Enkeltrick der Juso

Elsi Müller, 86, ärgert sich. Ihr Verdacht: Die Jungsozialisten würden gezielt ältere Menschen täuschen, um sie zur Unterschrift für die 99-Prozent-Initiative zu verleiten.

Elsi Müller (Name geändert) ist aufgebracht. «So etwas macht man einfach nicht», sagt sie. Müller ist 86-jährig und wohnt in einem kleinen Einfamilienhaus in der Agglomeration von Luzern. «Es geht nicht, dass man ältere Menschen auf diese Weise missbraucht.» Ihr Ärger gilt den Jungsozialisten (Juso) unter Parteipräsidentin Tamara Funiciello, die derzeit für ihre 99-Prozent-Initiative («Löhne entlasten, Kapital gerecht besteuern») weibeln. Zum Jahresende erhielt Elsi Müller Post von Julia Baumgartner, Cellistin, Pianistin, Sängerin, Chorleiterin und Zentralsekretärin der Juso Schweiz. «Ich habe den Brief aufgemacht und gedacht: Was ist denn da los?»

Der Inhalt bestand aus zwei Seiten: aus einem Unterschriftenbogen für die Volksinitiative und einem Begleitschreiben von Baumgartner, datiert auf den 28. Dezember 2018 und mit der Absenderadresse Theaterstrasse 4, 3011 Bern, dem Sitz des Juso-Hauptquartiers. Schon der Titel habe sie stutzig gemacht, sagt Elsi Müller: «Ihre Unterschrift ist ungültig – bitte nochmals unterschreiben». Sie habe «innerhalb des letzten halben Jahres» die 99-Prozent-Initiative unterschrieben, heisst es in dem Brief. «Sei es, weil Sie von einer Aktivistin auf der Strasse angesprochen wurden oder weil Ihnen ein Freund die Postkarte in die Hand gedrückt hat: Mit Ihrer Unterschrift verlangen Sie, dass es eine Abstimmung darüber gibt, ob das reichste Prozent weiterhin privilegiert besteuert werden soll, oder ob nicht vielmehr die, die von ihrem Lohn abhängig sind und jeden Tag dafür arbeiten müssen, entlastet werden sollen.» Leider aber, so Julia Baumgartner weiter, sei «Ihre Unterschrift ungültig». Das Schreiben mündet in die Aufforderung, «Ihre Unterschrift» mit der beiliegenden Karte «nochmals» zuzusenden.

Der Haken an der Sache: Elsi Müller hat nach ihren Angaben die Juso-Initiative gar nie unterschrieben, weder gültig noch «ungültig», wie die Juso-Zentralsekretärin in ihrem Brief behauptet. Sie sei parteiunabhängig und habe nichts dagegen, dass die Jungsozialisten ihre Ideen verbreiteten, sagt Müller. «Aber nicht auf diese Art.» Das Anliegen hätte sie nie unterstützt: «Da müssten sie lange warten.»

«So dumm bin ich nicht»

Die Unterstellung von Baumgartner, sie, Elsi Müller, habe entweder ihren Vor- und Nachnamen nicht richtig geschrieben oder ihr Geburtsdatum oder ihre Strasse «falsch ausgefüllt», weist die Rentnerin entschieden von sich: «Wenn ich unterschrieben hätte, dann hätte ich schon richtig unterschrieben. So dumm bin ich auch nicht, auch wenn ich schon 86 bin.» Müller vermutet, es sei kein Zufall, dass die Juso ausgerechnet auf sie gekommen sind. Viele ältere Personen seien vielleicht etwas verwirrt und begännen an sich selbst zu zweifeln, wenn ihnen derart direkt geschrieben werde, sie hätten eine Unterschrift abgegeben, nur sei diese leider nicht gültig. Sie sei jedoch noch völlig klar im Kopf und immer schon «gwehrig» gewesen, sprich: eine, die sich schon zu helfen weiss.

