Digitalisierung des Eigentums

An der Kryptowährung Bitcoin scheiden sich die Geister. Die technologische Revolution, die sie in Gang gesetzt hat, pflügt Gesellschaft und Wirtschaft um. Beim Thema «Blockchain» ist die Schweiz in gewissen Bereichen weiter als Kalifornien.

Erinnern Sie sich noch an Napster? Die 1999 gegründete Tauschbörse für Dateien, vor allem Musik, versetzte die Welt in Aufregung. Sie ermöglichte es den Nutzern, Audiodateien untereinander auszutauschen und damit das Urheberrecht auszuhebeln. Heute spricht niemand mehr von Napster. Aber die Idee, Musik aus dem Internet abzuspielen, hat den klassischen Plattenverkauf so gut wie verdrängt. In der Zwischenzeit dominieren Dienste wie Spotify oder Apple Music den Markt. Sie sind perfekt legal und liefern zuverlässig Tantiemen an Künstler, Plattenfirmen und Urheber. Digitale Vertriebsmodelle haben sogar den Absatz wieder auf Trab gebracht. Im Jahr 2018 ist der Markt gemäss ersten Prognosen um 8,2 Prozent gewachsen.

Was Napster für die Musikindustrie war, ist Bitcoin auf einer viel grösseren Skala für die übrige Wirtschaft: das erste Aufflammen einer grossen Idee. Anfangs am Rande der Legalität, anarchistisch-piratisch, mit Missbrauchspotenzial, aber mit der Zeit immer besser etabliert, weil Unternehmer Möglichkeiten entdeckt haben, wie sich die Technologie zur Verbesserung von Geschäftsmodellen eignet.

Grossteil der Investitionen versandet

Der Gründungsmythos des Bitcoins ist bekannt: Ein bis heute nicht identifizierter Programmierer, enttäuscht von den Turbulenzen der Finanzkrise, überlegt sich unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto: Wie kann man Bargeld digitalisieren und Intermediäre überflüssig machen? Er erfindet einen bestechend einfachen Mechanismus: Jede Zahlung wird in ein digitales Transaktionsbuch geschrieben, das parallel auf unzähligen Computern läuft. Mit Mitteln der Verschlüsselungstechnologie wird jede Zahlung mit der vorangehenden verknüpft, so dass eine nachträgliche Änderung in dem unzählige Mal kopierten, verketteten Transaktionsbuch ausgeschlossen ist.

Wie Sie wahrscheinlich bereits wissen, heisst diese Technologie Blockchain und sie ist eines der grössten Themen im Silicon Valley. Als ich Ende 2016 nach Kalifornien kam, stand die künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence) im Zentrum der Aufmerksamkeit. Parallel zum Hype um den Bitcoin und Initial Coin Offerings (ICOs) hat das Interesse an der Blockchain exponentiell zugenommen. Auf dem Höhepunkt dieser Welle sass ich an einem Start-up-Treffen neben einem gestandenen Risikokapital-Investor. Dieser fragte mich – den Mann aus der Schweiz – wie man in dieses «neue grosse Ding» investieren könne. Offensichtlich war er bereit, einen Teil seines Millionen-Geldkoffers für ein Thema einzusetzen, von dem er nur wenig verstand. Da verwundert es nicht, dass es zu Übertreibungen kam, bis hin zum Betrug. Zur Funktionsweise des Silicon Valley gehört, dass manche Investitionen im Nichts versanden. Aber diejenigen, die erfolgreich sind, verändern die Welt.

Mittlerweile ist die Technologie in eine neue Phase eingetreten. Die Spreu trennt sich vom Weizen, die grössten Übertreibungen scheinen vorbei. Letztes Jahr ist der Wert der 50 grössten Schweizer Blockchain-Unternehmen von 44 Milliarden US-Dollar auf 20 Milliarden US-Dollar gesunken.

Währenddessen hat sich die Technologie ins Zentrum von Wissenschaft und Wirtschaft vorgearbeitet. Blockchain-Spezialisten sind fast so gefragt wie Data Scientists. An den Universitäten von Stanford und Berkeley verschreiben sich einige der angesagtesten Studentenklubs dem Thema. Autohersteller entwickeln Technologien, mit denen selbstfahrende Autos über eine Blockchain miteinander kommunizieren. Grosse Finanzinstitute erschaffen für die wechselseitigen Zahlungsströme im Interbankenmarkt eigene Blockchains. Swisscom arbeitet an einer Gesamtlösung für das Registrieren, Aufbewahren und Übertragen von digitalen Vermögenswerten über die Blockchain.

