlängst sogar der Spiegel festgestellt; dass die Energiewende ebenso teuer wie töricht war, ist längst bekannt; und dass die Flüchtlingspolitik die Gesellschaft in unversöhnliche Lager gespalten hat, erfährt man täglich am eigenen Leib – nämlich dann, wenn man sieht, wie sich die Gegner dieser Politik sehr genau überlegen, ob und wem sie ihre Meinung dazu offenbaren sollen. So mächtig ist der Mainstream, dass sich Andersdenkende oft freiwillig selbst einen Maulkorb anlegen.

Dass dieses neue Deutschland von so vielen so bereitwillig akzeptiert wird, verdankt die Politik alten deutschen Verhaltensweisen. Deutsche waren nie Revolutionäre, ihr Glaube an den Staat ist ungebrochen. Eine Gelb-Westen-Bewegung wie in Frankreich ist ebenso undenkbar wie eine Auflehnung an der Urne gegen das gesamte Establishment wie zuweilen in der Schweiz. Lenins böse Sottise, dass Deutsche einen Bahnhof nur mit gültiger Bahnsteigkarte stürmen würden, stimmt immer noch.

Deutsche stellen ungern Dinge in Frage, sie denken selten unkonventionell. «Nein, geht nicht», lautet reflexhaft die Antwort, fragt man nach etwas Neuem, Andersartigem, Ungewöhnlichem. «Das haben wir noch nie so gemacht» und «Das war schon immer so» gehören zu den am häufigsten gehörten Aussprüchen. Aktienbesitz zum Zweck der Alterssicherung steuerlich begünstigen? Geht nicht. Namensschilder an Haustüren durch Nummern ersetzen? Irrsinn. Kartenzahlungen statt Bargeld? Auch Anfang des 21. Jahrhunderts weiterhin höchst suspekt. Und noch immer gibt’s in Cafés auf der Terrasse Kaffee nur in Kännchen.

Besser wissen sie es immer

In Deutschland, sagt man, sei alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt sei. Wahrscheinlich sind die Grünen deshalb so populär, eine Partei, deren wesentliches Polit-Instrument Verbote sind. Nach einem ziemlich geschwinden Gewaltmarsch durch die Institutionen besetzen die ergrauten 68er und ihre Epigonen nun die Schaltstellen von Politik, Medien, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Ausgerechnet jene Generation, die mit antiautoritärer Erziehung und Frauenbewegung den tyrannischen Mann als Vater und als Partner kastrieren wollte, gesteht «Vater Staat» alle Rechte zu: Ihm überlassen die Bürger fraglos ihre Daten, ihm berappen sie klaglos ihre Steuern, ihm plappern sie gedankenlos die abstrusesten Behauptungen nach.

Ob Feinstaubwerte oder Fahrverbote, Europaeuphorie oder erfundene Hetzjagden – es wird nichts hinterfragt, und wer es doch tut, ist schnell ein Populist, ein Rechter, ein Nazi gar. So wie Heribert Prantls Europa wird alles rasch zur Glaubensfrage, und im Zentrum dieses Glaubens steht, unverrückbar wie seit Kaisers Zeiten, die Überzeugung, dass Deutschland die Welt retten, dass sie an seinem Wesen genesen soll. Auch wenn sie es nicht so genau wissen, besser wissen sie es immer, diese Deutschen.

Und wie steht es mit meinem Glauben an dieses Land, an mein Land? Ist es noch mein Land? Ja, schon, trotz allem, denn wenn ich etwas ändern will für meine Tochter, dann muss ich es hier tun. Ich halte es mit Kurt Tucholsky. Ausgerechnet er, der zynische Spötter, der bekennende Kosmopolit, bekannte sich zu diesem «Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen». Er wehrte sich gegen die Vereinnahmung Deutschlands durch die Politik. «Der Staat», so schrieb er, «schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum gerade sie – warum nicht eins von den anderen Ländern? Es gibt so schöne. Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer anderen Sprache – wir sagen Sie zum Boden.» Er hatte recht: Deutschland und ich fremdeln zwar. Aber wir duzen uns.

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Kommentare

Rainer Selk

25.02.2019|16:19 Uhr

Was Herr Koydel 'feststellt', ist ein seit Anfang 2000 dynamischer Linkstrend der BRD, mit Durchdringung, bei den KITAS, Schulen + längst der UNIs. Der linke 'ich schaff mir die Welt, wie sie mir gefällt bzw. wir schaffen das', ist längst im Gang + verromantisiert, dass viele BRDler die Welt aussen nicht mehr in der Realität wahr nehmen. Dazu kommt Arroganz von Politik + Behörden, bei gleichzeitigem Duckmäusertum + Neid- bzw. Rechthaberei. Das ist abstossend + mit typischer BRD Mentalreservationen verbunden. Eine Gemengelage, die das Potential zur Explosion vorbereitet. Helau!

Wolfgang Dörner

25.02.2019|10:30 Uhr

Nach Abschluss meines Chemiestudiums kehrte ich ebenfalls nach Deutschland zurück.Das ist schon fast 30 Jahre her.Es war der mit weitem Abstand größte Fehler meines Lebens...(Und für das Schicksal des Autors WK: Der zusätzliche Schaden seitdem, durch die Ära Merkel, lässt sich allein schon materiell beziffern auf 3000 bis 5000 Mrd. Euro. Ganz zu schweigen über das Immaterielle.)If I could turn back time!

Christian Salzmann

25.02.2019|08:56 Uhr

Lieber Herr Kodyl, wo bitte hat Sie in Deutschland hinverschlagen? Duisburg Marxloh?Was mich noch interessieren würde, wo sind diese Cafes bei denen es nur Kaffee im Kännchen gibt? Seit 1986 habe ich so etwas nie mehr angetroffen. Für einen Tipp wäre ich Ihnen dankbar. Leben wir im gleichen Land? Deutschland?

Hans Baiker

23.02.2019|19:23 Uhr

Wenn er nach 20 Jahren zurück kehrt, ist er nun ein Fremderim eigenen Land und wird es wahrscheinlich auch bleiben.Nur schon der gewandelte "Rechtsstaat" wird ihm zu schaffenmachen. Es geht immer schneller Richtung DDR mit Hilfe derInternationalisierung als Katalisator. Eigentlich erkennt erdas alles auch, wo liegt denn sein wahres Motif?

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