Wenden die Jungsozialisten also eine Art propagandistischen Enkeltrick an, indem sie bewusst Senioren anschreiben und mit ihrer Suggestivprosa zu überrumpeln versuchen? Elsi Müller ist überzeugt davon, aber beweisen kann sie es natürlich nicht. Ein Indiz für ihren Verdacht könnte auch ihr Vorname sein, mutmasst sie. Wer heisse denn heutzutage noch «Elsi»? Würde sie selber Jagd auf Adressen von älteren Menschen machen, würde sie jedenfalls ihren Namen nicht weglassen.

Verdächtig scheinen der hellwachen Rentnerin noch weitere Aussagen in Baumgartners Brief. Als einer der Gründe, welche die Juso-Zentralsekretärin dafür angibt, dass die angeblich geleistete Unterschrift ungültig sei, wird wörtlich genannt: «Sie haben nicht unterschrieben.» Ja, was gelte denn jetzt? Wie könne man «nochmals unterschreiben», wenn man «nicht unterschrieben» habe? Müller wertet solche Widersprüche als zusätzlichen Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmen könne. Den Juso sei offenbar jedes Mittel recht, um Verwirrung zu stiften und die Empfänger des Briefs zu einer Unterschrift zu überreden.

Die Weltwoche hat die Verantwortlichen mit dem von Elsi Müller erhobenen Vorwurf konfrontiert. Dem Initiativkomitee gehören neben Juso-Präsidentin Funiciello und Zentralsekretärin Baumgartner so prominente Linke wie SP-Präsident Christian Levrat oder die Nationalräte Mattea Meyer, Sibel Arslan, Margret Kiener Nellen und Cédric Wermuth an. Die Weltwoche sei «wohl einfach falsch informiert» worden, meldete Funiciello kurz vor Redaktionsschluss. «Wir haben rund hundert Leute angeschrieben, die bei uns auf der Strasse oder über Wecollect unterschrieben hatten, aber bei denen irgendwie das Geburtsdatum fehlte oder die Unterschrift», so Funiciello. Elsi Müller weist diese Darstellung in ihrem Fall entschieden zurück.

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Kommentare

Rainer Selk

25.02.2019|18:57 Uhr

@Hartmann. Oh je, o weh, habe ich da was verpasst? Ich hatte gemeint, zu lesen, dass die Brieflein von der SP kommen? Jetzt werden sie zum 'Sinnbild der Rechten'! Schön, wie Sie das drehen + schön, wie Sie Kritik 'vertragen'. Wirklich, guter Hr. Hartmann, Sie sind also auch bei den JUSOs, gell? Habe nichts dagegen. NUR: mit ideologischen Verdrehung erzielt man keine Stimmen. Na dann, bitte weiter so in dieser Lachnummernform. Alles Gute. Vergass noch: ich bin parteilos!

Michael Hartmann

25.02.2019|07:28 Uhr

elsi mueller wird zum sinnbild der rechten. lips + selk sind wie diamond + silk. gute nacht.

Rainer Selk

23.02.2019|09:30 Uhr

Dürfte wohl eher so sein, dass die JUSO nur ca. 99 Stimmen für ihren 99% Quatsch zusammen haben, um die 100 derste kämpfen + sich nicht zu schade sind, für solche lauschigen Briefaktionen, denn die Adresse von Fr.Müller war doch korrekt, sonste hätte 'Funny Cello' kaum Fr. Müller schreiben können. M. Hartmann schreibt, wie üblich, alles linksschön oder leere Floskeln. Jusos wohl eher in gekünstelter Stimmfangnot. Auch nichts Neues. Denen ist nicht mehr zu helfen.....

Hans Georg Lips

22.02.2019|13:13 Uhr

Sobald sie in Macht und Würde sind werden sie immer dicker. Kopiert sie die SP Chefin in Deutschland?

Rainer Selk

22.02.2019|09:16 Uhr

Michael Hartmann. Aber, aber, guter Hartmann, nur nicht so bescheiden bei der Formulierung betr. 'man' müsste.... Gehen Sie in Vorlage und lassen SIE wissen, was sie 'spenden'. Das nur so aus Transparenzgründen. 'Fundi Cello' hätte sicherlich Freude an Ihrer Verschwörungstat. Lach.

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