Während das Silicon Valley in der Forschung führend ist, liegt die Stärke der Schweiz woanders: Hier hat sich ein sehr lebendiges Ökosystem von eher umsetzungsorientierten Blockchain-Unternehmen gebildet – vor allem für finanzwirtschaftliche Anwendungen. Das sogenannte «Crypto Valley» in Zug setzt hier Massstäbe und ist durchaus auch in Kalifornien ein Begriff. Aufgrund der hohen Kosten in der Umgebung von San Francisco und des überaus intensiven Kampfs um Talente suchen viele junge Unternehmen nach alternativen Standorten. Der grösste Pluspunkt der Schweiz ist dabei die massvolle Regulierung im Bereich der digitalen Finanzwirtschaft. Die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) hat sich unter den Blockchain-Experten weltweit einen Vertrauensvorschuss erarbeitet.

Es gibt eine sehr grosse Zahl von Anwendungsbereichen der Blockchain. Das grösste Potential sehe ich bei den Folgenden:

– Digitale Vermögenswerte und Smart Contracts: Eigentumsverhältnisse und -übertragungen können auf einer Blockchain abgebildet werden. Die Swisscom hat letztes Jahr mit MME, einer führenden Schweizer Anwaltskanzlei im Bereich Blockchain, das Start-up Daura gegründet. Dieses ermöglicht es kleinen und mittleren Unternehmen, Aktien über eine Blockchain herauszugeben und gerade auch ins Aktienregister eintragen zu lassen. Die Lancierung ist im ersten Quartal 2019 vorgesehen.

– Internet of Things (IoT) und Lieferketten: Sowohl bei der fortschreitenden Entwicklung des Internets der Dinge als auch bei Lieferketten in Logistik und Produktion ist es häufig unerlässlich, den Weg eines Produkts lückenlos verfolgen zu können. Dafür eignet sich die Blockchain-Technologie hervorragend. Insbesondere, wenn eine Vielzahl an Parteien rund um den Globus involviert sind.

– Digitale Identität: Verschlüsselt und mit der richtigen Struktur, kann die Blockchain helfen, die digitale Identität vor Missbrauch zu schützen. Zudem ist man Dank der Festschreibung seiner Transaktionen in der Blockchain immer eindeutig identifizierbar.

– Hoheitliche Register: Überall dort, wo Daten bislang in einer zentralen Datenbank verwahrt w0rden sind, eignet sich die Blockchain als Ersatz. Das betrifft auch hoheitliche Register, auf deren Fälschungssicherheit man hohen Wert legt, beispielsweise das Grundbuch, das Strafregister oder das Steuerregister. Sensible Einträge können in einer privaten Blockchain festgeschrieben werden, zu der nur Berechtigte Zugang haben. Im Vergleich mit heutigen Server- und Datenbank-Lösungen erhöht dies die Sicherheit deutlich. Die Swisscom ist gemeinsam mit der Post dabei, eine Blockchain-Infrastruktur für die Schweiz und damit auch für Schweizer Behörden zu schaffen.

«Tokenisierung der Welt»

Tendenziell macht diese Entwicklung zentrale Abrechnungsstellen, Intermediäre und Datenbanken überflüssig. Die Technologie erleichtert und verbilligt Eigentumsübertragungen. Dabei macht die Blockchain auch vor physischen Gütern nicht halt. Unter dem Stichwort «Tokenisierung der Welt» wird die Koppelung realer Güter mit einem Token an eine Blockchain verstanden. Viele führende Köpfe im Silicon Valley gehen davon aus, dass die Blockchain auf diese Weise die physische Welt durchdringen wird. Wenn jedes Gut an ein digitales Finanzprodukt gebunden werden kann, dann erweitert dies nicht zuletzt die Möglichkeiten für Miet- und Leasingmodelle sowie der Sharing Econonomy grenzenlos. Bargeld wird aussterben und wir werden alles digital übertragen können.

 


Fünf Fragen

Simon Zwahlen: Vice President of Business Development & Innovation bei Swisscom in Palo Alto, Kalifornien.

 

Wann kamen Sie das erste Mal mit Bitcoin in Berührung?

Leider gehöre ich nicht zu denen, die gekauft haben, als ein Bitcoin ungefähr so viel wie eine Pizza gekostet hat. Aber natürlich habe ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit ein paar Erfahrungen mit Kryptowährungen gesammelt.

Häufig hört man: «Bitcoin kann man vergessen. Relevant ist nur die Technologie Blockchain.»

Das ist verkürzt. Um physische Güter zu tokenisieren, braucht es einen zugrundeliegenden Wert in Form einer Kryptowährung. Diese Kryptowährung kann aber allenfalls auch an eine Papiergeldwährung gebunden sein.

Wie verändert die Blockchain unser Leben?

Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence) hat viel direktere Auswirkungen in Form völlig neuer Erlebnisse und Produkte. Von der Blockchain hingegen spürt man als Konsument nicht unbedingt viel. Bei der Cloud war es ähnlich. Wir nutzen heute täglich Funktionen der Cloud, aber kaum jemand weiss im Detail, wie sie funktioniert. Die Technologie wirkt eher im Hintergrund. Sie pflügt aber sicherlich die Wirtschaft stark um, indem sie Vertrauens-Intermediäre und zentrale Abrechnungsstellen angreift. Das sieht man bereits in der Finanzindustrie.

Wird Ihres Erachtens in Zukunft jedes Gut bis hin zu einem Stuhl digital mit einem «Token» abgebildet?

Nicht in den nächsten ein bis zwei Jahren. Aber langfristig bin ich sicher, dass die «Tokenisierung» der realen Welt sehr weit fortschreiten wird. Das grösste Problem besteht darin, physische Güter eindeutig zu kennzeichnen. Vielfach kann man Chips einsetzen, aber wie bindet man, sagen wir, eine Banane an einen Token?

Welches ist die grösste Wachstumsbremse für Krypto-Start-ups in der Schweiz?

Es ist sehr schwierig, für Krypto-Spezialisten Arbeitsbewilligungen zu bekommen. Vielfach stammen diese aus Drittstaaten ausserhalb der EU, für die relativ strikte Kontingente greifen.

 

Die Fragen stellte Florian Schwab.

 


Glossar

– Blockchain: Eine Datenbank (oder Tabelle), welche auf verschiedenen Computern in einem Netzwerk geteilt wird. Eine Transaktion ist ein sogenannter Block, und jeder Block erhält einen Fingerabdruck des vorherigen Blocks, daher chain (Kette).

– Data Scientists: Datenwissenschaftler sind die gefragteste Berufsgruppe im Silicon Valley. Sie beschäftigen sich mit der Erfassung und Analyse von Daten, beispielsweise für Big-Data-Anwendungen.

– Initial Coin Offering: Erstausgabe einer neuen digitalen Währung (coin) in Anlehnung an Initial Public Offering (Börsengang).

– Smart Contract: Digitaler Vertrag auf Blockchain-Basis. Zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses werden eine oder mehrere Wenn-dann-Bedingungen definiert, bei deren Eintreten eine Vermögensübertragung stattfindet.

– Token: handelbarer digitaler Vermögenswert auf Blockchain-Basis.

 

 


 

Die Swisscom verfolgt weltweit das Geschehen in der digitalen Welt. Ihr Netzwerk reicht von Schanghai bis ins Silicon Valley. Einer ihrer führenden Spezialisten ist Simon Zwahlen. Aus erster Hand berichtet er monatlich für die Weltwoche über die neuesten Trends und faszinierendsten Entwicklungen.

Lesen Sie auch

Trump & Kim 2.0

Präsident Trump trifft Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un nächste ...

Von Hansrudolf Kamer
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Peter Wolff

22.02.2019|23:15 Uhr

Meine Kurzfassung zu Bitgeld und elektronischer, virtueller, öffentlich einsehbarer Hausbank: Dies alles ist primär eine Mischung aus Schneeballsystem und Spielzeug-, Traum-, virtuellem oder gar Falschgeld; damit konnten manche schon immer viel Geld verdienen. Getarnt wird dies durch die technische Komplexität der Abläufe von Kontoeröffnungen und der Beglaubigung von (Zahlungs-)Aufträgen. Die technische Komplexität ist weiter geeignet, Unfälschbarkeit und Unlöschbarkeit von Kontolisten oder von so im Netz abgelegten Grundbucheinträgen vorzutäuschen, woran selbst „Experten“ zu glauben scheinen.

Hans Baiker

22.02.2019|20:58 Uhr

Brechtbühl: Sie argumentieren zu schwarzmalerisch. Für alleswas sie anprangern wie ein linker Kapitalismusüberwindergenügt das schon Vorhandene voll auf.

Hans Baiker

22.02.2019|20:56 Uhr

Für junge IT-Genies eine faszinierende Perspektive. Ich alsalter Hase würde sagen: alles schon dagewesen. Ein Virusam richtigen Ort von Hackern oder Geheimdiensten plaziertund das weltweite Chaos tritt ein. Das zeitgerecht zu reparierenübersteigt die menschl. Fähigkeit und alle dann verfügbareComputerkapazität.

Walter Mittelholzer

22.02.2019|06:30 Uhr

@JB. Nicht so negativ bitte. Ihr Kommentar könnte, sinngemäss, auch geschrieben worden sein zur Erfindung der Dampfmaschine.

Jürg Brechbühl

20.02.2019|20:34 Uhr

Für Gangster. Für Leute, die Steuern bescheissen wollen. Für Chinesen, die Devisen am chineischen Staat vorbei exportieren wollen. Für verruchte Spekulanten. Und für Schweizer, die jeder Phantasmagorie verfallen und sich dabei modern vorkommen. Für junge, ehrgeizige Möchtegern-Technologie-Spezialisten, die unsereins als Trottel hinstellen.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier